Sonntag, 21. Mai 2017

Zwei Welten

Eigentlich gibt es nicht nur zwei Welten, sondern ganz viele. Aber in so vielen verschiedenen lebe ich nun auch wieder nicht. Eigentlich in keiner. Denn meinem Gefühl nach passe ich in keine Welt so richtig rein. Da gibt es die große Welt. Die, in der alle "normal" sind. Oder jedenfalls so tun. Denn diese Welt erhebt für sich den Anspruch, die "richtige" zu sein. Und so versuchen viele in diese Welt hinein zu passen, obwohl sie es eigentlich nicht tun.

Ich lebe in der großen Welt, so wie wir alle, irgendwie. Es gibt Teile der großen Welt, die akzeptieren auch die anderen Welten – als anders, aber in Ordnung. Sie haben nichts dagegen, dass es auch noch Parallelwelten gibt. Und andere Teile, die wollen, obwohl sie schon zur großen Welt gehören, auch noch die einzige sein. Die verleugnen die anderen Welten oder sagen, dass sie schlecht sind. Und genau in diesem Teil der großen Welt bin ich aufgewachsen und sozialisiert worden. Ich habe gelernt, dass nur die große Welt zählt und die kleinen schlecht, böse, krank und abartig sind. Sünde. Ich bin damit groß geworden, dass es übergeordnete und untergeordnete Welten, Menschen gibt.

In "meinem" Teil der großen Welt habe ich mich nie wohlgefühlt. Ich wusste, dass ich nicht richtig war, nicht passend für diese Welt, ein Versehen, das es eigentlich niemals hätte geben sollen. Aber auch dem Rest der großen Welt konnte ich mich nicht wirklich zuordnen. Ich teilte nicht die Erlebnisse, Träume und Wünsche der Anderen. Und heute fühle ich mich fremd – zwischen Frauen in meinem Alter, die von ihren langjährigen Partnern sprechen, und vom Heiraten und Hausbau und Scheidung, die über mögliche Schwangerschaften von Kolleginnen spekulieren und die sagen, es sei heutzutage ja ein Wunder, wenn Partnerschaften mehrere Jahre hielten, und dass Gesellschaft immer verdorbener wird und früher alles besser gewesen sei. Ein Mann sitzt mir gegenüber und sagt, in Deutschland müsse man nichts mehr verbessern, besser könne es gar nicht mehr werden, allen ginge es gut und alle Menschen könnten so leben, wie sie wollten; und mir entgleisen die Gesichtszüge. Ich beiße mir auf die Zunge, wenn sie sagen, vollständige Gleichberechtigung sei längst erreicht und sogar die Homos hätten mehr als genug Rechte, früher waren die noch froh, überhaupt leben zu dürfen; die sollten echt mal dankbarer sein. Und ich bemühe mich, nicht zu schreien, wenn jemand im gleichen Atemzug mit seinem Lob an die Welt Vergewaltigungen rechtfertigt. Nein, das ist nicht meine Welt.(*)

Aber in eine der kleinen Welten, die mir so viel sympathischer sind, passe ich auch nicht. Denn für sie bin ich ein Teil der großen Welt und vielleicht haben sie damit recht. Denn in meinem Leben, zumindest im "Real Life", befinden sich nur solche Menschen, wie die oben beschriebenen. Und ganz automatisch – früher vielleicht, um in dieser Welt zu überleben, und heute aus Gewohnheit – habe ich mich angepasst. Ich lache über die Witze der Groß-Weltler*innen, rede wie sie und, manchmal, mache ich die selben Witze auf Kosten anderer. Aber meistens schweige ich, lächele und nicke, denn ich weiß, dass meine Meinung in der großen Welt nicht gefragt ist. Ich habe mich schon oft im Widersprechen und Diskutieren ausprobiert. Doch die Großen reden einen immer kleiner und kleiner und müssen in jedem Fall am Ende recht behalten; sie ertragen keine Meinungsverschiedenheit.

Ich glaube, viele kleine Welten möchten sichere Orte sein. Das ist mehr als verständlich und schließt doch andere genauso aus, wie es die große Welt tut. Ich glaube, meine favorisierte kleine Welt will  mich nicht, weil ich zu viel von der großen Welt habe, die mich schon mein Leben lang beeinflusst. Ich habe das Gefühl, ich kenne das Codewort nicht und werde an der Tür deshalb abgewiesen. Ich bin nicht vertraut genug mit den Gepflogenheiten dieser kleinen Welt. Aber was macht eine Welt zum sicheren Ort, in der Dresscodes gelten und Sprach-Polizist*innen einem den Mund zuhalten? Warum darf ich nicht langsam dazu lernen? Warum muss ich schon vorher über alles Bescheid wissen, bevor  man mir überhaupt einen Blick in die kleine Welt gewährt? Wie soll ich mich sicher fühlen, wenn ich keinen Fehler machen darf? Dabei weiß ich doch schon so viel mehr, als die "normalen" Groß-Weltler*innen. Was muss ich noch alles tun? – Ich bin keine Kriecherin. Und wenn die kleine Welt mich nicht will, dann passe ich eben in keine Welt. Aber fair ist das nicht. Wo ich doch eine von euch bin. Oder vielleicht nicht?

Wer bin ich?



(*)Damit möchte ich nicht sagen, dass jede*r Mensch aus der "großen Welt" so redet oder denkt – es sind nur jene, die mich umgeben. Das Welten-Bild passt gerade am besten zu meiner Wahrnehmung. Letzen Endes leben wir natürlich alle in einer Welt, gewissermaßen, oder eben in ganz, ganz vielen.

Kommentare:

  1. Ja, sie, die große Welt, - oder besser, diejenigen, die sich darin eingerichtet wähnen, machen Kommentare, mit denen du nichts anfangen kannst. Hör nicht auf sie! Mach es lieber auf deine Art falsch als richtig nach der Art von zwanzig Anderen. Alle wissen es besser, geben dir Ratschläge, als wüßtest du nicht selbst, daß dir das Große nicht gelingt, weshalb es dir nicht gelingt.
    Warum tust du das? - Du könntest immer so weitermachen. Du wirst immer so weitermachen. Du hast Pläne für ein ganzes Leben. Skizzen, Mappen voller Skizzen, den Kopf voller Landschaften, die zu malen sind. Und jeden Tag kommen neue dazu. Jede Landschaft, die du siehst, ist eine Aufgabe. Die Sonne geht für Dich auf und unter, der Wind weht für dich die Wolken über den Himmel, für dich wachsen Gras und Bäume.
    Warum tust du das?
    -
    Warum nicht.

    [Peter]

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  2. Mich beschleicht beim Lesen ein trauriges Gefühl. Es tut mir leid, dass Du Dich so zwischendenwelten fühlst. Was ich aber nicht ganz rauslesen konnte, wobei ich aber eventuell auch einfach auf dem Schlauch stehe, ist, welche kleine Welt Du meinst, die Dich ebenfalls nicht anzunehmen scheint?
    Unabhängig von den speziellen Umständen ist mir das Gefühl das Du da beschreibst irgendwie vertraut... Mehr kann ich dazu gerade nicht sagen. Ich wünsche Dir einfach ein Ankommen, egal wo und wie.

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    1. Vielleicht beschleicht uns dieses Gefühl alle ab und an. Ich glaube, man hat eine Vorstellung davon, wie das eigene Leben aussehen soll und in welcher Welt man leben möchte. Und wenn das nicht mit der Realität übereinstimmt, dann fühlt man sich vielleicht zwischen den Welten. Dieses "Ankommen", von dem Du sprichst, ist für mich auch eher ein Begriff aus der großen Welt, wo Ankommen bedeutet, seinen Mann zu finden und sein Haus zu bauen und Kinder zu kriegen und ich frage ich immer, was nach dem Ankommen kommt - der Tod? Das ist auch so ein Unterschied, dass ich nicht vom Ankommen träume, sondern einfach nur immer weiter und weiter gehen möchte, über alle Grenzen hinaus, und ich weiß, dass das nicht geht, was mich frustriert...

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    2. Das ist ein interessanter Punkt. Ich verbinde mit "ankommen" nämlich nicht im geringsten ein bestimmtes Lebensmodell. Und schon gar nicht Haus und Kinder. Eher ein Gefühl. Das Gefühl, irgendwo willkommen zu sein, dort gerne zu sein, sich "passend" zu fühlen. Das heißt für mich nicht Stillstand. Ankommen kann ich z.B. auch bei bestimmten Menschen. Und diese Menschen begleiten mich seit vielen Jahren durch die unterschiedlichsten Phasen meines Lebens, durch viele Veränderungen und Weiterentwicklungen hindurch.
      Ich denke, dass man, wenn man viele Grenzen in Frage stellt und weit gehen möchte, gerade dann, das Ankommen braucht, um nicht verloren zu gehen.
      T.

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    3. Das hängt wahrscheinlich sehr von dem Umfeld ab, in dem man sich bewegt. Um mich herum sind meinem Gefühl nach fast ausschließlich Menschen, für die Ankommen eben diese klassische Variante ist. Vielleicht muss ich daran was ändern, um "Ankommen" eher mit einer Definition wie deiner zu verbinden. Ich habe nun auch schon viel aussortiert an "Freunden" und Menschen, die mir nicht gut tun – die Frage ist nur, was dann übrig bleibt. Ja, die kleine Welt, aber wahrscheinlich habe ich selbst Berührungsängste, groß geworden ja in einem dunklen Teil der großen Welt... Ich habe einfach Angst, auch in die Welt nicht zu passen, die sich für mich (von weitem) richtig anfühlt. Ich habe Angst, rausgeworfen zu werden und "nicht mehr mitmachen" zu dürfen, ausgesperrt zwischen den Welten rumzuirren – dabei müsste ich mich wahrscheinlich einfach nur trauen... Ich weiß, dass sich in den nächsten Tagen die Gelegenheit dazu bietet, aber ich weiß nicht, warum ich so unsicher bin. Jedenfalls wird es die Bloggerwelt als erstes erfahren, was draus geworden ist. ;)
      Danke für Deine Worte!
      Lucia

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  3. Hallo Liebes ❤️
    Ich glaube das du in jede Welt gelangen kannst wenn du es wirklich willst und dir sicher bist! Dann brauchst du kein Codewort, du musst nur wissen welche Welt deine Welt sein soll.. und eigentlich ist die Lebenswelt von jedem Menschen unterschiedlich was bedeutet das jeder eigentlich seine eigene kleine Welt besitzt die er sich erschaffen kann! Ich finde das ganz schön!

    Auch wenn ich genau weiß welche Gefühle du in deinem Text beschreibst! <3

    Danke dir auch für dein Kommentar zu meinem Post! Ich werde dir sagen wenn ich eine Lösung weiß aber ich denke das ist alles nicht so einfach!

    Wenn du rede möchtest, ich bin da!
    Ich drücke dich,
    Deine Lee ❤️

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  4. Hey du :)
    Du schreibst sehr bewegend und ehrlich! Die Welt ist so unendlich groß und könnte so schön sein. Und trotzdem fühlen wir uns einsam, verloren und zerbrochen. Ich verstehe sehr gut, wie du dich fühlst... Irgendwie fehlen mir gerade die Worte. Aber ich danke dir für deine Worte. Du hast mir gerade das Gefühl gegeben, verstanden zu werden.
    Liebe Grüße
    https://wegausmeinermagersucht.blogspot.de/

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