Samstag, 14. Juli 2018

Wir sind mehr, aber nicht weniger als unser Trauma

Ich bin gerade krankgeschrieben. So kann ich die Zeit einmal nicht komplett verplanen, sondern habe spontan einen Freiraum. Ich neige dazu, immer irgendetwas zu tun, mich immer irgendwie zu beschäftigen. Langeweile hatte ich lange nicht mehr. Ruhe, Entspannung, ja. Vor allem, wenn ich mit Neva zusammen bin, kann ich meine Zeit auch mit Rumliegen und die Sonne genießen verbringen. Und ich nehme mir auch Freizeit zum Spazieren, Serien schauen oder etwas mit Freund*innen unternehmen. Aber nichts tun mit mir allein, das kommt selten vor.

Ich habe mich erinnert, an die "alten Zeiten", als ich fast jeden Tag hier etwas geschrieben habe. Es gab leere Räume in meinem Alltag, in denen ich nichts zu tun hatte und mich meinem Hobby, meinen Gedanken und euch widmen konnte. Für mein Studium musste ich damals kaum etwas machen und einen Job hatte ich noch nicht oder beendete ihn schnell wieder, weil es nicht passte. Ich konnte frei drauf los schreiben, denn von SEO und der Bloggerwelt da draußen, wie sie heute ist, wusste ich noch nichts. Ich war unbedarft. Und noch völlig anonym. Dieser Blog war immer ein wunderbarer Halt für mich. Ich hatte immer etwas zu erzählen und immer antwortete jemand darauf. Wir konnten uns stundenlang im Netz Kommentare hin und her schicken. Es gab Foren und später Whatsapp-Gruppen, in denen wir unsere Leben miteinander teilten. Wir waren wie Mitbewohner*innen in einer großen WG. Morgens fragten wir einander, wie es uns geht. Wir fragten die anderen, was wir essen, kaufen oder unternehmen sollten. Wir erzählten abends, wie unser Tag war. Wir waren wie eine Großfamilie. Und das habe ich sehr genossen.

Viele von uns sind dieser Zeit entwachsen. Unsere Leben haben sich einfach verändert und das ist auch in Ordnung. Doch manchmal blicken wir wehmütig zurück. Das sehe ich daran, dass es immer mal wieder von jemandem, der längst zu bloggen aufgehört hat, einen neuen Post gibt. Einen, der sagt, ich vermisse euch, ich werde ab jetzt wieder regelmäßig posten! Doch der Blog bleibt leer. Das Leben hat anderes mit uns vor. Wir müssen unseren Abschluss machen, arbeiten, unser eigenes Geld verdienen, wir haben gar nicht die Zeit dazu, uns weiter gehen zu lassen. Wir finden Freund*innen und Liebste im Real Life. Wir sind keine Teenager mehr. Wir haben uns mit unseren Problemen arrangiert oder sie sogar überwunden. Wir glauben, wir brauchen den Blog nicht mehr ‒ oder verdienen es nicht, noch Teil dieser einzigartigen Welt zu sein. Und wir haben einfach keine Zeit.

Noch etwas passiert mit uns. Es wird wichtiger, wer wir sind, auch wer wir im Internet sind. Wir haben Angst, dass unsere Geschichten nicht anonym bleiben, dass uns irgendjemand findet und die Informationen gegen uns verwendet. Das ist schon oft genug passiert. Ich habe es von anderen gehört und selbst erlebt. Leider sind es die Menschen, die mir am schlechtesten gesonnen sind, die meine Zeilen lesen und dafür sorgen, dass das hier kein sicherer Ort mehr für mich ist.

Auch der Umgangston ist rauer geworden. Die mitfühlenden Mit-Blogger*innen sind nicht mehr da, um gleich Sturm zu laufen gegen die "Hater". Man steht ihnen allein gegenüber. Löscht irgendwann fast stumpf die Kommentare, die vielleicht immer von derselben, unbelehrbaren Person geschrieben werden. Die Person, die deine Sorgen, Probleme und Traumata in Frage stellt. Die einem sagt, dass man doch bloß ein Aufmerksamkeitsproblem hat. Fremde urteilen über etwas, das dein ganzes Leben beeinflusst, das sehr sehr schlimm war. Und sie wischen es mit einem Satz weg, es ist Nichts, was du hast, sagen sie. Das wissen sie natürlich, weil sie einen so gut kennen... Es verletzt mich nicht mehr, nicht länger als zehn Minuten beschäftigt es mich jedenfalls. Aber es macht mich wütend, weil es die Einstellung eines großen Teils der Gesellschaft gegenüber psychischen Erkrankungen, Traumata und seelischen Behinderungen widerspiegelt.

Auch die Tatsache, dass es mir gerade gut geht, macht nicht wett, was mir passiert ist. Nichts auf dieser Welt kann meine Erlebnisse jemals verschwinden lassen. Kein gutes Gefühl, kein Erfolg, kein Glück wird meine Erfahrungen einfach ausradieren. Sie gehören zu meinem Leben wie mein Geburtstag. Manchmal holen sie mich ein und ich habe eine depressive Episode. Oft behindern sie mich bei dem Versuch, neue Menschen kennenzulernen, weil sie einen so großen Teil meines bisherigen Lebens einnehmen. Sie machen mir Arztbesuche schwer und sie versuchen mich immer wieder daran zu hindern, mich selbst anzunehmen, zu lieben und zu akzeptieren, was zu mir gehört.

Mir gelingt ein Leben, das nicht jedem Mitglied unserer Bloggerwelt gelingt. Auch das habe ich zu einem Teil meinen Erfahrungen zu verdanken, zu einem zweiten meinem Privileg einer guten Bildung und zu einem dritten meiner eigenen Persönlichkeit und meiner Fähigkeit, mich grundsätzlich so zu nehmen wie ich bin, auch wenn ich mich manchmal wieder weniger leiden kann. Ich bin gut darin, mich allein durchzuschlagen. Irgendwie. Und dafür, das auch irgendwie gut hinzubekommen, habe ich Unterstützung. Um "uns" herum rankt sich ein Märchen des Stigma: Wenn wir traumatisiert sind, müssen wir kaputte Seelen sein, deren Leben nichts Gutes mehr hervorbringen kann und die ununterbrochen leiden. Und wenn wir nicht permanent traurig sind und leiden, dann können wir gar nicht traumatisiert sein.

So einfach ist es doch nie im Leben. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und ist so individuell wie unser Fingerabdruck. Eine Folge meiner Erlebnisse ist mein unglaublicher Drang nach Selbstbestimmung. Der hat mich unabhängig gemacht. Er hat mich in die Lage versetzt, früh selbstständig zu sein und mein eigenes Geld zu verdienen. Und er bringt mich noch weiter, nämlich zum eigenen Business. Ich bin Gründerin, weil ich frei sein und meine Arbeitskraft sinnvoll einsetzen möchte. Das Leben ist ein Prozess und ich bin dabei, mir meines so zu bauen, wie ich es gerne hätte. Dieses Glück ist nicht jedem vergönnt und nicht jede erkennt es, selbst wenn es direkt vor ihr liegt. Für mich gibt es kein Endziel, nur ein immer und immer Weiterleben. Und zu diesem Prozess gehören gute und schlechte, einzigartige und furchtbare Tage und Zeiten. Ein gerader Weg wäre doch auch ein langweiligerer.

Ich finde mein Leben in Ordnung so. Ich strebe nach vielem, aber gewiss nicht nach Perfektion. Nicht nach einer Welt, in der es keine schlechten Tage mehr gibt, nicht nach einem Leben im Einheitsbrei. Aber ich werde sauer, wenn andere ihre Schwarzweißschablone über meines und die Leben meiner Freund*innen legt, uns ihre nicht gefragte Ansicht überstülpen und versuchen, uns die Luft zum Atmen zu nehmen. Das ist meine Baustelle. Wer die nicht bearbeitenswert findet, kann sich eine eigene suchen. Es gibt genug davon!

Und nun, ihr lieben Leser*innen, meldet euch zu Wort, wenn ihr weiter an diesem Blog interessiert seid. Wie soll ich weitermachen? Mehr passwortgeschützte Posts? Oder den Blog auf privat stellen und einladen? Letzteres macht das Problem, dass neue Posts nicht angezeigt werden. Wäre eine Benachrichtung per Newsletter eine Idee? Helft mir weiter und gebt mir Tipps zu einem größeren Sicherheitsgefühl hier an meinem einst sicheren Ort! Schließlich bin ich eine derjenigen, die nie weg war und gerne weitermachen möchte. Irgendeine Lösung muss es geben.

Danke für eure Treue. <3


Donnerstag, 10. Mai 2018

Das Dilemma der pragmatischen Künstlerin

Meine künstlerischen Ausbrüche sind seltener geworden. Vielleicht, weil meinem Leben Drama und Depression fehlen. Und weil Texten am Fließband den Zugang zum wirklichen Schreiben erschwert. Weil ich zu wenig Literarisches lese. Und weil ich mir zu wenig Zeit nehme, zu klassischer Musik theatralisch durch die Gegend zu tanzen, auf dem Boden zu liegen und nachzudenken, chaotische Skizzen zu zeichnen oder ziellose Entwürfe zu verfassen. Ich weiß auch nicht, ob das gut wäre. Schließlich hat vieles von dem eine traumatische Bedeutung, was ich mit Kunst verbinde. Aber ich kann die Erlebnisse meiner Vergangenheit nicht verdrängen, ohne mich selbst zu vergessen oder zumindest zu verschleiern.

Es blitzt.

Meine jüngste Erkenntnis: Es ist notwendig, Zeiten zu haben, die nicht mit ausführenden Tätigkeiten, mit Handlungen gefüllt sind. Zeiten zum Nachdenken, zum Reflektieren. Ich muss begreifen, dass Nichtstun nicht vertane Zeit ist. Tatsache ist aber auch, dass meine Ruhelosigkeit einer Angst entspringt: Wenn ich nichts tue, könnten sich vor mein inneres Auge unangenehme Erinnerungen schieben, die schlechte Gefühle entstehen lassen, die Drama und Depression zu mir zurückbringen könnten. Stehe ich also vor der Wahl: eine normale Person zu sein, der es gut geht, oder eine Künstlerin, die beständig leidet? Sicher hat mir dieses Dilemma meine Mutter anerzogen.

Es donnert.

Erfolgversprechend ist vermutlich das Modell, das ich lebe: Ich arbeite meinen Zielen entgegen, immer. Auch wenn es zuweilen mehr Ziele sind als in einem Menschenleben erfüllbar. Fortwährend konsumiere ich Inhalte, wenn ich gerade nichts Praktisches tue. Das ist auch wirklich einfach. Klick um Klick starte ich etwas Neues, ohne überlegen zu müssen, was als nächstes kommt. Mein Algorithmus, der mich inzwischen ganz gut kennt, weiß mir immer etwas vorzuschlagen. Ich liebe das Gefühl, wenn sich altes Wissen mit neuem vernetzt, wenn ich Zusammenhänge verstehe und plötzliche Erkenntnisse habe. Doch wie nachhaltig ist das, wenn ich sie nicht ausführlich reflektiere und nie etwas aufschreibe?

Die Vögel zwitschern.

Ich lasse mich leicht ablenken. Das war immer schon so, weil mich zu viel interessiert. Ich lese gerade einen Roman, über dessen Autorin ich ein Referat halten muss, obwohl ich lieber ein Fachbuch über Gender und Wissenschaften weiterlesen würde, aus dem ich eigentlich nur einen Artikel für ein anderes Referat brauchte. Der Roman immerhin hat mich in diesen Zustand versetzt, der im vorliegenden Blogpost mündet. Ich bin auf Seite 39, es ist 20 Uhr und ich habe etwas geschaffen, das weder geplant war, noch einem meiner pragmatischen Ziele näher kommt. Doch ich bin froh und fühle mich frei, nur im Hintergrund der Hauch eines schlechten Gewissens. Ob ich eines Tages so unabhängig sein werde, dass ich mich auf dem Fluss meiner Gedanken, Ideen und Interessen treiben lassen kann, obwohl sie so gerne und schnell die Richtung ändern?


Samstag, 7. April 2018

Achtsamkeitsübung

Seit fast zwei Stunden sitze ich im Park an einen Baum gelehnt in der Sonne bei 20 °C. Wenn man so viele Dinge machen will, aber die Zeit zu kurz ist, zu viele Punkte auf der Liste stehen für einen Tag, die Technik streikt und die Überforderung in unproduktiver, ungeduldiger Unfähigkeit mündet, dann ist es vielleicht besser, alles stehen und liegen zu lassen und weg zu gehen.

Hier sitze ich nun und lese über die Zukunft, mit der ich mich sowieso gerade viel beschäftige. Das, worüber ich zur Zeit meistens nachdenke, ist entweder noch nicht oder ist virtuell. Nicht nur die Beziehung und das Zusammengehörigkeitsgefühl von Geist und Körper sind bei mir, wie wir schon lange wissen, gestört. Auch die Verbindung zwischen mir und der Welt. Zwischen meinem Bewusstsein und der Welt. Manchmal tritt die Welt um mich rum in den Hintergrund und ich vergesse, dass da noch mehr ist als meine Innenwelt, meine Gedanken, das, was ich über den Bildschirm oder von bedruckten Seiten her aufnehme. Mehr als virtuelle Wahrnehmung mit Augen und Ohren, mehr als Informationen aufnehmen, verarbeiten und schriftlich reproduzieren. Dass es noch mehr Sinne gibt, wie Riechen und Tasten, das Wahrnehmen von Sonne im Gesicht, Wind, der durch die Haare weht, einem kalten Luftzug im Nacken, Regentropfen auf der Haut.

Mit Neva kann ich das am besten: mich auf die Welt um mich herum konzentrieren.

Heute sind viele hübsche Käfer unterwegs. Einer setzt sich auf mein Knie und ich belasse ihn dort. Er ist kupferfarben, Panzer und Beine. Die weißen Punkte oder Striche sind wie zufällig mit einem Pinsel aufgemalt ‒ und doch perfekt symmetrisch. Er scheint sich zu putzen, läuft ein wenig umher und setzt sich dann. Die Füße zieht er unter den Körper. Ob er sich auch sonnt?

Ich denke so darüber nach, ob ich den Kontakt zur Welt, zur Natur verloren habe. Und ich fasse das Gras an. Streichele es und zupfe an den Halmen, wie ich es auch an meinen Haaren tun würde. Dann zerkrümele ich Erde zwischen meinen Fingern. Ich nehme ein Stöckchen und male Muster in den Boden, so wie ich es als Kind gemacht habe. Als ich den Blick wieder in mein Buch richte, fällt mir die Struktur des Papiers auf. Das sind nicht einfach schwarze Buchstaben auf makellosem weißem Grund. Die Seiten sehen aus wie Raufasertapete. Hinter der leisen Musik in meinen Ohren höre ich Vögel zwitschern, Menschen reden, Hunde ihrem Stöckchen nachrennen. Und den Ghettoblaster ‒ beziehungsweise Bluetoothlautsprecher ‒ der vom Hang her tönt. Mit einem Stück Baumrinde schaufele ich Erdkrümel, um sie gleich wieder fallen zu lassen. Mein Hintern tut weh und es wird langsam kühl. Ich sitze jetzt im Schatten. Ich möchte nicht weg von hier. Soll ich umziehen auf einen Sonnenfleck? Oder einkaufen und nach Hause gehen, um mich noch einem Teil meiner Aufgaben zu widmen?

Ich genieße die Kreativität und den Ideenreichtum, die meine Gedanken fluten. Wir müssen unseren Geist ab und an schweifen lassen. Ihm erlauben, ganz frei zu sein. Ohne Erwartungen und Aufgaben, Probleme, die es zu lösen gilt. Einfach so in den Tag hineindenken. Nur so entsteht Neues ‒ und Kunst.

Sonntag, 11. Februar 2018

Du willst? Du kannst? Du schaffst! (?)

Wir haben Februar. Ein Monat, den ich zu den produktivsten des Jahres zähle. Es herrscht Aufbruchstimmung. Der Winter geht zu Ende, die Tage werden länger, ich erhole mich von den manchmal niederschlagenden Ereignissen der vorigen Monate. Neue Kraft mischt sich mit dem Geschmack von Unsicherheit und Zukunftsangst. Ich bringe langersehnte Projekte voran, springe in eisige Frühjahrsgewässer und dringe vor zu meinen kühnsten Wünschen. Oft gehe ich Risiken ein, die mich in Zweifel stürzen ‒ bisher ist noch immer etwas entstanden, das mich weitergebracht hat.

In Februaren war ich auf Wohnungs-, Praktikums- oder Jobsuche, habe ein Bett gebaut und einen Blog eröffnet, habe wichtige Entscheidungen gegen die einen und für die anderen Sachen getroffen. Auch jetzt gehe ich wieder einen Schritt weiter. Nachdem ich das Schreiben zu meinem Beruf gemacht habe, möchte ich es in Zukunft auch selbstständig tun. Meine Gedanken ranken sich um diesen Wunsch schon, seit ich meinen Vollzeitjob gekündigt habe und als Werkstudentin neben dem Master-Studium texte. Jetzt, in einem Februar, soll es richtig losgehen. Die Webseite ist in Arbeit, das Netzwerken hat begonnen, die Akquise steht in den Startlöchern. Ich bin bereit, klein anzufangen, aber mit großen Zielen.

Wer glaubt, es sei leicht, in Februaren und anderen Monaten produktiv zu sein, der irrt. Wer glaubt, jeder Mensch könne seine Träume ohne Weiteres verwirklichen, träumt selbst noch. Doch: Du musst nicht perfekt vorbereitet sein. Du brauchst kein makelloses Leben. Du musst nicht in allen anderen Bereichen gesund und glücklich sein. Warte nicht auf etwas, das vielleicht niemals eintreten wird, bevor du anfängst zu leben oder nach der Erfüllung deiner Wünsche zu streben! Machen heißt das Stichwort, selbst wenn du glaubst, das geht nicht. Probiere es so lange, bis du dir selbst bewiesen hast, dass es wirklich nicht geht!

Ich habe vor jedem Telefonat mit Fremden Panikattacken. Auch vor Terminen, die mir wichtig sind. Ich fange an, zu zittern und zu schwitzen. Meine Hände werden eiskalt. Mein Herz rast. Ich bekomme Bauchschmerzen und Durchfall. Mir wird übel und manchmal schwarz vor Augen. Oft habe ich das Gefühl, ich kippe gleich um. Es ist keinesfalls leicht, diese Symptome zu ignorieren und zu überwinden. Manchmal wähle ich eine Nummer und schaffe es einfach nicht, auf den grünen Hörer zu tippen. Manchmal dauert es eine halbe Stunde, bis endlich das Freizeichen ertönt. Doch immer öfter gelingt es mir, Anrufe und Termine zu erledigen, selbst wenn sie nicht so lebenswichtig oder dringend sind, dass es nicht anders geht. Ich schreibe mir genau auf, was ich zu sagen habe. Und jedes bezwungene Telefonat ist ein solches Erfolgserlebnis, wie es sich andere wohl kaum vorstellen können. Ich finde mich wesentlich mutiger als Personen, denen das gar keine Probleme bereitet.

Mir macht es Spaß, mich selbst herauszufordern; ich gehe meistens auf volle Konfrontation. Das ist nicht für alle die richtige Lösung. Doch wir alle haben die Möglichkeit, unsere eigenen Wege zu finden, uns kleine Schlupflöcher zu bauen, durch die wir besser passen, und uns hier und da auch mal durchzuschummeln. Wir können Dinge anders machen, ohne dabei weniger effektiv zu sein ‒ eben auf unsere ganz persönliche Weise. Nicht überall dürfen wir das. Deshalb lohnt es sich für manche, selbst zu machen. Ich werde mich frei machen, zu meinen wirklich produktivsten Zeiten meine ganze Ideenvielfalt einsetzen, um Probleme nachhaltig zu lösen. Und wenn mir eines Tages die Plattform dazu zur Verfügung stehen wird, werde ich mich dafür einsetzen, dass wir aus unseren Einschränkungen das Beste herausholen können. Das wird mein Weg sein. Welcher ist deiner?

 
Du bist mutig. Du bist stark. Du triffst deine eigene Entscheidung!

Mittwoch, 3. Januar 2018

Mein Jahr 2017 ‒ Rückblick

Wie in jedem Jahr gibt es für euch auch dieses Mal (doch nicht ganz so) pünktlich einen kleinen Jahresrückblick von mir. Im Januar habe ich mir sechs kleine Ziele für 2017 gesetzt, die ich ‒ kaum zu glauben ‒ alle erreichen konnte. Ich werde die entsprechenden Handlungen, die zu diesen Erfolgen führten, im Rückblick grün markieren.😊 Ich erinnere mich in meinen Jahresrückblicken besonders gerne an die positiven Ereignisse. Selbstverständlich hatte ich auch schlechte Zeiten. Mein Leben ist genauso wenig perfekt wie eure. Bedenkt dies beim Lesen und vergesst nicht: Ihr seid wunderbar, so wie ihr seid. 💖

Januar
Etwa eine Woche vor dem Abgabetermin wird meine Bachelorarbeit fertig. Ich werfe sie in den Briefkasten und warte ab. Während ich warte, fange ich an, mich auf Volontariate, Praktika und Arbeitsstellen zu bewerben.

Februar
Der Februar ist wieder einmal ein Monat des Aufbruchs. Ich schreibe Bewerbung um Bewerbung, werde zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und bekomme zweimal den Job. Den ersten nehme ich nicht an, weil es sich bei dem ausgeschriebenen Volontariat eigentlich um ein Praktikum mit eventuell anschließendem Volontariat handelt und weil es die Redaktion einer Fernsehproduktionsfirma ist, die für gewisse Sender arbeitet und für die ich Leute casten soll. Den zweiten nehme ich für einen Tag an ‒ ebenfalls ein Praktikum mit anschließendem Volontariat bei einer Produktionsfirma. Nach diesem schrecklichen Tag lehne ich dankend ab.

Zweifel und Zukunftsängste treiben mich um in diesem Monat. Aber auch meinen Zielen komme ich immer näher: Endlich verwirkliche ich das das Projekt "Blog meiner Real-Person". Am letzten Februartag fahre ich mit dem Nachtbus nach München, um dort mein Bachelorkolloquium zu halten, und hoffe auf einen guten Ausgang.

März
Ich bin jetzt offiziell keine Studentin mehr ‒ exmatrikuliert warte ich auf mein Zeugnis. Ich werde zu zwei weiteren Vorstellungsgesprächen eingeladen, diesmal bei Online-Redaktionen. Das erste läuft gut; für das zweite fahre ich extra nach Dresden. Und während ich dort in einem Café die Zeit vor dem Termin verbringe, erhalte ich einen Anruf mit der Zusage für den ersten Job. Ich nehme ihn an. Nach mehr als 20 Bewerbungen, zehn Rückmeldungen, fünf Vorstellungsgesprächen und insgesamt drei Zusagen habe ich Erfolg. Einen Tag später sind meine Bachelorergebnisse online: 1,7 für die Bachelorarbeit. 2,1 für das gesamte Studium. Die übrigen drei Wochen bis zum Jobstart genieße ich bei beginnendem Frühling.

April
Die Arbeit beginnt: Als Online-Redakteurin fange ich bei einer Marketing-Agentur an und kann mich ganz dem Schreiben widmen. Dem Werbeschreiben. Ein weiteres Ziel ist nun erreicht: Ich bin finanziell unabhängig.

Mai
Ich arbeite weiter und stelle fest, dass ich mich irgendwo zwischen den Welten bewege. Die Trickfilmclub-Frau macht Fotos von mir. Zum ersten Mal telefoniere ich mit Neva. Am 30. Mai werde ich 23 Jahre alt.

Juni
Ich taste mich durch eine Trickfilmclub-Bekanntschaft in neue Welten vor ‒ und lerne neue Menschen kennen. Wir backen zusammen Kuchen, schauen lesbische Webserien an, unterhalten uns tiefgründig und ich lasse mich zu einer Soli-Party mitnehmen. Zusammen mit Kiwi besuche ich wieder mal ein Nina-Hagen-Konzert. Endlich wieder mehr soziales Leben! Außerdem spüre ich, dass das Werbeschreiben im 40-Stunden-Takt nicht so gut zu mir passt.

Juli
Es gibt jetzt die Ehe für Alle. Ich habe zwei Wochen Urlaub. Zuerst fahre ich meine Großeltern besuchen. Dann besucht Neva mich in Berlin. Wir lernen uns kennen und ziemlich schnell lieben. Die Pläne, mein Arbeitsleben zu ändern, werden konkreter. Ich beginne, mich auf Master-Studiengänge zu bewerben.

August
Neva kommt noch einmal zu Besuch und wir verbringen eine schöne Zeit miteinander. Die Sache mit der Liebe bringt allerdings auch einiges durcheinander. Ich entscheide mich für einen Master-Studiengang, der sich um Digitale Medien dreht. Ich reiche die Kündigung ein und schließe einen neuen Vertrag ab als Werkstudentin in der selben Agentur.

September 
Nach vier langen Wochen fahre ich zu Neva ‒ Fernbeziehung eben. Bei ihr zu Hause feiere ich den 4. Blog-Geburtstag. Meine werkstudentische Tätigkeit und das Studium beginnen. Alles ist neu und wieder lerne ich neue Menschen kennen. Ich beschäftige mich mehr mit mir selbst und meinen Umgang mit kleinen und größeren Problemen und mit anderen Menschen. Ein Jahr ist mein schlimmes Erlebnis nun her und viel hat sich getan und zum Guten gewendet. Die Nachwirkungen sind dennoch nicht verschwunden.

Oktober
Nach den Einführungsveranstaltungen geht das Studium richtig los ‒ und damit auch das Pendlerleben. Ein Sturm wütet und ich sitze zwei Tage lang im brandenburgischen Nirgendwo fest. Neva und ich treffen uns ab jetzt mindestens zweimal im Monat.

November
Das Pendeln, die Arbeit und die Fernbeziehung schlauchen. Ich stelle jedoch fest, dass ich alle diese Komponenten brauche. Neva hat Geburtstag und ich lerne Teile ihrer Familie kennen. Jetzt wird es ernst!


Dezember
Der Dezember beginnt mit dem Geburtstag von Nevas Onkel ‒ eine Großfamilienfeier. Weiter geht er mit vielen Blechen Plätzchen, die ich backe. Neva schenkt mir einen liebevoll gestalteten Adventskalender ‒ jeden Tag ein Liebesbrief! Ich bin urlaubsreif. Die letzte Zeit war anstrengend. Die Weihnachts- und Neujahrstage verbringe ich in Münster. Neva und ich leben auch nach zehn Tagen zusammen beide noch ‒ und sehen uns sehr bald wieder. 💖

2017 schließt. Ein neuer Teil erwartet uns ‒ mit einer großen Portion Glitzer!p


Mein Jahr mit euren Worten:

"[...] es ist so gut zu erfahren, dass ich nicht alleine bin mit solchen Gedanken." - Anna im Januar

"Falls du keinen "näheren" Schlafplatz finden solltest, bist du hier natürlich immer willkommen :)"
- Lia im Februar

"Zeit zu 'verschwenden' bzw. Langeweile zu haben ist ein wundervoller Luxus, den man sich gönnen sollte!" - Tamara im März

"Und dann fühle ich mich wieder so gut und gesund." - Neva im April

"Ich glaube, dass du in jede Welt gelangen kannst, wenn du es wirklich willst und dir sicher bist! Dann brauchst du kein Codewort, du musst nur wissen, welche Welt deine Welt sein soll." - Lee im Mai

"[...] heute "morgen" habe ich deinen Post gelesen, so um 10 oder so, ist ja auch egal, auf jeden Fall war ich noch verpennt (freier Tag und so) und ich habe eigentlich nur gemerkt, dass deine Worte eine schöne Melodie haben." - Neva im Juni

"Leser kommen und gehen - ich bin immer hier :)" - Soulsurver im Juli

"Halte bloß fest an Deinen Träumen ('... wenn ich mich gedanklich wegbeame' ist ein lustiger Ausdruck dafür), solange es Dir möglich ist." - Chris im August

"Lass uns singen und Kakao trinken, okay?" - Jay im September

"Es tut so gut zu wissen, dass in Momenten der Verzweiflung immer noch jemand da ist." - Lia im November

"Wahrscheinlich skypest du genausogerne mit mir wie ich mit dir... " - Neva im Dezember

Auf viele neue Bloggerweltglitzermomente im neuen Jahr!
💖💖💖

Ich durfte mein Jahr mit Wunderkerze und Silvesterkuss beginnen. <3

Samstag, 9. Dezember 2017

Selbstreflexion #2


Ich kann nicht schlafen. Denke nach über mich und das Nachdenken. Denke, dass ich zu wenig denke in letzter Zeit. Dass ich mich durch mangelndes Denken nicht erinnere. An wichtige Dinge wie… Und…

Ich denke, ich sollte schlafen. Aber wie mit so vielen Gedanken im Kopf? Ich beschließe, mir morgen Zeit zum Denken einzuräumen. Vielleicht während der Vorlesung, die ich nur besuche, um für beide Blöcke zu unterschreiben und nach dem ersten wieder zu gehen. Oder in der Bahn nach Potsdam und dann zurück. Ich verschiebe also das Denken und schlafe ein.

Zeit zur Selbstreflexion zu finden – manchmal ist das schwer. So bewusst genommen habe ich sie mir bisher selten. Aber jetzt habe ich Zugfahrten. Und die fülle ich wie jeden noch so kleinen Zeit-Slot meines Alltags mit den Dingen, für die ich durch das Pendeln und mein dreidimensionales Leben keine Zeit mehr habe. Warum also nicht mich selbst reflektieren beim Blick in mein Spiegelbild im Zugfenster?

Zwei Taschenuhren
Nimm dir Zeit, dich selbst zu reflektieren!

Warnungen


Gestern habe ich über das Denken nachgedacht – beziehungsweise das Nicht-Denken. Das Vergessen. Erst schaffe ich es trotz Terminweckers nicht, meine Miete pünktlich zu überweisen. Ich vergesse es einfach. Und werde erst darauf aufmerksam gemacht durch meine Mitbewohnerin. Zum Glück frühzeitig, sodass sich der Fehler schnell bereinigen lässt.

Wenige Tage später fällt mir etwas ein, das vorübergehend vollständig aus meinem Gedächtnis verschwunden sein muss. Schon der Blick auf die kleine „1“ hinter dem Namen des am seltensten genutzten meiner fünf E-Mail-Postfächer lässt mir das Blut in die Ohren schießen und mein Gesicht ganz heiß werden. Ich habe vergessen, dass ich einer fremden Person für das Wochenende einen Termin zugesichert habe, an dem sie mich als Interviewpartnerin für ihre Studie hätte befragen sollen. Es ist das zweite Mal, dass ich ihr eine Antwort schuldig geblieben bin. Nun habe ich das Vertrauen ihrerseits in meine Zuverlässigkeit völlig verloren. Und meinerseits? Muss ich an meinem Gedächtnis zweifeln, das mir eine so wichtige Information einfach vorenthält?

Ich muss mich zumindest gewarnt fühlen. Strahlte mein Herz gerade noch von lebhaften Erinnerungen an das Wochenende, ist es nun etwas in sich zusammengesunken. Im Augenblick der Bewusstwerdung meiner beiden Fehltritte in so kurzer Zeitfolge wird mir klar: Etwas ist nicht in Ordnung. Ich muss wieder besser auf mich achten. Mich wieder wahrnehmen. Denn ich tendiere dazu, mich selbst zu vergessen.

Eine Skulptur: Eine Frau beugt sich über die andere, küsst sie auf die Stirn, massiert ihren Kopf.
Nimm dich selbst wahr und tu dir etwas Gutes – oder lass Dir etwas Gutes tun. ;)

Körper


Ich brauche Warnungen von außen, die mich auf das Innen aufmerksam machen, wenn es verrückt zu spielen droht. Wie viele Menschen neige ich dazu, erst hinterher schlauer zu sein und zu wissen, was los gewesen ist. Stimmungen wie tote Leere oder grundlose Traurigkeit verspüre ich heute selten. Das ist einerseits ein gutes Zeichen: Ich weiß besser einzuschätzen, woher negative Gefühle kommen. Ich kann essen oder schlafen, wenn Hunger oder Müdigkeit schlechte Laune verursachen. Oder das Gefühl akzeptieren, wenn gerade keine Zeit zum Essen oder Schlafen ist, weil ich weiß, warum es da ist. Aber es ist auch so, dass ich Leere und Traurigkeit nicht immer zulasse – mangels Zeit oder weil ich schnelle Ablenkung finde. Das ist die Schattenseite, die es zu ergründen gilt. Stille herrscht im Außen selten, sodass das Innen nicht zu Wort kommt.

Die Zusammenhänge körperlicher Bedürfnisse und negativer Gefühle sind mir inzwischen bewusst; sie zu akzeptieren, fällt schwer. Ich finde es einfach ungerecht, dass der Mensch sich so viel vorstellen kann, aber in seinen Möglichkeiten so begrenzt ist – durch den Körper und natürlich durch viele andere Gegebenheiten. Mein Kunstprojekt, das ich für die Uni anzufertigen habe, wird sich mit Grenzen beschäftigen; den unsichtbaren. Kunst mit ziemlich viel Mathe. Der Technik sei Dank ist es mit nämlich möglich, Grenzen nachzubilden, die man weder sehen noch anfassen kann – vorausgesetzt, ich schaffe es ein zweites Mal, Vektorrechnung zu verstehen.

Ich bin abgekommen von meiner Selbstreflexion – wie auch mein Bewusstsein von einem Gedanken zum nächsten springt, ohne die entsprechenden Handlungsbefehle zu geben. Ist es das, was man unter einer Träumerin versteht?

Neblige Winterlandschaft mit Schnee und kahlen Bäumen.
Manchmal scheint alles verschwommen. Finde den Fokus!

Ablenkung vs. Fokus


Menschen lenken gerne ab, wenn es unangenehm wird. So sind wir, auch wenn wir uns nur vor uns selbst verantworten. Manchmal tut Ablenkung gut – wenn sie bewusst geschieht. Sich an einem schlechten Tag ins Bett zu legen und sinnlose YouTube-Videos anzuschauen, kann eine hervorragende Idee sein. Manchmal gebe ich vor mir selbst jedoch nicht zu, negative Gefühle zu verspüren. Oder – was häufiger der Fall ist – ich merke es einfach gar nicht. Und falle wie in Trance ins Bett vor den Laptop, um mich an algorithmischen Vorschlägen des Internets durch den Abend zu hangeln.

Auch körperlich merke ich manchmal, dass irgendetwas nicht stimmt, ohne es gefühlsmäßig wahrzunehmen. Vielleicht, weil mein Kopf mit den Herausforderungen des Alltags genug zu tun hat. Der Körper ist eben eine lebende Barriere, die auch Grenzen aufzeigt. Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder Knieversagen – all das könnten Hinweise auf ein inneres Ungleichgewicht sein. Manchmal frage ich mich allerdings auch, ob ich nicht zu viele psychische Hintergründe in Körperdinge hineininterpretiere, um meine Arztphobie zu rechtfertigen. Jedenfalls verdient mein Innen Aufmerksamkeit, wenn es sich nicht gut fühlt.

Wenn ich nicht merke, dass etwas nicht in Ordnung ist, oder mir keine Zeit dafür nehme, führt das bisweilen zu seltsamen Situationen. Ich fühle mich gereizt und lasse das mitunter an Menschen aus, die mir gar nichts getan haben und mir eigentlich am Herzen liegen. Das will ich nicht und genau deshalb ist diese Selbstreflexion so wichtig. Den Fokus einmal auf sich selbst zu lenken, das Innen zu betrachten, die eigenen Handlungen der letzten Zeit zu hinterfragen und zu ergründen – das ist etwas, wofür wir alle uns hin und wieder Zeit und Raum nehmen sollten.

Ich fordere hiermit jede Person, die das hier liest, dazu auf: Gehe für zehn Minuten in dich, schalte alle Ablenkungsquellen ab. Ohne Musik; wenn du magst, auch ohne Licht. Respektiere die Gedanken, die da kommen, auch wenn sie unangenehm sind. Es ist wichtig, zu fokussieren und zuzuhören. In den überschlagenden Wellen des Arbeitslebens gerät das allzu oft in Vergessenheit.

Glitzer. 💖

Eine rosafarbene Rose vor grünem Hintergrund.
Blühe!

Donnerstag, 2. November 2017

Zwischen Münster und Berlin

Berlin begrüßt mich mit Pissgestank: Guten Abend, hier ist ein gänzlich leerer S-Bahnwaggon für Sie. Zu Hause schnieft’s. Mein Bett ist klein. Zurück in meinem rasanten Leben als Pendlerin, in analogen wie digitalen Räumen. Vielleicht auch emotionalen. Pendle ich zwischen Arbeits-Ich, Uni-Ich, Beziehungs-Ich. Eine dreidimensionale Welt ohne Mittelpunkt. Kaffee-Zigaretten-Mundgeruch im Zug vom nächsten Morgen.

Münster ist Ruhe. In Münster scheinen wir uns zusammen beide wohler zu fühlen. Hier schnieft’s auch nicht. Nur das Feuer knistert. Der Wind sitzt im Ofenrohr und heult. Er fragt nicht: „Was bist Du eigentlich?“. Anna ist nah. Im Berliner Alltag manchmal schwer zu spüren, wie nah. Wenn ich eine Komponente meines Multi-Lebens löschen sollte, könnte Münster es nicht sein.

Ich vergesse den Rest in Münster. Und verstecke mich im Moment. Wenn man sie haben kann, ist Liebe mitunter schwer zu entdecken. Der entscheidende Faktor Sehnsucht fehlt. Ich empfehle also fast die Fernbeziehung. Woher sollte ich wissen, wie ich fühle, wenn es nicht Abschiedsküsse gäbe?


Die Arbeit ist portabel. Dein Homeoffice kannst du überall hin mitnehmen. Aber das geht bislang nur einmal die Woche, dennoch gepresst in aufeinanderfolgende Stunden am frühen Morgen. Ich freue mich auf die Selbstständigkeit, aber nicht auf die Mühen, die zwischen mir und ihr noch liegen. Und was, wenn sie scheitert? Das Risiko wird mich wie gewohnt nicht hindern können. Die Arbeit ist die Grundlage aller weiteren Lebenskomponenten. Ohne sie könnte ich gar nichts und erst recht nicht studieren oder nach Münster fahren. Sie kann sowieso nicht weg.

Umgestürzte Bäume liegen neben der Bahnstrecke. Dieses Mal hat sich der Sturm freundlicherweise ein langes freies Wochenende zum Wüten ausgesucht. Heute ist es nicht so früh wie sonst. Mittwochs fühle ich mich normalerweise wie eine wandelnde Tote. Das ebbt über den Tag nicht ab, sondern wird höchstens schlimmer. Mittwochs möchte ich mein Studium regelmäßig in den Sand setzen. Um über die Hälfte des Studieninhalts wäre es mir auch nicht schade. Aber einige Sachen haben doch einen Sinn. Und ich habe gelernt, dass ich auch mittwochs begeisternde Vorträge halten kann; sofern ich für das Thema brenne. Mein Hirn steht in Flammen, jeden Mittwochabend, wenn ich nach Münster telefoniere und meine Augenlider festhalte. Drauf verzichten kann ich jedoch selten, auf die Stimme mit dem Gute-Nacht-Luftkuss auf den Lippen.

Das Studium deckt noch eine weitere Komponente ab, ohne die ein Leben nicht auskommt: Soziale Kontakte (hässlicher Begriff). Es verschafft mir den Austausch mit Menschen, die nicht den kalten Reptilien von der Arbeit gleichen. Sie sind noch warm, noch nicht entschieden für ein und dieselbe Tätigkeit Ihres Lebens. Sie haben ihre Ideen noch nicht begraben und dürfen noch ihre Träume großkotzig ausbreiten, ohne dafür ausgelacht zu werden. Die Reptilien dürfen erstens nicht drüber reden, nicht bei der Arbeit von etwas anderem träumen als genau dieser Arbeit für immer, und zweitens haben viele von ihnen das sowieso längst aufgegeben – es sein denn, sie fühlen sich von dem, was sie tun, vollends erfüllt…

Und was ist mit der Zeit? Der leider nicht immerwährenden Zeit, die doch ein immer begleitender Faktor dieses endlichen Lebens ist. Sie ist zu kurz. Lasst sie mich ausdehnen. Warum müssen Wochen ausgerechnet sieben Tage haben? Wie wäre es mit zehn? Wie wäre es mit einem alternativen Zeitkonzept als Protest gegen den Trend, immer mehr Inhalt in immer weniger Zeit stopfen?

Solange die Zeit jemand anderes bestimmt, bleibe ich schlaflos. Entgegen meines inneren Rhythmus quäle ich mich. Und ich freue mich. Über mein „neues“ Leben. Dem es an nichts fehlt, als Zeit. Es gibt eine Quallenart, die unsterblich ist. Vielleicht lässt sich dieses Konzept technisch nachahmen. Neil Harbisson ist Cyborg-Aktivist und sagt, dass das irgendwann bestimmt geht. Vilém Flusser wünschte sich, den biologischen Körper irgendwann hinter sich lassen zu können. Eine Utopie – doch interessant, sich vorzustellen, wie sich soziale Gefüge dann wohl verändern würden?

Mein Leben ist dreidimensional. Vielseitig und spannend. Anstrengend und zuweilen zerreißend. Doch im Gesamtgefüge ganz gut so.

Glitzer 💖