Montag, 9. September 2019

Update zum 6. Bloggeburtstag



Die Menschen in der U-Bahn sehen alle irgendwie bedröppelt aus. Der Umbruch von Sommersonne zu Herbstregen war hart. Ich küsse Neva zum Abschied und bleibe so lange am Bahnsteig stehen, bis sie und Plattschaf hinter dem Zugfenster verschwunden sind. 

Wie immer um diese Jahreszeit erinnere ich mich an meine ersten Tage in Berlin. Über sechs Jahre sind die jetzt her. Ich erzähle wohl jedes Jahr etwas darüber, aber immer ist es ein anderes Detail, das mir präsent ist. Den ersten Monat verbrachte ich in einem befristeten WG-Zimmer in Prenzlauer Berg, das eine Frau extra an Gäste wie mich viel zu teuer vermietete. Neulinge, die aus der Ferne noch keine Wohnung finden konnten. Ich weiß noch, dass das Zimmer einen Fernseher hatte und ich mir die Wahlergebnisse ansah. 

An einem der ersten Tage in diesem kleinen Berliner Zimmer startete ich meinen Laptop. In meiner Wohnung in der Heimatstadt hatte ich kein WLAN gehabt. Ich erkundete also die YouTube-Welt von 2013. Aber viel wichtiger: Ich startete diesen Blog. Wie eine Freundin aus einem der Foren, nein, unserem Forum. Mindestens sechs dieser Wintermädels habe ich inzwischen persönlich getroffen, Freundschaften geschlossen, mich in eines ver- und entliebt und wieder zurückgefunden zu unseren gemeinsamen Themen. Der Blog verschaffte mir noch viele weitere wertvolle Verbindungen, von denen heute auch einige fester Bestandteil meines Offline-Lebens geworden sind. Eine denkwürdige Nacht war das also vor sechs Jahren, als ich meine allerersten, vorsichtigen Zeilen schrieb. Auch wenn diese Bloggerwelt längst nicht mehr so sicher ist, wie damals geglaubt...

Aber heute habe ich längst nicht mehr so viel Angst davor, mein glitzerndes Selbst zu sein. Tränenglitzernd, seltsamglitzernd, stolzglitzernd. 
(Ich sage nicht, dass sie ganz verschwunden wäre...) 
Ihr wollt sicher ein Update haben, was in meinem Leben so vorgeht? 

Irgendeine von euch hat mir vor Jahren einmal erzählt, dass ein Freund von ihr mit Texten Geld verdient. Das habe ich damals abgetan, damit kann man nur Centbeträge pro Wort verdienen... Das war zumindest mein Studentinnenjob zu dieser Zeit. Immer mal wieder muss ich an diese Nachricht denken, Emilia. Weil du scheinbar in die Zukunft geblickt hast, eine Zukunft, die ich mir niemals hätte vorstellen können. Bis ich vor ungefähr anderthalb Jahren beschloss, mich selbstständig zu machen. Ein Jahr verdiene ich nun schon meinen gesamten Lebensunterhalt als freiberufliche Texterin. Mit einer Spezialisierung, die ich so noch bei keiner anderen gesehen habe – deshalb enthalte ich sie euch hier vor. 

Vielleicht picke ich mir doch die wenigen, die mich noch lesen, zusammen, und stelle den Blog privat? Es ist nicht die leichteste Entscheidung, wisst ihr? Meine Gedanken einzusperren und zu verstecken vor der Welt, irgendwie ist das nicht der Sinn von Blogger...

Ich bin jetzt sichtbarer da draußen im Internet. Vor Kurzem habe ich sogar ein Interview gegeben. Einen Gastbeitrag geschrieben. Mein Name steht jetzt für ein kleines Business. Nicht mehr nur für mich. Manchmal ist das komisch.

Es ist noch gar nicht lange her, dass Z mir sagte, vielleicht könne ich auch irgendwann einen Job haben, in dem ich nicht früh aufstehen müsse. Haha, dachte ich damals noch. Das wird in einem Bürojob niemals der Fall sein. Mal abgesehen davon, dass sich „die Arbeit“ gerade sehr verändert – heute bestimme ich den Rhythmus. Jage keinen verspäteten U-Bahnen mehr nach, während mein Kopf noch gar nicht aus den Träumen der Nacht erwacht ist. Es geht mir körperlich und seelisch besser nur durch die kleine Tatsache, dass ich meinem natürlichen Rhythmus folge! 

Manchmal ist es einsam, das gebe ich zu. Aber nun gibt es Bumble, die Freundschafts-Dating-App. Und ich habe wirklich schon zwei wunderbare Menschen gefunden, mit denen ich über den Small Talk hinaus kam. Mit einer fahre ich sogar in einen kurzen Urlaub ans Meer! (Natürlich war auch die eine oder andere komische, doch spannende Begegnung dabei...) 

Selbstständigsein ist ein großes Thema bei mir. Es ist nicht nur eine berufliche, sondern auch eine ganz private Herausforderung. Es geht ein Lebensstil damit einher. Manchmal ist es schmerzhaft, zu erkennen, wie sehr wir uns selbst begrenzen. Durch familiäre oder gesellschaftliche Prägung, „Das war schon immer so“ und wahnsinnig viele irrationale Ängste. Ich mag ein Ängstlichkeitsprofi sein, doch einen Vorteil habe ich: Ich weiß, wie es sich anfühlt, große Ängste zu überwinden. Denn würde ich das nicht ständig, jeden Tag tun, wäre ich gar nicht lebensfähig. Ich weiß nicht, ob Ängste eines Tages verschwinden, aber ich weiß, es fühlt sich gut an, mit ihnen umgehen zu können. 

Meine Lebensgeschichte macht mich risikobereiter. Es gab und gibt so viele Dinge, die mir andere Menschen nicht zutrauen. Aber gerade solche Dinge gehen mir leichter von der Hand, als beim Bäcker ein Brot zu bestellen...

Ich habe viele Themen aus der Selbstständigkeit, die hier auf dem Blog gut aufgehoben wären. Vom Telefonieren mit Telefonangst über die bekannte Person, zu der du aufschaust und die auf einmal deine Kundin ist, bis zum gefilmten Interview, das nur so gut klappt, weil du dich völlig verrückt gemacht hast und fünf Seiten Vorbereitung vor dir liegen.

Ich bin immer noch in einer Fernbeziehung nach Hamburg, immer noch in mich selbst verstrickt und nein, ich lebe nicht das perfekte Leben, das wir all jenen wünschen, die eines Tages aus der Bloggerwelt verschwunden sind. Mein Ziel ist nicht (mehr?), von irgendetwas geheilt zu werden. Meine Erfahrungen werden für immer Teil meines Lebens sein, es für immer auf irgendeine Art beeinflussen. Aber auch auf eine gute! Wenn ich alles, was ich Komisches erlebt habe, wegzaubern könnte, wer wäre ich dann? 

Ich nehme immer mehr die Vorteile wahr, die Menschen mit psychischen Problemen zur Arbeit mitbringen. Ich wünsche mir, dass die Vorurteile abnehmen und beide Seiten mit einem besseren Gefühl aufeinander zugehen können. Und ja, ich glaube inzwischen, dass das möglich ist. Denn wie ihr vielleicht an meinem kleinen Update seht: Vieles ist möglich, was niemand je für möglich gehalten hätte. Das merke ich auch an dem geschichtlichen Fach, das ich mehr oder weniger nebenbei studiere. 

Hast du schonmal etwas Positives aus einem Problem gezogen? Was war das? Ich würde mich sehr über deinen Kommentar freuen! 💖


Kommentare:

  1. Es ist wahnsinnig spannend zu lesen, was du machst. Selbstständig sein stelle ich mir schwierig vor, aber ich freue mich, dass es für dich genau das ist, was du magst.
    Solltest du deinen Blog auf privat stellen, wäre ich sehr dankbar, wenn ich weiterhin Teil deiner Community sein dürfte
    <3

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  2. Ganz ganz lieben Dank für deine Worte.
    Ich möchte dort auch so schnell wie möglich weg. Ich hätte morgen ein Bewerbungsgespräch gehabt. Leider wurde dies kurzfristig abgesagt und ich muss auf einen neuen Termin warten :'(
    Es ist ja erst mal "nur" das Anerkennungsjahr. Aber ein ganzes Jahr? Es fällt mir so schwer. Ich bin gerade mal die zweite Woche dort und will einfach nur weg. Ich will vor allem meinen Chef nicht enttäuschen, weil wir uns privat kennen und uns zur Begrüßung auch umarmen. Mich einfach krank schreiben lassen, da hätte ich ein schlechtes Gewissen. Lieber wäre mir - andere Stelle finden, wechseln, fertig. Aber so einfach ist das leider nicht.
    <3

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  3. Ja, sobald ich eine Stelle sehe, die ich mir vorstellen könnte, schreibe ich eine Bewerbung. Leider bin ich ein wenig eingeschränkt was die Entfernung angeht. Ich habe zwar ein Auto, aber ich möchte weder täglich 2 Stunden im Auto sitzen, noch hätte ich am Abend die Konzentration für längere Fahrten. Daher schaue ich, was es in meiner Nähe gibt und da habe ich so ziemlich alle, für mich in Frage kommenden Einrichtungen, angefragt :/.
    Das stimmt, ich denke schon, dass er da Verständnis für hat.
    Ja richtig, also wenn nichts mehr geht, ist eine Krankschreibung auch meine Wahl.
    Vielen lieben Dank. Ich hoffe auch, dass sich so schnell wie möglich eine Tür öffnet.

    Das klingt wirklich gut. Ja, jeder muss seinen Weg finden und ich freue mich für dich, dass du deinen gefunden hast. Ich bin mir sicher, dass auch ich irgendwann "ankomme"
    :)

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  4. Ganz ganz lieben Dank für deine Worte. So habe ich das alles noch nicht gesehen. Ich hoffe einfach, dass es diesmal das richtige ist.
    <3

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  5. Lilly, es ist so toll zu lesen, wie du dich entwickelt hast. Wirklich beeindruckend! Mit Ängsten so einen großen Schritt (Selbstständigkeit) zu wagen - meinen allergrößten Respekt! Mach weiter so :)

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  6. Also wie immer :3
    Ich danke dir, dass du - einfach immer noch da bist und liest.
    Wie geht es dir insgesamt so?

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  7. Naja, weißt du, ich habe Sorge, dass mir 1 1/2 Jahre in dem Betrieb dann zu viel sind. Dann denke ich mir "Zieh durch."
    Aber ganz zur Not gibt es wirklich die Möglichkeit und ich denke, dass das mit der Uni regelbar ist. Ich will aber noch abwarten, bis sich so manches eingespielt hat und ich klare Aufgaben und Klienten habe.
    Vielen Dank für deine lieben Worte. Ja, ich merke, dass ich doch recht professionell handeln kann und wenn ich Ratschläge geben muss, dann funktioniert das auch ganz gut.
    Ich denke, ich werde an diesen Aufgaben definitiv wachsen.
    <3

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