Samstag, 9. Dezember 2017

Selbstreflexion #2


Ich kann nicht schlafen. Denke nach über mich und das Nachdenken. Denke, dass ich zu wenig denke in letzter Zeit. Dass ich mich durch mangelndes Denken nicht erinnere. An wichtige Dinge wie… Und…

Ich denke, ich sollte schlafen. Aber wie mit so vielen Gedanken im Kopf? Ich beschließe, mir morgen Zeit zum Denken einzuräumen. Vielleicht während der Vorlesung, die ich nur besuche, um für beide Blöcke zu unterschreiben und nach dem ersten wieder zu gehen. Oder in der Bahn nach Potsdam und dann zurück. Ich verschiebe also das Denken und schlafe ein.

Zeit zur Selbstreflexion zu finden – manchmal ist das schwer. So bewusst genommen habe ich sie mir bisher selten. Aber jetzt habe ich Zugfahrten. Und die fülle ich wie jeden noch so kleinen Zeit-Slot meines Alltags mit den Dingen, für die ich durch das Pendeln und mein dreidimensionales Leben keine Zeit mehr habe. Warum also nicht mich selbst reflektieren beim Blick in mein Spiegelbild im Zugfenster?

Zwei Taschenuhren
Nimm dir Zeit, dich selbst zu reflektieren!

Warnungen


Gestern habe ich über das Denken nachgedacht – beziehungsweise das Nicht-Denken. Das Vergessen. Erst schaffe ich es trotz Terminweckers nicht, meine Miete pünktlich zu überweisen. Ich vergesse es einfach. Und werde erst darauf aufmerksam gemacht durch meine Mitbewohnerin. Zum Glück frühzeitig, sodass sich der Fehler schnell bereinigen lässt.

Wenige Tage später fällt mir etwas ein, das vorübergehend vollständig aus meinem Gedächtnis verschwunden sein muss. Schon der Blick auf die kleine „1“ hinter dem Namen des am seltensten genutzten meiner fünf E-Mail-Postfächer lässt mir das Blut in die Ohren schießen und mein Gesicht ganz heiß werden. Ich habe vergessen, dass ich einer fremden Person für das Wochenende einen Termin zugesichert habe, an dem sie mich als Interviewpartnerin für ihre Studie hätte befragen sollen. Es ist das zweite Mal, dass ich ihr eine Antwort schuldig geblieben bin. Nun habe ich das Vertrauen ihrerseits in meine Zuverlässigkeit völlig verloren. Und meinerseits? Muss ich an meinem Gedächtnis zweifeln, das mir eine so wichtige Information einfach vorenthält?

Ich muss mich zumindest gewarnt fühlen. Strahlte mein Herz gerade noch von lebhaften Erinnerungen an das Wochenende, ist es nun etwas in sich zusammengesunken. Im Augenblick der Bewusstwerdung meiner beiden Fehltritte in so kurzer Zeitfolge wird mir klar: Etwas ist nicht in Ordnung. Ich muss wieder besser auf mich achten. Mich wieder wahrnehmen. Denn ich tendiere dazu, mich selbst zu vergessen.

Eine Skulptur: Eine Frau beugt sich über die andere, küsst sie auf die Stirn, massiert ihren Kopf.
Nimm dich selbst wahr und tu dir etwas Gutes – oder lass Dir etwas Gutes tun. ;)

Körper


Ich brauche Warnungen von außen, die mich auf das Innen aufmerksam machen, wenn es verrückt zu spielen droht. Wie viele Menschen neige ich dazu, erst hinterher schlauer zu sein und zu wissen, was los gewesen ist. Stimmungen wie tote Leere oder grundlose Traurigkeit verspüre ich heute selten. Das ist einerseits ein gutes Zeichen: Ich weiß besser einzuschätzen, woher negative Gefühle kommen. Ich kann essen oder schlafen, wenn Hunger oder Müdigkeit schlechte Laune verursachen. Oder das Gefühl akzeptieren, wenn gerade keine Zeit zum Essen oder Schlafen ist, weil ich weiß, warum es da ist. Aber es ist auch so, dass ich Leere und Traurigkeit nicht immer zulasse – mangels Zeit oder weil ich schnelle Ablenkung finde. Das ist die Schattenseite, die es zu ergründen gilt. Stille herrscht im Außen selten, sodass das Innen nicht zu Wort kommt.

Die Zusammenhänge körperlicher Bedürfnisse und negativer Gefühle sind mir inzwischen bewusst; sie zu akzeptieren, fällt schwer. Ich finde es einfach ungerecht, dass der Mensch sich so viel vorstellen kann, aber in seinen Möglichkeiten so begrenzt ist – durch den Körper und natürlich durch viele andere Gegebenheiten. Mein Kunstprojekt, das ich für die Uni anzufertigen habe, wird sich mit Grenzen beschäftigen; den unsichtbaren. Kunst mit ziemlich viel Mathe. Der Technik sei Dank ist es mit nämlich möglich, Grenzen nachzubilden, die man weder sehen noch anfassen kann – vorausgesetzt, ich schaffe es ein zweites Mal, Vektorrechnung zu verstehen.

Ich bin abgekommen von meiner Selbstreflexion – wie auch mein Bewusstsein von einem Gedanken zum nächsten springt, ohne die entsprechenden Handlungsbefehle zu geben. Ist es das, was man unter einer Träumerin versteht?

Neblige Winterlandschaft mit Schnee und kahlen Bäumen.
Manchmal scheint alles verschwommen. Finde den Fokus!

Ablenkung vs. Fokus


Menschen lenken gerne ab, wenn es unangenehm wird. So sind wir, auch wenn wir uns nur vor uns selbst verantworten. Manchmal tut Ablenkung gut – wenn sie bewusst geschieht. Sich an einem schlechten Tag ins Bett zu legen und sinnlose YouTube-Videos anzuschauen, kann eine hervorragende Idee sein. Manchmal gebe ich vor mir selbst jedoch nicht zu, negative Gefühle zu verspüren. Oder – was häufiger der Fall ist – ich merke es einfach gar nicht. Und falle wie in Trance ins Bett vor den Laptop, um mich an algorithmischen Vorschlägen des Internets durch den Abend zu hangeln.

Auch körperlich merke ich manchmal, dass irgendetwas nicht stimmt, ohne es gefühlsmäßig wahrzunehmen. Vielleicht, weil mein Kopf mit den Herausforderungen des Alltags genug zu tun hat. Der Körper ist eben eine lebende Barriere, die auch Grenzen aufzeigt. Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder Knieversagen – all das könnten Hinweise auf ein inneres Ungleichgewicht sein. Manchmal frage ich mich allerdings auch, ob ich nicht zu viele psychische Hintergründe in Körperdinge hineininterpretiere, um meine Arztphobie zu rechtfertigen. Jedenfalls verdient mein Innen Aufmerksamkeit, wenn es sich nicht gut fühlt.

Wenn ich nicht merke, dass etwas nicht in Ordnung ist, oder mir keine Zeit dafür nehme, führt das bisweilen zu seltsamen Situationen. Ich fühle mich gereizt und lasse das mitunter an Menschen aus, die mir gar nichts getan haben und mir eigentlich am Herzen liegen. Das will ich nicht und genau deshalb ist diese Selbstreflexion so wichtig. Den Fokus einmal auf sich selbst zu lenken, das Innen zu betrachten, die eigenen Handlungen der letzten Zeit zu hinterfragen und zu ergründen – das ist etwas, wofür wir alle uns hin und wieder Zeit und Raum nehmen sollten.

Ich fordere hiermit jede Person, die das hier liest, dazu auf: Gehe für zehn Minuten in dich, schalte alle Ablenkungsquellen ab. Ohne Musik; wenn du magst, auch ohne Licht. Respektiere die Gedanken, die da kommen, auch wenn sie unangenehm sind. Es ist wichtig, zu fokussieren und zuzuhören. In den überschlagenden Wellen des Arbeitslebens gerät das allzu oft in Vergessenheit.

Glitzer. 💖

Eine rosafarbene Rose vor grünem Hintergrund.
Blühe!

Donnerstag, 2. November 2017

Zwischen Münster und Berlin

Berlin begrüßt mich mit Pissgestank: Guten Abend, hier ist ein gänzlich leerer S-Bahnwaggon für Sie. Zu Hause schnieft’s. Mein Bett ist klein. Zurück in meinem rasanten Leben als Pendlerin, in analogen wie digitalen Räumen. Vielleicht auch emotionalen. Pendle ich zwischen Arbeits-Ich, Uni-Ich, Beziehungs-Ich. Eine dreidimensionale Welt ohne Mittelpunkt. Kaffee-Zigaretten-Mundgeruch im Zug vom nächsten Morgen.

Münster ist Ruhe. In Münster scheinen wir uns zusammen beide wohler zu fühlen. Hier schnieft’s auch nicht. Nur das Feuer knistert. Der Wind sitzt im Ofenrohr und heult. Er fragt nicht: „Was bist Du eigentlich?“. Anna ist nah. Im Berliner Alltag manchmal schwer zu spüren, wie nah. Wenn ich eine Komponente meines Multi-Lebens löschen sollte, könnte Münster es nicht sein.

Ich vergesse den Rest in Münster. Und verstecke mich im Moment. Wenn man sie haben kann, ist Liebe mitunter schwer zu entdecken. Der entscheidende Faktor Sehnsucht fehlt. Ich empfehle also fast die Fernbeziehung. Woher sollte ich wissen, wie ich fühle, wenn es nicht Abschiedsküsse gäbe?


Die Arbeit ist portabel. Dein Homeoffice kannst du überall hin mitnehmen. Aber das geht bislang nur einmal die Woche, dennoch gepresst in aufeinanderfolgende Stunden am frühen Morgen. Ich freue mich auf die Selbstständigkeit, aber nicht auf die Mühen, die zwischen mir und ihr noch liegen. Und was, wenn sie scheitert? Das Risiko wird mich wie gewohnt nicht hindern können. Die Arbeit ist die Grundlage aller weiteren Lebenskomponenten. Ohne sie könnte ich gar nichts und erst recht nicht studieren oder nach Münster fahren. Sie kann sowieso nicht weg.

Umgestürzte Bäume liegen neben der Bahnstrecke. Dieses Mal hat sich der Sturm freundlicherweise ein langes freies Wochenende zum Wüten ausgesucht. Heute ist es nicht so früh wie sonst. Mittwochs fühle ich mich normalerweise wie eine wandelnde Tote. Das ebbt über den Tag nicht ab, sondern wird höchstens schlimmer. Mittwochs möchte ich mein Studium regelmäßig in den Sand setzen. Um über die Hälfte des Studieninhalts wäre es mir auch nicht schade. Aber einige Sachen haben doch einen Sinn. Und ich habe gelernt, dass ich auch mittwochs begeisternde Vorträge halten kann; sofern ich für das Thema brenne. Mein Hirn steht in Flammen, jeden Mittwochabend, wenn ich nach Münster telefoniere und meine Augenlider festhalte. Drauf verzichten kann ich jedoch selten, auf die Stimme mit dem Gute-Nacht-Luftkuss auf den Lippen.

Das Studium deckt noch eine weitere Komponente ab, ohne die ein Leben nicht auskommt: Soziale Kontakte (hässlicher Begriff). Es verschafft mir den Austausch mit Menschen, die nicht den kalten Reptilien von der Arbeit gleichen. Sie sind noch warm, noch nicht entschieden für ein und dieselbe Tätigkeit Ihres Lebens. Sie haben ihre Ideen noch nicht begraben und dürfen noch ihre Träume großkotzig ausbreiten, ohne dafür ausgelacht zu werden. Die Reptilien dürfen erstens nicht drüber reden, nicht bei der Arbeit von etwas anderem träumen als genau dieser Arbeit für immer, und zweitens haben viele von ihnen das sowieso längst aufgegeben – es sein denn, sie fühlen sich von dem, was sie tun, vollends erfüllt…

Und was ist mit der Zeit? Der leider nicht immerwährenden Zeit, die doch ein immer begleitender Faktor dieses endlichen Lebens ist. Sie ist zu kurz. Lasst sie mich ausdehnen. Warum müssen Wochen ausgerechnet sieben Tage haben? Wie wäre es mit zehn? Wie wäre es mit einem alternativen Zeitkonzept als Protest gegen den Trend, immer mehr Inhalt in immer weniger Zeit stopfen?

Solange die Zeit jemand anderes bestimmt, bleibe ich schlaflos. Entgegen meines inneren Rhythmus quäle ich mich. Und ich freue mich. Über mein „neues“ Leben. Dem es an nichts fehlt, als Zeit. Es gibt eine Quallenart, die unsterblich ist. Vielleicht lässt sich dieses Konzept technisch nachahmen. Neil Harbisson ist Cyborg-Aktivist und sagt, dass das irgendwann bestimmt geht. Vilém Flusser wünschte sich, den biologischen Körper irgendwann hinter sich lassen zu können. Eine Utopie – doch interessant, sich vorzustellen, wie sich soziale Gefüge dann wohl verändern würden?

Mein Leben ist dreidimensional. Vielseitig und spannend. Anstrengend und zuweilen zerreißend. Doch im Gesamtgefüge ganz gut so.

Glitzer 💖

Sonntag, 24. September 2017

Von Übersetzungsfehlern und Selbstrespekt

Es regnet. Laut. Die Regentropfen rauschen so runter. Und ich sitze hier, nach einem langen Spaziergang, auf meinem Bett. Gedanken in meinem Kopf, die ich so nicht aufschreiben würde, weil sie leicht missverständlich sind. Sie bleiben also im Innen, sind sie doch eher Gefühle, die mein Gehirn etwas seltsam übersetzt – wie der Google-Übersetzer: falsch herum zusammengepuzzelte Worte, die wenig Sinn ergeben; zumindest nicht den ursprünglichen der Originalsprache, obwohl die Worte einzeln schon richtig übersetzt sein können. Schön wäre es, wenn es einen Herz-zu-Hirn-Dolmetscher gäbe. Aber das wäre ja auch zu einfach...

In meinem Leben finden gerade viele Umbrüche statt und es ist normal, dass in dieser Zeit auch im Kopf noch einmal alles drüber und drunter geht. Völlig sinnfreie Handlungsideen entstehen da aus den Gefühl-zu-Gedanken-Übersetzungsfehlern. Aber dann mache ich einen langen Spaziergang und entwirre die Denkstränge, die sich überschlagen haben. Ich erinnere mich dann wieder an das, was ich wirklich tun will, und sortiere aus, was sich nur auf diesen Moment bezieht.

Es ist der Respekt vor mir selbst, der mir manchmal fehlt. Oder oft. Ich weiß das nicht so genau, weil ich meine Respektlosigkeit während ihres Geschehens gar nicht bemerke. Ich bin dann ganz fest überzeugt von meinen absurden, destruktiven Handlungsideen; sie erscheinen mir logisch, obwohl sie keiner sachlichen Argumentation standhalten können. Und das passiert mir, einem so rationalen, eigentlich ja klugen Menschen. Aber Wissen sorgt nicht automatisch dafür, dass wir es auch umsetzen. Immerhin macht es uns bewusst, was wir tun.Wenn auch oft genug erst hinterher.

Ich möchte mehr Respekt vor mir selbst haben, weil ich mit meiner Selbstrespektlosigkeit nicht anderen schaden möchte. Das gehört zu den Voraussetzungen für jede tiefergehende Beziehung zu anderen Menschen. Und irgendwann werde ich darüber hoffentlich zu dem Schluss kommen, dass Selbstrespekt auch mir selbst gut tut. Ich arbeite daran – durch Spaziergänge, Gespräche und Hinterfragen. Letzteres ist wohl so etwas wie mein Lebensinhalt: immer wieder zu überprüfen, was ich tue, warum ich das mache und ob es nicht destruktiver Natur ist oder auf giftigen Überzeugungen beruht. Da meine Eltern es versäumt haben, erziehe ich mich nun selbst – wie Pippi Langstrumpf.

Pippi Langstrumpf (Puppe) im Liegestuhl
Pippi Langstrumpf erinnert mich täglich an meine Pläne!

Was tust Du für mehr Selbstrespekt? 💖

Sonntag, 10. September 2017

Auszeit zwischen den Welten & 4. Blog-Geburtstag

Hier sitze ich in einem Hippie-Himmelbett in Münster und tippe mich durch die Zeit. Sie ist im Theater, arbeiten. Ich warte hier, endlich einen handlichen Laptop in meinem Besitz, und habe endlich einmal Muße. In Berlin komme ich zu nichts, denn selbst wenn nichts zu tun ist, muss ich etwas tun. So nehme ich mir viel zu viel vor und weil ich alles gleichzeitig zu tun versuche, schaffe ich am Ende nichts.

Jetzt sitze ich hier und schreibe über Belanglosigkeiten. Ich strecke die Beine quer über das Bett und genieße den vielen Platz. Die Kissen riechen nach ihr. Es ist alles echt. Wie oft sie wohl von hier aus schrieb, was ich später las? Im Regal steht meine Weihnachtskarte, die aus der letzten Adventsverlosung stammt. Dass sie selbst dieser Bloggerwelt entstammt, ist schwer zusammenzukriegen, dass ich hier bin, in diesem Zimmer, das ich bisher nur aus Worten kannte. Die virtuelle Welt ist echt. Gegenstände, die mir gehören, stehen jetzt hier rum. Noch komischer ist es, wenn ich in Berlin bin und per Skype auf einmal unser Buch im Bildschirm sehe, das vorher wochenlang in meinem Zimmer wohnte.

Aber jetzt ist die Scheibe zwischen uns weg. Ich strecke die Hand aus und sie kommt bei ihr an. Punkycat und Plattschaf liegen friedlich nebeneinander. Vielleicht wisst ihr nicht, wovon ich spreche, aber wenn ihr jemals einen Menschen aus dem Internet getroffen habt, könnt ihr das Gefühl möglicherweise nachvollziehen.

Ich habe den Termin dieses Mal nur knapp verpasst: Seit genau vier Jahren und vier Tagen gibt es diesen Blog. ElfenTraum(a) darf 4. Geburtstag feiern! Ich habe so viele Menschen kennengelernt in dieser Zeit. Ich folge 97 Blogs; wenn auch viele vermutlich nicht mehr aktiv sind. 124 Menschen folgen mir hier auf Blogger, 182 auf Facebook. 41 Personen haben Zugriff auf meine passwortgeschützten Posts. 142 E-Mails habe ich von euch erhalten. Dazu kommen unglaubliche 1.733 Kommentare! Für ElfenTraum(a) schrieb ich insgesamt 527 Blogposts. Das sind so unfassbar viele Worte und Zeichen. Persönlich getroffen habe ich Lia, mit der ich einen wunderschönen Tag verbringen durfte, Kiwi, die zur guten Freundin wurde, und Neva, mit der mich Besonderes verbindet. Dankbar bin ich auch für die Bekanntschaften mit Aryadne, Liv, Mademoiselle Verte, Jay, Emaschi, Lina, Anna, Effy, Gia, Lee, Feli, Fee, Caro, Emma, Kathi, Luca und noch so vielen mehr... eigentlich für alle Leser*innen und jedes Wort, das ihr mit mir geteilt habt. 💖

Nun, das war ein komischer Post, voller Gefühlsduselei und Dankbarkeit. Aber so fühle ich mich eben gerade. Habt noch einen schönen Sonntag! 😊

Geburtstagskuchen mit vier Kerzen


Sonntag, 27. August 2017

Kontrollverlust: menschliche Bedürfnisse vs. Selbstzerstörung

TW: Selbstzerstörerische Aktivitäten als Thema (im Rückblick, ohne Details)

Wenn du jemandem näher kommst – und damit meine ich "verliebenundsoweiter" –, dieser Person gedanklich, emotional und physisch näher kommst, wirst du dich automatisch auch mit dir selbst beschäftigen. Und so schön die Sache an sich sein kann, für Menschen mit Missbrauchserfahrung kann das ein ganz schönes Durcheinander bedeuten. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zwar generell oft kompliziert für eine Person, die sich partiell selbst nicht leiden kann. Es ist aber doch noch einmal eine ganz andere Nummer, jemanden so nah an sich heranzulassen, emotional wie physisch. Letzeres, könnte man meinen, sollte als Frau mit einer Frau weniger schwierig sein als mit einem Mann. Einen Vergleich kann ich persönlich da nicht ziehen, aber ich weiß, dass meine Konstellation keineswegs frei von Problemen und Gehirnknoten ist. Letztlich kann der Unterschied, von anatomischen Gegebenheiten einmal abgesehen, nicht so groß sein. In jedem Fall handelt es sich um einen Kontrollverlust, was mich direkt zu den Gedanken und Metaphern führt, die ich heute mit euch teilen möchte: Es geht um den Unterschied zwischen Kontrollverlust durch menschliche Bedürfnisse und Kontrollverlust durch Selbstzerstörung.

Ich habe in meinem Leben schon einige selbstzerstörerische und selbstsabotierende Dinge gemacht – erlebt passt hier vielleicht besser, wenn wir davon ausgehen, dass Selbstzerstörung mit Kontrollverlust einhergeht. Dazu gehört auch, mich in gefährliche Situationen zu begeben, die dazu führen, dass sich schlimme Erlebnisse wiederholen. Das kennen andere Betroffene vermutlich auch; ein sehr unangenehmes, aber leider typisches "Symptom". Diese Art der Selbstsabotage geschieht im Vergleich zu z.B. Selbstverletzungen oder Drogenkonsum ziemlich unbewusst und unter völligem Wegdriften. Einen Menschen, der mir am Herzen liegt, lasse ich natürlich unter ganz anderen Umständen so nah an mich heran. Trotzdem ist der Vorgang ein ähnlicher, wenngleich es einen großen, jedoch mitunter schwer erkennbaren Unterschied gibt, so alles gut geht.

Zwei Marienkäfer nähern sich liebevoll einander an.
Die vorsichtige Annäherung...


Da gibt es den einen Teil in mir und uns allen, den ich den "profanen Menschen" nenne. Das sind die menschlichen Bedürfnisse – denn wir sind (leider?) keine gottgleichen Wesen, die enthaltsam und asketisch leben können, ohne etwas zu brauchen. Wir haben einige Bedürfnisse, die sich nicht oder nur bedingt kontrollieren lassen. Wenn wir aufs Klo müssen und es ist gerade kein stilles Örtchen verfügbar, können wir es noch eine Weile aushalten. Irgendwann aber wird sich unsere Blase entleeren, ob wir nun auf dem Klo sitzen oder nicht. Dasselbe, wenn wir versuchen, die Luft anzuhalten: Irgendwann setzt sich der Körper durch und wir atmen weiter. Auf der anderen Seite gibt es den selbstzerstörerischen Teil. Ab einem bestimmten Punkt verliere ich die Kontrolle über ihn, kann ich mich nicht mehr stoppen, weil der zerstörerische Teil sich durchgesetzt hat, und ich höchstens wie von außen beobachten kann, was geschieht.

Weil beide Teile sich durch Kontrollverlust auszeichnen, lassen sie sich nur schwer voneinander unterscheiden. Der Kontrollverlust des profanen Menschen kann ja durchaus positiv sein, wenn wir jetzt von der physischen Interaktion mit einer geliebten Person sprechen. Der Kontrollverlust durch Selbstzerstörung aber ist äußerst destruktiv. Dabei ist es eher die Angst davor, beide Teile zu verwechseln, die mich umtreibt, als dass dies bislang tatsächlich passiert wäre. Eine andere Ebene ist noch: Wenn ein Mensch mir so nahe steht wie in einer beginnenden Liebesbeziehung, besteht für diesen das Risiko, in die Schusslinie meiner Selbstzerstörung zu geraten. Und weil das vermutlich alles sehr kompliziert und kryptisch klingt, habe ich im Folgenden einen Vergleich für euch, der für viele Leser*innen sicher leichter nachzuvollziehen ist: Meine Metapher ist die Essstörung.

TW: Essstörungen

Eine Essstörung ist ebenfalls ein Mittel der Selbstzerstörung, das ich selbst gut kenne. Und wiederum anders als bei Selbstverletzungen, Drogen oder sonstigem ist es besonders schwierig, sie loszuwerden. Wir können nicht einfach aufhören zu essen, das Mittel der Selbstzerstörung wegsperren und uns mit anderen Dingen beschäftigen. Essen gehört ebenfalls zu den menschlichen Bedürfnissen und geht somit mit Kontrollverlust einher – wie eine Essstörung. Am besten funktioniert der Vergleich mit der bulimischen Essstörung. Wir können Nahrung auf verschiedene Weisen zu uns nehmen: Wir können genießerisch essen. Und wir können selbstzerstörerisch essen – ohne etwas zu schmecken von dem, was wir da in uns hineinschlingen. Vielleicht essen wir dann sogar etwas, das wir eigentlich gerne mögen, aber spätestens, wenn die bulimische Phase überwunden ist, werden wir feststellen, dass wir dieses Nahrungsmittel nicht mehr genießerisch essen können, weil es zu stark mit der Erinnerung an die eigene Selbstzerstörung verbunden ist. Das ist Verschwendung – genauso, wie der Rückwärtsgang: Nachdem wir unsere Lebensmittel schon so achtlos und zerstörungswütig hinuntergeschlungen haben, kotzen wir sie auch noch wieder aus. Wir verschwenden Essen. Nicht vegan lebende Bulimiker*innen lassen andere Lebewesen umsonst leiden oder sterben. Wir zerstören die Umwelt. Im übertragenen Sinne zerstören, oder zumindest stören wir mit unserem Verhalten vielleicht die Welt eines anderen Menschen.

Ende der TW Essstörungen

Liebe ist auch ein Lebensmittel. Deshalb sollten wir achtsam mit ihr umgehen. Ich habe auch nicht die Absicht, etwas anderes zu tun. Aber der beschriebene selbstzerstörerische Kontrollverlust steht mir dabei manchmal im Weg. Das ist ja auch ein ungewohntes Gefühl und meine partielle Kratzbürstigkeit (wir nennen das auch "ein Kugelfisch sein") ist vielleicht Ausdruck meines verinnerlichten Misstrauens, das vermutlich aus meinen frühkindlichen Erfahrungen und dem fehlenden Urvertrauen resultiert. Eines sollten wir trotz aller logisch begründbaren Ursachen für unser Verhalten jedoch nicht vergessen: Sobald unsere Selbstzerstörung auf andere Personen übergreift, stören wir nicht mehr nur uns selbst, sondern auch unsere Umwelt. Und an dieser Grenze endet unsere Freiheit, mit uns selbst zu tun, was wir wollen, wenn wir nämlich die Freiheit derer einschränken, die gerne nicht zerstört werden möchten.

Die Beine eines Menschen  mit rosa Turnschuhen laufen dem Sonnenuntergang entgegen.
Auf dem Weg zur Achtsamkeit.


Jeder Mensch tut anderen, vielleicht sogar geliebten Menschen manchmal weh; schließlich sind wir keine Maschinen. Gut ist, wenn wir das auch merken – oder uns andere Menschen ehrlich darauf aufmerksam machen. Wer in seiner eigenen Selbstzerstörungswut nicht mehr klar sehen kann, braucht so einen Hinweis zuweilen. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich die Erziehung eines cholerischen Vaters und einer narzisstischen Mutter genossen habe und Teile davon ziemlich fest in mir verankert sind. Auf Dauer bringt es aber nichts, sich über dieses Schicksal zu beschweren, sondern hilft nichts besser, als damit umgehen zu lernen – für meine Umwelt und für mich selbst, denn letztlich fällt die Störung meines Umfeldes auch auf mich zurück. Ändern kann ich meine Vergangenheit nicht und sie wird für immer ein Teil von mir sein. Aber mein zukünftiges Sein ist nicht vorherbestimmt. Ich habe sehr wohl die Möglichkeit und das Potenzial, ein erfülltes Leben zu führen und gesunde Beziehungen zu pflegen. Viele gute Wege habe ich schon eingeschlagen. Ich habe auf meine eigenen Wünsche hin meine Vollzeitstelle gekündigt, mich für einen Masterstudiengang eingeschrieben und kann dank der baldigen Aufnahme einer Werkstudententätigkeit im bisherigen Unternehmen weiterhin meinen Unterhalt finanzieren. Manchmal helfen mir Menschen dabei, meine Pläne zu realisieren. Die Gestaltung meines Lebens aber übernehme, im Rahmen der gesellschaftlichen Möglichkeiten, ich selbst. Ein Ziel wie dieses zu erreichen, ist keine Kleinigkeit.

Was ich mit diesem Post sagen will, ist: Manchmal sieht das Leben eines Menschen, der von ähnlichen Dingen betroffen ist wie ihr, von außen betrachtet so aus, als würde es sehr gut funktionieren. Das wirkt dann schnell so, als hätte diese Person eine plötzliche "Heilung" oder das Erreichen von "Glück" genossen. So einfach ist das aber nicht. Unsere Vergangenheit, unsere schlimmen Erfahrungen und vielleicht auch unsere gegenwärtigen Erlebnisse werden immer Teil von uns bleiben. Und wir werden uns im Laufe unseres Lebens immer wieder neu mit ihnen auseinandersetzen. Niemand kann in der Zeit zurück reisen und alles rückgängig machen. Was wir aber können ist: akzeptieren, wie wir sind. Auf dieser Basis kann ich lernen, achtsam zu sein und mit mir und meiner Umwelt so umzugehen, wie ich es gerne möchte.

mit den Händen geformtes Herz im Gegenlicht

Samstag, 15. Juli 2017

Tagträume, Dvorák und die Punkfresse

Die Zeit hängt an meinen Hacken, daran hat sich nichts geändert. Wenn ich sehe, wie lange der letzte Post schon wieder her ist.... puhhh. Ja, ich sehe den erheblichen Einbruch der Leser*innenzahlen. Aber Klicks sollten mir eigentlich nicht so wichtig sein. Ich vermisse auch den Austausch mit euch. Mindestens drei Menschen warten auf Antworten auf ihre E-Mails. Das meiste andere hat sich ins Private verschoben, weil wir Freund*innen geworden sind. Viele Blogger*innen sind nicht mehr aktiv in der Bloggerwelt. Von manchen fehlt gar jede Spur. Nicht unwesentlich trägt zum abnehmendem Austausch bei, dass ich mit meinem Browser keine Kommentare mehr schreiben kann und im anderen schon mit dem anderen Google-Konto angemeldet bin und wenn ich da nicht durcheinander kommen will, muss ich jedes Mal ein Inkognito-Fenster öffnen und mich neu anmelden. Ja, das ist nicht die größte Sache, aber es nervt, und wenn mir schon die Hand beim Tippen einschläft, kann ich mich oft nicht dazu aufraffen.

Jetzt ist es anders. Jetzt habe ich zwei Wochen Urlaub. Und auch die möglicherweise bevorstehenden beruflichen Veränderungen rücken näher und nehmen langsam Gestalt an. Eigentlich bin ich mir schon relativ sicher, wie es weitergehen wird. Eigentlich, weil ich ein Risiko eingehen werde. Weil es der schwierigere Weg ist, den ich mir aussuchen werde. Und der glücklichere, der sinnvollere, der menschlich und moralisch richtigere. Ich möchte die Wahrheit zu meiner Beschäftigung machen. Ich möchte nicht lügen, nicht schweigen, nicht wegsehen. Wenn ein Tipp für Texter lautet, keinerlei Nachrichten mehr zu schauen, um bessere Arbeit leisten zu können, weiß ich: Hier bin ich falsch.

Ich verzichte gern auf Harmonie, wenn ich mich dafür an notwendiger Stelle aufregen darf. Ich verzichte auf das große Geld, solange ich dafür Mensch bleibe. Meine Anpassungsstörung wird mein Gewinn sein. Meine schlimmen Erlebnisse die Voraussetzung für meinen hinterfragenden Geist. Ich bin hier und ich werde nicht umsonst auf der Welt geblieben sein!


Jetzt bin ich berauscht von meinen Träumen. Vielleicht wache ich morgen auf und halte all das hier für Schwachsinn. Wahrscheinlich sogar. Aber es ist gut, diesen Moment festzuhalten und mindestes einige Aspekte davon mit in die Realität zu nehmen. Besser, als sich für immer in Tagträumen zu verlieren. Denn das passiert, wenn die Differenz zwischen Wollen und Sein zu groß ist. Das wird sie hin und wieder und dann ist es nicht weit bis zum großen Knall. Diesmal habe ich ihn vielleicht früh genug vorhergesehen. Und kann auf mich aufpassen. Obwohl ich vorgestern noch zu meiner Beraterin gesagt habe, dass ich in solchen Phasen keine Geduld dafür hätte, habe ich mich nun hingesetzt und aufgeschrieben.

Das Fatale ist ja, dass es mir nicht zwingend schlecht geht, wenn ich mich gedanklich wegbeame, von allem, was mich zermürbt. Das ist wie mit Drogen oder meinetwegen auch Essstörungen. Wer "high" ist (von was auch immer), mag sich nicht mit der Realität konfontieren. Denn das führt zum (vorübergehenden) Supergau. Noch schwieriger: Manche Träume machen ja durchaus Sinn und ich möchte sie nicht missen. Ich mag es, wenn sich auf dem Weg zur Arbeit, den im Gleichschritt alle grauen Herren und Damen jeden Morgen antreten, plötzlich alles in ein Musical verwandelt und die Straße zur Bühne wird – natürlich nur durch die Musik in meinem Ohr, das ist einfach eine schöne Vorstellung, die mich diesen Weg besser aushalten lässt, auch wenn sie an der Realität nichts verändert. Ich genieße auch den Kontrast der pinken Haare und meiner Punkfresse zu den wunderbar emotionsgeladenen klassischen Konzerten, die meine Gehörgänge fluten, während ich in der U-Bahn stehe – und niemand weiß es, außer mir! Ich weiß, dass das ein bisschen verrückt ist. Nun bin ich aber auch eine künstlerische Person und dafür braucht es eben eine Prise Wahnsinn. Meine Arme schwingen hoch über meinem Kopf wie eine Wasserpflanze im Takt einer Dvorák-Sinfonie, bevor sie wieder auf die Tastatur fallen und sich verhalten, als würde ich eine Klaviatur bespielen – und so entstehen die besten Texte, weshalb ich ja lieber als Freie arbeiten würde, denn im Büro ist Wahnsinn nicht gern gesehen.

Ich dirigiere den letzten Takt mit und es folgt Spotify-Werbung. Wo sind wir nur wieder gelandet mit diesem Post? Irgendwo ganz anders, als am Anfang. Und das lasse ich jetzt so stehen, weil ich mich in dieser wunderbaren Bloggerwelt seit Jahren sicher fühle mit meinen Texten. Schreibt mir doch mal wieder! Ich bin jetzt erstmal ein paar Tage weg, aber dieser Urlaub wird definitiv noch Zeit bieten, die ich euren Posts und Kommentarbereichen widmen werde. Lasst uns glitzern! 💖


Sonntag, 25. Juni 2017

Perspektiven

18. Juni

Ich sehe Eleganz im Spiegelbild. Klassischer Gesang in den Ohren lässt einen unvermittelt gerader sitzen. Schwarze Kleidung hatte ich die ganze Woche lang an. Es ist Sonntag und Sonntag bedeutet, frei zu haben, aber auch morgen wieder arbeiten zu müssen – das Arbeiten, mit dem man Geld verdient. Aber nicht mehr. Das Arbeiten, bei dem man die Stunden, ja die Minuten zählt und am Ende des Tages doch ins Bett fällt, ohne vorher noch etwas Sinnvolles machen zu können. Angst machen mir die vier langen Wochen, die ich bis zu meinem Urlaub noch überstehen muss. Und obwohl ich den ganzen Tag schreibe, hat mir kein Job bisher so wenig Spaß gemacht. Ich bin nicht schlecht darin. Alle sind mit mir zufrieden, empfehlen mir sogar, mich zu bremsen, weniger zu tun, ja, eigentlich erwarten sie von mir, weniger "gut" zu sein. Dabei bin ich schon nur mit halbem Herz dabei...

Schreiben und Schreiben sind nicht dasselbe. Meine Arbeit hat keinen Sinn, sie bringt niemandem etwas, außer vielleicht noch mehr Geld für diejenigen, die schon genug davon haben. Ich befinde mich auf der falschen Seite. Der falschen Seite der Macht. Eine solche Arbeit erledigt man nicht guten Gewissens, man tut sie, um zu überleben, sonst nichts. Ich versuche, mich zu bewerben, auf Masterstudiengänge oder andere Jobs, doch gerade die zermürbende Langeweile bei der Arbeit raubt mir die Kraft. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, wie viel sinnlose Zeit ich dort verbringe. Mit jeder Stunde schlägt mein Künstlerinnenherz lauter vor übersprudelnden Ideen, die sich nicht umsetzen lassen. Und die Kolleg*innen könnten die tollsten Menschen sein – es hält mich nicht.

Geld Geld Geld ist alles, was mich zurückhält, mich an den Stuhl fesselt und meine Finger an der Tastatur festklebt. Ich kann nicht weg, bevor sich nicht eine ausreichend lukrative Alternative bietet. Oh ja, meine "FirstWorldProblems" möchtet ihr haben, richtig? Kann ich nicht zufrieden damit sein, überhaupt Arbeit zu haben? Muss ich mich mit Reiche-Eltern-Sprösslingen vergleichen, die einfach mal noch etwas anderes studieren oder ein Jahr Pause machen können? Die sind schließlich auch nur Ausnahmen, die meisten anderen Menschen reißen sich einfach zusammen und arbeiten, wie jede*r andere. Ja, sie glauben, ich sei bloß zu faul, aber ich möchte doch nur etwas machen, das wenigstens einen winzigkleinen Nutzen bringt, der nicht heißt: Menschen sinnlose Produkte anzudrehen und bewusst Tatsachen zu verschweigen oder zu beschönigen. Marketing ist nichts für die ehrliche Haut. Und ich kann nicht gut lügen.

So brodelt es seit ein paar Wochen in mir...

25. Juni

Ich bin hier.
Hallo! Ich bin auf dem Weg zu mir. Können Sie mir vielleicht sagen, wo es lang geht? Ach nein, sagen Sie es lieber nicht! Sagen Sie nicht, die Vernunft sei der Weg. Sagen Sie nicht, ich soll Geduld haben, es durchziehen. Sagen Sie nicht, drei Jahre müsse ich es in dem Job schon aushalten. Sagen Sie nicht, irgendwann würde ich schon Kinder wollen. Sagen Sie nicht DOCH, wenn ich NEIN sage.

Ich bin auf dem Weg zu mir. Und mein Weg ist vielleicht nicht dein Weg, aber ein Weg. Sag mir nicht, wohin ich gehen soll. Und wenn ich dich nach dem Weg frag', sag: "Immer der Nase nach" und "Egal, welchen Weg du wählst, ich unterstütze dich". Sag, dass es das wirklich gibt. Wegbegleiter. Nicht Wegbereiter. Nicht Wegabstreiter. Geh weiter! Wenn du nur einengen und bedrängen willst. Wenn du vorschreibst und besserweißt und Witze reißt über mich und meine Träume. Lass mich geh'n oder lass mich steh'n. Ich bleibe. Bei mir. Mit Herz statt Vernunft und Leidenschaft statt Schaffenskraft. Ich bin kein Leistungstier. Ich bin ein Mensch und ich bin hier!

(Ich habe fünf Bewerbungen verschickt. Denn nach Jammern kommt Machen.)

Seifenblasen

Dienstag, 6. Juni 2017

Eine Welt

Plötzlich habe ich die Gelegenheit, Zutritt zu einer der anderen Welten zu erhalten. Es erfordert viel Mut und etwas Eigeninitiative. Und dann stehe ich in der Küche dieser queeren WG, die mich an ein Mosaik aus schönen Scherben erinnert, und backe Soli-Kuchen. Ich lerne alle sieben Mitbewohner*innen meiner Trickfilmkollegin kennen, von der ich dachte, sie könnte mich nicht leiden. Aber so ist das wohl mit sympathischen Menschen: Da ist die Angst, die Befürchtung und die Erwartung, dass sie mich schrecklich finden und wir uns so niemals auch nur ansatzweise anfreunden werden. Wann immer ich das Gefühl habe, ich sollte mich auf den Weg machen, schlägt sie etwas neues vor – auf dem Balkon in der Sonne sitzen, Nudelsalat essen, lesbische Webserien schauen. Am Ende bin ich über zwölf Stunden dort und uns geht kein einziges Mal der Gesprächsstoff aus. Wir sprechen über unsere mutterkomplexischen Schwärmereien für Lehrerinnen, über die Welten, in denen wir uns beweg(t)en, über schlimme Erlebnisse und Empowerment. Und wir lachen viel über die Sinnlosigkeit mancher Dinge, die Menschen miteinander tun.

Aber dieser Tag ist nicht nur entspannend, sondern eigentlich sogar ziemlich anstrengend. Ich dachte, ich würde mich inzwischen ganz gut auskennen in dieser kleinen Welt. Aber das ist falsch, ich habe keine Ahnung von dieser Welt. Da reicht auch all die angelesene Theorie nicht aus. Es ist, als würde ich in einer Parallelwelt leben. Ich kenne keinen einzigen der Orte, an den sie und ihre Mitbewohner*innen gehen, obwohl ich mich in den entsprechenden Gegenden bisher auszukennen glaubte. Und auf dem Klo hängen "Nein heißt Nein"-Poster und in der Küche eine Girlande aus politischen Flyern. Ich fühle mich immer noch zwischen den Welten. So dankbar ich für diesen Einblick bin – lieber wäre mir Eine Welt, in der wir alle einfach sein könnten.

Einen Tag später befinde ich mich zum ersten Mal wissentlich in einer "Homo-Bar". Etwas, wogegen ich mich bislang immer gesträubt habe... – Warum mir wohl schon viele Orte und Menschen entgangen sind? Ich glaube, ich weiß es: Purer Selbsthass. Ich wünschte, ich könnte sie einfach wegmachen, die Überzeugungen, die meine beschissene Erziehung in mich eingepflanzt hat. Ich habe gelernt, dass die Menschen, die ich sympathisch finde, und die Menschen, die so sind wie ich oder sonst irgendwie anders, schlecht sind. Natürlich hasse ich mich selbst! Es wäre unlogisch, wenn nicht. Da hilft nur eins: Damit aufzuhören. Das weiß ich schon so lange, und habe es immer noch nicht geschafft. Aber was kann ich anderes tun, als endlich mit mir selbst klarzukommen? Ich kann nicht ändern, wer ich bin und ich kann auch nicht raus aus meiner Haut. Warum also sollte ich mich selbst bekämpfen?

Und morgen muss ich zurück in die große Welt. Zurück zu einem Arbeitskollegen, der mich belästigt, und einem Job, der mich unglücklich macht. In der großen Welt interessiert das niemanden. Da sagen mir andere Frauen, ich solle doch öfter Kleider anziehen, wenn ich dann besser Bewertungen bekäme, während ich vor dem Kleiderschrank stehe und verzweifelt nach dem Unsichtbarkeitsumhang suche. Nein, ich möchte nicht für etwas "gelobt" werden, das ich selbst nicht beeinflussen kann. Aber in der großen Welt interessiert das niemanden.



Samstag, 27. Mai 2017

Von Glitzermomenten und schönen Tagen

Ich habe heute mit Neva telefoniert – zum ersten Mal überhaupt, denn sie besucht mich im Sommer in Berlin und da wollten wir uns schonmal ein bisschen näher kennenlernen. Wir haben darüber gesprochen, wie viele und auch wir dazu neigen, mehr über das Schlechte zu schreiben, als das Gute. Das macht in gewisser Weise Sinn: Wir wollen uns ausdrücken, wenn es uns schlecht geht, weil es sich dann besser aushalten lässt – also schreiben wir. Und wenn es uns gut geht, schreiben wir gar nicht. Wir nehmen das dann einfach als selbstverständlich hin, vielleicht weil es bedeutet, dass wir für diesen Moment mit unserem Befinden nicht von der (vermeintlichen) Norm abweichen. Manchmal möchte ich einen schönen Moment aber auch einfach nur genießen, ohne ihn zu zerdenken.

Viele Menschen verlassen die Bloggerwelt, diese kleine hier zumindest, sobald es ihnen besser geht. Und ich kann mehr als verstehen, dass manche von ihnen diesen Abstand brauchen, Abstand in einer Gemeinschaft, in der das Schlechte offen ausgesprochen wird und man nun einmal besonders auf sich aufpassen muss, wenn einen diese Dinge triggern, wieder zurück zu fallen. Trotzdem ist es schade, wenn Blogger*innen einfach wortlos aus dieser Welt verschwinden, mit denen mich ein teilweise jahrelanger gemeisamer Weg verbindet. Dinge verändern sich und auch ich habe mich mit einigen ehemaligen Freund*innen und Wegbegleiter*innen schon auseinandergelebt. Aber ich halte es für genauso wichtig, die Menschen, die meine Worte seit mehreren Jahren regelmäßig lesen, auch an den Weiterentwicklungen und positiven Wendungen teilhaben zu lassen; zu zeigen, dass Schlimmes zu erleben nicht heißt, dass es mir permanent schlecht geht. Ich möchte nicht den Anschein geben, Situationen wie meine seien aussichtslos oder es gäbe nur eine einzige Art, darauf zu reagieren und damit umzugehen. Und ich spreche dabei nur für mich selbst, denn niemand ist der Öffentlichkeit oder den Leser*innen verpflichtet. Jede*r muss individuell für sich einen Weg finden, der passt. Dieser hier ist meiner.

Heute ist also ein schöner Tag. Und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass es davon in letzter Zeit nicht besonders viele gegeben hat. Das letzte halbe Jahr ist anstrengend und kompliziert gewesen und ein Ende dieses Zustands ist nicht wirklich in Sicht. Umso wichtiger ist es gerade in dieser Zeit, die Highlights auch als solche wahrzunehmen. Wie ihr vielleicht wisst, habe ich bereits vier oder eigentlich schon fünf meiner sechs Ziele für 2017 erreicht. Offensichtlich habe ich mir nicht allzu schwere Aufgaben vorgenommen. Um eines der letzten noch offenen Ziele ging es natürlich heute, als ich mit Neva telefonierte: Meine liebsten Internet-Menschen im Real Life zu treffen. Und mir ist aufgefallen, wie lange ich so etwas nicht mehr gemacht habe.

Ich habe versucht, sie zusammen zu zählen, und ich bin auf mindestens 10 Menschen gekommen, die ich im Internet kennengelernt und später im Real Life getroffen habe. Und die meisten davon 2013 und 2014. Im Sommer 2014 ist es plötzlich still in mir geworden, und ich habe das Gefühl, dass diese kalte Stille bis heute nicht gewichen ist. Sie hat in mir ein noch tieferes Misstrauen in meine Mitmenschen ausgelöst und ja, dieses Misstrauen wurde im letzten Jahr sogar noch verstärkt. Aber es liegt vermutlich daran, dass es die falschen Menschen waren, denen ich nicht misstraut habe und die mich so enttäuschen konnten. Hingegen gibt es so tolle, liebe Personen, die ich noch nie getroffen habe, aber die mich seit Jahren treu begleiten. Und dann gibt es diejenigen, mit denen beides geht: Internet- und Real-Life-Freundschaft. Als bestes Beispiel kann ich immer nur meine Kiwi nennen, mit der mich mittlerweile eine gute Freundschaft verbindet, da wir nun ja auch in der selben Stadt wohnen. Es ist eigentlich wirklich beeindruckend, dass so etwas möglich ist! Warum also sollte ich mich nicht öfter trauen, auf Menschen zuzugehen, die mich wirklich interessieren?

Es ist schön, mit einer fremden Person zu telefonieren, die man schon so lange kennt. Ich mag diesen Satz. Und mein schöner Tag heute hat mich daran erinnert, wie wichtig Menschen sind und warum es so bedeutsam ist, sich mit Menschen zu umgeben, die einem gut tun. Ja, es gehen Menschen verloren, wenn Du Dich dazu entschließt, wirklich nur die in Dein Leben zu lassen, die Dir ein gutes Gefühl geben. Aber es ist so wichtig, Menschen um sich zu haben, die das eigene Selbstvertrauen unterstützen. Die Nörgler*innen und Unterdrücker*innen und "Du wärst viel schöner/besser/beliebter, wenn..."-Sager*innen braucht wirklich niemand und wenn sie nörgeln und unterdrücken und solche Sachen sagen, bist Du vielleicht auch nicht der richtige Mensch für sie. Was nicht heißt, dass es nicht für jeden Menschen die richtige Gesellschaft gibt. Es gilt nur, genau zu prüfen, die Augen offen zu halten und diese Personen zu finden. Das erfordert manchmal eben auch den Mut, mit "wildfremden" Menschen zu telefonieren.

Danke, Neva! 💖


Sonntag, 21. Mai 2017

Zwei Welten

Eigentlich gibt es nicht nur zwei Welten, sondern ganz viele. Aber in so vielen verschiedenen lebe ich nun auch wieder nicht. Eigentlich in keiner. Denn meinem Gefühl nach passe ich in keine Welt so richtig rein. Da gibt es die große Welt. Die, in der alle "normal" sind. Oder jedenfalls so tun. Denn diese Welt erhebt für sich den Anspruch, die "richtige" zu sein. Und so versuchen viele in diese Welt hinein zu passen, obwohl sie es eigentlich nicht tun.

Ich lebe in der großen Welt, so wie wir alle, irgendwie. Es gibt Teile der großen Welt, die akzeptieren auch die anderen Welten – als anders, aber in Ordnung. Sie haben nichts dagegen, dass es auch noch Parallelwelten gibt. Und andere Teile, die wollen, obwohl sie schon zur großen Welt gehören, auch noch die einzige sein. Die verleugnen die anderen Welten oder sagen, dass sie schlecht sind. Und genau in diesem Teil der großen Welt bin ich aufgewachsen und sozialisiert worden. Ich habe gelernt, dass nur die große Welt zählt und die kleinen schlecht, böse, krank und abartig sind. Sünde. Ich bin damit groß geworden, dass es übergeordnete und untergeordnete Welten, Menschen gibt.

In "meinem" Teil der großen Welt habe ich mich nie wohlgefühlt. Ich wusste, dass ich nicht richtig war, nicht passend für diese Welt, ein Versehen, das es eigentlich niemals hätte geben sollen. Aber auch dem Rest der großen Welt konnte ich mich nicht wirklich zuordnen. Ich teilte nicht die Erlebnisse, Träume und Wünsche der Anderen. Und heute fühle ich mich fremd – zwischen Frauen in meinem Alter, die von ihren langjährigen Partnern sprechen, und vom Heiraten und Hausbau und Scheidung, die über mögliche Schwangerschaften von Kolleginnen spekulieren und die sagen, es sei heutzutage ja ein Wunder, wenn Partnerschaften mehrere Jahre hielten, und dass Gesellschaft immer verdorbener wird und früher alles besser gewesen sei. Ein Mann sitzt mir gegenüber und sagt, in Deutschland müsse man nichts mehr verbessern, besser könne es gar nicht mehr werden, allen ginge es gut und alle Menschen könnten so leben, wie sie wollten; und mir entgleisen die Gesichtszüge. Ich beiße mir auf die Zunge, wenn sie sagen, vollständige Gleichberechtigung sei längst erreicht und sogar die Homos hätten mehr als genug Rechte, früher waren die noch froh, überhaupt leben zu dürfen; die sollten echt mal dankbarer sein. Und ich bemühe mich, nicht zu schreien, wenn jemand im gleichen Atemzug mit seinem Lob an die Welt Vergewaltigungen rechtfertigt. Nein, das ist nicht meine Welt.(*)

Aber in eine der kleinen Welten, die mir so viel sympathischer sind, passe ich auch nicht. Denn für sie bin ich ein Teil der großen Welt und vielleicht haben sie damit recht. Denn in meinem Leben, zumindest im "Real Life", befinden sich nur solche Menschen, wie die oben beschriebenen. Und ganz automatisch – früher vielleicht, um in dieser Welt zu überleben, und heute aus Gewohnheit – habe ich mich angepasst. Ich lache über die Witze der Groß-Weltler*innen, rede wie sie und, manchmal, mache ich die selben Witze auf Kosten anderer. Aber meistens schweige ich, lächele und nicke, denn ich weiß, dass meine Meinung in der großen Welt nicht gefragt ist. Ich habe mich schon oft im Widersprechen und Diskutieren ausprobiert. Doch die Großen reden einen immer kleiner und kleiner und müssen in jedem Fall am Ende recht behalten; sie ertragen keine Meinungsverschiedenheit.

Ich glaube, viele kleine Welten möchten sichere Orte sein. Das ist mehr als verständlich und schließt doch andere genauso aus, wie es die große Welt tut. Ich glaube, meine favorisierte kleine Welt will  mich nicht, weil ich zu viel von der großen Welt habe, die mich schon mein Leben lang beeinflusst. Ich habe das Gefühl, ich kenne das Codewort nicht und werde an der Tür deshalb abgewiesen. Ich bin nicht vertraut genug mit den Gepflogenheiten dieser kleinen Welt. Aber was macht eine Welt zum sicheren Ort, in der Dresscodes gelten und Sprach-Polizist*innen einem den Mund zuhalten? Warum darf ich nicht langsam dazu lernen? Warum muss ich schon vorher über alles Bescheid wissen, bevor  man mir überhaupt einen Blick in die kleine Welt gewährt? Wie soll ich mich sicher fühlen, wenn ich keinen Fehler machen darf? Dabei weiß ich doch schon so viel mehr, als die "normalen" Groß-Weltler*innen. Was muss ich noch alles tun? – Ich bin keine Kriecherin. Und wenn die kleine Welt mich nicht will, dann passe ich eben in keine Welt. Aber fair ist das nicht. Wo ich doch eine von euch bin. Oder vielleicht nicht?

Wer bin ich?



(*)Damit möchte ich nicht sagen, dass jede*r Mensch aus der "großen Welt" so redet oder denkt – es sind nur jene, die mich umgeben. Das Welten-Bild passt gerade am besten zu meiner Wahrnehmung. Letzen Endes leben wir natürlich alle in einer Welt, gewissermaßen, oder eben in ganz, ganz vielen.

Sonntag, 7. Mai 2017

Gedanken*Gefühle

Zur Zeit ist wirklich der Wurm drin. Ich will so viel schreiben, aber schaffe es einfach nicht. Dass meine ganzen Geräte allmählich kaputt gehen, hilft dabei auch nicht gerade. 😑

Ich wollte euch vor allem sagen, dass es mich noch gibt, und hier ein kleines Lebenszeichen ist. Außerdem kommt heute erstmal ein passwortgeschützter Post online. Ich bemühe mich, bald auch wieder ein Thema für alle zu finden. Ihr könnt ja gerne auch Vorschläge machen!

Achtung Passwortänderung: Ich habe das Passwort für die (neuen) geschützten Posts geändert. Alle Passwortberechtigten sind bereits per Mail informiert. Falls die E-Mail bei jemandem nicht angekommen ist – schreib mir bitte kurz an elfentrauma@web.de. Das selbe gilt für alle, die zuvor noch nicht passwortberechtigt waren und es gerne werden würden! Die alten Posts sind bisher alle noch mit dem alten Passwort zugänglich. Ich werde das nach und nach umstellen. Im Zweifel probiert ihr einfach aus, welches passt. 😏

Und nun viel Freude beim Lesen: Weiterlesen...

Danke an alle, die trotz Unregelmäßigkeit immer wieder mitlesen und kommentieren. Euer Feedback bedeutet mir viel! 💖💖💖

Montag, 17. April 2017

Die Liebe zum Leistungsdruck

Ich sitze hier und mir fällt nichts ein. Meine Kopfschmerzen umranden mein Blickfeld. Der neue "Mix der Woche" auf Spotify ist scheiße. Ich suche nach der Klassik-Playlist aus der Bachelorarbeits-Zeit.

Kreieren.

Content kreieren. Immer mehr Content kreieren, jeden Tag am besten dreimal mindestens Content kreieren. Wen wundert, dass der Kopf schwirrt? Mein Leben ist einfach nicht interessant genug, um drei oder vier Social-Media-Accounts damit zu befüllen. "Das musst Du ja auch nicht" ist keine adäquate Antwort darauf, schließlich sind Online-Medien mein Beruf. Mein Leben muss sich meinen Träumen anpassen - nicht umgekehrt.

Verbissen in meinen Ehrgeiz, der sich in den Umständen gefangen fühlt, sitze ich hier und umkralle die Tischkante. Das geht mir alles nicht schnell genug, dabei rast doch die Zeit. Alle meine elektronischen Geräte geben langsam den Geist auf, das tun sie schon lange, aber ich habe keine Lust, mich mit Notebook-Marken und Preisen zu beschäftigen - ihr kennt ja meinen übervorsichtigen Umgang mit Geld. Noch funktionieren sie zumindest im nervensprengenden Schleichtempo.

Ich war eines dieser Kinder, die von einem "Freizeitangebot" zum nächsten geschickt wurden. Geige, Orchester, Chor, Theater, Malen, Religionsunterricht und Kirchen-Rethorik standen auf dem Programm, wöchentlich wie an Probenwochenenden, und später ging ich auf so eine Schule voller Elite-Wörter und Konkurrenz-Denken. Ich hielt das immer für den positiven Faktor, der den häuslichen Grausamkeiten, die ich erlebte, gegenüber stand. Aber vielleicht hat das Trimmen auf Leistung, Leistung, Leistung auch seine Schäden hinterlassen. Ich kann mir selbst niemals gut genug sein. Bei allem, was ich tue, will ein Teil von mir, dass ich Beste darin bin. Wenn ich nicht die Beste sein kann, brauche ich gar nicht erst anzufangen. Ich hasse dieses Denken. Nicht nur wegen der Arroganz, die es ausdrückt, sondern weil ich nie auch nur zu den Besten gehören werde. Ich war immer nur oberes Mittelfeld. Und das würde mir vielleicht ausreichen, wäre ich nicht dazu erzogen worden, dass "das Beste" gerade einmal gut genug sei - und dass ich das sowieso nie erreichen würde, womit ich als Mensch stets unzureichend und nicht würdig der Wertschätzung war.

Heute kann ich mich noch so sehr für die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschen unabhängig von ihrer Leistung aussprechen - für mich selbst verwende ich weiterhin andere Maßstäbe. Nicht absichtlich, aber unterbewusst, und ich kann es nicht ändern.

Ich will, dass man meinen Namen kennt, aber ich will mich am liebsten verstecken, wenn mich jemand auf meine veröffentlichten Arbeiten anspricht. Ich möchte wegrennen, verschwinden und am liebsten alles löschen, was mit mir zu tun hat. Weil es nicht gut sein kann, wenn es von mir kommt. Ich möchte mein wahres Ich verbergen, weil ich gelernt habe, dass es nichts schrecklicheres gibt als das. Ich muss umlernen. Nichts ist schwieriger. Aber es ist notwendig. Nicht nur für einen Beruf, der davon lebt, nicht nur zu kreieren, sondern Kreationen einem Publikum zu präsentieren. Auch für das eigene Leben und die Zufriedenheit mit sich selbst.

♥♥♥