Sonntag, 30. Dezember 2018

Mein Jahresrückblick 2018

Schon wieder ist ein Jahr vorbei Zeit also für einen kleinen Rückblick. Diesmal schreibe ich in Hamburg, wo meine liebste Neva jetzt wohnt. Ich sitze in ihrem gemütlichen, über 80 Jahre alten Ohrensessel, den ihr vielleicht aus ihren Blogbeiträgen schon kennt. Neben mir steht ein improvisierter Tisch aus einem Lautsprecher und einer Dartscheibe. Er beherbergt die Kaffeemaschine Ronja. Außerdem steht heute eine Tasse mit dampfend heißem Kakao darauf. Neva arbeitet gerade. Das Tageslicht habe ich genutzt, um einmal um die ganze Außenalster herum zu spazieren. Jetzt dämmert es und das Zimmer ist in warmes Lampenlicht getaucht.

Meine Tagebücher habe ich zu Hause in Berlin vergessen. Deshalb schreibe ich heute nur von den großen Erlebnissen und Umbrüchen aus 2018. Vielleicht kommt später noch ein Post mit Zitaten und Persönlicherem. Hier aber ist erst einmal mein Jahresrückblick, wie immer nach Monaten sortiert:

Januar
Ich starte 2018 mit Neva, ihrer Mitbewohnerin M. inklusive Freund und dem anderen Mitbewohner sowie dem Champagner, den ich beim Lose-Wichteln auf der Arbeit gewonnen habe, und Wunderkerzen in Münster.

Ende des Monats fahre ich nach Hamburg, wo wir mit einem Kurs von der Uni eine interaktive Ausstellung machen. Neva will auch kommen, damit wir uns zwei schöne Tage in der Hafenstadt machen können. Weil wieder einmal Sturm ist, brauchen wir von Berlin viereinhalb, Neva von Münster aus elf Stunden bis Hamburg. Wir sind im Stress, sie verpasst die Ausstellung und trotzdem haben wir am nächsten Tag eine schöne Zeit. Nevas Idee, dieses oder nächstes Jahr nach Hamburg zu ziehen, existiert bereits. Noch können wir uns aber beide nicht vorstellen, dass sie schon so bald zur Realität wird.

Hamburg im Januar

Ich bin unzufrieden mit meinem Masterstudium, das ich im Wintersemester 2017 eher als Notlösung angefangen habe, um der 40-Stunden-Woche im Büro zu entfliehen. Durch das Pendeln in eine andere Stadt und den Werkstudentenjob habe ich kaum Zeit, meinen Plan, mich nebenher selbstständig zu machen, in die Tat umzusetzen. Also bewerbe ich mich doch noch einmal an der Uni in Berlin, die mich im Oktober nicht hatte nehmen wollen.

Februar
Mehr schlecht als recht und nur in dem Seminar mit der Ausstellung mit einer 1 schließe ich das Semester in Brandenburg ab. Die Semesterferien beginnen und ich besuche erst meine Großeltern, dann Neva. Wir entdecken in dem kleinen Wäldchen hinter ihrem Haus erste Frühblüher. Ich habe große Angst davor, dass die Uni mich nicht nimmt und ich an der alten bleiben muss.

Ein Spaziergang im Februar

Als ich wieder nach Hause komme es ist schon Ende Februar erwartet mich im Briefkasten die Zusage. Ich darf ein Masterstudium in Technikgeschichte absolvieren. Freude und Aufbruchstimmung überströmen mich wie so oft im Februar.

März
Ich arbeite viel, um vor dem Beginn des neuen Studiums meinen Kontostand aufzupolieren. Bis Mitte April fahre ich alle zwei Wochen zu Neva nach Münster. Eine Routine stellt sich ein. Nebenbei beginne ich jetzt intensiv, mich mit der Selbstständigkeit zu beschäftigen. Ich nehme an Webinaren, Onlinekursen und Social-Media-Challenges teil, werde mir über meine Positionierung klarer und veröffentliche den ersten Post auf meiner Business-Facebookseite. Außerdem arbeite ich an meiner Website, für deren Domain ich schon seit ein paar Monaten bezahle, ohne wirklich etwas daran zu machen. Die Osterfeiertage verbringe ich mit Neva. Wir haben eine wunderschöne Zeit, in der wir Möhrenkuchen backen, spazieren gehen, picknicken und am Osterfeuer sitzen.

Osterfeuer im März

April
Ich versuche die DSGVO zu verstehen und umzusetzen. Mein anderer Blog zieht zu WordPress um. Ich stelle fest, dass die Website-Erstellung nach den neuen Regeln wohl doch etwas länger dauern wird. Bei der Arbeit frage ich nach, ob ich auch als Freie Aufträge annehmen darf und ich darf, solange es sich nicht um die Konkurrenz, also andere Agenturen handelt. Also halte ich die Augen offen.

Auf dem Uni-Campus im April

Mitte April beginnt das Studium. Für mich ist das wahnsinnig aufregend, habe ich doch noch nie an einer richtigen Universität studiert, an der man seine Stundenpläne selbst zusammenstellt und viel mehr Freiheiten hat. Das ist genau, was ich vorher vermisst habe. Aber es ist auch eine Herausforderung, einen Master in Geschichte zu studieren, wenn man keinen Bachelor in einer Geisteswissenschaft hat. Wieder einmal gilt: Die Uni nimmt Studierende aus allen möglichen Fachbereichen, behandelt sie dann aber so, als wüssten sie schon alles aus dem Bachelor. Im nächsten Semester wollen sie solche wie mich und etwa die Hälfte der übrigen Studierenden wohl nicht mehr nehmen. So wird es Bachelor-Absolvent*innen weiter erschwert, im Master eine andere Richtung einzuschlagen. Davon abgesehen aber fühle ich mich diesmal im richtigen Studium.

Mai
Der Mai beginnt mit meinem ersten Besuch auf der re:publica. Ich habe einen Tag lang für die Messe gearbeitet und dafür ein Ticket bekommen. Spannende Eindrücke und Menschen erwarten mich. Vollgesogen mit Informationen und hochmotiviert komme ich zurück. Ein potenzieller Kunde lässt mich einen Probetext schreiben.

Ende des Monats fahre ich mit Neva nach Leipzig. Wir übernachten in einem Bungalow auf einem Campingplatz am See. Von dort aus fahren wir an einem der drei Tage zu meinem ehemaligen Internat und besuchen das Schulfest. Zum ersten Mal nach fast acht Jahren bin ich wieder dort. Wir kommen recht spät, weil wir einen Zug aus Langsamkeit verpassen, den nächsten, weil der Bus nicht pünktlich ist. Doch die letzte halbe Stunde des alljährlichen Kammerkonzerts bekommen wir noch mit. Ich sehe meine alte Klavierlehrerin wieder und einige andere. Doch ich bleibe weitgehend undercover niemand erkennt mich wieder.

Leipzig im Mai

Erst ganz am Ende treffen wir auf eine Gruppe ehemaliger Klassenkameraden. Die Unterhaltung mit ihnen ist seltsam. Ich finde sie alle nicht sympathisch und habe gar kein Bedürfnis, mit ihnen zu sprechen. Ich fühle mich ihnen nicht mehr unterlegen, wünsche mir nicht mehr, dass sie meine Freunde sind statt mich zu mobben; ich bin nicht mehr 14. Und ich denke, dass ich erfolgreicher, eigenständiger und zufriedener bin als sie alle – auch wenn das vielleicht ein bekloppter Gedanke ist.

Während wir auf der Wiese in dem Park, durch den ich früher so oft spaziert bin, picknicken, bekommt Neva eine E-Mail: Der erste Job in Hamburg, auf den sie sich beworben und für den sie ein Vorstellungsgespräch gehabt hat und sie hat ihn! Wir freuen uns. Es ist so schön, mit ihr Hand in Hand durch den Park zu laufen oder uns heimlich auf dem Damenklo zu küssen. Uns kann völlig egal sein, was die Deppen aus meiner früheren Klasse denken. Wir lieben uns!

Zurück in Berlin feiern wir meinen 24. Geburtstag in unserem Lieblingscafé beim leckersten veganen Kuchen der Welt.

Geburtstagskuchen im Mai


Juni
Ich beschäftige mich weiterhin mit der Vorbereitung auf die Selbstständigkeit – ohne genau zu wissen, ob und wann die eigentlich beginnen wird. Auf meine Nachfrage sagt mir die Firma zu, für die ich einen Probetext geschrieben habe. Ab jetzt bekomme ich selten, aber immer wieder mal Aufträge von ihr. Meinen ersten Kunden habe ich gefunden. Bald darauf meldet sich ein ehemaliger Kollege bei mir und fragt an, ob ich für seine Agentur texten möchte. Ich darf nicht, solange ich noch als Werkstudentin beschäftigt bin. Worüber ich schon so oft nachgedacht habe, nimmt jetzt Formen an. Ich muss mich entscheiden: absagen oder mit einem Termin antworten, ab dem ich verfügbar sein werde? Mein Arbeitsvertrag ist bis Ende August befristet, würde wohl aber problemlos verlängert werden. Ich antworte, dass ich ab September gerne für ihn arbeite.

Ein Seminar über ein Stück von Kleist wird für mich zum eindrücklichen Erlebnis aus ganz persönlicher Perspektive. Mit vier bekannten Autor*innen sprechen wir den ganzen Tag lang über diese Gesschichte. Abends bei Pasta und Wein verflechtet sie sich immer mehr mit unseren eigenen Biografien. Ich schreibe ein sehr persönliches, fünfseitiges Stück, dessen Abgabe mich Ende des Semesters einiges an emotionaler Überwindung kosten wird – und noch die Note 1,0 erhält.

Ende des Monats heiratet Nevas bester Freund. Wir sind als Paar dort eingeladen und fragen uns, ob wir nun spießig werden. Außerdem sprechen wir über unsere eigenen Vorstellungen von der partnerschaftlichen Zukunft.

Juli 
Fast ein Jahr ist vergangen und ich sitze wieder meiner Chefin gegenüber. Diesmal beende ich mein Angestelltenverhältnis endgültig. Ich sage ihr, dass ich meinen Vertrag nicht verlängern möchte und als Freelancerin arbeiten werde. 

Sommer in Berlin

Ich erledige die letzten Aufgaben für die Uni, dann endet die Vorlesungszeit. Nebenbei werde ich ein bisschen krank – mehrere Wochen lang habe ich Bauchschmerzen und gehe irgendwann tatsächlich mal zu meiner Hausärztin. Zweimal bin ich dort und sie wundert sich über meinen zu schnellen Herzschlag. Die Gelegenheit nutze ich, um von meinem plötzlichen Herzrasen zu erzählen, das ich schon lange in unregelmäßigen Abständen habe. Eine kleine Odyssee beginnt (für mich zumindest ist es furchtbar).


August
Vier Termine und drei Ärzte später haben wir zumindest eine Verdachtsdiagnose für das Herzleiden, dass ich seit mehr als zehn Jahren habe. Und die ist körperlicher Natur. Nichts Psychisches, wie alle Ärzt*innen immer zuallererst vermuteten und was oft davon abhielt, überhaupt irgendeine Untersuchung zu machen. Ich bin stolz auf mich, dass ich mich davon nicht unterbuttern lassen habe. Und natürlich froh, dass es absolut nichts Schlimmes, sondern allenfalls nervig ist. Um Klarheit zu gewinnen, müsste das Rasen nur einmal auftreten, wenn gerade eine geöffnete Arztpraxis in der Nähe ist.

Ob die Bauchschmerzen wohl von der Aufregung kamen? Jedenfalls sind sie verschwunden. Ich bringe die letzten zwei Wochen als Angestellte hinter mich. Danach nehme ich meinen restlichen Urlaub. Neva zieht nach Hamburg und ich helfe ihr dabei. Eine Woche meines Urlaubs verbringen wir gemeinsam in Berlin, danach geht es mit Nevas bester Freundin und deren Freund an die Nordsee. Windige, verregnete, aber sehr schöne Tage verbringen wir in einer kleinen Ferienwohnung in einem der vielen Nester, die mit -siel enden. 

Die Nordsee im August


September
Neva und ich beginnen beide gleichzeitig unsere neuen Jobs. Sie in Hamburg und ich als Selbstständige. Gleich an meinem ersten Arbeitstag telefoniere ich mit dem ehemaligen Kollegen und ziehe mir meinen zweiten Kunden an Land. Ich bin sehr motiviert und habe großen Spaß an meiner Arbeit. Der erste Monat läuft auch finanziell viel besser als ich es mir vorgenommen habe. 

Fast anderthalb Jahre nach der Trennung meiner Mitbewohner zieht R. endlich aus. Damit fliegt viel Müll und Unordnung aus der Wohnung. Das bisher als Gerümpelkammer genutzte Wohnzimmer wird mein Büro. Wir gestalten es völlig neu und ich beginne mit der Planung. Zwischendurch besuche ich meine Großeltern und natürlich sehe ich auch Neva regelmäßig.

Jenes Ereignis jährt sich zum zweiten Mal und ich denke viel über S. nach, meine Unifreundin, die ich damals verlor.

Oktober
Der Oktober läuft businessmäßig nicht so gut, aber die Ergebnisse liegen näher an meinen ursprünglichen Erwartungen. Außerdem habe ich genügend Erspartes, um mehrere Monate ganz ohne Einnahmen auszukommen. Dennoch habe ich Zweifel und Angst, zu scheitern. Ich konzentriere mich auf die Arbeit an meiner Website. Außerdem haben wir Schimmel im Wohnzimmer und lassen diesen beseitigen. Danach sind wir gezwungen, alle Wände zu streichen, da die Hausverwaltung nur den befallenen Bereich neu streichen lassen hat. Meine Mitbewohnerin ist unerträglich bei gemeinsamen handwerklichen Tätigkeiten und ich bekomme eine fette Erkältung. Trotzdem schaffen wir es irgendwie, das Zimmer zu streichen und gemütlich zu gestalten sogar mit Pflanzen, die bis heute überlebt haben.

Mitte des Monats fängt die Uni wieder an. Ich singe beim Chor des Collegium Musicums vor und werde genommen – das Weihnachtsoratorium und ein weiteres Konzert warten auf mich. Das Studium ist immer noch das richtige. Eine ehemalige Kollegin, die ich bei einem Praktikum vor drei Jahren kennengelernt habe, macht meine Website-Fotos. Wir erinnern uns gemeinsam an diese turbulente Zeit.

November
Die Selbstständigkeit läuft wieder grandios. Schon zu Beginn des Monats weiß ich, dass ich wieder mindestens genug zum Leben verdienen werde. Ich lehne mich zurück. Neva feiert Geburtstag und wir verbringen gemeinsame Zeit in Hamburg. Ihr geht es nicht so gut mit dem neuen Job und ich versuche, so gut wie möglich für sie da zu sein. Ein neuer Kunde kommt hinzu und ich habe alle Hände voll zu tun.

Herbst in Hamburg

Dezember
Der Dezember beginnt mit einem Probenwochenende für das Weihnachtsoratorium. Das ist anstrengend, macht aber auch Spaß. Weil es mich seit drei Monaten einfach nicht mehr los lässt, rufe ich S. an unter dem Vorwand, etwas von ihr gefunden zu haben. Es ist so einfach, das zu tun, dass ich nicht verstehe, wie ich über zwei Jahre zu viel Angst davor haben konnte. Wir verabreden uns. Vor dem Treffen finden die Weihnachtskonzerte statt. Danach gehen alle Musikant*innen zusammen etwas trinken. Ich lerne verschiedene neue Leute kennen, die ich nett finde. 

S. besucht mich zu Hause. Ich gebe ihr den aktuellsten der Briefe, die ich ihr ab und zu geschrieben habe. Wir versöhnen uns irgendwie und doch steht noch so viel zwischen uns. Zwei Jahre. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht, indem ich mich nicht getraut habe, mich bei ihr zu melden. Aber auch sie hat definitiv nicht alles richtig gemacht – und einiges, was sie bei unserem Gespräch gesagt hat, ist für mich nicht in Ordnung.

Was die Selbstständigkeit betrifft, ist der Dezember mein bisher bester Monat. Er ist aber auch der anstrengenste. Ein weiterer Kunde kommt hinzu und neben den Aufträgen bringe ich endlich meine Website an den Start. Froh bin ich, dass die Feiertage mir etwas Erholung verschaffen.

Weihnachten verbringe ich mit Neva in einem Ferienhaus ihrer Tante auf dem Dorf, mitten im Nichts. An zwei Tagen besuchen wir ihre Familie im Dorf nebenan. Neva schenkt mir Gummistiefel und wir wandern durch den verwunschen Wald und am verbotenen Ufer eines künstlichen Sees entlang.

 
Das Nichts im Dezember


Puh, das war lang. Wie war dein Jahr? Welche Highlights, welche Umbrüche und welche schönen Momente gab es bei dir?

Das Jahr in euren Worten

"Du bist ein wundervoller Mensch, das kann ich dir nur immer und immer wieder schreiben und ich bin so stolz auf alles was du in diesem und in jedem anderen Jahr geschafft hast! Und ich bin froh an all dem Teilhaben zu können :)" Lee im Januar


"Ich folge dir jetzt und wünsche mir, dass du auch weiterhin aktiv bleibst." Laurie im Februar


"Ich liebe die Musik über alles und ich liebe die Menschen in meiner Band und das Singen, meine Gitarren aber manchmal ist es wirklich hart das alles nicht zu vernachlässigen, wenn das Leben einen wieder fordert." Imagination.Overdose im März 

"Ich drücke dich ganz doll und schicke dir ein großes Lächeln raus in die große weite Blogger - Welt! Und soll sie sich noch so viel verändern, das ich froh bin das es dich gibt, wird sich niemals ändern!" Lee im April

"Ich schicke dir ganz viel Liebe!" Lebensmalerin im Juni

"ich schicke dir ein bisschen glitzer zu. sehr liebe grüße :)" Mademoiselle Verte im Juli

"Finde es nach wie vor spannend und vorallem toll, wie sich dein Leben entwickelt." Carina im Juli

"Vielen Dank für deine glitzernden Worte! ♥" Black Butterfly im August

"*Glitzer aufgefangen* :)" Zoey im September

"ich bin aber immer noch da und schicke dir meine ganze bewunderung und liebe :)" Effy im Oktober

"♥" Jay im Dezember

Sonntag, 23. September 2018

5 Jahre ElfenTraum(a)

Der Geruch von Herbst in Berlin erinnert mich immer an meine allerersten Wochen in dieser großen Stadt. Das ist jetzt schon mehr als fünf Jahre her. Ich lief damals oft durch die Straßen, die wie heute regennass waren; gelbe Blätter klebten auf dem Pflaster. Oft war es schon dunkel, so wie eben, als ich nach Hause gelaufen bin, nachdem ich meine Freundin zum Bahnhof gebracht habe. Ich ging immer erst abends einkaufen, fasziniert davon, dass die Läden in Berlin bis zehn Uhr geöffnet waren. Außerdem steckte ich damals noch mitten in meiner Essstörung, sodass ich es den ganzen Tag schaffte, wenig bis nichts zu essen, abends aber dennoch loszog und Dinge besorgte, die meine Angst und die Leere in mir füllten.

Dieser September 2013 war irgendwie magisch. So herausgerissen aus dem Leben. Ich war mit meinen beiden Koffern und einem Rucksack nach Berlin gekommen und hatte für einen Monat eine Unterkunft gemietet. Erst im Oktober sollte das Studium losgehen. Über das Internet fand ich Menschen, mit denen ich mich treffen konnte. Wir waren alle neu in Berlin, stammten aus allen möglichen Ländern und ließen uns treiben. Wir saßen in Shisha-Bars, tanzten in den Discos mit weniger teurem Eintritt oder saßen einfach auf den Bürgersteigen und tranken Wodka vom Späti. Und von all diesen ersten Erlebnissen schrieb ich hier auf meinem Blog, den ich nur wenige Tage nach meinem Umzug eröffnete, um mit den vielen neuen Eindrücken nicht allein zu sein.

Nun sitze ich hier, fünf Jahre später, und schreibe immer noch. Nicht mehr so häufig, vielleicht weniger offen, doch das hier ist immer noch ein wichtiger Ort für mich. Ich habe die Kommentare zu meinem letzten Post gelesen und glaube, ich sollte weiter schreiben. Mit der Passwortlösung 2.0 vielleicht, so datenschutzkonform es eben geht. Das ist wohl am besten, denn es gibt immer wieder Artikel, die ich zu wichtig finde, um sie vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Und dann eben die, die zu privat sind, sie jedem zu zeigen. Dann kann ich auch die Posts von damals, die "auf Entwurf" gestellt sind, wieder zugänglich machen für alle, die sich dafür interessieren, wie ich es bis hier her geschafft habe.

In fünf Jahren passiert so viel. Und immer wart ihr dabei. Vor auch recht genau zwei Jahren habt ihr mir besonders stark gezeigt, wie sehr eigentlich fremde Menschen einem beistehen können. Nach jenem Erlebnis bin ich ins Wanken geraten, zwei Jahre lang war ich so vorsichtig, so darauf bedacht, mich nicht der geringsten Gefahr auszusetzen. Und doch bin ich meinen Weg weitergegangen, der zumindest (und eigentlich nur) dem Lebenlauf für Bewerbungen zufolge geradlinig war. Ich habe diese Linie unterbrochen, als ich meinen nach Schule, Abitur, Studium, Bachelor angefangenen Job zum ersten Mal gekündigt habe, um ein Masterstudium anzufangen. Und vor Kurzem habe ich ihn (als Werkstudentenjob weitergeführt) ein zweites Mal gekündigt, um mich selbstständig zu machen.

Während der letzten fünf Jahre wart ihr in den schlechtesten Zeiten für mich da und habt euch in den besten mit mir gefreut. Ich bin so dankbar, euch in meinem Leben zu wissen.

Die wunderbaren Menschen, die mir von Beginn an, über einen kurzen Zeitraum oder bis heute geschrieben haben und schreiben: Davina, Lina, Mademoiselle Verte, Emma, Emaschi, Anna, Emilia, Aryadne, Jay, Freddy, Kian, iwik, Luisa, Effy, Soulsurver, Sam, Liv, Feli, Siréne, Nina, Kathi, Lee, Diana, Fee, Anima, María, Svenja, Melli, Pusteblume, June, Aurelie, Schattenmädchen, Sternenkind, Pflasterstein, Gia, Ivy, Leah, Aurora, Daisy, Lima, Carina, Caro, K., Julia, Tamara, Zoey, die vielen lieben Anonymen und alle, die ich jetzt nicht genannt habe.

Die lieben Personen, die ich persönlich treffen durfte: Lia, Kiwi, Luca und Neva.

Und die Menschen, die zu einem festen Bestandteil meines Offline-Lebens geworden sind: Kiwi & Neva. 💖

Ihr macht jeden gemeinen Kommentar wett, die schönen sind ohnehin in der Überzahl, und ihr seid schon so oft eingesprungen, wenn jemand versucht hat, mich zu verletzen, weil die Inhalte oft solche sind, die viele von uns hören. Uns, deren Leben eben nicht geradlinig verläuft. Ich glaube, Blogger speichert die Kommentare nur bis 1.000. Jedenfalls sind 1.000 Kommentare hier veröffentlicht. Es ist wirklich kaum zu glauben, wie viel ein paar unbeholfene Worte, rausgeschickt an einem regnerischen Septembertag vor fünf Jahren, bewirken können. Wem auch immer ihr euch anvertraut, einer Freundin, einem Familienmitglied, einem Lehrer oder dem Internet, es tut so gut. Danke. <3

Ich werde an der Passwortlösung arbeiten. Ich muss aber alle bitten, auch die, die schon im Verteiler eingetragen waren, mir noch einmal eine E-Mail an elfentrauma@web.de zu schicken, in die ihr ausdrücklich schreibt, dass ihr passwortgeschützte Posts von mir lesen und das Passwort per E-Mail zugeschickt haben möchtet. Leser*innen, die noch nicht im Verteiler waren, beachten zusätzlich, was im Reiter Passwort? steht. 😊

So viel Glitzer geht an euch raus, dass jede*r eine Hand voll abbekommt. 💖




Samstag, 14. Juli 2018

Wir sind mehr, aber nicht weniger als unser Trauma

Ich bin gerade krankgeschrieben. So kann ich die Zeit einmal nicht komplett verplanen, sondern habe spontan einen Freiraum. Ich neige dazu, immer irgendetwas zu tun, mich immer irgendwie zu beschäftigen. Langeweile hatte ich lange nicht mehr. Ruhe, Entspannung, ja. Vor allem, wenn ich mit Neva zusammen bin, kann ich meine Zeit auch mit Rumliegen und die Sonne genießen verbringen. Und ich nehme mir auch Freizeit zum Spazieren, Serien schauen oder etwas mit Freund*innen unternehmen. Aber nichts tun mit mir allein, das kommt selten vor.

Ich habe mich erinnert, an die "alten Zeiten", als ich fast jeden Tag hier etwas geschrieben habe. Es gab leere Räume in meinem Alltag, in denen ich nichts zu tun hatte und mich meinem Hobby, meinen Gedanken und euch widmen konnte. Für mein Studium musste ich damals kaum etwas machen und einen Job hatte ich noch nicht oder beendete ihn schnell wieder, weil es nicht passte. Ich konnte frei drauf los schreiben, denn von SEO und der Bloggerwelt da draußen, wie sie heute ist, wusste ich noch nichts. Ich war unbedarft. Und noch völlig anonym. Dieser Blog war immer ein wunderbarer Halt für mich. Ich hatte immer etwas zu erzählen und immer antwortete jemand darauf. Wir konnten uns stundenlang im Netz Kommentare hin und her schicken. Es gab Foren und später Whatsapp-Gruppen, in denen wir unsere Leben miteinander teilten. Wir waren wie Mitbewohner*innen in einer großen WG. Morgens fragten wir einander, wie es uns geht. Wir fragten die anderen, was wir essen, kaufen oder unternehmen sollten. Wir erzählten abends, wie unser Tag war. Wir waren wie eine Großfamilie. Und das habe ich sehr genossen.

Viele von uns sind dieser Zeit entwachsen. Unsere Leben haben sich einfach verändert und das ist auch in Ordnung. Doch manchmal blicken wir wehmütig zurück. Das sehe ich daran, dass es immer mal wieder von jemandem, der längst zu bloggen aufgehört hat, einen neuen Post gibt. Einen, der sagt, ich vermisse euch, ich werde ab jetzt wieder regelmäßig posten! Doch der Blog bleibt leer. Das Leben hat anderes mit uns vor. Wir müssen unseren Abschluss machen, arbeiten, unser eigenes Geld verdienen, wir haben gar nicht die Zeit dazu, uns weiter gehen zu lassen. Wir finden Freund*innen und Liebste im Real Life. Wir sind keine Teenager mehr. Wir haben uns mit unseren Problemen arrangiert oder sie sogar überwunden. Wir glauben, wir brauchen den Blog nicht mehr ‒ oder verdienen es nicht, noch Teil dieser einzigartigen Welt zu sein. Und wir haben einfach keine Zeit.

Noch etwas passiert mit uns. Es wird wichtiger, wer wir sind, auch wer wir im Internet sind. Wir haben Angst, dass unsere Geschichten nicht anonym bleiben, dass uns irgendjemand findet und die Informationen gegen uns verwendet. Das ist schon oft genug passiert. Ich habe es von anderen gehört und selbst erlebt. Leider sind es die Menschen, die mir am schlechtesten gesonnen sind, die meine Zeilen lesen und dafür sorgen, dass das hier kein sicherer Ort mehr für mich ist.

Auch der Umgangston ist rauer geworden. Die mitfühlenden Mit-Blogger*innen sind nicht mehr da, um gleich Sturm zu laufen gegen die "Hater". Man steht ihnen allein gegenüber. Löscht irgendwann fast stumpf die Kommentare, die vielleicht immer von derselben, unbelehrbaren Person geschrieben werden. Die Person, die deine Sorgen, Probleme und Traumata in Frage stellt. Die einem sagt, dass man doch bloß ein Aufmerksamkeitsproblem hat. Fremde urteilen über etwas, das dein ganzes Leben beeinflusst, das sehr sehr schlimm war. Und sie wischen es mit einem Satz weg, es ist Nichts, was du hast, sagen sie. Das wissen sie natürlich, weil sie einen so gut kennen... Es verletzt mich nicht mehr, nicht länger als zehn Minuten beschäftigt es mich jedenfalls. Aber es macht mich wütend, weil es die Einstellung eines großen Teils der Gesellschaft gegenüber psychischen Erkrankungen, Traumata und seelischen Behinderungen widerspiegelt.

Auch die Tatsache, dass es mir gerade gut geht, macht nicht wett, was mir passiert ist. Nichts auf dieser Welt kann meine Erlebnisse jemals verschwinden lassen. Kein gutes Gefühl, kein Erfolg, kein Glück wird meine Erfahrungen einfach ausradieren. Sie gehören zu meinem Leben wie mein Geburtstag. Manchmal holen sie mich ein und ich habe eine depressive Episode. Oft behindern sie mich bei dem Versuch, neue Menschen kennenzulernen, weil sie einen so großen Teil meines bisherigen Lebens einnehmen. Sie machen mir Arztbesuche schwer und sie versuchen mich immer wieder daran zu hindern, mich selbst anzunehmen, zu lieben und zu akzeptieren, was zu mir gehört.

Mir gelingt ein Leben, das nicht jedem Mitglied unserer Bloggerwelt gelingt. Auch das habe ich zu einem Teil meinen Erfahrungen zu verdanken, zu einem zweiten meinem Privileg einer guten Bildung und zu einem dritten meiner eigenen Persönlichkeit und meiner Fähigkeit, mich grundsätzlich so zu nehmen wie ich bin, auch wenn ich mich manchmal wieder weniger leiden kann. Ich bin gut darin, mich allein durchzuschlagen. Irgendwie. Und dafür, das auch irgendwie gut hinzubekommen, habe ich Unterstützung. Um "uns" herum rankt sich ein Märchen des Stigma: Wenn wir traumatisiert sind, müssen wir kaputte Seelen sein, deren Leben nichts Gutes mehr hervorbringen kann und die ununterbrochen leiden. Und wenn wir nicht permanent traurig sind und leiden, dann können wir gar nicht traumatisiert sein.

So einfach ist es doch nie im Leben. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und ist so individuell wie unser Fingerabdruck. Eine Folge meiner Erlebnisse ist mein unglaublicher Drang nach Selbstbestimmung. Der hat mich unabhängig gemacht. Er hat mich in die Lage versetzt, früh selbstständig zu sein und mein eigenes Geld zu verdienen. Und er bringt mich noch weiter, nämlich zum eigenen Business. Ich bin Gründerin, weil ich frei sein und meine Arbeitskraft sinnvoll einsetzen möchte. Das Leben ist ein Prozess und ich bin dabei, mir meines so zu bauen, wie ich es gerne hätte. Dieses Glück ist nicht jedem vergönnt und nicht jede erkennt es, selbst wenn es direkt vor ihr liegt. Für mich gibt es kein Endziel, nur ein immer und immer Weiterleben. Und zu diesem Prozess gehören gute und schlechte, einzigartige und furchtbare Tage und Zeiten. Ein gerader Weg wäre doch auch ein langweiligerer.

Ich finde mein Leben in Ordnung so. Ich strebe nach vielem, aber gewiss nicht nach Perfektion. Nicht nach einer Welt, in der es keine schlechten Tage mehr gibt, nicht nach einem Leben im Einheitsbrei. Aber ich werde sauer, wenn andere ihre Schwarzweißschablone über meines und die Leben meiner Freund*innen legt, uns ihre nicht gefragte Ansicht überstülpen und versuchen, uns die Luft zum Atmen zu nehmen. Das ist meine Baustelle. Wer die nicht bearbeitenswert findet, kann sich eine eigene suchen. Es gibt genug davon!

Und nun, ihr lieben Leser*innen, meldet euch zu Wort, wenn ihr weiter an diesem Blog interessiert seid. Wie soll ich weitermachen? Mehr passwortgeschützte Posts? Oder den Blog auf privat stellen und einladen? Letzteres macht das Problem, dass neue Posts nicht angezeigt werden. Wäre eine Benachrichtung per Newsletter eine Idee? Helft mir weiter und gebt mir Tipps zu einem größeren Sicherheitsgefühl hier an meinem einst sicheren Ort! Schließlich bin ich eine derjenigen, die nie weg war und gerne weitermachen möchte. Irgendeine Lösung muss es geben.

Danke für eure Treue. <3


Donnerstag, 10. Mai 2018

Das Dilemma der pragmatischen Künstlerin

Meine künstlerischen Ausbrüche sind seltener geworden. Vielleicht, weil meinem Leben Drama und Depression fehlen. Und weil Texten am Fließband den Zugang zum wirklichen Schreiben erschwert. Weil ich zu wenig Literarisches lese. Und weil ich mir zu wenig Zeit nehme, zu klassischer Musik theatralisch durch die Gegend zu tanzen, auf dem Boden zu liegen und nachzudenken, chaotische Skizzen zu zeichnen oder ziellose Entwürfe zu verfassen. Ich weiß auch nicht, ob das gut wäre. Schließlich hat vieles von dem eine traumatische Bedeutung, was ich mit Kunst verbinde. Aber ich kann die Erlebnisse meiner Vergangenheit nicht verdrängen, ohne mich selbst zu vergessen oder zumindest zu verschleiern.

Es blitzt.

Meine jüngste Erkenntnis: Es ist notwendig, Zeiten zu haben, die nicht mit ausführenden Tätigkeiten, mit Handlungen gefüllt sind. Zeiten zum Nachdenken, zum Reflektieren. Ich muss begreifen, dass Nichtstun nicht vertane Zeit ist. Tatsache ist aber auch, dass meine Ruhelosigkeit einer Angst entspringt: Wenn ich nichts tue, könnten sich vor mein inneres Auge unangenehme Erinnerungen schieben, die schlechte Gefühle entstehen lassen, die Drama und Depression zu mir zurückbringen könnten. Stehe ich also vor der Wahl: eine normale Person zu sein, der es gut geht, oder eine Künstlerin, die beständig leidet? Sicher hat mir dieses Dilemma meine Mutter anerzogen.

Es donnert.

Erfolgversprechend ist vermutlich das Modell, das ich lebe: Ich arbeite meinen Zielen entgegen, immer. Auch wenn es zuweilen mehr Ziele sind als in einem Menschenleben erfüllbar. Fortwährend konsumiere ich Inhalte, wenn ich gerade nichts Praktisches tue. Das ist auch wirklich einfach. Klick um Klick starte ich etwas Neues, ohne überlegen zu müssen, was als nächstes kommt. Mein Algorithmus, der mich inzwischen ganz gut kennt, weiß mir immer etwas vorzuschlagen. Ich liebe das Gefühl, wenn sich altes Wissen mit neuem vernetzt, wenn ich Zusammenhänge verstehe und plötzliche Erkenntnisse habe. Doch wie nachhaltig ist das, wenn ich sie nicht ausführlich reflektiere und nie etwas aufschreibe?

Die Vögel zwitschern.

Ich lasse mich leicht ablenken. Das war immer schon so, weil mich zu viel interessiert. Ich lese gerade einen Roman, über dessen Autorin ich ein Referat halten muss, obwohl ich lieber ein Fachbuch über Gender und Wissenschaften weiterlesen würde, aus dem ich eigentlich nur einen Artikel für ein anderes Referat brauchte. Der Roman immerhin hat mich in diesen Zustand versetzt, der im vorliegenden Blogpost mündet. Ich bin auf Seite 39, es ist 20 Uhr und ich habe etwas geschaffen, das weder geplant war, noch einem meiner pragmatischen Ziele näher kommt. Doch ich bin froh und fühle mich frei, nur im Hintergrund der Hauch eines schlechten Gewissens. Ob ich eines Tages so unabhängig sein werde, dass ich mich auf dem Fluss meiner Gedanken, Ideen und Interessen treiben lassen kann, obwohl sie so gerne und schnell die Richtung ändern?


Samstag, 7. April 2018

Achtsamkeitsübung

Seit fast zwei Stunden sitze ich im Park an einen Baum gelehnt in der Sonne bei 20 °C. Wenn man so viele Dinge machen will, aber die Zeit zu kurz ist, zu viele Punkte auf der Liste stehen für einen Tag, die Technik streikt und die Überforderung in unproduktiver, ungeduldiger Unfähigkeit mündet, dann ist es vielleicht besser, alles stehen und liegen zu lassen und weg zu gehen.

Hier sitze ich nun und lese über die Zukunft, mit der ich mich sowieso gerade viel beschäftige. Das, worüber ich zur Zeit meistens nachdenke, ist entweder noch nicht oder ist virtuell. Nicht nur die Beziehung und das Zusammengehörigkeitsgefühl von Geist und Körper sind bei mir, wie wir schon lange wissen, gestört. Auch die Verbindung zwischen mir und der Welt. Zwischen meinem Bewusstsein und der Welt. Manchmal tritt die Welt um mich rum in den Hintergrund und ich vergesse, dass da noch mehr ist als meine Innenwelt, meine Gedanken, das, was ich über den Bildschirm oder von bedruckten Seiten her aufnehme. Mehr als virtuelle Wahrnehmung mit Augen und Ohren, mehr als Informationen aufnehmen, verarbeiten und schriftlich reproduzieren. Dass es noch mehr Sinne gibt, wie Riechen und Tasten, das Wahrnehmen von Sonne im Gesicht, Wind, der durch die Haare weht, einem kalten Luftzug im Nacken, Regentropfen auf der Haut.

Mit Neva kann ich das am besten: mich auf die Welt um mich herum konzentrieren.

Heute sind viele hübsche Käfer unterwegs. Einer setzt sich auf mein Knie und ich belasse ihn dort. Er ist kupferfarben, Panzer und Beine. Die weißen Punkte oder Striche sind wie zufällig mit einem Pinsel aufgemalt ‒ und doch perfekt symmetrisch. Er scheint sich zu putzen, läuft ein wenig umher und setzt sich dann. Die Füße zieht er unter den Körper. Ob er sich auch sonnt?

Ich denke so darüber nach, ob ich den Kontakt zur Welt, zur Natur verloren habe. Und ich fasse das Gras an. Streichele es und zupfe an den Halmen, wie ich es auch an meinen Haaren tun würde. Dann zerkrümele ich Erde zwischen meinen Fingern. Ich nehme ein Stöckchen und male Muster in den Boden, so wie ich es als Kind gemacht habe. Als ich den Blick wieder in mein Buch richte, fällt mir die Struktur des Papiers auf. Das sind nicht einfach schwarze Buchstaben auf makellosem weißem Grund. Die Seiten sehen aus wie Raufasertapete. Hinter der leisen Musik in meinen Ohren höre ich Vögel zwitschern, Menschen reden, Hunde ihrem Stöckchen nachrennen. Und den Ghettoblaster ‒ beziehungsweise Bluetoothlautsprecher ‒ der vom Hang her tönt. Mit einem Stück Baumrinde schaufele ich Erdkrümel, um sie gleich wieder fallen zu lassen. Mein Hintern tut weh und es wird langsam kühl. Ich sitze jetzt im Schatten. Ich möchte nicht weg von hier. Soll ich umziehen auf einen Sonnenfleck? Oder einkaufen und nach Hause gehen, um mich noch einem Teil meiner Aufgaben zu widmen?

Ich genieße die Kreativität und den Ideenreichtum, die meine Gedanken fluten. Wir müssen unseren Geist ab und an schweifen lassen. Ihm erlauben, ganz frei zu sein. Ohne Erwartungen und Aufgaben, Probleme, die es zu lösen gilt. Einfach so in den Tag hineindenken. Nur so entsteht Neues ‒ und Kunst.

Sonntag, 11. Februar 2018

Du willst? Du kannst? Du schaffst! (?)

Wir haben Februar. Ein Monat, den ich zu den produktivsten des Jahres zähle. Es herrscht Aufbruchstimmung. Der Winter geht zu Ende, die Tage werden länger, ich erhole mich von den manchmal niederschlagenden Ereignissen der vorigen Monate. Neue Kraft mischt sich mit dem Geschmack von Unsicherheit und Zukunftsangst. Ich bringe langersehnte Projekte voran, springe in eisige Frühjahrsgewässer und dringe vor zu meinen kühnsten Wünschen. Oft gehe ich Risiken ein, die mich in Zweifel stürzen ‒ bisher ist noch immer etwas entstanden, das mich weitergebracht hat.

In Februaren war ich auf Wohnungs-, Praktikums- oder Jobsuche, habe ein Bett gebaut und einen Blog eröffnet, habe wichtige Entscheidungen gegen die einen und für die anderen Sachen getroffen. Auch jetzt gehe ich wieder einen Schritt weiter. Nachdem ich das Schreiben zu meinem Beruf gemacht habe, möchte ich es in Zukunft auch selbstständig tun. Meine Gedanken ranken sich um diesen Wunsch schon, seit ich meinen Vollzeitjob gekündigt habe und als Werkstudentin neben dem Master-Studium texte. Jetzt, in einem Februar, soll es richtig losgehen. Die Webseite ist in Arbeit, das Netzwerken hat begonnen, die Akquise steht in den Startlöchern. Ich bin bereit, klein anzufangen, aber mit großen Zielen.

Wer glaubt, es sei leicht, in Februaren und anderen Monaten produktiv zu sein, der irrt. Wer glaubt, jeder Mensch könne seine Träume ohne Weiteres verwirklichen, träumt selbst noch. Doch: Du musst nicht perfekt vorbereitet sein. Du brauchst kein makelloses Leben. Du musst nicht in allen anderen Bereichen gesund und glücklich sein. Warte nicht auf etwas, das vielleicht niemals eintreten wird, bevor du anfängst zu leben oder nach der Erfüllung deiner Wünsche zu streben! Machen heißt das Stichwort, selbst wenn du glaubst, das geht nicht. Probiere es so lange, bis du dir selbst bewiesen hast, dass es wirklich nicht geht!

Ich habe vor jedem Telefonat mit Fremden Panikattacken. Auch vor Terminen, die mir wichtig sind. Ich fange an, zu zittern und zu schwitzen. Meine Hände werden eiskalt. Mein Herz rast. Ich bekomme Bauchschmerzen und Durchfall. Mir wird übel und manchmal schwarz vor Augen. Oft habe ich das Gefühl, ich kippe gleich um. Es ist keinesfalls leicht, diese Symptome zu ignorieren und zu überwinden. Manchmal wähle ich eine Nummer und schaffe es einfach nicht, auf den grünen Hörer zu tippen. Manchmal dauert es eine halbe Stunde, bis endlich das Freizeichen ertönt. Doch immer öfter gelingt es mir, Anrufe und Termine zu erledigen, selbst wenn sie nicht so lebenswichtig oder dringend sind, dass es nicht anders geht. Ich schreibe mir genau auf, was ich zu sagen habe. Und jedes bezwungene Telefonat ist ein solches Erfolgserlebnis, wie es sich andere wohl kaum vorstellen können. Ich finde mich wesentlich mutiger als Personen, denen das gar keine Probleme bereitet.

Mir macht es Spaß, mich selbst herauszufordern; ich gehe meistens auf volle Konfrontation. Das ist nicht für alle die richtige Lösung. Doch wir alle haben die Möglichkeit, unsere eigenen Wege zu finden, uns kleine Schlupflöcher zu bauen, durch die wir besser passen, und uns hier und da auch mal durchzuschummeln. Wir können Dinge anders machen, ohne dabei weniger effektiv zu sein ‒ eben auf unsere ganz persönliche Weise. Nicht überall dürfen wir das. Deshalb lohnt es sich für manche, selbst zu machen. Ich werde mich frei machen, zu meinen wirklich produktivsten Zeiten meine ganze Ideenvielfalt einsetzen, um Probleme nachhaltig zu lösen. Und wenn mir eines Tages die Plattform dazu zur Verfügung stehen wird, werde ich mich dafür einsetzen, dass wir aus unseren Einschränkungen das Beste herausholen können. Das wird mein Weg sein. Welcher ist deiner?

 
Du bist mutig. Du bist stark. Du triffst deine eigene Entscheidung!

Mittwoch, 3. Januar 2018

Mein Jahr 2017 ‒ Rückblick

Wie in jedem Jahr gibt es für euch auch dieses Mal (doch nicht ganz so) pünktlich einen kleinen Jahresrückblick von mir. Im Januar habe ich mir sechs kleine Ziele für 2017 gesetzt, die ich ‒ kaum zu glauben ‒ alle erreichen konnte. Ich werde die entsprechenden Handlungen, die zu diesen Erfolgen führten, im Rückblick grün markieren.😊 Ich erinnere mich in meinen Jahresrückblicken besonders gerne an die positiven Ereignisse. Selbstverständlich hatte ich auch schlechte Zeiten. Mein Leben ist genauso wenig perfekt wie eure. Bedenkt dies beim Lesen und vergesst nicht: Ihr seid wunderbar, so wie ihr seid. 💖

Januar
Etwa eine Woche vor dem Abgabetermin wird meine Bachelorarbeit fertig. Ich werfe sie in den Briefkasten und warte ab. Während ich warte, fange ich an, mich auf Volontariate, Praktika und Arbeitsstellen zu bewerben.

Februar
Der Februar ist wieder einmal ein Monat des Aufbruchs. Ich schreibe Bewerbung um Bewerbung, werde zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und bekomme zweimal den Job. Den ersten nehme ich nicht an, weil es sich bei dem ausgeschriebenen Volontariat eigentlich um ein Praktikum mit eventuell anschließendem Volontariat handelt und weil es die Redaktion einer Fernsehproduktionsfirma ist, die für gewisse Sender arbeitet und für die ich Leute casten soll. Den zweiten nehme ich für einen Tag an ‒ ebenfalls ein Praktikum mit anschließendem Volontariat bei einer Produktionsfirma. Nach diesem schrecklichen Tag lehne ich dankend ab.

Zweifel und Zukunftsängste treiben mich um in diesem Monat. Aber auch meinen Zielen komme ich immer näher: Endlich verwirkliche ich das das Projekt "Blog meiner Real-Person". Am letzten Februartag fahre ich mit dem Nachtbus nach München, um dort mein Bachelorkolloquium zu halten, und hoffe auf einen guten Ausgang.

März
Ich bin jetzt offiziell keine Studentin mehr ‒ exmatrikuliert warte ich auf mein Zeugnis. Ich werde zu zwei weiteren Vorstellungsgesprächen eingeladen, diesmal bei Online-Redaktionen. Das erste läuft gut; für das zweite fahre ich extra nach Dresden. Und während ich dort in einem Café die Zeit vor dem Termin verbringe, erhalte ich einen Anruf mit der Zusage für den ersten Job. Ich nehme ihn an. Nach mehr als 20 Bewerbungen, zehn Rückmeldungen, fünf Vorstellungsgesprächen und insgesamt drei Zusagen habe ich Erfolg. Einen Tag später sind meine Bachelorergebnisse online: 1,7 für die Bachelorarbeit. 2,1 für das gesamte Studium. Die übrigen drei Wochen bis zum Jobstart genieße ich bei beginnendem Frühling.

April
Die Arbeit beginnt: Als Online-Redakteurin fange ich bei einer Marketing-Agentur an und kann mich ganz dem Schreiben widmen. Dem Werbeschreiben. Ein weiteres Ziel ist nun erreicht: Ich bin finanziell unabhängig.

Mai
Ich arbeite weiter und stelle fest, dass ich mich irgendwo zwischen den Welten bewege. Die Trickfilmclub-Frau macht Fotos von mir. Zum ersten Mal telefoniere ich mit Neva. Am 30. Mai werde ich 23 Jahre alt.

Juni
Ich taste mich durch eine Trickfilmclub-Bekanntschaft in neue Welten vor ‒ und lerne neue Menschen kennen. Wir backen zusammen Kuchen, schauen lesbische Webserien an, unterhalten uns tiefgründig und ich lasse mich zu einer Soli-Party mitnehmen. Zusammen mit Kiwi besuche ich wieder mal ein Nina-Hagen-Konzert. Endlich wieder mehr soziales Leben! Außerdem spüre ich, dass das Werbeschreiben im 40-Stunden-Takt nicht so gut zu mir passt.

Juli
Es gibt jetzt die Ehe für Alle. Ich habe zwei Wochen Urlaub. Zuerst fahre ich meine Großeltern besuchen. Dann besucht Neva mich in Berlin. Wir lernen uns kennen und ziemlich schnell lieben. Die Pläne, mein Arbeitsleben zu ändern, werden konkreter. Ich beginne, mich auf Master-Studiengänge zu bewerben.

August
Neva kommt noch einmal zu Besuch und wir verbringen eine schöne Zeit miteinander. Die Sache mit der Liebe bringt allerdings auch einiges durcheinander. Ich entscheide mich für einen Master-Studiengang, der sich um Digitale Medien dreht. Ich reiche die Kündigung ein und schließe einen neuen Vertrag ab als Werkstudentin in der selben Agentur.

September 
Nach vier langen Wochen fahre ich zu Neva ‒ Fernbeziehung eben. Bei ihr zu Hause feiere ich den 4. Blog-Geburtstag. Meine werkstudentische Tätigkeit und das Studium beginnen. Alles ist neu und wieder lerne ich neue Menschen kennen. Ich beschäftige mich mehr mit mir selbst und meinen Umgang mit kleinen und größeren Problemen und mit anderen Menschen. Ein Jahr ist mein schlimmes Erlebnis nun her und viel hat sich getan und zum Guten gewendet. Die Nachwirkungen sind dennoch nicht verschwunden.

Oktober
Nach den Einführungsveranstaltungen geht das Studium richtig los ‒ und damit auch das Pendlerleben. Ein Sturm wütet und ich sitze zwei Tage lang im brandenburgischen Nirgendwo fest. Neva und ich treffen uns ab jetzt mindestens zweimal im Monat.

November
Das Pendeln, die Arbeit und die Fernbeziehung schlauchen. Ich stelle jedoch fest, dass ich alle diese Komponenten brauche. Neva hat Geburtstag und ich lerne Teile ihrer Familie kennen. Jetzt wird es ernst!


Dezember
Der Dezember beginnt mit dem Geburtstag von Nevas Onkel ‒ eine Großfamilienfeier. Weiter geht er mit vielen Blechen Plätzchen, die ich backe. Neva schenkt mir einen liebevoll gestalteten Adventskalender ‒ jeden Tag ein Liebesbrief! Ich bin urlaubsreif. Die letzte Zeit war anstrengend. Die Weihnachts- und Neujahrstage verbringe ich in Münster. Neva und ich leben auch nach zehn Tagen zusammen beide noch ‒ und sehen uns sehr bald wieder. 💖

2017 schließt. Ein neuer Teil erwartet uns ‒ mit einer großen Portion Glitzer!p


Mein Jahr mit euren Worten:

"[...] es ist so gut zu erfahren, dass ich nicht alleine bin mit solchen Gedanken." - Anna im Januar

"Falls du keinen "näheren" Schlafplatz finden solltest, bist du hier natürlich immer willkommen :)"
- Lia im Februar

"Zeit zu 'verschwenden' bzw. Langeweile zu haben ist ein wundervoller Luxus, den man sich gönnen sollte!" - Tamara im März

"Und dann fühle ich mich wieder so gut und gesund." - Neva im April

"Ich glaube, dass du in jede Welt gelangen kannst, wenn du es wirklich willst und dir sicher bist! Dann brauchst du kein Codewort, du musst nur wissen, welche Welt deine Welt sein soll." - Lee im Mai

"[...] heute "morgen" habe ich deinen Post gelesen, so um 10 oder so, ist ja auch egal, auf jeden Fall war ich noch verpennt (freier Tag und so) und ich habe eigentlich nur gemerkt, dass deine Worte eine schöne Melodie haben." - Neva im Juni

"Leser kommen und gehen - ich bin immer hier :)" - Soulsurver im Juli

"Halte bloß fest an Deinen Träumen ('... wenn ich mich gedanklich wegbeame' ist ein lustiger Ausdruck dafür), solange es Dir möglich ist." - Chris im August

"Lass uns singen und Kakao trinken, okay?" - Jay im September

"Es tut so gut zu wissen, dass in Momenten der Verzweiflung immer noch jemand da ist." - Lia im November

"Wahrscheinlich skypest du genausogerne mit mir wie ich mit dir... " - Neva im Dezember

Auf viele neue Bloggerweltglitzermomente im neuen Jahr!
💖💖💖

Ich durfte mein Jahr mit Wunderkerze und Silvesterkuss beginnen. <3