Sonntag, 11. Februar 2018

Du willst? Du kannst? Du schaffst! (?)

Wir haben Februar. Ein Monat, den ich zu den produktivsten des Jahres zähle. Es herrscht Aufbruchstimmung. Der Winter geht zu Ende, die Tage werden länger, ich erhole mich von den manchmal niederschlagenden Ereignissen der vorigen Monate. Neue Kraft mischt sich mit dem Geschmack von Unsicherheit und Zukunftsangst. Ich bringe langersehnte Projekte voran, springe in eisige Frühjahrsgewässer und dringe vor zu meinen kühnsten Wünschen. Oft gehe ich Risiken ein, die mich in Zweifel stürzen ‒ bisher ist noch immer etwas entstanden, das mich weitergebracht hat.

In Februaren war ich auf Wohnungs-, Praktikums- oder Jobsuche, habe ein Bett gebaut und einen Blog eröffnet, habe wichtige Entscheidungen gegen die einen und für die anderen Sachen getroffen. Auch jetzt gehe ich wieder einen Schritt weiter. Nachdem ich das Schreiben zu meinem Beruf gemacht habe, möchte ich es in Zukunft auch selbstständig tun. Meine Gedanken ranken sich um diesen Wunsch schon, seit ich meinen Vollzeitjob gekündigt habe und als Werkstudentin neben dem Master-Studium texte. Jetzt, in einem Februar, soll es richtig losgehen. Die Webseite ist in Arbeit, das Netzwerken hat begonnen, die Akquise steht in den Startlöchern. Ich bin bereit, klein anzufangen, aber mit großen Zielen.

Wer glaubt, es sei leicht, in Februaren und anderen Monaten produktiv zu sein, der irrt. Wer glaubt, jeder Mensch könne seine Träume ohne Weiteres verwirklichen, träumt selbst noch. Doch: Du musst nicht perfekt vorbereitet sein. Du brauchst kein makelloses Leben. Du musst nicht in allen anderen Bereichen gesund und glücklich sein. Warte nicht auf etwas, das vielleicht niemals eintreten wird, bevor du anfängst zu leben oder nach der Erfüllung deiner Wünsche zu streben! Machen heißt das Stichwort, selbst wenn du glaubst, das geht nicht. Probiere es so lange, bis du dir selbst bewiesen hast, dass es wirklich nicht geht!

Ich habe vor jedem Telefonat mit Fremden Panikattacken. Auch vor Terminen, die mir wichtig sind. Ich fange an, zu zittern und zu schwitzen. Meine Hände werden eiskalt. Mein Herz rast. Ich bekomme Bauchschmerzen und Durchfall. Mir wird übel und manchmal schwarz vor Augen. Oft habe ich das Gefühl, ich kippe gleich um. Es ist keinesfalls leicht, diese Symptome zu ignorieren und zu überwinden. Manchmal wähle ich eine Nummer und schaffe es einfach nicht, auf den grünen Hörer zu tippen. Manchmal dauert es eine halbe Stunde, bis endlich das Freizeichen ertönt. Doch immer öfter gelingt es mir, Anrufe und Termine zu erledigen, selbst wenn sie nicht so lebenswichtig oder dringend sind, dass es nicht anders geht. Ich schreibe mir genau auf, was ich zu sagen habe. Und jedes bezwungene Telefonat ist ein solches Erfolgserlebnis, wie es sich andere wohl kaum vorstellen können. Ich finde mich wesentlich mutiger als Personen, denen das gar keine Probleme bereitet.

Mir macht es Spaß, mich selbst herauszufordern; ich gehe meistens auf volle Konfrontation. Das ist nicht für alle die richtige Lösung. Doch wir alle haben die Möglichkeit, unsere eigenen Wege zu finden, uns kleine Schlupflöcher zu bauen, durch die wir besser passen, und uns hier und da auch mal durchzuschummeln. Wir können Dinge anders machen, ohne dabei weniger effektiv zu sein ‒ eben auf unsere ganz persönliche Weise. Nicht überall dürfen wir das. Deshalb lohnt es sich für manche, selbst zu machen. Ich werde mich frei machen, zu meinen wirklich produktivsten Zeiten meine ganze Ideenvielfalt einsetzen, um Probleme nachhaltig zu lösen. Und wenn mir eines Tages die Plattform dazu zur Verfügung stehen wird, werde ich mich dafür einsetzen, dass wir aus unseren Einschränkungen das Beste herausholen können. Das wird mein Weg sein. Welcher ist deiner?

 
Du bist mutig. Du bist stark. Du triffst deine eigene Entscheidung!

Mittwoch, 3. Januar 2018

Mein Jahr 2017 ‒ Rückblick

Wie in jedem Jahr gibt es für euch auch dieses Mal (doch nicht ganz so) pünktlich einen kleinen Jahresrückblick von mir. Im Januar habe ich mir sechs kleine Ziele für 2017 gesetzt, die ich ‒ kaum zu glauben ‒ alle erreichen konnte. Ich werde die entsprechenden Handlungen, die zu diesen Erfolgen führten, im Rückblick grün markieren.😊 Ich erinnere mich in meinen Jahresrückblicken besonders gerne an die positiven Ereignisse. Selbstverständlich hatte ich auch schlechte Zeiten. Mein Leben ist genauso wenig perfekt wie eure. Bedenkt dies beim Lesen und vergesst nicht: Ihr seid wunderbar, so wie ihr seid. 💖

Januar
Etwa eine Woche vor dem Abgabetermin wird meine Bachelorarbeit fertig. Ich werfe sie in den Briefkasten und warte ab. Während ich warte, fange ich an, mich auf Volontariate, Praktika und Arbeitsstellen zu bewerben.

Februar
Der Februar ist wieder einmal ein Monat des Aufbruchs. Ich schreibe Bewerbung um Bewerbung, werde zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und bekomme zweimal den Job. Den ersten nehme ich nicht an, weil es sich bei dem ausgeschriebenen Volontariat eigentlich um ein Praktikum mit eventuell anschließendem Volontariat handelt und weil es die Redaktion einer Fernsehproduktionsfirma ist, die für gewisse Sender arbeitet und für die ich Leute casten soll. Den zweiten nehme ich für einen Tag an ‒ ebenfalls ein Praktikum mit anschließendem Volontariat bei einer Produktionsfirma. Nach diesem schrecklichen Tag lehne ich dankend ab.

Zweifel und Zukunftsängste treiben mich um in diesem Monat. Aber auch meinen Zielen komme ich immer näher: Endlich verwirkliche ich das das Projekt "Blog meiner Real-Person". Am letzten Februartag fahre ich mit dem Nachtbus nach München, um dort mein Bachelorkolloquium zu halten, und hoffe auf einen guten Ausgang.

März
Ich bin jetzt offiziell keine Studentin mehr ‒ exmatrikuliert warte ich auf mein Zeugnis. Ich werde zu zwei weiteren Vorstellungsgesprächen eingeladen, diesmal bei Online-Redaktionen. Das erste läuft gut; für das zweite fahre ich extra nach Dresden. Und während ich dort in einem Café die Zeit vor dem Termin verbringe, erhalte ich einen Anruf mit der Zusage für den ersten Job. Ich nehme ihn an. Nach mehr als 20 Bewerbungen, zehn Rückmeldungen, fünf Vorstellungsgesprächen und insgesamt drei Zusagen habe ich Erfolg. Einen Tag später sind meine Bachelorergebnisse online: 1,7 für die Bachelorarbeit. 2,1 für das gesamte Studium. Die übrigen drei Wochen bis zum Jobstart genieße ich bei beginnendem Frühling.

April
Die Arbeit beginnt: Als Online-Redakteurin fange ich bei einer Marketing-Agentur an und kann mich ganz dem Schreiben widmen. Dem Werbeschreiben. Ein weiteres Ziel ist nun erreicht: Ich bin finanziell unabhängig.

Mai
Ich arbeite weiter und stelle fest, dass ich mich irgendwo zwischen den Welten bewege. Die Trickfilmclub-Frau macht Fotos von mir. Zum ersten Mal telefoniere ich mit Neva. Am 30. Mai werde ich 23 Jahre alt.

Juni
Ich taste mich durch eine Trickfilmclub-Bekanntschaft in neue Welten vor ‒ und lerne neue Menschen kennen. Wir backen zusammen Kuchen, schauen lesbische Webserien an, unterhalten uns tiefgründig und ich lasse mich zu einer Soli-Party mitnehmen. Zusammen mit Kiwi besuche ich wieder mal ein Nina-Hagen-Konzert. Endlich wieder mehr soziales Leben! Außerdem spüre ich, dass das Werbeschreiben im 40-Stunden-Takt nicht so gut zu mir passt.

Juli
Es gibt jetzt die Ehe für Alle. Ich habe zwei Wochen Urlaub. Zuerst fahre ich meine Großeltern besuchen. Dann besucht Neva mich in Berlin. Wir lernen uns kennen und ziemlich schnell lieben. Die Pläne, mein Arbeitsleben zu ändern, werden konkreter. Ich beginne, mich auf Master-Studiengänge zu bewerben.

August
Neva kommt noch einmal zu Besuch und wir verbringen eine schöne Zeit miteinander. Die Sache mit der Liebe bringt allerdings auch einiges durcheinander. Ich entscheide mich für einen Master-Studiengang, der sich um Digitale Medien dreht. Ich reiche die Kündigung ein und schließe einen neuen Vertrag ab als Werkstudentin in der selben Agentur.

September 
Nach vier langen Wochen fahre ich zu Neva ‒ Fernbeziehung eben. Bei ihr zu Hause feiere ich den 4. Blog-Geburtstag. Meine werkstudentische Tätigkeit und das Studium beginnen. Alles ist neu und wieder lerne ich neue Menschen kennen. Ich beschäftige mich mehr mit mir selbst und meinen Umgang mit kleinen und größeren Problemen und mit anderen Menschen. Ein Jahr ist mein schlimmes Erlebnis nun her und viel hat sich getan und zum Guten gewendet. Die Nachwirkungen sind dennoch nicht verschwunden.

Oktober
Nach den Einführungsveranstaltungen geht das Studium richtig los ‒ und damit auch das Pendlerleben. Ein Sturm wütet und ich sitze zwei Tage lang im brandenburgischen Nirgendwo fest. Neva und ich treffen uns ab jetzt mindestens zweimal im Monat.

November
Das Pendeln, die Arbeit und die Fernbeziehung schlauchen. Ich stelle jedoch fest, dass ich alle diese Komponenten brauche. Neva hat Geburtstag und ich lerne Teile ihrer Familie kennen. Jetzt wird es ernst!


Dezember
Der Dezember beginnt mit dem Geburtstag von Nevas Onkel ‒ eine Großfamilienfeier. Weiter geht er mit vielen Blechen Plätzchen, die ich backe. Neva schenkt mir einen liebevoll gestalteten Adventskalender ‒ jeden Tag ein Liebesbrief! Ich bin urlaubsreif. Die letzte Zeit war anstrengend. Die Weihnachts- und Neujahrstage verbringe ich in Münster. Neva und ich leben auch nach zehn Tagen zusammen beide noch ‒ und sehen uns sehr bald wieder. 💖

2017 schließt. Ein neuer Teil erwartet uns ‒ mit einer großen Portion Glitzer!p


Mein Jahr mit euren Worten:

"[...] es ist so gut zu erfahren, dass ich nicht alleine bin mit solchen Gedanken." - Anna im Januar

"Falls du keinen "näheren" Schlafplatz finden solltest, bist du hier natürlich immer willkommen :)"
- Lia im Februar

"Zeit zu 'verschwenden' bzw. Langeweile zu haben ist ein wundervoller Luxus, den man sich gönnen sollte!" - Tamara im März

"Und dann fühle ich mich wieder so gut und gesund." - Neva im April

"Ich glaube, dass du in jede Welt gelangen kannst, wenn du es wirklich willst und dir sicher bist! Dann brauchst du kein Codewort, du musst nur wissen, welche Welt deine Welt sein soll." - Lee im Mai

"[...] heute "morgen" habe ich deinen Post gelesen, so um 10 oder so, ist ja auch egal, auf jeden Fall war ich noch verpennt (freier Tag und so) und ich habe eigentlich nur gemerkt, dass deine Worte eine schöne Melodie haben." - Neva im Juni

"Leser kommen und gehen - ich bin immer hier :)" - Soulsurver im Juli

"Halte bloß fest an Deinen Träumen ('... wenn ich mich gedanklich wegbeame' ist ein lustiger Ausdruck dafür), solange es Dir möglich ist." - Chris im August

"Lass uns singen und Kakao trinken, okay?" - Jay im September

"Es tut so gut zu wissen, dass in Momenten der Verzweiflung immer noch jemand da ist." - Lia im November

"Wahrscheinlich skypest du genausogerne mit mir wie ich mit dir... " - Neva im Dezember

Auf viele neue Bloggerweltglitzermomente im neuen Jahr!
💖💖💖

Ich durfte mein Jahr mit Wunderkerze und Silvesterkuss beginnen. <3

Samstag, 9. Dezember 2017

Selbstreflexion #2


Ich kann nicht schlafen. Denke nach über mich und das Nachdenken. Denke, dass ich zu wenig denke in letzter Zeit. Dass ich mich durch mangelndes Denken nicht erinnere. An wichtige Dinge wie… Und…

Ich denke, ich sollte schlafen. Aber wie mit so vielen Gedanken im Kopf? Ich beschließe, mir morgen Zeit zum Denken einzuräumen. Vielleicht während der Vorlesung, die ich nur besuche, um für beide Blöcke zu unterschreiben und nach dem ersten wieder zu gehen. Oder in der Bahn nach Potsdam und dann zurück. Ich verschiebe also das Denken und schlafe ein.

Zeit zur Selbstreflexion zu finden – manchmal ist das schwer. So bewusst genommen habe ich sie mir bisher selten. Aber jetzt habe ich Zugfahrten. Und die fülle ich wie jeden noch so kleinen Zeit-Slot meines Alltags mit den Dingen, für die ich durch das Pendeln und mein dreidimensionales Leben keine Zeit mehr habe. Warum also nicht mich selbst reflektieren beim Blick in mein Spiegelbild im Zugfenster?

Zwei Taschenuhren
Nimm dir Zeit, dich selbst zu reflektieren!

Warnungen


Gestern habe ich über das Denken nachgedacht – beziehungsweise das Nicht-Denken. Das Vergessen. Erst schaffe ich es trotz Terminweckers nicht, meine Miete pünktlich zu überweisen. Ich vergesse es einfach. Und werde erst darauf aufmerksam gemacht durch meine Mitbewohnerin. Zum Glück frühzeitig, sodass sich der Fehler schnell bereinigen lässt.

Wenige Tage später fällt mir etwas ein, das vorübergehend vollständig aus meinem Gedächtnis verschwunden sein muss. Schon der Blick auf die kleine „1“ hinter dem Namen des am seltensten genutzten meiner fünf E-Mail-Postfächer lässt mir das Blut in die Ohren schießen und mein Gesicht ganz heiß werden. Ich habe vergessen, dass ich einer fremden Person für das Wochenende einen Termin zugesichert habe, an dem sie mich als Interviewpartnerin für ihre Studie hätte befragen sollen. Es ist das zweite Mal, dass ich ihr eine Antwort schuldig geblieben bin. Nun habe ich das Vertrauen ihrerseits in meine Zuverlässigkeit völlig verloren. Und meinerseits? Muss ich an meinem Gedächtnis zweifeln, das mir eine so wichtige Information einfach vorenthält?

Ich muss mich zumindest gewarnt fühlen. Strahlte mein Herz gerade noch von lebhaften Erinnerungen an das Wochenende, ist es nun etwas in sich zusammengesunken. Im Augenblick der Bewusstwerdung meiner beiden Fehltritte in so kurzer Zeitfolge wird mir klar: Etwas ist nicht in Ordnung. Ich muss wieder besser auf mich achten. Mich wieder wahrnehmen. Denn ich tendiere dazu, mich selbst zu vergessen.

Eine Skulptur: Eine Frau beugt sich über die andere, küsst sie auf die Stirn, massiert ihren Kopf.
Nimm dich selbst wahr und tu dir etwas Gutes – oder lass Dir etwas Gutes tun. ;)

Körper


Ich brauche Warnungen von außen, die mich auf das Innen aufmerksam machen, wenn es verrückt zu spielen droht. Wie viele Menschen neige ich dazu, erst hinterher schlauer zu sein und zu wissen, was los gewesen ist. Stimmungen wie tote Leere oder grundlose Traurigkeit verspüre ich heute selten. Das ist einerseits ein gutes Zeichen: Ich weiß besser einzuschätzen, woher negative Gefühle kommen. Ich kann essen oder schlafen, wenn Hunger oder Müdigkeit schlechte Laune verursachen. Oder das Gefühl akzeptieren, wenn gerade keine Zeit zum Essen oder Schlafen ist, weil ich weiß, warum es da ist. Aber es ist auch so, dass ich Leere und Traurigkeit nicht immer zulasse – mangels Zeit oder weil ich schnelle Ablenkung finde. Das ist die Schattenseite, die es zu ergründen gilt. Stille herrscht im Außen selten, sodass das Innen nicht zu Wort kommt.

Die Zusammenhänge körperlicher Bedürfnisse und negativer Gefühle sind mir inzwischen bewusst; sie zu akzeptieren, fällt schwer. Ich finde es einfach ungerecht, dass der Mensch sich so viel vorstellen kann, aber in seinen Möglichkeiten so begrenzt ist – durch den Körper und natürlich durch viele andere Gegebenheiten. Mein Kunstprojekt, das ich für die Uni anzufertigen habe, wird sich mit Grenzen beschäftigen; den unsichtbaren. Kunst mit ziemlich viel Mathe. Der Technik sei Dank ist es mit nämlich möglich, Grenzen nachzubilden, die man weder sehen noch anfassen kann – vorausgesetzt, ich schaffe es ein zweites Mal, Vektorrechnung zu verstehen.

Ich bin abgekommen von meiner Selbstreflexion – wie auch mein Bewusstsein von einem Gedanken zum nächsten springt, ohne die entsprechenden Handlungsbefehle zu geben. Ist es das, was man unter einer Träumerin versteht?

Neblige Winterlandschaft mit Schnee und kahlen Bäumen.
Manchmal scheint alles verschwommen. Finde den Fokus!

Ablenkung vs. Fokus


Menschen lenken gerne ab, wenn es unangenehm wird. So sind wir, auch wenn wir uns nur vor uns selbst verantworten. Manchmal tut Ablenkung gut – wenn sie bewusst geschieht. Sich an einem schlechten Tag ins Bett zu legen und sinnlose YouTube-Videos anzuschauen, kann eine hervorragende Idee sein. Manchmal gebe ich vor mir selbst jedoch nicht zu, negative Gefühle zu verspüren. Oder – was häufiger der Fall ist – ich merke es einfach gar nicht. Und falle wie in Trance ins Bett vor den Laptop, um mich an algorithmischen Vorschlägen des Internets durch den Abend zu hangeln.

Auch körperlich merke ich manchmal, dass irgendetwas nicht stimmt, ohne es gefühlsmäßig wahrzunehmen. Vielleicht, weil mein Kopf mit den Herausforderungen des Alltags genug zu tun hat. Der Körper ist eben eine lebende Barriere, die auch Grenzen aufzeigt. Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder Knieversagen – all das könnten Hinweise auf ein inneres Ungleichgewicht sein. Manchmal frage ich mich allerdings auch, ob ich nicht zu viele psychische Hintergründe in Körperdinge hineininterpretiere, um meine Arztphobie zu rechtfertigen. Jedenfalls verdient mein Innen Aufmerksamkeit, wenn es sich nicht gut fühlt.

Wenn ich nicht merke, dass etwas nicht in Ordnung ist, oder mir keine Zeit dafür nehme, führt das bisweilen zu seltsamen Situationen. Ich fühle mich gereizt und lasse das mitunter an Menschen aus, die mir gar nichts getan haben und mir eigentlich am Herzen liegen. Das will ich nicht und genau deshalb ist diese Selbstreflexion so wichtig. Den Fokus einmal auf sich selbst zu lenken, das Innen zu betrachten, die eigenen Handlungen der letzten Zeit zu hinterfragen und zu ergründen – das ist etwas, wofür wir alle uns hin und wieder Zeit und Raum nehmen sollten.

Ich fordere hiermit jede Person, die das hier liest, dazu auf: Gehe für zehn Minuten in dich, schalte alle Ablenkungsquellen ab. Ohne Musik; wenn du magst, auch ohne Licht. Respektiere die Gedanken, die da kommen, auch wenn sie unangenehm sind. Es ist wichtig, zu fokussieren und zuzuhören. In den überschlagenden Wellen des Arbeitslebens gerät das allzu oft in Vergessenheit.

Glitzer. 💖

Eine rosafarbene Rose vor grünem Hintergrund.
Blühe!

Donnerstag, 2. November 2017

Zwischen Münster und Berlin

Berlin begrüßt mich mit Pissgestank: Guten Abend, hier ist ein gänzlich leerer S-Bahnwaggon für Sie. Zu Hause schnieft’s. Mein Bett ist klein. Zurück in meinem rasanten Leben als Pendlerin, in analogen wie digitalen Räumen. Vielleicht auch emotionalen. Pendle ich zwischen Arbeits-Ich, Uni-Ich, Beziehungs-Ich. Eine dreidimensionale Welt ohne Mittelpunkt. Kaffee-Zigaretten-Mundgeruch im Zug vom nächsten Morgen.

Münster ist Ruhe. In Münster scheinen wir uns zusammen beide wohler zu fühlen. Hier schnieft’s auch nicht. Nur das Feuer knistert. Der Wind sitzt im Ofenrohr und heult. Er fragt nicht: „Was bist Du eigentlich?“. Anna ist nah. Im Berliner Alltag manchmal schwer zu spüren, wie nah. Wenn ich eine Komponente meines Multi-Lebens löschen sollte, könnte Münster es nicht sein.

Ich vergesse den Rest in Münster. Und verstecke mich im Moment. Wenn man sie haben kann, ist Liebe mitunter schwer zu entdecken. Der entscheidende Faktor Sehnsucht fehlt. Ich empfehle also fast die Fernbeziehung. Woher sollte ich wissen, wie ich fühle, wenn es nicht Abschiedsküsse gäbe?


Die Arbeit ist portabel. Dein Homeoffice kannst du überall hin mitnehmen. Aber das geht bislang nur einmal die Woche, dennoch gepresst in aufeinanderfolgende Stunden am frühen Morgen. Ich freue mich auf die Selbstständigkeit, aber nicht auf die Mühen, die zwischen mir und ihr noch liegen. Und was, wenn sie scheitert? Das Risiko wird mich wie gewohnt nicht hindern können. Die Arbeit ist die Grundlage aller weiteren Lebenskomponenten. Ohne sie könnte ich gar nichts und erst recht nicht studieren oder nach Münster fahren. Sie kann sowieso nicht weg.

Umgestürzte Bäume liegen neben der Bahnstrecke. Dieses Mal hat sich der Sturm freundlicherweise ein langes freies Wochenende zum Wüten ausgesucht. Heute ist es nicht so früh wie sonst. Mittwochs fühle ich mich normalerweise wie eine wandelnde Tote. Das ebbt über den Tag nicht ab, sondern wird höchstens schlimmer. Mittwochs möchte ich mein Studium regelmäßig in den Sand setzen. Um über die Hälfte des Studieninhalts wäre es mir auch nicht schade. Aber einige Sachen haben doch einen Sinn. Und ich habe gelernt, dass ich auch mittwochs begeisternde Vorträge halten kann; sofern ich für das Thema brenne. Mein Hirn steht in Flammen, jeden Mittwochabend, wenn ich nach Münster telefoniere und meine Augenlider festhalte. Drauf verzichten kann ich jedoch selten, auf die Stimme mit dem Gute-Nacht-Luftkuss auf den Lippen.

Das Studium deckt noch eine weitere Komponente ab, ohne die ein Leben nicht auskommt: Soziale Kontakte (hässlicher Begriff). Es verschafft mir den Austausch mit Menschen, die nicht den kalten Reptilien von der Arbeit gleichen. Sie sind noch warm, noch nicht entschieden für ein und dieselbe Tätigkeit Ihres Lebens. Sie haben ihre Ideen noch nicht begraben und dürfen noch ihre Träume großkotzig ausbreiten, ohne dafür ausgelacht zu werden. Die Reptilien dürfen erstens nicht drüber reden, nicht bei der Arbeit von etwas anderem träumen als genau dieser Arbeit für immer, und zweitens haben viele von ihnen das sowieso längst aufgegeben – es sein denn, sie fühlen sich von dem, was sie tun, vollends erfüllt…

Und was ist mit der Zeit? Der leider nicht immerwährenden Zeit, die doch ein immer begleitender Faktor dieses endlichen Lebens ist. Sie ist zu kurz. Lasst sie mich ausdehnen. Warum müssen Wochen ausgerechnet sieben Tage haben? Wie wäre es mit zehn? Wie wäre es mit einem alternativen Zeitkonzept als Protest gegen den Trend, immer mehr Inhalt in immer weniger Zeit stopfen?

Solange die Zeit jemand anderes bestimmt, bleibe ich schlaflos. Entgegen meines inneren Rhythmus quäle ich mich. Und ich freue mich. Über mein „neues“ Leben. Dem es an nichts fehlt, als Zeit. Es gibt eine Quallenart, die unsterblich ist. Vielleicht lässt sich dieses Konzept technisch nachahmen. Neil Harbisson ist Cyborg-Aktivist und sagt, dass das irgendwann bestimmt geht. Vilém Flusser wünschte sich, den biologischen Körper irgendwann hinter sich lassen zu können. Eine Utopie – doch interessant, sich vorzustellen, wie sich soziale Gefüge dann wohl verändern würden?

Mein Leben ist dreidimensional. Vielseitig und spannend. Anstrengend und zuweilen zerreißend. Doch im Gesamtgefüge ganz gut so.

Glitzer 💖

Sonntag, 24. September 2017

Von Übersetzungsfehlern und Selbstrespekt

Es regnet. Laut. Die Regentropfen rauschen so runter. Und ich sitze hier, nach einem langen Spaziergang, auf meinem Bett. Gedanken in meinem Kopf, die ich so nicht aufschreiben würde, weil sie leicht missverständlich sind. Sie bleiben also im Innen, sind sie doch eher Gefühle, die mein Gehirn etwas seltsam übersetzt – wie der Google-Übersetzer: falsch herum zusammengepuzzelte Worte, die wenig Sinn ergeben; zumindest nicht den ursprünglichen der Originalsprache, obwohl die Worte einzeln schon richtig übersetzt sein können. Schön wäre es, wenn es einen Herz-zu-Hirn-Dolmetscher gäbe. Aber das wäre ja auch zu einfach...

In meinem Leben finden gerade viele Umbrüche statt und es ist normal, dass in dieser Zeit auch im Kopf noch einmal alles drüber und drunter geht. Völlig sinnfreie Handlungsideen entstehen da aus den Gefühl-zu-Gedanken-Übersetzungsfehlern. Aber dann mache ich einen langen Spaziergang und entwirre die Denkstränge, die sich überschlagen haben. Ich erinnere mich dann wieder an das, was ich wirklich tun will, und sortiere aus, was sich nur auf diesen Moment bezieht.

Es ist der Respekt vor mir selbst, der mir manchmal fehlt. Oder oft. Ich weiß das nicht so genau, weil ich meine Respektlosigkeit während ihres Geschehens gar nicht bemerke. Ich bin dann ganz fest überzeugt von meinen absurden, destruktiven Handlungsideen; sie erscheinen mir logisch, obwohl sie keiner sachlichen Argumentation standhalten können. Und das passiert mir, einem so rationalen, eigentlich ja klugen Menschen. Aber Wissen sorgt nicht automatisch dafür, dass wir es auch umsetzen. Immerhin macht es uns bewusst, was wir tun.Wenn auch oft genug erst hinterher.

Ich möchte mehr Respekt vor mir selbst haben, weil ich mit meiner Selbstrespektlosigkeit nicht anderen schaden möchte. Das gehört zu den Voraussetzungen für jede tiefergehende Beziehung zu anderen Menschen. Und irgendwann werde ich darüber hoffentlich zu dem Schluss kommen, dass Selbstrespekt auch mir selbst gut tut. Ich arbeite daran – durch Spaziergänge, Gespräche und Hinterfragen. Letzteres ist wohl so etwas wie mein Lebensinhalt: immer wieder zu überprüfen, was ich tue, warum ich das mache und ob es nicht destruktiver Natur ist oder auf giftigen Überzeugungen beruht. Da meine Eltern es versäumt haben, erziehe ich mich nun selbst – wie Pippi Langstrumpf.

Pippi Langstrumpf (Puppe) im Liegestuhl
Pippi Langstrumpf erinnert mich täglich an meine Pläne!

Was tust Du für mehr Selbstrespekt? 💖

Sonntag, 10. September 2017

Auszeit zwischen den Welten & 4. Blog-Geburtstag

Hier sitze ich in einem Hippie-Himmelbett in Münster und tippe mich durch die Zeit. Sie ist im Theater, arbeiten. Ich warte hier, endlich einen handlichen Laptop in meinem Besitz, und habe endlich einmal Muße. In Berlin komme ich zu nichts, denn selbst wenn nichts zu tun ist, muss ich etwas tun. So nehme ich mir viel zu viel vor und weil ich alles gleichzeitig zu tun versuche, schaffe ich am Ende nichts.

Jetzt sitze ich hier und schreibe über Belanglosigkeiten. Ich strecke die Beine quer über das Bett und genieße den vielen Platz. Die Kissen riechen nach ihr. Es ist alles echt. Wie oft sie wohl von hier aus schrieb, was ich später las? Im Regal steht meine Weihnachtskarte, die aus der letzten Adventsverlosung stammt. Dass sie selbst dieser Bloggerwelt entstammt, ist schwer zusammenzukriegen, dass ich hier bin, in diesem Zimmer, das ich bisher nur aus Worten kannte. Die virtuelle Welt ist echt. Gegenstände, die mir gehören, stehen jetzt hier rum. Noch komischer ist es, wenn ich in Berlin bin und per Skype auf einmal unser Buch im Bildschirm sehe, das vorher wochenlang in meinem Zimmer wohnte.

Aber jetzt ist die Scheibe zwischen uns weg. Ich strecke die Hand aus und sie kommt bei ihr an. Punkycat und Plattschaf liegen friedlich nebeneinander. Vielleicht wisst ihr nicht, wovon ich spreche, aber wenn ihr jemals einen Menschen aus dem Internet getroffen habt, könnt ihr das Gefühl möglicherweise nachvollziehen.

Ich habe den Termin dieses Mal nur knapp verpasst: Seit genau vier Jahren und vier Tagen gibt es diesen Blog. ElfenTraum(a) darf 4. Geburtstag feiern! Ich habe so viele Menschen kennengelernt in dieser Zeit. Ich folge 97 Blogs; wenn auch viele vermutlich nicht mehr aktiv sind. 124 Menschen folgen mir hier auf Blogger, 182 auf Facebook. 41 Personen haben Zugriff auf meine passwortgeschützten Posts. 142 E-Mails habe ich von euch erhalten. Dazu kommen unglaubliche 1.733 Kommentare! Für ElfenTraum(a) schrieb ich insgesamt 527 Blogposts. Das sind so unfassbar viele Worte und Zeichen. Persönlich getroffen habe ich Lia, mit der ich einen wunderschönen Tag verbringen durfte, Kiwi, die zur guten Freundin wurde, und Neva, mit der mich Besonderes verbindet. Dankbar bin ich auch für die Bekanntschaften mit Aryadne, Liv, Mademoiselle Verte, Jay, Emaschi, Lina, Anna, Effy, Gia, Lee, Feli, Fee, Caro, Emma, Kathi, Luca und noch so vielen mehr... eigentlich für alle Leser*innen und jedes Wort, das ihr mit mir geteilt habt. 💖

Nun, das war ein komischer Post, voller Gefühlsduselei und Dankbarkeit. Aber so fühle ich mich eben gerade. Habt noch einen schönen Sonntag! 😊

Geburtstagskuchen mit vier Kerzen


Sonntag, 27. August 2017

Kontrollverlust: menschliche Bedürfnisse vs. Selbstzerstörung

TW: Selbstzerstörerische Aktivitäten als Thema (im Rückblick, ohne Details)

Wenn du jemandem näher kommst – und damit meine ich "verliebenundsoweiter" –, dieser Person gedanklich, emotional und physisch näher kommst, wirst du dich automatisch auch mit dir selbst beschäftigen. Und so schön die Sache an sich sein kann, für Menschen mit Missbrauchserfahrung kann das ein ganz schönes Durcheinander bedeuten. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zwar generell oft kompliziert für eine Person, die sich partiell selbst nicht leiden kann. Es ist aber doch noch einmal eine ganz andere Nummer, jemanden so nah an sich heranzulassen, emotional wie physisch. Letzeres, könnte man meinen, sollte als Frau mit einer Frau weniger schwierig sein als mit einem Mann. Einen Vergleich kann ich persönlich da nicht ziehen, aber ich weiß, dass meine Konstellation keineswegs frei von Problemen und Gehirnknoten ist. Letztlich kann der Unterschied, von anatomischen Gegebenheiten einmal abgesehen, nicht so groß sein. In jedem Fall handelt es sich um einen Kontrollverlust, was mich direkt zu den Gedanken und Metaphern führt, die ich heute mit euch teilen möchte: Es geht um den Unterschied zwischen Kontrollverlust durch menschliche Bedürfnisse und Kontrollverlust durch Selbstzerstörung.

Ich habe in meinem Leben schon einige selbstzerstörerische und selbstsabotierende Dinge gemacht – erlebt passt hier vielleicht besser, wenn wir davon ausgehen, dass Selbstzerstörung mit Kontrollverlust einhergeht. Dazu gehört auch, mich in gefährliche Situationen zu begeben, die dazu führen, dass sich schlimme Erlebnisse wiederholen. Das kennen andere Betroffene vermutlich auch; ein sehr unangenehmes, aber leider typisches "Symptom". Diese Art der Selbstsabotage geschieht im Vergleich zu z.B. Selbstverletzungen oder Drogenkonsum ziemlich unbewusst und unter völligem Wegdriften. Einen Menschen, der mir am Herzen liegt, lasse ich natürlich unter ganz anderen Umständen so nah an mich heran. Trotzdem ist der Vorgang ein ähnlicher, wenngleich es einen großen, jedoch mitunter schwer erkennbaren Unterschied gibt, so alles gut geht.

Zwei Marienkäfer nähern sich liebevoll einander an.
Die vorsichtige Annäherung...


Da gibt es den einen Teil in mir und uns allen, den ich den "profanen Menschen" nenne. Das sind die menschlichen Bedürfnisse – denn wir sind (leider?) keine gottgleichen Wesen, die enthaltsam und asketisch leben können, ohne etwas zu brauchen. Wir haben einige Bedürfnisse, die sich nicht oder nur bedingt kontrollieren lassen. Wenn wir aufs Klo müssen und es ist gerade kein stilles Örtchen verfügbar, können wir es noch eine Weile aushalten. Irgendwann aber wird sich unsere Blase entleeren, ob wir nun auf dem Klo sitzen oder nicht. Dasselbe, wenn wir versuchen, die Luft anzuhalten: Irgendwann setzt sich der Körper durch und wir atmen weiter. Auf der anderen Seite gibt es den selbstzerstörerischen Teil. Ab einem bestimmten Punkt verliere ich die Kontrolle über ihn, kann ich mich nicht mehr stoppen, weil der zerstörerische Teil sich durchgesetzt hat, und ich höchstens wie von außen beobachten kann, was geschieht.

Weil beide Teile sich durch Kontrollverlust auszeichnen, lassen sie sich nur schwer voneinander unterscheiden. Der Kontrollverlust des profanen Menschen kann ja durchaus positiv sein, wenn wir jetzt von der physischen Interaktion mit einer geliebten Person sprechen. Der Kontrollverlust durch Selbstzerstörung aber ist äußerst destruktiv. Dabei ist es eher die Angst davor, beide Teile zu verwechseln, die mich umtreibt, als dass dies bislang tatsächlich passiert wäre. Eine andere Ebene ist noch: Wenn ein Mensch mir so nahe steht wie in einer beginnenden Liebesbeziehung, besteht für diesen das Risiko, in die Schusslinie meiner Selbstzerstörung zu geraten. Und weil das vermutlich alles sehr kompliziert und kryptisch klingt, habe ich im Folgenden einen Vergleich für euch, der für viele Leser*innen sicher leichter nachzuvollziehen ist: Meine Metapher ist die Essstörung.

TW: Essstörungen

Eine Essstörung ist ebenfalls ein Mittel der Selbstzerstörung, das ich selbst gut kenne. Und wiederum anders als bei Selbstverletzungen, Drogen oder sonstigem ist es besonders schwierig, sie loszuwerden. Wir können nicht einfach aufhören zu essen, das Mittel der Selbstzerstörung wegsperren und uns mit anderen Dingen beschäftigen. Essen gehört ebenfalls zu den menschlichen Bedürfnissen und geht somit mit Kontrollverlust einher – wie eine Essstörung. Am besten funktioniert der Vergleich mit der bulimischen Essstörung. Wir können Nahrung auf verschiedene Weisen zu uns nehmen: Wir können genießerisch essen. Und wir können selbstzerstörerisch essen – ohne etwas zu schmecken von dem, was wir da in uns hineinschlingen. Vielleicht essen wir dann sogar etwas, das wir eigentlich gerne mögen, aber spätestens, wenn die bulimische Phase überwunden ist, werden wir feststellen, dass wir dieses Nahrungsmittel nicht mehr genießerisch essen können, weil es zu stark mit der Erinnerung an die eigene Selbstzerstörung verbunden ist. Das ist Verschwendung – genauso, wie der Rückwärtsgang: Nachdem wir unsere Lebensmittel schon so achtlos und zerstörungswütig hinuntergeschlungen haben, kotzen wir sie auch noch wieder aus. Wir verschwenden Essen. Nicht vegan lebende Bulimiker*innen lassen andere Lebewesen umsonst leiden oder sterben. Wir zerstören die Umwelt. Im übertragenen Sinne zerstören, oder zumindest stören wir mit unserem Verhalten vielleicht die Welt eines anderen Menschen.

Ende der TW Essstörungen

Liebe ist auch ein Lebensmittel. Deshalb sollten wir achtsam mit ihr umgehen. Ich habe auch nicht die Absicht, etwas anderes zu tun. Aber der beschriebene selbstzerstörerische Kontrollverlust steht mir dabei manchmal im Weg. Das ist ja auch ein ungewohntes Gefühl und meine partielle Kratzbürstigkeit (wir nennen das auch "ein Kugelfisch sein") ist vielleicht Ausdruck meines verinnerlichten Misstrauens, das vermutlich aus meinen frühkindlichen Erfahrungen und dem fehlenden Urvertrauen resultiert. Eines sollten wir trotz aller logisch begründbaren Ursachen für unser Verhalten jedoch nicht vergessen: Sobald unsere Selbstzerstörung auf andere Personen übergreift, stören wir nicht mehr nur uns selbst, sondern auch unsere Umwelt. Und an dieser Grenze endet unsere Freiheit, mit uns selbst zu tun, was wir wollen, wenn wir nämlich die Freiheit derer einschränken, die gerne nicht zerstört werden möchten.

Die Beine eines Menschen  mit rosa Turnschuhen laufen dem Sonnenuntergang entgegen.
Auf dem Weg zur Achtsamkeit.


Jeder Mensch tut anderen, vielleicht sogar geliebten Menschen manchmal weh; schließlich sind wir keine Maschinen. Gut ist, wenn wir das auch merken – oder uns andere Menschen ehrlich darauf aufmerksam machen. Wer in seiner eigenen Selbstzerstörungswut nicht mehr klar sehen kann, braucht so einen Hinweis zuweilen. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich die Erziehung eines cholerischen Vaters und einer narzisstischen Mutter genossen habe und Teile davon ziemlich fest in mir verankert sind. Auf Dauer bringt es aber nichts, sich über dieses Schicksal zu beschweren, sondern hilft nichts besser, als damit umgehen zu lernen – für meine Umwelt und für mich selbst, denn letztlich fällt die Störung meines Umfeldes auch auf mich zurück. Ändern kann ich meine Vergangenheit nicht und sie wird für immer ein Teil von mir sein. Aber mein zukünftiges Sein ist nicht vorherbestimmt. Ich habe sehr wohl die Möglichkeit und das Potenzial, ein erfülltes Leben zu führen und gesunde Beziehungen zu pflegen. Viele gute Wege habe ich schon eingeschlagen. Ich habe auf meine eigenen Wünsche hin meine Vollzeitstelle gekündigt, mich für einen Masterstudiengang eingeschrieben und kann dank der baldigen Aufnahme einer Werkstudententätigkeit im bisherigen Unternehmen weiterhin meinen Unterhalt finanzieren. Manchmal helfen mir Menschen dabei, meine Pläne zu realisieren. Die Gestaltung meines Lebens aber übernehme, im Rahmen der gesellschaftlichen Möglichkeiten, ich selbst. Ein Ziel wie dieses zu erreichen, ist keine Kleinigkeit.

Was ich mit diesem Post sagen will, ist: Manchmal sieht das Leben eines Menschen, der von ähnlichen Dingen betroffen ist wie ihr, von außen betrachtet so aus, als würde es sehr gut funktionieren. Das wirkt dann schnell so, als hätte diese Person eine plötzliche "Heilung" oder das Erreichen von "Glück" genossen. So einfach ist das aber nicht. Unsere Vergangenheit, unsere schlimmen Erfahrungen und vielleicht auch unsere gegenwärtigen Erlebnisse werden immer Teil von uns bleiben. Und wir werden uns im Laufe unseres Lebens immer wieder neu mit ihnen auseinandersetzen. Niemand kann in der Zeit zurück reisen und alles rückgängig machen. Was wir aber können ist: akzeptieren, wie wir sind. Auf dieser Basis kann ich lernen, achtsam zu sein und mit mir und meiner Umwelt so umzugehen, wie ich es gerne möchte.

mit den Händen geformtes Herz im Gegenlicht