Freitag, 17. Februar 2017

Depression vs. Widerstand

Der Boden unter meinen Füßen wird weich und löst sich langsam auf. Ich gehe wie auf Wolken. Schwebe über einem tiefen, dunklen, schwarzen Abgrund. Er zieht mich an, mit ganzer Kraft, doch ich laufe weiter geradeaus, mit starrem Blick, vorwärts. Die Sonne scheint zu scheinen, doch von der ersten Frühlingswärme spüre ich nichts. Regen rollt über meinen Körper. Salzig frisst er sich durch die Farbschichten in mein Gesicht. Ich werde blasser und blasser. Verschwinde ich?

Schritt um Schritt richte ich meinen Blick weiter in die Ferne. Der Horizont wandelt stets sein Antlitz. Ich kneife die Augen zusammen, stelle den Fokus auf scharf. Niemals bleibe ich stehen. Teilnahmslos schwinge ich die Beine jeden Morgen aus dem Bett und schwebe durch den Tag. Alle Konzentration ist darauf gerichtet, mich nicht zu verlieren.

Erste Buchstaben fallen auf das täglich frische weiße Blatt. Was jedes mal wieder unschaffbar scheint, kommt am Abend zum erfolgreichen Ende. Es. Geht. Weiter. Jeden Tag. Ich hake ab. Den ersten Punkt meiner Liste mit Zielen für dieses Jahr. Ich weiß, bald ist der zweite fällig. Und es scheint unerreichbar. Aber es wird sein.

Der Regen erhält die Erlaubnis, abzufließen. Mitten im Sturm halte ich meinen Hut fest und setze einen Fuß vor den anderen, während der Wind mir Blätter und Staub entgegen fegt. Und ich lächele das kleine Mädchen an, das mit großen Augen meine pinken Haare bewundert. Wie könnte ich diesen kurzen Blickkontakt versäumen, der mir meine Vergangenheit und ihr vielleicht die Zukunft zeigt?

Ich bin ein Ich. Ich will das Du sein, das mir als kleines Mädchen fehlte. Ich will, dass Du mein authentisches Ich siehst, ohne es abzustempeln. Ich will Dir zeigen, dass die Zukunft nicht plötzliches Glück ist, aber ein Weg, der immer und immer weiter geht. Bis zum Horizont. Und was siehst Du, wenn Du dort angekommen bist?


Montag, 6. Februar 2017

Vom Leben neben der Spur

Das Leben.
Es geht weiter.
Immer und immer.
Gnadenlos.
Zu Ende.

Ich wühle mich weiter durch Stellenanzeigen, widme mich der nervenstrapazierenden Aufgabe, einer Perücke die niemals nachwachsenden Haare zu schneiden und manage meine Nebenjobs. Ich rechne aus, wie lange ich auf welche Weise womit überleben kann, ohne für kleines Geld meine Seele zu verkaufen. Ich stelle fest, was ich wirklich will und was nicht. Zwischen Euphoriestürmen und Motivationskrisen höre ich meinen Nachbarinnen beim heulen, Liebesratgeber spielen und schrecklich schief singen (jaulen) zu. Oder ich stopfe Kopfhörer in meine Ohren und übertöne den Wahnsinn. Ich überschreibe meine Bewerbungsvorlage immer und immer wieder. Ich stehe früher auf als früher, versuche Freund*innen zu kulturellen Aktivitäten zu animieren, langweile mich oder lese. Ich öffne der Post und dem Heizungsmann. Die Wochen gleiten davon. Seite um Seite füllt sich der Kalender, To-Do-Listen, Termine und Verabredungen. Rechnungen, Zeichnungen, Mind-Maps und Gedichte machen sich in Notizbüchern breit. Wer weiß, vielleicht ist es bald so weit...

Ich erfahre, dass ich mein Bachelorkolloquium in München halten muss, weil mein Professor dort seinen Hauptsitz hat und sich nicht in meine Hochschule bequemen will. Weil erst kurz vorher bekannt gegeben wird, an welchem der beiden Tage ich dran bin, kann ich mich schonmal darauf einstellen, dass es teuer wird. Bestimmt muss ich eine Nacht einplanen, aber ich kenne niemanden, der*die in München wohnt. Mit der Vorbereitung aber könnte ich mich schonmal beschäftigen. Könnte ich.

Es ist kalt hier. Und draußen. Ab und zu fahre ich U-Bahn und es kommt vor, dass nicht nur der Boden glitzert. Eine Frau habe ich gesehen, die überschüttet war mit Glitzer. Im Gesicht, in den Haaren, an der Jacke, überall hatten sich goldglitzernde Partikel festgesetzt. Sie war mir irgendwie unheimlich. Hatte ich einen oder zwei Tage vorher noch um Glitzermomentgeschichten gebeten, begegnete mir nun Glitzer in Person! Gruseliger sind vielleicht meine Albträume von Heiraten und Schwangerschaft oder die Tatsache, dass sich auf meinem Scrabble-Brettchen vollständig durch Zufall das Wort EHEMANN bildet. Der Konformitätsdruck verfolgt mich. Ich will keinen Ehemann und auch keine Naturhaarfarbe. Mich nerven Konversationen wie:
"Und Du hast auch einen Freund, ja?"
"Nein, hab ich nicht."
"Ach... naja, mach Dir nichts draus, das wird schon noch!"
Warum darf ich nicht auch alleine vollständig sein?

Das Leben. Es geht weiter. Dahin, wo ich es will! Zu begreifen ist das häufig erst nach einigen Umwegen. Ich möchte mich nicht in irgendwas verrennen, nur weil andere sagen, das müsste eben so. Ich erlebe es bei anderen Menschen hautnah mit, wie es ist, das zu tun. Und das Ergebnis ist nicht so schön, das wirkt vielleicht nach außen hin perfekt, für Leute, die das vermutlich gar nicht wirklich interessiert. Aber was ist denn mit dem Innen? Sollte das nicht auch glitzern?


Mittwoch, 1. Februar 2017

Wieder geht das Leben weiter - gehe ich mit?

Ich habe mich lange nicht mehr bei euch gemeldet. Nicht einmal die Blogger-Seite habe ich so oft aufgerufen wie sonst. Ich war damit beschäftigt, Bewerbungen zu schreiben - zehn Stück müssten es inzwischen etwa sein - und meinem üblichen Texte-Schreiben-Job nachzugehen. Ein paar Tage war ich auch ein paar Kilometer weit verreist. Vielleicht war ich in letzter Zeit auch etwas genervt, weil mir von vielen Seiten Druck, Häme und "Du-schaffst-es-eh-nicht"s entgegenschlugen. Aber wie das bei mir immer so ist, geht kurz vor dem Rande der Verzweiflung doch alles ganz schnell - und gut!

Vorgestern habe ich mir eine Perücke bestellt - frustriert davon, dass meine unkonventionelle Haarfarbe mir möglicherweise beruflich im Wege steht und Leistung immer erst nach Aussehen kommt. Sie ist noch nicht einmal angekommen, da habe ich schon eine Praktikumsstelle (mit Aussicht auf ein anschließendes Volontariat). Nachdem ich von 90 % der Unternehmen, bei denen ich mich beworben habe, noch keine Antwort bekommen habe, war diesmal direkt am Folgetag (heute) ein Mail in meinem Postfach und ich soll nun morgen anfangen. Ich versuche gerade, mich nicht zu früh zu freuen, für den Fall eines Hakens an dieser kleinen großen Überraschung. Erst Montag war ich bei einem Gespräch, bei dem sich herausstellte, dass die ausgeschriebene Volontariatsstelle gar nicht vorhanden war, sondern es zunächst nur um ein unbezahltes Praktikum ging - ob danach ein Volontariat möglich sei, das wisse man noch gar nicht. Ich denke doch, dass ich inzwischen genug Erfahrungen gemacht habe, um mich nicht übers Ohr hauen zu lassen...

Es ist ein gutes Gefühl zu spüren, dass ich im Vergleich zu meinem Frische-Abiturientin-Ich so viel sicherer in mir selbst geworden bin. Vor lauter "Ich bin nichts, ich kann nichts, wie soll das bloß alles enden?!"-Gedanken gerät das ja leider schnell in Vergessenheit. Deshalb ist es immer gut, hin und wieder mal einen Schritt Abstand zu nehmen und die gesamte Timeline zu betrachten, um sich zu fragen: Was habe ich in der Vergangenheit schon alles geschafft? Oha, ganz schön viel ganz schön Schwieriges. Schaffe ich das Gegenwärtige dann jetzt auch? Angesichts des Vergangenen - auf jeden Fall! Weil das viele vermutlich wissen wollen: Nein, das glaube ich mir selbst nicht in jedem Moment meines Lebens. Man muss sich wahnsinnig oft daran erinnern. Aber irgendein Teil von mir weiß es eigentlich. Eigentlich!!!

Heute ist ein seltsamer Tag, eben weil ich nicht weiß, was morgen passiert. Das ist ein bisschen unheimlich. Ich habe Lust, wieder etwas Richtiges zutun zu haben. Ich habe keine Lust, früh aufzustehen. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Ich freue mich auf Neues. Aber ich bin auch ein bisschen traurig darüber, meine Trickfilmworkshop-Nachmittage wohl aufgeben zu müssen, die zusammen mit meinen Beratungsterminen meine bisherige Wochenstruktur bildeten. Ich kenne diese Melancholie des Tapetenwechsels und weiß, dass sie nach den ersten Arbeitstagen vorbei geht, weil der Kopf dann von anderen Dingen belagert wird. Jetzt gerade bin ich allerdings noch mittendrin. Wundert euch nicht, wenn ich mich weiter sporadisch oder nur mit Aus-meinem-Leben-Berichten melde, denn ich werde die nächsten drei Monate wieder nach der Formel Vollzeitpraktikum plus Nebenjob minus Allesandere leben.

Ich werde mich bemühen, euren Beiträgen hinterherzukommen und die Dinge, die mir Spaß machen, nicht zu sehr zu vernachlässigen. Hoffentlich hattet ihr heute oder in letzter Zeit auch ein schönes Erlebnis, das euch den letzten Wintermonat versüßen kann. Hinterlasst mir doch einen Kommentar mit einer Schöner-Moment-Beschreibung, wenn ihr mögt. Meine Melancholie und ich würden uns sehr darüber freuen. ♥