Donnerstag, 2. November 2017

Zwischen Münster und Berlin

Berlin begrüßt mich mit Pissgestank: Guten Abend, hier ist ein gänzlich leerer S-Bahnwaggon für Sie. Zu Hause schnieft’s. Mein Bett ist klein. Zurück in meinem rasanten Leben als Pendlerin, in analogen wie digitalen Räumen. Vielleicht auch emotionalen. Pendle ich zwischen Arbeits-Ich, Uni-Ich, Beziehungs-Ich. Eine dreidimensionale Welt ohne Mittelpunkt. Kaffee-Zigaretten-Mundgeruch im Zug vom nächsten Morgen.

Münster ist Ruhe. In Münster scheinen wir uns zusammen beide wohler zu fühlen. Hier schnieft’s auch nicht. Nur das Feuer knistert. Der Wind sitzt im Ofenrohr und heult. Er fragt nicht: „Was bist Du eigentlich?“. Anna ist nah. Im Berliner Alltag manchmal schwer zu spüren, wie nah. Wenn ich eine Komponente meines Multi-Lebens löschen sollte, könnte Münster es nicht sein.

Ich vergesse den Rest in Münster. Und verstecke mich im Moment. Wenn man sie haben kann, ist Liebe mitunter schwer zu entdecken. Der entscheidende Faktor Sehnsucht fehlt. Ich empfehle also fast die Fernbeziehung. Woher sollte ich wissen, wie ich fühle, wenn es nicht Abschiedsküsse gäbe?


Die Arbeit ist portabel. Dein Homeoffice kannst du überall hin mitnehmen. Aber das geht bislang nur einmal die Woche, dennoch gepresst in aufeinanderfolgende Stunden am frühen Morgen. Ich freue mich auf die Selbstständigkeit, aber nicht auf die Mühen, die zwischen mir und ihr noch liegen. Und was, wenn sie scheitert? Das Risiko wird mich wie gewohnt nicht hindern können. Die Arbeit ist die Grundlage aller weiteren Lebenskomponenten. Ohne sie könnte ich gar nichts und erst recht nicht studieren oder nach Münster fahren. Sie kann sowieso nicht weg.

Umgestürzte Bäume liegen neben der Bahnstrecke. Dieses Mal hat sich der Sturm freundlicherweise ein langes freies Wochenende zum Wüten ausgesucht. Heute ist es nicht so früh wie sonst. Mittwochs fühle ich mich normalerweise wie eine wandelnde Tote. Das ebbt über den Tag nicht ab, sondern wird höchstens schlimmer. Mittwochs möchte ich mein Studium regelmäßig in den Sand setzen. Um über die Hälfte des Studieninhalts wäre es mir auch nicht schade. Aber einige Sachen haben doch einen Sinn. Und ich habe gelernt, dass ich auch mittwochs begeisternde Vorträge halten kann; sofern ich für das Thema brenne. Mein Hirn steht in Flammen, jeden Mittwochabend, wenn ich nach Münster telefoniere und meine Augenlider festhalte. Drauf verzichten kann ich jedoch selten, auf die Stimme mit dem Gute-Nacht-Luftkuss auf den Lippen.

Das Studium deckt noch eine weitere Komponente ab, ohne die ein Leben nicht auskommt: Soziale Kontakte (hässlicher Begriff). Es verschafft mir den Austausch mit Menschen, die nicht den kalten Reptilien von der Arbeit gleichen. Sie sind noch warm, noch nicht entschieden für ein und dieselbe Tätigkeit Ihres Lebens. Sie haben ihre Ideen noch nicht begraben und dürfen noch ihre Träume großkotzig ausbreiten, ohne dafür ausgelacht zu werden. Die Reptilien dürfen erstens nicht drüber reden, nicht bei der Arbeit von etwas anderem träumen als genau dieser Arbeit für immer, und zweitens haben viele von ihnen das sowieso längst aufgegeben – es sein denn, sie fühlen sich von dem, was sie tun, vollends erfüllt…

Und was ist mit der Zeit? Der leider nicht immerwährenden Zeit, die doch ein immer begleitender Faktor dieses endlichen Lebens ist. Sie ist zu kurz. Lasst sie mich ausdehnen. Warum müssen Wochen ausgerechnet sieben Tage haben? Wie wäre es mit zehn? Wie wäre es mit einem alternativen Zeitkonzept als Protest gegen den Trend, immer mehr Inhalt in immer weniger Zeit stopfen?

Solange die Zeit jemand anderes bestimmt, bleibe ich schlaflos. Entgegen meines inneren Rhythmus quäle ich mich. Und ich freue mich. Über mein „neues“ Leben. Dem es an nichts fehlt, als Zeit. Es gibt eine Quallenart, die unsterblich ist. Vielleicht lässt sich dieses Konzept technisch nachahmen. Neil Harbisson ist Cyborg-Aktivist und sagt, dass das irgendwann bestimmt geht. Vilém Flusser wünschte sich, den biologischen Körper irgendwann hinter sich lassen zu können. Eine Utopie – doch interessant, sich vorzustellen, wie sich soziale Gefüge dann wohl verändern würden?

Mein Leben ist dreidimensional. Vielseitig und spannend. Anstrengend und zuweilen zerreißend. Doch im Gesamtgefüge ganz gut so.

Glitzer 💖