Samstag, 15. Juli 2017

Tagträume, Dvorák und die Punkfresse

Die Zeit hängt an meinen Hacken, daran hat sich nichts geändert. Wenn ich sehe, wie lange der letzte Post schon wieder her ist.... puhhh. Ja, ich sehe den erheblichen Einbruch der Leser*innenzahlen. Aber Klicks sollten mir eigentlich nicht so wichtig sein. Ich vermisse auch den Austausch mit euch. Mindestens drei Menschen warten auf Antworten auf ihre E-Mails. Das meiste andere hat sich ins Private verschoben, weil wir Freund*innen geworden sind. Viele Blogger*innen sind nicht mehr aktiv in der Bloggerwelt. Von manchen fehlt gar jede Spur. Nicht unwesentlich trägt zum abnehmendem Austausch bei, dass ich mit meinem Browser keine Kommentare mehr schreiben kann und im anderen schon mit dem anderen Google-Konto angemeldet bin und wenn ich da nicht durcheinander kommen will, muss ich jedes Mal ein Inkognito-Fenster öffnen und mich neu anmelden. Ja, das ist nicht die größte Sache, aber es nervt, und wenn mir schon die Hand beim Tippen einschläft, kann ich mich oft nicht dazu aufraffen.

Jetzt ist es anders. Jetzt habe ich zwei Wochen Urlaub. Und auch die möglicherweise bevorstehenden beruflichen Veränderungen rücken näher und nehmen langsam Gestalt an. Eigentlich bin ich mir schon relativ sicher, wie es weitergehen wird. Eigentlich, weil ich ein Risiko eingehen werde. Weil es der schwierigere Weg ist, den ich mir aussuchen werde. Und der glücklichere, der sinnvollere, der menschlich und moralisch richtigere. Ich möchte die Wahrheit zu meiner Beschäftigung machen. Ich möchte nicht lügen, nicht schweigen, nicht wegsehen. Wenn ein Tipp für Texter lautet, keinerlei Nachrichten mehr zu schauen, um bessere Arbeit leisten zu können, weiß ich: Hier bin ich falsch.

Ich verzichte gern auf Harmonie, wenn ich mich dafür an notwendiger Stelle aufregen darf. Ich verzichte auf das große Geld, solange ich dafür Mensch bleibe. Meine Anpassungsstörung wird mein Gewinn sein. Meine schlimmen Erlebnisse die Voraussetzung für meinen hinterfragenden Geist. Ich bin hier und ich werde nicht umsonst auf der Welt geblieben sein!


Jetzt bin ich berauscht von meinen Träumen. Vielleicht wache ich morgen auf und halte all das hier für Schwachsinn. Wahrscheinlich sogar. Aber es ist gut, diesen Moment festzuhalten und mindestes einige Aspekte davon mit in die Realität zu nehmen. Besser, als sich für immer in Tagträumen zu verlieren. Denn das passiert, wenn die Differenz zwischen Wollen und Sein zu groß ist. Das wird sie hin und wieder und dann ist es nicht weit bis zum großen Knall. Diesmal habe ich ihn vielleicht früh genug vorhergesehen. Und kann auf mich aufpassen. Obwohl ich vorgestern noch zu meiner Beraterin gesagt habe, dass ich in solchen Phasen keine Geduld dafür hätte, habe ich mich nun hingesetzt und aufgeschrieben.

Das Fatale ist ja, dass es mir nicht zwingend schlecht geht, wenn ich mich gedanklich wegbeame, von allem, was mich zermürbt. Das ist wie mit Drogen oder meinetwegen auch Essstörungen. Wer "high" ist (von was auch immer), mag sich nicht mit der Realität konfontieren. Denn das führt zum (vorübergehenden) Supergau. Noch schwieriger: Manche Träume machen ja durchaus Sinn und ich möchte sie nicht missen. Ich mag es, wenn sich auf dem Weg zur Arbeit, den im Gleichschritt alle grauen Herren und Damen jeden Morgen antreten, plötzlich alles in ein Musical verwandelt und die Straße zur Bühne wird – natürlich nur durch die Musik in meinem Ohr, das ist einfach eine schöne Vorstellung, die mich diesen Weg besser aushalten lässt, auch wenn sie an der Realität nichts verändert. Ich genieße auch den Kontrast der pinken Haare und meiner Punkfresse zu den wunderbar emotionsgeladenen klassischen Konzerten, die meine Gehörgänge fluten, während ich in der U-Bahn stehe – und niemand weiß es, außer mir! Ich weiß, dass das ein bisschen verrückt ist. Nun bin ich aber auch eine künstlerische Person und dafür braucht es eben eine Prise Wahnsinn. Meine Arme schwingen hoch über meinem Kopf wie eine Wasserpflanze im Takt einer Dvorák-Sinfonie, bevor sie wieder auf die Tastatur fallen und sich verhalten, als würde ich eine Klaviatur bespielen – und so entstehen die besten Texte, weshalb ich ja lieber als Freie arbeiten würde, denn im Büro ist Wahnsinn nicht gern gesehen.

Ich dirigiere den letzten Takt mit und es folgt Spotify-Werbung. Wo sind wir nur wieder gelandet mit diesem Post? Irgendwo ganz anders, als am Anfang. Und das lasse ich jetzt so stehen, weil ich mich in dieser wunderbaren Bloggerwelt seit Jahren sicher fühle mit meinen Texten. Schreibt mir doch mal wieder! Ich bin jetzt erstmal ein paar Tage weg, aber dieser Urlaub wird definitiv noch Zeit bieten, die ich euren Posts und Kommentarbereichen widmen werde. Lasst uns glitzern! 💖