Montag, 9. September 2019

Update zum 6. Bloggeburtstag



Die Menschen in der U-Bahn sehen alle irgendwie bedröppelt aus. Der Umbruch von Sommersonne zu Herbstregen war hart. Ich küsse Neva zum Abschied und bleibe so lange am Bahnsteig stehen, bis sie und Plattschaf hinter dem Zugfenster verschwunden sind. 

Wie immer um diese Jahreszeit erinnere ich mich an meine ersten Tage in Berlin. Über sechs Jahre sind die jetzt her. Ich erzähle wohl jedes Jahr etwas darüber, aber immer ist es ein anderes Detail, das mir präsent ist. Den ersten Monat verbrachte ich in einem befristeten WG-Zimmer in Prenzlauer Berg, das eine Frau extra an Gäste wie mich viel zu teuer vermietete. Neulinge, die aus der Ferne noch keine Wohnung finden konnten. Ich weiß noch, dass das Zimmer einen Fernseher hatte und ich mir die Wahlergebnisse ansah. 

An einem der ersten Tage in diesem kleinen Berliner Zimmer startete ich meinen Laptop. In meiner Wohnung in der Heimatstadt hatte ich kein WLAN gehabt. Ich erkundete also die YouTube-Welt von 2013. Aber viel wichtiger: Ich startete diesen Blog. Wie eine Freundin aus einem der Foren, nein, unserem Forum. Mindestens sechs dieser Wintermädels habe ich inzwischen persönlich getroffen, Freundschaften geschlossen, mich in eines ver- und entliebt und wieder zurückgefunden zu unseren gemeinsamen Themen. Der Blog verschaffte mir noch viele weitere wertvolle Verbindungen, von denen heute auch einige fester Bestandteil meines Offline-Lebens geworden sind. Eine denkwürdige Nacht war das also vor sechs Jahren, als ich meine allerersten, vorsichtigen Zeilen schrieb. Auch wenn diese Bloggerwelt längst nicht mehr so sicher ist, wie damals geglaubt...

Aber heute habe ich längst nicht mehr so viel Angst davor, mein glitzerndes Selbst zu sein. Tränenglitzernd, seltsamglitzernd, stolzglitzernd. 
(Ich sage nicht, dass sie ganz verschwunden wäre...) 
Ihr wollt sicher ein Update haben, was in meinem Leben so vorgeht? 

Irgendeine von euch hat mir vor Jahren einmal erzählt, dass ein Freund von ihr mit Texten Geld verdient. Das habe ich damals abgetan, damit kann man nur Centbeträge pro Wort verdienen... Das war zumindest mein Studentinnenjob zu dieser Zeit. Immer mal wieder muss ich an diese Nachricht denken, Emilia. Weil du scheinbar in die Zukunft geblickt hast, eine Zukunft, die ich mir niemals hätte vorstellen können. Bis ich vor ungefähr anderthalb Jahren beschloss, mich selbstständig zu machen. Ein Jahr verdiene ich nun schon meinen gesamten Lebensunterhalt als freiberufliche Texterin. Mit einer Spezialisierung, die ich so noch bei keiner anderen gesehen habe – deshalb enthalte ich sie euch hier vor. 

Vielleicht picke ich mir doch die wenigen, die mich noch lesen, zusammen, und stelle den Blog privat? Es ist nicht die leichteste Entscheidung, wisst ihr? Meine Gedanken einzusperren und zu verstecken vor der Welt, irgendwie ist das nicht der Sinn von Blogger...

Ich bin jetzt sichtbarer da draußen im Internet. Vor Kurzem habe ich sogar ein Interview gegeben. Einen Gastbeitrag geschrieben. Mein Name steht jetzt für ein kleines Business. Nicht mehr nur für mich. Manchmal ist das komisch.

Es ist noch gar nicht lange her, dass Z mir sagte, vielleicht könne ich auch irgendwann einen Job haben, in dem ich nicht früh aufstehen müsse. Haha, dachte ich damals noch. Das wird in einem Bürojob niemals der Fall sein. Mal abgesehen davon, dass sich „die Arbeit“ gerade sehr verändert – heute bestimme ich den Rhythmus. Jage keinen verspäteten U-Bahnen mehr nach, während mein Kopf noch gar nicht aus den Träumen der Nacht erwacht ist. Es geht mir körperlich und seelisch besser nur durch die kleine Tatsache, dass ich meinem natürlichen Rhythmus folge! 

Manchmal ist es einsam, das gebe ich zu. Aber nun gibt es Bumble, die Freundschafts-Dating-App. Und ich habe wirklich schon zwei wunderbare Menschen gefunden, mit denen ich über den Small Talk hinaus kam. Mit einer fahre ich sogar in einen kurzen Urlaub ans Meer! (Natürlich war auch die eine oder andere komische, doch spannende Begegnung dabei...) 

Selbstständigsein ist ein großes Thema bei mir. Es ist nicht nur eine berufliche, sondern auch eine ganz private Herausforderung. Es geht ein Lebensstil damit einher. Manchmal ist es schmerzhaft, zu erkennen, wie sehr wir uns selbst begrenzen. Durch familiäre oder gesellschaftliche Prägung, „Das war schon immer so“ und wahnsinnig viele irrationale Ängste. Ich mag ein Ängstlichkeitsprofi sein, doch einen Vorteil habe ich: Ich weiß, wie es sich anfühlt, große Ängste zu überwinden. Denn würde ich das nicht ständig, jeden Tag tun, wäre ich gar nicht lebensfähig. Ich weiß nicht, ob Ängste eines Tages verschwinden, aber ich weiß, es fühlt sich gut an, mit ihnen umgehen zu können. 

Meine Lebensgeschichte macht mich risikobereiter. Es gab und gibt so viele Dinge, die mir andere Menschen nicht zutrauen. Aber gerade solche Dinge gehen mir leichter von der Hand, als beim Bäcker ein Brot zu bestellen...

Ich habe viele Themen aus der Selbstständigkeit, die hier auf dem Blog gut aufgehoben wären. Vom Telefonieren mit Telefonangst über die bekannte Person, zu der du aufschaust und die auf einmal deine Kundin ist, bis zum gefilmten Interview, das nur so gut klappt, weil du dich völlig verrückt gemacht hast und fünf Seiten Vorbereitung vor dir liegen.

Ich bin immer noch in einer Fernbeziehung nach Hamburg, immer noch in mich selbst verstrickt und nein, ich lebe nicht das perfekte Leben, das wir all jenen wünschen, die eines Tages aus der Bloggerwelt verschwunden sind. Mein Ziel ist nicht (mehr?), von irgendetwas geheilt zu werden. Meine Erfahrungen werden für immer Teil meines Lebens sein, es für immer auf irgendeine Art beeinflussen. Aber auch auf eine gute! Wenn ich alles, was ich Komisches erlebt habe, wegzaubern könnte, wer wäre ich dann? 

Ich nehme immer mehr die Vorteile wahr, die Menschen mit psychischen Problemen zur Arbeit mitbringen. Ich wünsche mir, dass die Vorurteile abnehmen und beide Seiten mit einem besseren Gefühl aufeinander zugehen können. Und ja, ich glaube inzwischen, dass das möglich ist. Denn wie ihr vielleicht an meinem kleinen Update seht: Vieles ist möglich, was niemand je für möglich gehalten hätte. Das merke ich auch an dem geschichtlichen Fach, das ich mehr oder weniger nebenbei studiere. 

Hast du schonmal etwas Positives aus einem Problem gezogen? Was war das? Ich würde mich sehr über deinen Kommentar freuen! 💖


Mittwoch, 28. August 2019

Akademikerfamilie? Dann kann es nicht so schlimm sein!

„Das ist jetzt nicht gerade tröstlich, aber es gibt auch Statistiken dazu, dass Leute aus privilegierteren Familien, auch bei viel krasseren als deiner, weniger Unterstützung bekommen, weil sie nicht ernst genommen werden. Wo dann gesagt wird, ach, den kenn ich aus dem Fernsehen, der ist immer so nett, das kann gar nicht sein... Das sieht man ja auch daran, dass du kein elternunabhängiges Bafög bekommen hast. Bei der Durchschnittsfamilie sähe das ganz anders aus.“

Ich schlucke, weil mir Tränen in die Augen steigen. „Ja, oder es wird dann eben aufgewogen mit den materiellen Vorteilen und den Bildungsvorteilen, die man ja auch hat, aber...“ Ich muss mich räuspern. Das Kind hat ja keinen Einfluss darauf, in welche Familie es hinein geboren wird, denke ich. Es wird noch zusätzlich dafür bestraft, dass es „ungewöhnlicherweise“ für seinen Stand schlecht behandelt wird.

Wir haben darüber gesprochen, dass in den Realschulen alle Kinder wussten, dass es eine Notunterkunft gibt, bei der man jederzeit klingeln kann, dort Schulsozialarbeiter*innen angestellt waren und man auch Kinder, die in Wohngruppen lebten, kannte. „Beide Kinder haben eigene Zimmer, die Wohnung ist sauber, die Eltern sind akademisch gebildet, arbeiten Vollzeit, kein Hinweis auf Kindeswohlgefährdung. Da das Kind 16 ist, darf es aber nicht gegen seinen Willen zurückgeführt werden. Gut, dass ich schon 16 war, wer weiß, wie das ausgegangen wäre, wenn ich nach so einer Aktion wieder nach Hause gemusst hätte...“

Ich habe von nichts gelebt, Schulden gemacht, bin fast verzweifelt, habe dennoch mein Studium abgeschlossen und konnte danach meinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Manche haben nicht so viel Glück, nicht ein winziges bisschen Unterstützung, sind zu krank, zu traumatisiert, werden drogenabhängig oder schaffen es aus irgendeinem anderen Grund nicht so weit. Ich bin immer irgendwie nochmal davongekommen. Und doch ist ein von außen gradlinig erscheinendes Leben noch nicht das Ende der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Unsere persönlichen Probleme haben oft strukturelle Hintergründe. Menschen aus Mittel- und Oberschichtfamilien müssen ernstgenommen werden. Und „Hartz-IV-Familien“ dürfen nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Ich hoffe, ich kann irgendwann einen kleinen Teil dazu beitragen.


Donnerstag, 15. August 2019

Ein kurzes Hallo!

Hallo. Ich bin noch da. Hallo! Ich sitze endlich einmal wieder morgens vor diesem virtuellen weißen Blatt. Das Wasser kocht, gleich ist mein Kaffee fertig. Jeden Tag kann ich jetzt mit Lesen im Bett beginnen, bevor ich den Flur entlang in mein Arbeitszimmer tappe. Keine Hektik am Morgen, keine Züge, die nicht auf mich warten wollen, kein mürrischer Gruß am Empfang im Büro.

Ich genieße dieses Leben. Und manchmal stoße ich an meine Grenzen. Es fällt mir schwer, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Aber gestern ist es mir endlich einmal gelungen. Das war so anstrengend, dass ich das Bedürfnis hatte, früh schlafen zu gehen und heute schon seit zweieinhalb Stunden wach bin.

Es gibt einige Themen, über die ich hier schreiben möchte. Ich habe verschiedene Ideen, die nur darauf warten, dass ich mir die Zeit nehme, sie auszuarbeiten. Fürs Berufliche habe ich gerade einen Blog-Kurs absolviert und er hat mich daran erinnert, wie viel ich durch euch schon gelernt habe über dieses Metier.

Ich habe mich gefreut, hier in letzter Zeit wieder bekannte Blog-Gesichter zu sehen! Die eine oder andere hat einen Kommentar von mir bekommen und es ist so schön, wieder mit euch in Kontakt zu sein! Danke für den kleinen Stups, den ihr mir gegeben habt. Und wenn nur eine Person meine Zeilen liest, wird es sich schon gelohnt haben. Die Statistiken sagen ohnehin, dass es 100, 200 und manchmal noch mehr sind.

Wie geht es euch? Was macht ihr so? Ich will alles wissen! 💖

Das sind einige meiner ersten selbstgepflanzten Blümchen.


Sonntag, 30. Dezember 2018

Mein Jahresrückblick 2018

Schon wieder ist ein Jahr vorbei Zeit also für einen kleinen Rückblick. Diesmal schreibe ich in Hamburg, wo meine liebste Neva jetzt wohnt. Ich sitze in ihrem gemütlichen, über 80 Jahre alten Ohrensessel, den ihr vielleicht aus ihren Blogbeiträgen schon kennt. Neben mir steht ein improvisierter Tisch aus einem Lautsprecher und einer Dartscheibe. Er beherbergt die Kaffeemaschine Ronja. Außerdem steht heute eine Tasse mit dampfend heißem Kakao darauf. Neva arbeitet gerade. Das Tageslicht habe ich genutzt, um einmal um die ganze Außenalster herum zu spazieren. Jetzt dämmert es und das Zimmer ist in warmes Lampenlicht getaucht.

Meine Tagebücher habe ich zu Hause in Berlin vergessen. Deshalb schreibe ich heute nur von den großen Erlebnissen und Umbrüchen aus 2018. Vielleicht kommt später noch ein Post mit Zitaten und Persönlicherem. Hier aber ist erst einmal mein Jahresrückblick, wie immer nach Monaten sortiert:

Januar
Ich starte 2018 mit Neva, ihrer Mitbewohnerin M. inklusive Freund und dem anderen Mitbewohner sowie dem Champagner, den ich beim Lose-Wichteln auf der Arbeit gewonnen habe, und Wunderkerzen in Münster.

Ende des Monats fahre ich nach Hamburg, wo wir mit einem Kurs von der Uni eine interaktive Ausstellung machen. Neva will auch kommen, damit wir uns zwei schöne Tage in der Hafenstadt machen können. Weil wieder einmal Sturm ist, brauchen wir von Berlin viereinhalb, Neva von Münster aus elf Stunden bis Hamburg. Wir sind im Stress, sie verpasst die Ausstellung und trotzdem haben wir am nächsten Tag eine schöne Zeit. Nevas Idee, dieses oder nächstes Jahr nach Hamburg zu ziehen, existiert bereits. Noch können wir uns aber beide nicht vorstellen, dass sie schon so bald zur Realität wird.

Hamburg im Januar

Ich bin unzufrieden mit meinem Masterstudium, das ich im Wintersemester 2017 eher als Notlösung angefangen habe, um der 40-Stunden-Woche im Büro zu entfliehen. Durch das Pendeln in eine andere Stadt und den Werkstudentenjob habe ich kaum Zeit, meinen Plan, mich nebenher selbstständig zu machen, in die Tat umzusetzen. Also bewerbe ich mich doch noch einmal an der Uni in Berlin, die mich im Oktober nicht hatte nehmen wollen.

Februar
Mehr schlecht als recht und nur in dem Seminar mit der Ausstellung mit einer 1 schließe ich das Semester in Brandenburg ab. Die Semesterferien beginnen und ich besuche erst meine Großeltern, dann Neva. Wir entdecken in dem kleinen Wäldchen hinter ihrem Haus erste Frühblüher. Ich habe große Angst davor, dass die Uni mich nicht nimmt und ich an der alten bleiben muss.

Ein Spaziergang im Februar

Als ich wieder nach Hause komme es ist schon Ende Februar erwartet mich im Briefkasten die Zusage. Ich darf ein Masterstudium in Technikgeschichte absolvieren. Freude und Aufbruchstimmung überströmen mich wie so oft im Februar.

März
Ich arbeite viel, um vor dem Beginn des neuen Studiums meinen Kontostand aufzupolieren. Bis Mitte April fahre ich alle zwei Wochen zu Neva nach Münster. Eine Routine stellt sich ein. Nebenbei beginne ich jetzt intensiv, mich mit der Selbstständigkeit zu beschäftigen. Ich nehme an Webinaren, Onlinekursen und Social-Media-Challenges teil, werde mir über meine Positionierung klarer und veröffentliche den ersten Post auf meiner Business-Facebookseite. Außerdem arbeite ich an meiner Website, für deren Domain ich schon seit ein paar Monaten bezahle, ohne wirklich etwas daran zu machen. Die Osterfeiertage verbringe ich mit Neva. Wir haben eine wunderschöne Zeit, in der wir Möhrenkuchen backen, spazieren gehen, picknicken und am Osterfeuer sitzen.

Osterfeuer im März

April
Ich versuche die DSGVO zu verstehen und umzusetzen. Mein anderer Blog zieht zu WordPress um. Ich stelle fest, dass die Website-Erstellung nach den neuen Regeln wohl doch etwas länger dauern wird. Bei der Arbeit frage ich nach, ob ich auch als Freie Aufträge annehmen darf und ich darf, solange es sich nicht um die Konkurrenz, also andere Agenturen handelt. Also halte ich die Augen offen.

Auf dem Uni-Campus im April

Mitte April beginnt das Studium. Für mich ist das wahnsinnig aufregend, habe ich doch noch nie an einer richtigen Universität studiert, an der man seine Stundenpläne selbst zusammenstellt und viel mehr Freiheiten hat. Das ist genau, was ich vorher vermisst habe. Aber es ist auch eine Herausforderung, einen Master in Geschichte zu studieren, wenn man keinen Bachelor in einer Geisteswissenschaft hat. Wieder einmal gilt: Die Uni nimmt Studierende aus allen möglichen Fachbereichen, behandelt sie dann aber so, als wüssten sie schon alles aus dem Bachelor. Im nächsten Semester wollen sie solche wie mich und etwa die Hälfte der übrigen Studierenden wohl nicht mehr nehmen. So wird es Bachelor-Absolvent*innen weiter erschwert, im Master eine andere Richtung einzuschlagen. Davon abgesehen aber fühle ich mich diesmal im richtigen Studium.

Mai
Der Mai beginnt mit meinem ersten Besuch auf der re:publica. Ich habe einen Tag lang für die Messe gearbeitet und dafür ein Ticket bekommen. Spannende Eindrücke und Menschen erwarten mich. Vollgesogen mit Informationen und hochmotiviert komme ich zurück. Ein potenzieller Kunde lässt mich einen Probetext schreiben.

Ende des Monats fahre ich mit Neva nach Leipzig. Wir übernachten in einem Bungalow auf einem Campingplatz am See. Von dort aus fahren wir an einem der drei Tage zu meinem ehemaligen Internat und besuchen das Schulfest. Zum ersten Mal nach fast acht Jahren bin ich wieder dort. Wir kommen recht spät, weil wir einen Zug aus Langsamkeit verpassen, den nächsten, weil der Bus nicht pünktlich ist. Doch die letzte halbe Stunde des alljährlichen Kammerkonzerts bekommen wir noch mit. Ich sehe meine alte Klavierlehrerin wieder und einige andere. Doch ich bleibe weitgehend undercover niemand erkennt mich wieder.

Leipzig im Mai

Erst ganz am Ende treffen wir auf eine Gruppe ehemaliger Klassenkameraden. Die Unterhaltung mit ihnen ist seltsam. Ich finde sie alle nicht sympathisch und habe gar kein Bedürfnis, mit ihnen zu sprechen. Ich fühle mich ihnen nicht mehr unterlegen, wünsche mir nicht mehr, dass sie meine Freunde sind statt mich zu mobben; ich bin nicht mehr 14. Und ich denke, dass ich erfolgreicher, eigenständiger und zufriedener bin als sie alle – auch wenn das vielleicht ein bekloppter Gedanke ist.

Während wir auf der Wiese in dem Park, durch den ich früher so oft spaziert bin, picknicken, bekommt Neva eine E-Mail: Der erste Job in Hamburg, auf den sie sich beworben und für den sie ein Vorstellungsgespräch gehabt hat und sie hat ihn! Wir freuen uns. Es ist so schön, mit ihr Hand in Hand durch den Park zu laufen oder uns heimlich auf dem Damenklo zu küssen. Uns kann völlig egal sein, was die Deppen aus meiner früheren Klasse denken. Wir lieben uns!

Zurück in Berlin feiern wir meinen 24. Geburtstag in unserem Lieblingscafé beim leckersten veganen Kuchen der Welt.

Geburtstagskuchen im Mai


Juni
Ich beschäftige mich weiterhin mit der Vorbereitung auf die Selbstständigkeit – ohne genau zu wissen, ob und wann die eigentlich beginnen wird. Auf meine Nachfrage sagt mir die Firma zu, für die ich einen Probetext geschrieben habe. Ab jetzt bekomme ich selten, aber immer wieder mal Aufträge von ihr. Meinen ersten Kunden habe ich gefunden. Bald darauf meldet sich ein ehemaliger Kollege bei mir und fragt an, ob ich für seine Agentur texten möchte. Ich darf nicht, solange ich noch als Werkstudentin beschäftigt bin. Worüber ich schon so oft nachgedacht habe, nimmt jetzt Formen an. Ich muss mich entscheiden: absagen oder mit einem Termin antworten, ab dem ich verfügbar sein werde? Mein Arbeitsvertrag ist bis Ende August befristet, würde wohl aber problemlos verlängert werden. Ich antworte, dass ich ab September gerne für ihn arbeite.

Ein Seminar über ein Stück von Kleist wird für mich zum eindrücklichen Erlebnis aus ganz persönlicher Perspektive. Mit vier bekannten Autor*innen sprechen wir den ganzen Tag lang über diese Gesschichte. Abends bei Pasta und Wein verflechtet sie sich immer mehr mit unseren eigenen Biografien. Ich schreibe ein sehr persönliches, fünfseitiges Stück, dessen Abgabe mich Ende des Semesters einiges an emotionaler Überwindung kosten wird – und noch die Note 1,0 erhält.

Ende des Monats heiratet Nevas bester Freund. Wir sind als Paar dort eingeladen und fragen uns, ob wir nun spießig werden. Außerdem sprechen wir über unsere eigenen Vorstellungen von der partnerschaftlichen Zukunft.

Juli 
Fast ein Jahr ist vergangen und ich sitze wieder meiner Chefin gegenüber. Diesmal beende ich mein Angestelltenverhältnis endgültig. Ich sage ihr, dass ich meinen Vertrag nicht verlängern möchte und als Freelancerin arbeiten werde. 

Sommer in Berlin

Ich erledige die letzten Aufgaben für die Uni, dann endet die Vorlesungszeit. Nebenbei werde ich ein bisschen krank – mehrere Wochen lang habe ich Bauchschmerzen und gehe irgendwann tatsächlich mal zu meiner Hausärztin. Zweimal bin ich dort und sie wundert sich über meinen zu schnellen Herzschlag. Die Gelegenheit nutze ich, um von meinem plötzlichen Herzrasen zu erzählen, das ich schon lange in unregelmäßigen Abständen habe. Eine kleine Odyssee beginnt (für mich zumindest ist es furchtbar).


August
Vier Termine und drei Ärzte später haben wir zumindest eine Verdachtsdiagnose für das Herzleiden, dass ich seit mehr als zehn Jahren habe. Und die ist körperlicher Natur. Nichts Psychisches, wie alle Ärzt*innen immer zuallererst vermuteten und was oft davon abhielt, überhaupt irgendeine Untersuchung zu machen. Ich bin stolz auf mich, dass ich mich davon nicht unterbuttern lassen habe. Und natürlich froh, dass es absolut nichts Schlimmes, sondern allenfalls nervig ist. Um Klarheit zu gewinnen, müsste das Rasen nur einmal auftreten, wenn gerade eine geöffnete Arztpraxis in der Nähe ist.

Ob die Bauchschmerzen wohl von der Aufregung kamen? Jedenfalls sind sie verschwunden. Ich bringe die letzten zwei Wochen als Angestellte hinter mich. Danach nehme ich meinen restlichen Urlaub. Neva zieht nach Hamburg und ich helfe ihr dabei. Eine Woche meines Urlaubs verbringen wir gemeinsam in Berlin, danach geht es mit Nevas bester Freundin und deren Freund an die Nordsee. Windige, verregnete, aber sehr schöne Tage verbringen wir in einer kleinen Ferienwohnung in einem der vielen Nester, die mit -siel enden. 

Die Nordsee im August


September
Neva und ich beginnen beide gleichzeitig unsere neuen Jobs. Sie in Hamburg und ich als Selbstständige. Gleich an meinem ersten Arbeitstag telefoniere ich mit dem ehemaligen Kollegen und ziehe mir meinen zweiten Kunden an Land. Ich bin sehr motiviert und habe großen Spaß an meiner Arbeit. Der erste Monat läuft auch finanziell viel besser als ich es mir vorgenommen habe. 

Fast anderthalb Jahre nach der Trennung meiner Mitbewohner zieht R. endlich aus. Damit fliegt viel Müll und Unordnung aus der Wohnung. Das bisher als Gerümpelkammer genutzte Wohnzimmer wird mein Büro. Wir gestalten es völlig neu und ich beginne mit der Planung. Zwischendurch besuche ich meine Großeltern und natürlich sehe ich auch Neva regelmäßig.

Jenes Ereignis jährt sich zum zweiten Mal und ich denke viel über S. nach, meine Unifreundin, die ich damals verlor.

Oktober
Der Oktober läuft businessmäßig nicht so gut, aber die Ergebnisse liegen näher an meinen ursprünglichen Erwartungen. Außerdem habe ich genügend Erspartes, um mehrere Monate ganz ohne Einnahmen auszukommen. Dennoch habe ich Zweifel und Angst, zu scheitern. Ich konzentriere mich auf die Arbeit an meiner Website. Außerdem haben wir Schimmel im Wohnzimmer und lassen diesen beseitigen. Danach sind wir gezwungen, alle Wände zu streichen, da die Hausverwaltung nur den befallenen Bereich neu streichen lassen hat. Meine Mitbewohnerin ist unerträglich bei gemeinsamen handwerklichen Tätigkeiten und ich bekomme eine fette Erkältung. Trotzdem schaffen wir es irgendwie, das Zimmer zu streichen und gemütlich zu gestalten sogar mit Pflanzen, die bis heute überlebt haben.

Mitte des Monats fängt die Uni wieder an. Ich singe beim Chor des Collegium Musicums vor und werde genommen – das Weihnachtsoratorium und ein weiteres Konzert warten auf mich. Das Studium ist immer noch das richtige. Eine ehemalige Kollegin, die ich bei einem Praktikum vor drei Jahren kennengelernt habe, macht meine Website-Fotos. Wir erinnern uns gemeinsam an diese turbulente Zeit.

November
Die Selbstständigkeit läuft wieder grandios. Schon zu Beginn des Monats weiß ich, dass ich wieder mindestens genug zum Leben verdienen werde. Ich lehne mich zurück. Neva feiert Geburtstag und wir verbringen gemeinsame Zeit in Hamburg. Ihr geht es nicht so gut mit dem neuen Job und ich versuche, so gut wie möglich für sie da zu sein. Ein neuer Kunde kommt hinzu und ich habe alle Hände voll zu tun.

Herbst in Hamburg

Dezember
Der Dezember beginnt mit einem Probenwochenende für das Weihnachtsoratorium. Das ist anstrengend, macht aber auch Spaß. Weil es mich seit drei Monaten einfach nicht mehr los lässt, rufe ich S. an unter dem Vorwand, etwas von ihr gefunden zu haben. Es ist so einfach, das zu tun, dass ich nicht verstehe, wie ich über zwei Jahre zu viel Angst davor haben konnte. Wir verabreden uns. Vor dem Treffen finden die Weihnachtskonzerte statt. Danach gehen alle Musikant*innen zusammen etwas trinken. Ich lerne verschiedene neue Leute kennen, die ich nett finde. 

S. besucht mich zu Hause. Ich gebe ihr den aktuellsten der Briefe, die ich ihr ab und zu geschrieben habe. Wir versöhnen uns irgendwie und doch steht noch so viel zwischen uns. Zwei Jahre. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht, indem ich mich nicht getraut habe, mich bei ihr zu melden. Aber auch sie hat definitiv nicht alles richtig gemacht – und einiges, was sie bei unserem Gespräch gesagt hat, ist für mich nicht in Ordnung.

Was die Selbstständigkeit betrifft, ist der Dezember mein bisher bester Monat. Er ist aber auch der anstrengenste. Ein weiterer Kunde kommt hinzu und neben den Aufträgen bringe ich endlich meine Website an den Start. Froh bin ich, dass die Feiertage mir etwas Erholung verschaffen.

Weihnachten verbringe ich mit Neva in einem Ferienhaus ihrer Tante auf dem Dorf, mitten im Nichts. An zwei Tagen besuchen wir ihre Familie im Dorf nebenan. Neva schenkt mir Gummistiefel und wir wandern durch den verwunschen Wald und am verbotenen Ufer eines künstlichen Sees entlang.

 
Das Nichts im Dezember


Puh, das war lang. Wie war dein Jahr? Welche Highlights, welche Umbrüche und welche schönen Momente gab es bei dir?

Das Jahr in euren Worten

"Du bist ein wundervoller Mensch, das kann ich dir nur immer und immer wieder schreiben und ich bin so stolz auf alles was du in diesem und in jedem anderen Jahr geschafft hast! Und ich bin froh an all dem Teilhaben zu können :)" Lee im Januar


"Ich folge dir jetzt und wünsche mir, dass du auch weiterhin aktiv bleibst." Laurie im Februar


"Ich liebe die Musik über alles und ich liebe die Menschen in meiner Band und das Singen, meine Gitarren aber manchmal ist es wirklich hart das alles nicht zu vernachlässigen, wenn das Leben einen wieder fordert." Imagination.Overdose im März 

"Ich drücke dich ganz doll und schicke dir ein großes Lächeln raus in die große weite Blogger - Welt! Und soll sie sich noch so viel verändern, das ich froh bin das es dich gibt, wird sich niemals ändern!" Lee im April

"Ich schicke dir ganz viel Liebe!" Lebensmalerin im Juni

"ich schicke dir ein bisschen glitzer zu. sehr liebe grüße :)" Mademoiselle Verte im Juli

"Finde es nach wie vor spannend und vorallem toll, wie sich dein Leben entwickelt." Carina im Juli

"Vielen Dank für deine glitzernden Worte! ♥" Black Butterfly im August

"*Glitzer aufgefangen* :)" Zoey im September

"ich bin aber immer noch da und schicke dir meine ganze bewunderung und liebe :)" Effy im Oktober

"♥" Jay im Dezember

Sonntag, 23. September 2018

5 Jahre ElfenTraum(a)

Der Geruch von Herbst in Berlin erinnert mich immer an meine allerersten Wochen in dieser großen Stadt. Das ist jetzt schon mehr als fünf Jahre her. Ich lief damals oft durch die Straßen, die wie heute regennass waren; gelbe Blätter klebten auf dem Pflaster. Oft war es schon dunkel, so wie eben, als ich nach Hause gelaufen bin, nachdem ich meine Freundin zum Bahnhof gebracht habe. Ich ging immer erst abends einkaufen, fasziniert davon, dass die Läden in Berlin bis zehn Uhr geöffnet waren. Außerdem steckte ich damals noch mitten in meiner Essstörung, sodass ich es den ganzen Tag schaffte, wenig bis nichts zu essen, abends aber dennoch loszog und Dinge besorgte, die meine Angst und die Leere in mir füllten.

Dieser September 2013 war irgendwie magisch. So herausgerissen aus dem Leben. Ich war mit meinen beiden Koffern und einem Rucksack nach Berlin gekommen und hatte für einen Monat eine Unterkunft gemietet. Erst im Oktober sollte das Studium losgehen. Über das Internet fand ich Menschen, mit denen ich mich treffen konnte. Wir waren alle neu in Berlin, stammten aus allen möglichen Ländern und ließen uns treiben. Wir saßen in Shisha-Bars, tanzten in den Discos mit weniger teurem Eintritt oder saßen einfach auf den Bürgersteigen und tranken Wodka vom Späti. Und von all diesen ersten Erlebnissen schrieb ich hier auf meinem Blog, den ich nur wenige Tage nach meinem Umzug eröffnete, um mit den vielen neuen Eindrücken nicht allein zu sein.

Nun sitze ich hier, fünf Jahre später, und schreibe immer noch. Nicht mehr so häufig, vielleicht weniger offen, doch das hier ist immer noch ein wichtiger Ort für mich. Ich habe die Kommentare zu meinem letzten Post gelesen und glaube, ich sollte weiter schreiben. Mit der Passwortlösung 2.0 vielleicht, so datenschutzkonform es eben geht. Das ist wohl am besten, denn es gibt immer wieder Artikel, die ich zu wichtig finde, um sie vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Und dann eben die, die zu privat sind, sie jedem zu zeigen. Dann kann ich auch die Posts von damals, die "auf Entwurf" gestellt sind, wieder zugänglich machen für alle, die sich dafür interessieren, wie ich es bis hier her geschafft habe.

In fünf Jahren passiert so viel. Und immer wart ihr dabei. Vor auch recht genau zwei Jahren habt ihr mir besonders stark gezeigt, wie sehr eigentlich fremde Menschen einem beistehen können. Nach jenem Erlebnis bin ich ins Wanken geraten, zwei Jahre lang war ich so vorsichtig, so darauf bedacht, mich nicht der geringsten Gefahr auszusetzen. Und doch bin ich meinen Weg weitergegangen, der zumindest (und eigentlich nur) dem Lebenlauf für Bewerbungen zufolge geradlinig war. Ich habe diese Linie unterbrochen, als ich meinen nach Schule, Abitur, Studium, Bachelor angefangenen Job zum ersten Mal gekündigt habe, um ein Masterstudium anzufangen. Und vor Kurzem habe ich ihn (als Werkstudentenjob weitergeführt) ein zweites Mal gekündigt, um mich selbstständig zu machen.

Während der letzten fünf Jahre wart ihr in den schlechtesten Zeiten für mich da und habt euch in den besten mit mir gefreut. Ich bin so dankbar, euch in meinem Leben zu wissen.

Die wunderbaren Menschen, die mir von Beginn an, über einen kurzen Zeitraum oder bis heute geschrieben haben und schreiben: Davina, Lina, Mademoiselle Verte, Emma, Emaschi, Anna, Emilia, Aryadne, Jay, Freddy, Kian, iwik, Luisa, Effy, Soulsurver, Sam, Liv, Feli, Siréne, Nina, Kathi, Lee, Diana, Fee, Anima, María, Svenja, Melli, Pusteblume, June, Aurelie, Schattenmädchen, Sternenkind, Pflasterstein, Gia, Ivy, Leah, Aurora, Daisy, Lima, Carina, Caro, K., Julia, Tamara, Zoey, die vielen lieben Anonymen und alle, die ich jetzt nicht genannt habe.

Die lieben Personen, die ich persönlich treffen durfte: Lia, Kiwi, Luca und Neva.

Und die Menschen, die zu einem festen Bestandteil meines Offline-Lebens geworden sind: Kiwi & Neva. 💖

Ihr macht jeden gemeinen Kommentar wett, die schönen sind ohnehin in der Überzahl, und ihr seid schon so oft eingesprungen, wenn jemand versucht hat, mich zu verletzen, weil die Inhalte oft solche sind, die viele von uns hören. Uns, deren Leben eben nicht geradlinig verläuft. Ich glaube, Blogger speichert die Kommentare nur bis 1.000. Jedenfalls sind 1.000 Kommentare hier veröffentlicht. Es ist wirklich kaum zu glauben, wie viel ein paar unbeholfene Worte, rausgeschickt an einem regnerischen Septembertag vor fünf Jahren, bewirken können. Wem auch immer ihr euch anvertraut, einer Freundin, einem Familienmitglied, einem Lehrer oder dem Internet, es tut so gut. Danke. <3

Ich werde an der Passwortlösung arbeiten. Ich muss aber alle bitten, auch die, die schon im Verteiler eingetragen waren, mir noch einmal eine E-Mail an elfentrauma@web.de zu schicken, in die ihr ausdrücklich schreibt, dass ihr passwortgeschützte Posts von mir lesen und das Passwort per E-Mail zugeschickt haben möchtet. Leser*innen, die noch nicht im Verteiler waren, beachten zusätzlich, was im Reiter Passwort? steht. 😊

So viel Glitzer geht an euch raus, dass jede*r eine Hand voll abbekommt. 💖




Samstag, 14. Juli 2018

Wir sind mehr, aber nicht weniger als unser Trauma

Ich bin gerade krankgeschrieben. So kann ich die Zeit einmal nicht komplett verplanen, sondern habe spontan einen Freiraum. Ich neige dazu, immer irgendetwas zu tun, mich immer irgendwie zu beschäftigen. Langeweile hatte ich lange nicht mehr. Ruhe, Entspannung, ja. Vor allem, wenn ich mit Neva zusammen bin, kann ich meine Zeit auch mit Rumliegen und die Sonne genießen verbringen. Und ich nehme mir auch Freizeit zum Spazieren, Serien schauen oder etwas mit Freund*innen unternehmen. Aber nichts tun mit mir allein, das kommt selten vor.

Ich habe mich erinnert, an die "alten Zeiten", als ich fast jeden Tag hier etwas geschrieben habe. Es gab leere Räume in meinem Alltag, in denen ich nichts zu tun hatte und mich meinem Hobby, meinen Gedanken und euch widmen konnte. Für mein Studium musste ich damals kaum etwas machen und einen Job hatte ich noch nicht oder beendete ihn schnell wieder, weil es nicht passte. Ich konnte frei drauf los schreiben, denn von SEO und der Bloggerwelt da draußen, wie sie heute ist, wusste ich noch nichts. Ich war unbedarft. Und noch völlig anonym. Dieser Blog war immer ein wunderbarer Halt für mich. Ich hatte immer etwas zu erzählen und immer antwortete jemand darauf. Wir konnten uns stundenlang im Netz Kommentare hin und her schicken. Es gab Foren und später Whatsapp-Gruppen, in denen wir unsere Leben miteinander teilten. Wir waren wie Mitbewohner*innen in einer großen WG. Morgens fragten wir einander, wie es uns geht. Wir fragten die anderen, was wir essen, kaufen oder unternehmen sollten. Wir erzählten abends, wie unser Tag war. Wir waren wie eine Großfamilie. Und das habe ich sehr genossen.

Viele von uns sind dieser Zeit entwachsen. Unsere Leben haben sich einfach verändert und das ist auch in Ordnung. Doch manchmal blicken wir wehmütig zurück. Das sehe ich daran, dass es immer mal wieder von jemandem, der längst zu bloggen aufgehört hat, einen neuen Post gibt. Einen, der sagt, ich vermisse euch, ich werde ab jetzt wieder regelmäßig posten! Doch der Blog bleibt leer. Das Leben hat anderes mit uns vor. Wir müssen unseren Abschluss machen, arbeiten, unser eigenes Geld verdienen, wir haben gar nicht die Zeit dazu, uns weiter gehen zu lassen. Wir finden Freund*innen und Liebste im Real Life. Wir sind keine Teenager mehr. Wir haben uns mit unseren Problemen arrangiert oder sie sogar überwunden. Wir glauben, wir brauchen den Blog nicht mehr ‒ oder verdienen es nicht, noch Teil dieser einzigartigen Welt zu sein. Und wir haben einfach keine Zeit.

Noch etwas passiert mit uns. Es wird wichtiger, wer wir sind, auch wer wir im Internet sind. Wir haben Angst, dass unsere Geschichten nicht anonym bleiben, dass uns irgendjemand findet und die Informationen gegen uns verwendet. Das ist schon oft genug passiert. Ich habe es von anderen gehört und selbst erlebt. Leider sind es die Menschen, die mir am schlechtesten gesonnen sind, die meine Zeilen lesen und dafür sorgen, dass das hier kein sicherer Ort mehr für mich ist.

Auch der Umgangston ist rauer geworden. Die mitfühlenden Mit-Blogger*innen sind nicht mehr da, um gleich Sturm zu laufen gegen die "Hater". Man steht ihnen allein gegenüber. Löscht irgendwann fast stumpf die Kommentare, die vielleicht immer von derselben, unbelehrbaren Person geschrieben werden. Die Person, die deine Sorgen, Probleme und Traumata in Frage stellt. Die einem sagt, dass man doch bloß ein Aufmerksamkeitsproblem hat. Fremde urteilen über etwas, das dein ganzes Leben beeinflusst, das sehr sehr schlimm war. Und sie wischen es mit einem Satz weg, es ist Nichts, was du hast, sagen sie. Das wissen sie natürlich, weil sie einen so gut kennen... Es verletzt mich nicht mehr, nicht länger als zehn Minuten beschäftigt es mich jedenfalls. Aber es macht mich wütend, weil es die Einstellung eines großen Teils der Gesellschaft gegenüber psychischen Erkrankungen, Traumata und seelischen Behinderungen widerspiegelt.

Auch die Tatsache, dass es mir gerade gut geht, macht nicht wett, was mir passiert ist. Nichts auf dieser Welt kann meine Erlebnisse jemals verschwinden lassen. Kein gutes Gefühl, kein Erfolg, kein Glück wird meine Erfahrungen einfach ausradieren. Sie gehören zu meinem Leben wie mein Geburtstag. Manchmal holen sie mich ein und ich habe eine depressive Episode. Oft behindern sie mich bei dem Versuch, neue Menschen kennenzulernen, weil sie einen so großen Teil meines bisherigen Lebens einnehmen. Sie machen mir Arztbesuche schwer und sie versuchen mich immer wieder daran zu hindern, mich selbst anzunehmen, zu lieben und zu akzeptieren, was zu mir gehört.

Mir gelingt ein Leben, das nicht jedem Mitglied unserer Bloggerwelt gelingt. Auch das habe ich zu einem Teil meinen Erfahrungen zu verdanken, zu einem zweiten meinem Privileg einer guten Bildung und zu einem dritten meiner eigenen Persönlichkeit und meiner Fähigkeit, mich grundsätzlich so zu nehmen wie ich bin, auch wenn ich mich manchmal wieder weniger leiden kann. Ich bin gut darin, mich allein durchzuschlagen. Irgendwie. Und dafür, das auch irgendwie gut hinzubekommen, habe ich Unterstützung. Um "uns" herum rankt sich ein Märchen des Stigma: Wenn wir traumatisiert sind, müssen wir kaputte Seelen sein, deren Leben nichts Gutes mehr hervorbringen kann und die ununterbrochen leiden. Und wenn wir nicht permanent traurig sind und leiden, dann können wir gar nicht traumatisiert sein.

So einfach ist es doch nie im Leben. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und ist so individuell wie unser Fingerabdruck. Eine Folge meiner Erlebnisse ist mein unglaublicher Drang nach Selbstbestimmung. Der hat mich unabhängig gemacht. Er hat mich in die Lage versetzt, früh selbstständig zu sein und mein eigenes Geld zu verdienen. Und er bringt mich noch weiter, nämlich zum eigenen Business. Ich bin Gründerin, weil ich frei sein und meine Arbeitskraft sinnvoll einsetzen möchte. Das Leben ist ein Prozess und ich bin dabei, mir meines so zu bauen, wie ich es gerne hätte. Dieses Glück ist nicht jedem vergönnt und nicht jede erkennt es, selbst wenn es direkt vor ihr liegt. Für mich gibt es kein Endziel, nur ein immer und immer Weiterleben. Und zu diesem Prozess gehören gute und schlechte, einzigartige und furchtbare Tage und Zeiten. Ein gerader Weg wäre doch auch ein langweiligerer.

Ich finde mein Leben in Ordnung so. Ich strebe nach vielem, aber gewiss nicht nach Perfektion. Nicht nach einer Welt, in der es keine schlechten Tage mehr gibt, nicht nach einem Leben im Einheitsbrei. Aber ich werde sauer, wenn andere ihre Schwarzweißschablone über meines und die Leben meiner Freund*innen legt, uns ihre nicht gefragte Ansicht überstülpen und versuchen, uns die Luft zum Atmen zu nehmen. Das ist meine Baustelle. Wer die nicht bearbeitenswert findet, kann sich eine eigene suchen. Es gibt genug davon!

Und nun, ihr lieben Leser*innen, meldet euch zu Wort, wenn ihr weiter an diesem Blog interessiert seid. Wie soll ich weitermachen? Mehr passwortgeschützte Posts? Oder den Blog auf privat stellen und einladen? Letzteres macht das Problem, dass neue Posts nicht angezeigt werden. Wäre eine Benachrichtung per Newsletter eine Idee? Helft mir weiter und gebt mir Tipps zu einem größeren Sicherheitsgefühl hier an meinem einst sicheren Ort! Schließlich bin ich eine derjenigen, die nie weg war und gerne weitermachen möchte. Irgendeine Lösung muss es geben.

Danke für eure Treue. <3


Donnerstag, 10. Mai 2018

Das Dilemma der pragmatischen Künstlerin

Meine künstlerischen Ausbrüche sind seltener geworden. Vielleicht, weil meinem Leben Drama und Depression fehlen. Und weil Texten am Fließband den Zugang zum wirklichen Schreiben erschwert. Weil ich zu wenig Literarisches lese. Und weil ich mir zu wenig Zeit nehme, zu klassischer Musik theatralisch durch die Gegend zu tanzen, auf dem Boden zu liegen und nachzudenken, chaotische Skizzen zu zeichnen oder ziellose Entwürfe zu verfassen. Ich weiß auch nicht, ob das gut wäre. Schließlich hat vieles von dem eine traumatische Bedeutung, was ich mit Kunst verbinde. Aber ich kann die Erlebnisse meiner Vergangenheit nicht verdrängen, ohne mich selbst zu vergessen oder zumindest zu verschleiern.

Es blitzt.

Meine jüngste Erkenntnis: Es ist notwendig, Zeiten zu haben, die nicht mit ausführenden Tätigkeiten, mit Handlungen gefüllt sind. Zeiten zum Nachdenken, zum Reflektieren. Ich muss begreifen, dass Nichtstun nicht vertane Zeit ist. Tatsache ist aber auch, dass meine Ruhelosigkeit einer Angst entspringt: Wenn ich nichts tue, könnten sich vor mein inneres Auge unangenehme Erinnerungen schieben, die schlechte Gefühle entstehen lassen, die Drama und Depression zu mir zurückbringen könnten. Stehe ich also vor der Wahl: eine normale Person zu sein, der es gut geht, oder eine Künstlerin, die beständig leidet? Sicher hat mir dieses Dilemma meine Mutter anerzogen.

Es donnert.

Erfolgversprechend ist vermutlich das Modell, das ich lebe: Ich arbeite meinen Zielen entgegen, immer. Auch wenn es zuweilen mehr Ziele sind als in einem Menschenleben erfüllbar. Fortwährend konsumiere ich Inhalte, wenn ich gerade nichts Praktisches tue. Das ist auch wirklich einfach. Klick um Klick starte ich etwas Neues, ohne überlegen zu müssen, was als nächstes kommt. Mein Algorithmus, der mich inzwischen ganz gut kennt, weiß mir immer etwas vorzuschlagen. Ich liebe das Gefühl, wenn sich altes Wissen mit neuem vernetzt, wenn ich Zusammenhänge verstehe und plötzliche Erkenntnisse habe. Doch wie nachhaltig ist das, wenn ich sie nicht ausführlich reflektiere und nie etwas aufschreibe?

Die Vögel zwitschern.

Ich lasse mich leicht ablenken. Das war immer schon so, weil mich zu viel interessiert. Ich lese gerade einen Roman, über dessen Autorin ich ein Referat halten muss, obwohl ich lieber ein Fachbuch über Gender und Wissenschaften weiterlesen würde, aus dem ich eigentlich nur einen Artikel für ein anderes Referat brauchte. Der Roman immerhin hat mich in diesen Zustand versetzt, der im vorliegenden Blogpost mündet. Ich bin auf Seite 39, es ist 20 Uhr und ich habe etwas geschaffen, das weder geplant war, noch einem meiner pragmatischen Ziele näher kommt. Doch ich bin froh und fühle mich frei, nur im Hintergrund der Hauch eines schlechten Gewissens. Ob ich eines Tages so unabhängig sein werde, dass ich mich auf dem Fluss meiner Gedanken, Ideen und Interessen treiben lassen kann, obwohl sie so gerne und schnell die Richtung ändern?