Sonntag, 12. September 2021

8 Jahre in der großen Stadt

 Gestern hatte ich wieder diesen Geruch in der Nase. Es hatte geregnet, aber die Sonne schien, es roch nach Herbst, obwohl die Blätter noch grün sind. Und dann fiel es mir ein: Es ist September und jedes Mal erinnert mich dieser Geruch an meine ersten Tage und Wochen in der großen Stadt. Acht Jahre ist das nun schon her. Acht Jahre, dass ich mein kleines ElfenTraum(a)-Reich eröffnete. Fünf Jahre lang schrieb ich regelmäßig und in den letzten drei zog es mich doch immer wieder hierher zurück, auch wenn ich schon von Abschied gesprochen hatte. 

Es ist unglaublich, die Zeit ist am Rasen, der Druck steigt, ich habe manchmal das Gefühl, dass bald alle vor Wut explodieren. Die ganze Welt ist gereizt und alles ist so anders als damals, aber vielleicht war es schon immer so und ich habe es jetzt erst entdeckt. Was sich wohl noch für Abgründe auftun werden? Ich versuche, mich nicht zu viel damit zu beschäftigen, damit ich keine Angst kriege. Naja, wahrscheinlich ist sie längst da, war immer meine Begleiterin und ich fange an, sie zu akzeptieren als das, was sie ist. 

Hierher zurückzukehren ist manchmal wie Nachhausekommen. Vielleicht aber klammere ich mich auch an etwas, das längst nicht mehr ist. Das Internet war einmal mein Ort und hier ist der Beweis dafür. Etwas hat sich verändert in der Weise, wie wir miteinander umgehen (nicht hier, sondern allgemein). Die Fronten verhärten, die Spaltung ist real. Es gibt nur noch zwei Seiten und dazwischen tut sich eine Schlucht auf – wer sich nicht entscheidet, fällt hinein. Die Teilung in Richtig und Falsch wird immer extremer. Und wer will schon auf der „falschen“ Seite stehen? 

Radikales Handeln wird immer Details, Nuancen, Menschenleben übersehen, nie rücksichts- und respektvoll sein. Es lässt nicht die Erkenntnis zu, dass es nie nur einen Weg für alle gibt. Wo ist mein Weg? Und wie kann ich mir die Erlaubnis geben, vom offiziellen Pfade abzuweichen? Alles, was ich hier schreibe, kann so oder so interpretiert werden – vielleicht sollte ich mich klarer ausdrücken. Aber das ist ja das Ding, das Leben ist nicht immer klar und symmetrisch, manchmal kann es ganz schön neblig sein. 

Ich bin Meisterin der Subtilität und des Zwischen-den-Zeilen-Versteckens. Dabei wünsche ich mir Klarheit so sehr, wünsche mir die Fähigkeit, über Richtig und Falsch Bescheid zu wissen, und bewundere diese Sicherheit, mit der andere Menschen radikal auf ihrer Seite stehen.

Ich weiß zum Beispiel, dass meine Eltern keine schlechten Menschen sind. Ich hasse es, wenn Personen als toxisch bezeichnet werden. Niemand ist so zweidimensional. Menschen können Gutes und Schlechtes gleichzeitig tun, der einen Freund*in sein und den anderen tyrannisieren, jedes Handeln hat dann auch noch Hintergründe, die persönlich, sozial, gesellschaftlich, geschichtlich, systemisch sein können. Jede*r müsste das von sich selbst wissen, doch wir verschließen lieber die Augen vor unseren dunklen Seiten und projizieren sie einzig auf andere. Die anderen sind böse, die anderen sind schuld. Die Guten hierhin, die Bösen dorthin, jeder Widerspruch wird vertuscht.

Radikal ehrlich beschrieb einmal jemand meinen Schreibstil. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Jedenfalls darf sich dieser Stil nicht im professionellen Schreiben widerspiegeln. Ich habe diesen acht Jahre alten Blog erwähnt in einem Bewerbungsgespräch für ein Projekt, bei dem die persönliche Motivation entscheidend ist. Leider habe ich mich damit ins Bockshorn gejagt. Ich sage immer, dass es diesen Blog nicht mehr gibt, dass er anonym war. Und ich wurde gefragt, warum. Ich erklärte es mit der Arbeit, bei der ich mich mit mir selbst eher zurückhalte, und damit, dass die Themen eben sehr persönlich seien. Zurückhaltung sei ja eigentlich nicht, was sie suchen, sagte mein Gegenüber. Ich strauchelte und brachte es einfach nicht über die Lippen, dass die Zurückhaltung bei der Arbeit aus strategischen Gründen notwendig ist, schließlich geht es dort nicht um mich und eine professionelle Distanz ist wichtig. Stattdessen sagte ich nur, das sei ja etwas anderes, mir sei bewusst, dass ich im Rahmen des Projekts von meinen Erfahrungen sprechen würde. Sonst hätte ich mich schließlich nicht dort beworben. 

Alles in allem war es ein furchtbares Gespräch, ich war eigentlich noch im Urlaub und hatte mich kaum vorbereitet. Das Warten auf die Absage ist es wohl auch, das mich auf düstere Gedanken bringt. Erinnerungen an all die Hürden und Steine, denen ich in den acht Jahren seit meinen ersten nach Herbst duftenden Tagen in der großen Stadt begegnet bin. „Wir freuen uns auf laute und leise Stimmen“, hatte es in der Gesprächseinladung geheißen. Pfff. Und ich sehe die Begründung schon deutlich vor mir: abgelehnt wegen Zurückhaltung. Dabei würde ich mich inzwischen eher so in der Mitte verorten – schon mal mit einem wirklich leisen Menschen gesprochen? Dabei bieten sie, wir, ein so enormes Potenzial. Wir brauchen Zurückhaltung, Leute, die mehr denken als reden, solche, die sich nicht bloß um sich selbst drehen und der Welt zeigen wollen, wie toll sie sind. Recht hat, wer am lautesten schreit – ein Spruch, den die Realität leider nicht entkräftet.

Herbstbunte Blätter, eines davon knallpink