Sonntag, 25. Juni 2017

Perspektiven

18. Juni

Ich sehe Eleganz im Spiegelbild. Klassischer Gesang in den Ohren lässt einen unvermittelt gerader sitzen. Schwarze Kleidung hatte ich die ganze Woche lang an. Es ist Sonntag und Sonntag bedeutet, frei zu haben, aber auch morgen wieder arbeiten zu müssen – das Arbeiten, mit dem man Geld verdient. Aber nicht mehr. Das Arbeiten, bei dem man die Stunden, ja die Minuten zählt und am Ende des Tages doch ins Bett fällt, ohne vorher noch etwas Sinnvolles machen zu können. Angst machen mir die vier langen Wochen, die ich bis zu meinem Urlaub noch überstehen muss. Und obwohl ich den ganzen Tag schreibe, hat mir kein Job bisher so wenig Spaß gemacht. Ich bin nicht schlecht darin. Alle sind mit mir zufrieden, empfehlen mir sogar, mich zu bremsen, weniger zu tun, ja, eigentlich erwarten sie von mir, weniger "gut" zu sein. Dabei bin ich schon nur mit halbem Herz dabei...

Schreiben und Schreiben sind nicht dasselbe. Meine Arbeit hat keinen Sinn, sie bringt niemandem etwas, außer vielleicht noch mehr Geld für diejenigen, die schon genug davon haben. Ich befinde mich auf der falschen Seite. Der falschen Seite der Macht. Eine solche Arbeit erledigt man nicht guten Gewissens, man tut sie, um zu überleben, sonst nichts. Ich versuche, mich zu bewerben, auf Masterstudiengänge oder andere Jobs, doch gerade die zermürbende Langeweile bei der Arbeit raubt mir die Kraft. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, wie viel sinnlose Zeit ich dort verbringe. Mit jeder Stunde schlägt mein Künstlerinnenherz lauter vor übersprudelnden Ideen, die sich nicht umsetzen lassen. Und die Kolleg*innen könnten die tollsten Menschen sein – es hält mich nicht.

Geld Geld Geld ist alles, was mich zurückhält, mich an den Stuhl fesselt und meine Finger an der Tastatur festklebt. Ich kann nicht weg, bevor sich nicht eine ausreichend lukrative Alternative bietet. Oh ja, meine "FirstWorldProblems" möchtet ihr haben, richtig? Kann ich nicht zufrieden damit sein, überhaupt Arbeit zu haben? Muss ich mich mit Reiche-Eltern-Sprösslingen vergleichen, die einfach mal noch etwas anderes studieren oder ein Jahr Pause machen können? Die sind schließlich auch nur Ausnahmen, die meisten anderen Menschen reißen sich einfach zusammen und arbeiten, wie jede*r andere. Ja, sie glauben, ich sei bloß zu faul, aber ich möchte doch nur etwas machen, das wenigstens einen winzigkleinen Nutzen bringt, der nicht heißt: Menschen sinnlose Produkte anzudrehen und bewusst Tatsachen zu verschweigen oder zu beschönigen. Marketing ist nichts für die ehrliche Haut. Und ich kann nicht gut lügen.

So brodelt es seit ein paar Wochen in mir...

25. Juni

Ich bin hier.
Hallo! Ich bin auf dem Weg zu mir. Können Sie mir vielleicht sagen, wo es lang geht? Ach nein, sagen Sie es lieber nicht! Sagen Sie nicht, die Vernunft sei der Weg. Sagen Sie nicht, ich soll Geduld haben, es durchziehen. Sagen Sie nicht, drei Jahre müsse ich es in dem Job schon aushalten. Sagen Sie nicht, irgendwann würde ich schon Kinder wollen. Sagen Sie nicht DOCH, wenn ich NEIN sage.

Ich bin auf dem Weg zu mir. Und mein Weg ist vielleicht nicht dein Weg, aber ein Weg. Sag mir nicht, wohin ich gehen soll. Und wenn ich dich nach dem Weg frag', sag: "Immer der Nase nach" und "Egal, welchen Weg du wählst, ich unterstütze dich". Sag, dass es das wirklich gibt. Wegbegleiter. Nicht Wegbereiter. Nicht Wegabstreiter. Geh weiter! Wenn du nur einengen und bedrängen willst. Wenn du vorschreibst und besserweißt und Witze reißt über mich und meine Träume. Lass mich geh'n oder lass mich steh'n. Ich bleibe. Bei mir. Mit Herz statt Vernunft und Leidenschaft statt Schaffenskraft. Ich bin kein Leistungstier. Ich bin ein Mensch und ich bin hier!

(Ich habe fünf Bewerbungen verschickt. Denn nach Jammern kommt Machen.)

Seifenblasen

Dienstag, 6. Juni 2017

Eine Welt

Plötzlich habe ich die Gelegenheit, Zutritt zu einer der anderen Welten zu erhalten. Es erfordert viel Mut und etwas Eigeninitiative. Und dann stehe ich in der Küche dieser queeren WG, die mich an ein Mosaik aus schönen Scherben erinnert, und backe Soli-Kuchen. Ich lerne alle sieben Mitbewohner*innen meiner Trickfilmkollegin kennen, von der ich dachte, sie könnte mich nicht leiden. Aber so ist das wohl mit sympathischen Menschen: Da ist die Angst, die Befürchtung und die Erwartung, dass sie mich schrecklich finden und wir uns so niemals auch nur ansatzweise anfreunden werden. Wann immer ich das Gefühl habe, ich sollte mich auf den Weg machen, schlägt sie etwas neues vor – auf dem Balkon in der Sonne sitzen, Nudelsalat essen, lesbische Webserien schauen. Am Ende bin ich über zwölf Stunden dort und uns geht kein einziges Mal der Gesprächsstoff aus. Wir sprechen über unsere mutterkomplexischen Schwärmereien für Lehrerinnen, über die Welten, in denen wir uns beweg(t)en, über schlimme Erlebnisse und Empowerment. Und wir lachen viel über die Sinnlosigkeit mancher Dinge, die Menschen miteinander tun.

Aber dieser Tag ist nicht nur entspannend, sondern eigentlich sogar ziemlich anstrengend. Ich dachte, ich würde mich inzwischen ganz gut auskennen in dieser kleinen Welt. Aber das ist falsch, ich habe keine Ahnung von dieser Welt. Da reicht auch all die angelesene Theorie nicht aus. Es ist, als würde ich in einer Parallelwelt leben. Ich kenne keinen einzigen der Orte, an den sie und ihre Mitbewohner*innen gehen, obwohl ich mich in den entsprechenden Gegenden bisher auszukennen glaubte. Und auf dem Klo hängen "Nein heißt Nein"-Poster und in der Küche eine Girlande aus politischen Flyern. Ich fühle mich immer noch zwischen den Welten. So dankbar ich für diesen Einblick bin – lieber wäre mir Eine Welt, in der wir alle einfach sein könnten.

Einen Tag später befinde ich mich zum ersten Mal wissentlich in einer "Homo-Bar". Etwas, wogegen ich mich bislang immer gesträubt habe... – Warum mir wohl schon viele Orte und Menschen entgangen sind? Ich glaube, ich weiß es: Purer Selbsthass. Ich wünschte, ich könnte sie einfach wegmachen, die Überzeugungen, die meine beschissene Erziehung in mich eingepflanzt hat. Ich habe gelernt, dass die Menschen, die ich sympathisch finde, und die Menschen, die so sind wie ich oder sonst irgendwie anders, schlecht sind. Natürlich hasse ich mich selbst! Es wäre unlogisch, wenn nicht. Da hilft nur eins: Damit aufzuhören. Das weiß ich schon so lange, und habe es immer noch nicht geschafft. Aber was kann ich anderes tun, als endlich mit mir selbst klarzukommen? Ich kann nicht ändern, wer ich bin und ich kann auch nicht raus aus meiner Haut. Warum also sollte ich mich selbst bekämpfen?

Und morgen muss ich zurück in die große Welt. Zurück zu einem Arbeitskollegen, der mich belästigt, und einem Job, der mich unglücklich macht. In der großen Welt interessiert das niemanden. Da sagen mir andere Frauen, ich solle doch öfter Kleider anziehen, wenn ich dann besser Bewertungen bekäme, während ich vor dem Kleiderschrank stehe und verzweifelt nach dem Unsichtbarkeitsumhang suche. Nein, ich möchte nicht für etwas "gelobt" werden, das ich selbst nicht beeinflussen kann. Aber in der großen Welt interessiert das niemanden.