Freitag, 31. März 2017

Von Freizeit-Ereignissen und Arbeits-Vorbereitungen

Vorbei gerannt sind nun auch die drei Wochen, über deren Gestaltung ich vor Kurzem noch nachgedacht hatte. Ist es zu glauben, dass ich vier von sechs meiner Ziele für 2017 in nur drei Monaten abhaken konnte? Und in drei Tagen werde ich in einem Bürostuhl sitzen und bestimmt viele neue Menschen kennenlernen (das fünfte Ziel). Ich mag es, wenn Zahlen schön aufgehen. Eigentlich wären sieben Ziele für 2017 noch besser gewesen. Vielleicht kommt bald das ein oder andere hinzu.

Erwartungsgemäß habe ich tatsächlich nichts Besonderes gemacht in den letzten drei Wochen - je nach Definition von "besonders". Ich habe beispielsweise ein paar extravagante Make-up-Sachen ausprobiert. Meine Augenbrauen waren noch einige Tage pink, weil von der Schwierigkeit, den Liquid-to-matte-Lippenstift wieder abzubekommen, in dem Tutorial keine Rede war. Auch Glitzer taucht noch hin und wieder an den ungewöhnlichsten Stellen auf. Das kann aber ruhig so bleiben. Außerdem habe ich viele bunte Scoubidou-Figuren mit Wackelaugen gebastelt und selbst neue Anleitungen erfunden. Ich habe den Kreuzberg bestiegen und fotografiert und Eis gegessen und Teile meines Zimmers in ein No-Budget-Fotostudio verwandelt. Ich habe meine Blog-Projekte mit Excel-Tabellen geordnet und versuche, mein "Freizeit"-Schreiben zu planen.

Berlin, Kreuzberg, Frühling
Blick vom Kreuzberg nach unten. Oder nach vorn.


Ja, auch einige organisatorische Dinge waren in den letzten Wochen zu erledigen. Das fällt mir nie so leicht und doch ist es gelungen. Ich habe eine Krankenversicherung beantragt, meinen Texter-Nebenjob gekündigt und den Personalfragebogen ausgefüllt. "Kontaktperson bei Notfall" - dieses Feld musste ich freilassen und hoffe, dass es nicht von Belang ist. Für mich ist es eine kleine Erinnerung an den Gedanken, den ich in letzter Zeit öfter habe: So langsam bin ich wirklich, endgültig, ganz vollständig erwachsen - und muss akzeptieren, dass es keine Chance auf ein anderes Aufwachsen, eine Ersatzfamilie oder ein "Kind sein" mehr gibt. Auch nach vielen Jahren, die ich das schon weiß, ist das nicht immer leicht.

Es herrscht Auf- und Umbruchstimmung. Einerseits freue ich mich darauf, wieder eine neue Aufgabe zu haben, bin positiv aufgeregt und froh, dass die Warterei jetzt vorbei ist (denn ich hasse Warten). Aber da ist auch viel Angst. Angst vor dem frühen Aufstehen in Zusammenspiel mit den müde machenden Allergiemedikamenten und meinen depressiven Phasen. Angst vor den Menschen, die mich kennenlernen und vielleicht doof finden werden. Angst vor dem Telefon auf dem Schreibtisch. Angst davor, alles falsch zu machen. Angst vor vielleicht einsetzender Trägheit, die mich davon abhält, meine weiteren Pläne zu verfolgen. Eben das volle Programm für einen Menschen wie mich. Aber ich weiß auch, dass es bisher immer irgendwie funktioniert hat. Ich habe einige Praktika und Nebenjobs in großen und kleinen Unternehmen gemacht und das habe ich geschafft. Ich habe im Call Center gearbeitet, ich habe mich mit Menschen angefreundet, ich musste pünktlich sein. Ich bin nirgendwo vorzeitig rausgeflogen. Also. Wird das schon. Ich muss nur. Atmen.

Mauer, Kreuzberg, Berlin, Frühling
Aufbruch, Umbruch, AuSbruch?


Meine Mitbewohner trennen sich. Es ist noch unklar, was mit der Wohnung passiert und inwieweit das auch für mich Konsequenzen haben wird. Zumindest halten sie alles transparent und versuchen, die bestmögliche Lösung für diese Situation zu finden. Trotzdem sorgt das für eine gewisse Unsicherheit bei mir. Aber es bringt auch nichts, sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen, denn ich kann die Entscheidung sowieso nicht beeinflussen.

Viel passiert hier gerade, in mir und um mich herum. Und ich weiß noch nicht, ob ich das gut oder gruselig finden soll. Fürs erste aber werde ich meine letzte Woche, die ich mir völlig frei gehalten habe, mit Basteleien und Sonne und Lippenstift beenden und hoffe, dass auch ihr euer Wochenende frühlingshaft genießen könnt. ♥

Kreuzberg, Berlin, Frühling
Nicht scharf und schief, tja so ist das...

Dienstag, 21. März 2017

Hinter trüben Scheiben

Hagelkörner verfangen sich in meinen nassen Haaren. Menschen rennen an mir vorbei, um sich vor dem Regenguss in Sicherheit zu bringen. Ich gehe weiter langsam durch die bald leergefegten Straßen. Es ist grau und düster an diesem Frühlingstag. Die dunkle Wolkenfront kommt näher und näher. Ich bin traurig in diesem Moment. Ob es so auch im Herzen meiner lebensmüden Freundin aussieht?

Das vierte oder fünfte kleine Mädchen an diesem Tag starrt mich fasziniert von der anderen Straßenseite aus an. Ich trage heute zu meinen bunten Haaren eine leuchtend pinke Strumpfhose und die Jacke mit den Blumen drauf. Ein Kind mit rosa Haarband hat sich immer wieder umgedreht, bis es außer Sichtweite war. Da saßen wir auf einer Bank, das Wetter war noch gut, und warteten noch unwissend auf die Absage des Geplanten. Die Ampel springt auf Grün, unsere Wege kreuzen sich und ich lächele auch dieses Mädchen freundlich an.

Eine weitere Straße gilt es noch zu überqueren, dann rette ich mich in den Supermarkt. Der Spiegel in der Gemüseabteilung zeigt ein hässliches Bild. Meine Haare sind an den Kopf geklatscht und fangen beim Trocknen an, sich zu locken. Der Lippenstift ist ein wenig verschmiert. Die stark geschminkten Augen sehen aus, als würden sie hier gar nicht hingehören. Meine Kassiererin duzt mich, so oft bin ich in letzter Zeit in diesem Laden. Was tut man auch, wenn man nichts zu tun hat?

Ich stehe immer noch im Außen. Das Glas wird trübe. Und ich stehe unsichtbar hinter der Scheibe. Was ich jetzt tun soll? Die ernüchternde Antwort ist nichts. Nicht viel zumindest. Ich kann da sein, doch was bringt das, wenn ich nicht gesehen werde? Hallo, mein Name ist Niemand. Niemand hört Dir zu. Niemand fragt nach Dir...

Menschen sind so unterschiedlich. Mein Lebenswille ist so stark, dass ich manchmal über ihn stolpere. Er bringt mich zu Fall, wenn ich in Situationen gerate, die mir das Gefühl geben, dass mein Leben nichts ist. Ich will so viel, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Trotzdem mache ich irgendwie weiter. Und das ist vielleicht besser als Aufhören. Zu atmen.


Montag, 13. März 2017

Nein zu Victim Blaming: Dieser Blog ist ein sicherer Ort!

TW: Victim Blaming

Negative Kommentare gehören zum Bloggen einfach dazu. Ich war bislang immer offen für Kritik und habe mir die Zeit genommen, sie zu beantworten, auch wenn das manchmal vielleicht sinnlos wirkt. Nur Spam, eindeutige Beleidigungen und Pro-Ana/Mia-Inhalte habe ich bisher gelöscht. In letzter Zeit habe ich immer wieder Kommentare erhalten, die Victim Blaming enthielten. Weil diese Kommentare weitgehend von der selben Person stammen, haben sie für mich keinen konstruktiven Charakter mehr. Zudem bin ich mir sicher, dass diese Inhalte auf manche Leser*innen triggernd wirken. Ich weiß, dass hier auch viele jüngere Menschen mitlesen und ich möchte nicht, dass irgendjemand hier das Gefühl bekommt, selbst an seinen Erlebnissen schuld zu sein. Dieser Blog soll für alle Leser*innen ein sicherer Ort sein, an dem ein verständnisvoller Austausch möglich ist. Das schließt natürlich alle Menschen ein, die Opfer von Gewalt wurden, sich selbst verletzen oder unter Depressionen, Essstörungen usw. leiden. Deshalb werde ich in Zukunft keine Kommentare mehr veröffentlichen, die mir und anderen ihre Erfahrungen absprechen oder Täter-Opfer-Umkehr betreiben.

Trotzdem möchte ich den Personen, die mir diese Kommentare schreiben, die Chance geben, sich zu informieren und zu äußern. In diesem Post werde ich versuchen, aus meiner Perspektive zu erklären, warum solche Aussagen nicht in Ordnung sind. Um einen Austausch zu ermöglichen, werde ich unter diesem Post auch die Kommentare der Gegenseite freischalten. Deshalb hier noch einmal ausdrücklich eine Triggerwarnung für alle, die sich das nicht antun möchten. Für die Zukunft empfehle ich allen Kritiker*innen, eine E-Mail-Adresse oder sonstige Kontaktmöglichkeit zu hinterlassen, damit wir darüber sprechen können. Die Kommentare werden nämlich leider meist anonym geschrieben, was keine wirkliche Kommunikation ermöglicht.

TW

Der letzte Kommentar und Anlass für diesen Post, den ich bekam, war folgender:

"Warum seid Ihr alle immer nur froh, von Euren Eltern unabhängig zu sein? Haben sie nicht auch ein wenig Dankbarkeit für ihre Unterstützung verdient? Sicher hatten sie es mit Euch auch nicht immer leicht."

Zwei weitere Beispiele aus vergangenen Posts (beide definitiv von der selben Person):

"Gibt es nicht doch einen Weg, sich einander wieder anzunähern? Könntest Du nicht versuchen, zu vergeben?"

"Aber von Opfer und Täter zu sprechen in der Familie klingt doch etwas nach Schwarzmalerei."

Ich kann verstehen, dass es für Menschen, die in einer liebevollen, unterstützenden Familie aufgewachsen sind, schwer nachzuvollziehen ist, dass manche Eltern auch grausam zu ihren Kindern sein können. Allerdings frage ich mich, warum es in deren Erziehung offenbar versäumt wurde, dafür zu sensibilisieren, dass nicht alle Menschen unter den gleichen Bedingungen aufwachsen; auch hier in Deutschland nicht. Von sich auf andere zu schließen, ist einfach, aber nicht immer richtig.

Ich erkläre das gerne so:
Stell Dir vor, Du wirst auf der Straße überfallen und geschlagen, einfach so, vielleicht weil die Täter*innen Dein Bargeld wollen. Oder sei es nur, dass jemand mutwillig Dein Auto zerstört. Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Dich jemand dazu auffordert, dieser Person Dankbarkeit zu zeigen und ihr zu vergeben? Würdest Du Deinem Gegenüber nicht einen Vogel zeigen?

Das ist nicht vergleichbar, sagst Du? Ja, diesen Eindruck kann man gewinnen...
Wenn jemand Dein Auto zerstört, lässt sich das oft beweisen. Niemand würde auf die Idee kommen, dass Du Dein Auto selbst zerstört hast, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Wer würde schon sowas tun?
Wenn ein Mann einen anderen Mann überfällt, ist das krass für den Überfallenen. Die Schuld trägt selbstverständlich der Täter, keine Frage!
Wenn ein Mann eine Frau überfällt, sieht die Sache schon anders aus. Mir ist das passiert. Es war schon dunkel, als ich an diesem Abend allein nach Hause ging. Ein Mann überfiel mich, fasste mich an und bestahl mich. Dann machte er sich zum Glück davon. Als ich einer Freundin davon erzählte, sagte sie mir, dass ich selber schuld sei, wenn ich als Frau allein im Dunkeln nach Hause ginge...

Wer Opfer von Gewalt in der eigenen Familie wurde und darüber offen spricht, darf sich einiges anhören. In Kommentaren wie im Real Life habe ich schon in den unterschiedlichsten Kontexten Victim Blaming erlebt. Die Beispiele oben zeigen es deutlich: "Könntest Du nicht versuchen zu vergeben?", "Sicher hatten sie es mit Euch auch nicht immer leicht." Die Verantwortung wird auf die Kinder übertragen, die in diesem Fall die Opfer sind. Oft habe ich schon den Satz gehört: "Wie konntest Du Deinen Eltern das nur antun?!" Bezogen zum Beispiel darauf, dass ich mit 16 von meinen Eltern aus und in eine Jugendhilfe-Einrichtung einzog, dass ich im Sorgerechts-Verfahren gegen meine Eltern aussagte oder dass ich den Kontakt auf ein Minimum reduziert habe. Ich werde hier als diejenige bezeichnet, die etwas getan hat, statt dass sich jemand die Frage stellt, warum ich in dieser Weise gehandelt habe. Die Ursache für mein Verhalten ist die Gewalt, die ich in meiner Familie erlebt habe, die meine Eltern mir zufügten. NICHTS rechtfertigt diese Gewalt. Auch wenn ein Kind schreit oder frech ist, darf es nicht geschlagen werden! Oft  muss ein Kind jedoch überhaupt nichts falsch gemacht haben, um von seinen prügelnden Eltern ein paar geknallt zu kriegen. Kinder befinden sich, vor allem, solange sie noch klein sind, in einer hilflosen Position, sie sind ihren Eltern ausgeliefert. Das schadet ihnen nicht, wenn sie liebevolle Eltern haben, die sie in ihrem Aufwachsen positiv unterstützen, wohl aber, wenn sie von ihren Schutzbefohlenen Gewalt erfahren. Kinder sind niemals "schuld" daran, dass sie misshandelt werden!!!

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass viele Menschen sich einfach nicht vorstellen können, dass Eltern, die ihre eigenen Kinder unseren gesellschaftlichen Idealen entsprechend ja eigentlich bedingungslos lieben sollten, ihren Nachwuchs so schlecht behandeln. Deshalb schreibt unsere Kommentatorin: "Aber von Opfer und Täter zu sprechen in der Familie klingt doch etwas nach Schwarzmalerei." Deshalb erlebe ich es immer wieder, dass Menschen mir sagen "sowas gibt es nicht, Deine Erlebnisse können nicht stimmen" und mir einfach nicht glauben. Und dann erfolgt die Täter-Opfer-Umkehr: Dann bin ich diejenige, die etwas Schlimmes getan hat, weil ich meinen Eltern etwas vorwerfe, das ja "gar nicht sein kann".

Allen Menschen, die so denken, kann ich nur empfehlen: Macht die Augen auf! Die Welt ist nunmal nicht so schön einfach und schwarz-weiß, wie Du sie gerne hättest. Ja, auch die unglaublich netten Nachbarn, mit denen Du Dich so gut verstehst, könnten Täter sein. Kein Mensch ist nur gut oder nur schlecht. Meine Eltern haben ihre positiven Seiten, so wie ich meine negativen habe. Nichts davon rechtfertigt die Gewalt, die ich erlebt habe. Es ist sogar so, dass bei sexualisierter Gewalt die meisten Täter aus dem persönlichen Umfeld der Opfer stammen - das heißt, sie sind ihre Freund*innen, Partner*innen oder Familienmitglieder. Es ist eine pure Unverschämtheit, zu behaupten, von Opfern und Tätern könne man innerhalb einer Familie nicht sprechen. Je nachdem, wie gefestigt jemand ist, können solche Aussagen extreme Gefühle auslösen. Manche Menschen nehmen sich das Leben, weil ihnen niemand glaubt, sie niemand ernst nimmt oder ihnen jemand die Schuld an dem Erlebten gibt! Also überlegt euch gefälligst, wie ihr - im Real Life UND im Internet - eure Worte wählt und wie sie auf euer Gegenüber wirken können!! Wenn ihr euch mit so einem Thema noch nie auseinander gesetzt habt und uninformiert seid, recherchiert und fragt nach! Aber trefft keine unüberlegten Aussagen zu einem Sachverhalt, von dem ihr überhaupt keine Ahnung habt!

Bitte informiert euch!

Ich bin gerne bereit, mit euch über dieses Thema in den Kommentaren unter diesem Post konstruktiv zu diskutieren. Bitte verzichtet auf Beleidigungen und verletzende Äußerungen. Jeder Kommentar muss von mir freigeschaltet werden. Unter anderen Posts werde ich keine Kommentare mehr veröffentlichen, die Opfern die Schuld an ihren Erlebnissen zuschreiben. Ich hoffe auf euer Verständnis dafür. Danke an alle, die in der Vergangenheit versucht haben, konstruktiv auf die entsprechenden Kommentator*innen einzuwirken, und sich für mich eingesetzt haben. Bleibt stark! ♥

Es ist nie okay, jemandem die Erlebnisse und das Leid abzusprechen!

Samstag, 11. März 2017

ich bin jetzt Wer

Ich kann kaum glauben, dass ich schon den dritten Punkt auf meiner Liste mit Zielen für 2017 abhake. Genau genommen geht damit einher bald schon der vierte. Zwar war klar, dass mindestens zwei dieser Punkte früh im Jahr erreicht sein würden. Trotzdem ist das ein komisches Gefühl aus Freude und Überforderung, weil plötzlich alles so schnell geht und die Zeit wieder einmal an mir vorbei rast. Und ich sehe ihr hinterher und gucke dumm. Wie so eine Fließbandarbeiterin komme ich mir vor, die mit geschultem Auge, doch teilnahmslos eine Aufgabe nach der anderen in rasender Geschwindigkeit erledigt.

Ich habe jetzt also einen Job. So einen richtigen. Dieses Mal werde ich ihn auch annehmen, sofern in den nächsten Tagen nicht noch irgendetwas Weltbewegendes passiert. Ab April werde ich meinen eigenen Lebensunterhalt schreibend selbst verdienen und - tada - finanziell unabhängig von meinen Eltern sein. Und das ist eigentlich das Wichtigste für den Anfang. Weiteres wird sich dann schon ergeben. Vielleicht liegt es an meiner Zuversicht, die ich im letzten Post geäußert habe. Mit einer positiven Einstellung mögen die Dinge besser gelingen, als mit blanker Panik und dem Gedanken, im Leben sowieso nichts auf die Reihe zu bringen. In meiner unterirdischen Stimmung vor dem Gespräch hätte ich allerdings nicht mit Erfolg gerechnet, aber zum Glück kann das bei mir schnell umschlagen.

Das mir eingetrichterte "Du bist nichts, Du kannst nichts" entzieht sich jedenfalls seiner Berechtigung. Wenn ich nichts könnte, hätte ich kein Abitur, keinen Bachelor und keinen Job. Wenn ich nichts könnte, hätte ich nichts. Ich kenne niemanden, der nichts kann. Jeder Mensch besitzt die eine oder andere Fähigkeit. Und ist jemand. Trotzdem habe ich den Impuls, zu sagen, dass es nichts besonderes ist. Dass ich nichts dafür getan habe, weil es sich nicht so anfühlt, als hätte ich. Naja, ich war (öfter mal) anwesend, ich habe die Klausuren und die Bachelorarbeit persönlich geschrieben, die Bewerbungen selbst verfasst... Vielleicht reicht das aus, um etwas getan zu haben, auch wenn es sich wie nichts anfühlt. Das Zeugnis ist noch nicht angekommen, aber die Online-Übersicht zeigt schon die Note. Das zumindest die Bachelorarbeit eine stolze 1 vor dem Komma trägt, hätte ich nicht gedacht...

Aber jetzt ist mal genug mit Angeben. Es ist mir fast unangenehm, über meine Erfolge zu sprechen. Irgendwie möchte ich mich sogar dafür entschuldigen. Anstrengend, wenn diese Klischee-Schwäche, die man in Vorstellungsgesprächen nicht erwähnen soll, tatsächlich zutrifft. Ich hätte noch besser sein können, verdammt.^^

Noch drei Wochen habe ich jetzt. Zu leben, frei und ausgeschlafen zu sein, jetzt sogar ohne den Bewerbungs- und Zukunftsstress. Irgendwie habe ich das Bedürfnis, diese Zeit zu nutzen, wofür, weiß ich aber selbst nicht so genau. Ich werde weiterhin nicht nichts tun, mit meinem Nebenjob will ich den April noch ein bisschen polstern. Aber ich frage mich, welche Dinge ich wohl vermissen werde. Nur bin ich mir nach der ganzen Zeit nicht mehr darüber bewusst, was mir in stressigen Zeiten fehlte... Ich weiß nicht, was ihr alle gerade macht. Aber falls Du arbeitest oder studierst: Was würdest Du machen, wenn Du jetzt drei Wochen (oder nur einen unerwarteten Tag) frei hättest? Reisen und alles, was hohe Ausgaben erfordert, einmal ausgeschlossen... Ich bin auf der Suche nach kleinen Dingen, die ich machen kann. So, wie ich meinen Trickfilm noch fertig bekommen möchte, mit meiner neuen Second-Hand-Kamera fotografieren gehen will oder vielleicht noch einmal mein Klavier betätigen werde, wenn niemand zu Hause ist. Außerdem habe ich vor, meine Schränke, Regale und den Schminktisch auszumisten und neu zu sortieren, aber das ist natürlich keine meiner favorisierten Beschäftigungen... Wie ich mich kenne, werde ich diese drei Wochen wieder ungenutzt und faul verstreichen lassen. Vielleicht muss es aber auch gar nichts Besonderes sein und es ist okay, einfach die Zeit abzuwarten. Ist es wirklich Zeitverschwendung, Zeit zu verschwenden?

Freiheit hinter Gittern

Sonntag, 5. März 2017

Meine Doppelrolle als Betroffene und Außenstehende

Ich kann gar nicht gestresst und erschöpft sein, denke ich. Schließlich mache ich gar nichts. Ich muss nicht früh aufstehen, arbeite keine acht Stunden oder mehr am Tag und gehe selten mehr als eine Runde um den Block.

Ich arbeite immer sonntags. Ich hasse Sonntage. Was soll man denn an einem Sonntag machen? Den ganzen Tag nichts tun, gammeln, lesen, Serien schauen? Den ganzen Tag?! Das mache ich höchstens, wenn ich so krank bin, dass ich nicht aus dem Bett kann. Freizeit kann ich nicht.

Nein, ich mache nicht nichts. Ich habe für jeden Tag eine To-Do-Liste und wenn die weniger als fünf Punkte hat, fühlt sich das komisch an. Dann schreibe ich "Nägel lackieren" oder "Haare waschen" dazu. Ich arbeite zwischen drei und fünf mal die Woche. Neben meinem Texten mache ich alle möglichen Mikro-Jobs, zwischendurch, vor dem Schlafengehen, beim Telefonieren. Ich prüfe jeden Tag die Jobportale, versuche es mit vier, fünf Bewerbungen die Woche. Mein zweites Ziel für 2017 habe ich verwirklicht und arbeite jeden Tag daran weiter (es ist das Blog-Projekt). Ich war in München, die Nachtfahrt war furchtbar und mein Professor wohl der schlimmste, den man mit einem LGBT-Thema haben kann. Im Gegensatz zu meinen Kommiliton*innen weiß ich meine Note bis heute nicht, aber aus Gesinnungsgründen wird er mich ja wohl nicht durchfallen lassen können. Ich bin jetzt offiziell keine Studentin mehr. In ein paar Wochen werde ich ein Abschlusszeugnis haben. Und hoffentlich auch einen Job. Ich bin zuversichtlich. Es muss ja nicht gleich ein Traumjob sein.

Nicht alle Menschen denken so. Dass es schon irgendwie weitergeht. Weiter geht es schließlich immer. Die Zeit bleibt nicht stehen. Aber manche Menschen glauben nicht daran, dass es weitergeht, sondern lieber an den Tod, falls das mit der Perfektion nicht klappt. Das tut weh. Und anstrengend ist es auch. Die Rolle der Außenstehenden ist anstrengend, selbst wenn man die der Betroffenen so gut kennt. Sie ist völlig anders. Als Außenstehende bin ich hilf- und machtlos. Als Außenstehende kann ich nur daneben stehen und zuschauen, ich kann etwas sagen, aber ich kann nicht eingreifen. Es ist, als würde ich plötzlich auf der anderen Seite der Glaswand stehen, von der ich mich als Betroffene oft umgeben fühlte. Da hatte ich immer das Gefühl, mitten unter den Menschen zu sein, aber von ihnen nicht gesehen zu werden, ihr Reden und Lachen nur wie durch Watte gedämpft zu hören, zu klopfen und zu ihnen gehen zu wollen, aber das Glas nicht durchdringen zu können. Jetzt stehe ich also auf der anderen Seite. Ich sehe die Person vor mir, aber ich kann sie nicht erreichen, sie ist unendlich weit weg. Ich habe mir an der Wand die Knöchel wund geschlagen und nun muss ich resignieren und feststellen, dass ich von dieser Seite aus das Glas nicht zum Springen bringen kann.

Als Betroffene habe ich die Kontrolle. Ich habe die Macht, mein Befinden zu beeinflussen, so wie mein Leben, meine Einstellung und meine Handlungen. Nicht immer habe ich als Betroffene auch die Kraft dazu. Manchmal gerate ich außer Kontrolle. Dann kann nicht einmal ich selbst mir helfen und die Außenstehenden können es erst recht nicht. Aber ich kann die Kontrolle wieder finden. Nur ich. Niemand sonst kann sie für mich aufheben und mir hinterhertragen. Und ich kann dafür sorgen, dass ich sie das nächste Mal behalte. Dabei können andere mich unterstützen. Aber sie können mich nicht halten. Ich selbst halte mich auf den Beinen, ich muss meine eigenen Füße bewegen, um weiterzugehen, diese Aufgabe kann niemand für mich übernehmen. Ich als Außenstehende kann diese Aufgabe nicht für eine Betroffene übernehmen.

Das zu akzeptieren, ist schwer.

Mein Respekt gilt allen Außenstehenden, die das aushalten. Danke, dass ihr eure Freund*innen nicht allein lasst. Beide Rollen sind schwer zu tragen. Und eigentlich sind wir alle doch eins. Menschen. Wir müssen uns nicht voneinander abgrenzen und sollten nicht übereinander urteilen. Wir sollten viel mehr miteinander reden, als davon auszugehen, dass wir einander sowieso nicht verstehen. Wer weiß, ob Dein Gegenüber nicht eine Doppelrolle spielt?