Donnerstag, 29. September 2016

Am anderen Ende

Wir befinden uns am Ende der Welt, nun ja, am anderen Ende der Stadt zumindest. Hier sieht es aus, wie im Norden meiner Heimatstadt. Grau, ein bisschen heruntergekommen, Menschen in Jogginghosen. Es ist überraschend warm. Mein Kleid und die Haare flattern im Wind. Irgendwann finde ich dann auch den Eingang des Bürgeramts und meine freundliche Sachbearbeiterin. "Sind Sie Mangafan?", fragt sie. "Die haben doch immer so bunte Haare." Nein, das denken viele, aber in Wahrheit habe ich noch nie einen Manga von innen gesehen. Vielleicht bin ich Fan von Mangafans...oder so. Ich zupfe an der schwarzen Katze in meinem Ohr.

"Da schreiben wir jetzt einfach den ersten August hin. Ich hab nichts davon, wenn Sie Strafe zahlen.", sagt sie. "Mein Sohn studiert auch. Das ist immer knapp mit dem Geld, ich kenne das." Nachdem irgendein Problem mit der Technik gelöst ist, reicht sie mir meinen vorläufigen Personalausweis. Draußen steht eine uralte Frau, die fast keine Zähne mehr hat. "Toll, Ihre Haare!", sagt sie und grinst mich an. "Danke", sage ich ganz leise und fühle mich wie ein kleiner Star, als ich über den knallroten Plastikfußboden zum Ausgang laufe und mich die wartenden Leute alle anstarren. Das hier ist nicht Kreuzberg. Fast fühlt es sich auch nicht mehr an wie Berlin. Im Bus sitze ich neben einer Frau mit Blumen auf dem Schoß. Der U-Bahn-Boden glitzert so schön. Wenn man die Augen ein wenig zusammenkneift, wird daraus fast ein Funkeln...


Samstag, 24. September 2016

Lückenfüller

Da ist ein Loch in der Zeit. Es ist eine Woche lang und schulterbreit. Schwer zu sagen, was sich darin befindet oder wie es sich am besten flicken lässt. Wahrscheinlich hätte man es schon von Weitem sehen können. Aber mancher rennt kopflos durch die Zeit und schaut nicht, wo er hintritt. Und manche springt sehenden Auges kopfüber hinein. Vielleicht ist die Zeit auch wie ein löchriger Käse. Und ab und an verschwindet jemand darin. Und geht verloren...

Vielleicht ist es gut, von Zeit zu Zeit zu fallen. Dann siehst Du, wer Dir die Hand reicht, um Dir aufzuhelfen. Wer einfach weiter geht. Und wer gar nicht bemerkt, dass Du weg bist. Das ist vielleicht traurig... Aber verheißt auch einen Neuanfang. Und vielleicht bleiben ein, zwei Menschen. Vielleicht jemand, mit dem Du nie gerechnet hättest. Vielleicht packt jemand ein Paket für Dich, mit Glitzer und Licht und lieben Worten. Vielleicht darfst Du Dich einen kleinen Moment lang fallen lassen und festhalten, ohne gleich Deine Selbstständigkeit aufzugeben...

Vielleicht. Denn sicher ist nichts in einer löchrigen Zeit.


Dienstag, 13. September 2016

Still, still, still, weil es keiner hören will

Kleiner Nachtrag zum letzten Post: An dem Tag habe ich das geschrieben, es ist nicht unbedingt autobiografisch, eher glaube ich, dass es vielen so oder ähnlich geht mit den Außenstehenden. 

Still

Still still still,
Weil es keiner hören will.
Ich mache meine Augen zu,
Ich mach es einfach so wie Du.
Ich mache sie nie wieder auf,
So nimmt die Sache ihren Lauf.

Du sagst, es ist feige, aus dem Leben zu gehen,
Ich sag, es ist feige, nicht hinzusehen.
Manchmal starrst Du meine Arme an.
Denkst Du, ich mach das nur, weil ich es kann?
Modeerscheinung nennen sie das.
In meiner Sprache heißt es Selbsthass.

Wie man so dumm sein kann?
Tja, ich bin halt arm dran.
Besser Arm ab, das sagt man doch so!
Du magst keinen Sarkasmus? Oh!
Weißt Du, das bleibt dann,
Wenn man es nicht mehr hören kann:

So ein hübsches Mädchen, nein,
Wie kannst Du nicht zufrieden sein?
Du bist vielleicht ein undankbares Stück!
Geh zu Deinen Eltern (Tätern) zurück!
So gehört sich das nunmal,
Für mich ist das doch auch keine Qual.
Du bist echt nicht ganz normal.

Nein danke, ja bitte,
Ich verstoße gegen irgendeine gute Sitte,
Ich missachte das vierte Gebot
Und Du siehst rot.
In der Bibel steht, Du sollst Deine Kinder schlagen,
Andere haben das doch auch gut vertragen.
Außerdem glaubst Du mir nicht
Mit Deiner eingeschränkten Weltsicht.

Warum bist Du immer so still?
Weil sowieso niemand zuhören will. 



Samstag, 10. September 2016

Welttag der Suizidprävention

*Huuuup*
Alle legen sich auf den Boden. Ich spüre das Pflaster im Rücken. Der Himmel ist hellblau. Und die Sonne strahlt und überblendet alles. Für den Fall, dass man nach dem Tod vielleicht doch in den Himmel kommt, schicke ich ein Lächeln nach oben. Hinter mir höre ich Leute lachen. "Willkommen zurück im Leben", sagt Achim Achilles ein paar Meter links von mir. Eine Frau, die ich später als Susanne Bormann identifiziere, reicht mir die Hand und zieht mich auf die Füße. Direkt neben mir steht Victoria van Violence. Schnell eilen sie weiter, helfen auf, bis wir alle wieder stehen. Applaus.

Was wir gerade gemacht haben, war symbolisch "tot" umzufallen für all die Menschen, die jedes Jahr durch Suizid sterben. Wir stehen da noch eine Weile rum und warten, damit alle ihre Fotos machen können, das Brandenburger Tor im Hintergrund. Das wars dann auch schon und ich mache mich davon. Schließlich hat es mich Überwindung gekostet, überhaupt herzukommen, so ganz allein. Meinen Schlafrhythmus konnte ich dabei auch gleich mal ein bisschen in Ordnung bringen. Und ich bin froh, dass ich da war.

Ich wollte sterben, als ich 14 war. Ärztinnen definierten meine Selbstverletzungen als Modeerscheinung. Sie will nur Aufmerksamkeit, dieses selbstsüchtige Stück Abschaum. Was wäre ich für ein schlechter Mensch, wenn ich weiterleben würde, dachte ich. Ich müsste doch die Menschen von der Qual erlösen, meine Anwesenheit ertragen zu müssen. Niemand will egoistische Idioten wie mich. Also... Ich wollte eigentlich nicht unbedingt tot sein. Es schien nur die einzige Möglichkeit, zu entkommen. Die Volljährigkeit kam mir unendlich weit weg vor. Und wer hätte wissen können, was bis dahin von mir noch übrig geblieben wäre? Ich war ja überzeugt davon, ein Mensch zweiter Klasse zu sein, der froh sein konnte, dass er überhaupt leben durfte. Ich glaubte an das, was alle zu mir sagten: Dass aus mir nie etwas werden würde. Warum also weitermachen? Ich sammelte alle möglichen Tabletten in einer Blechdose, bis ich 16 war. Ich hatte ein scharfes Messer in meiner Nachttischschublade. Aber ich traute mich nicht. Und jetzt bin ich froh darüber.

Nur weil man den Ausweg noch nicht kennt, heißt das nicht, dass es keinen gibt. Ich durfte es damals nicht benutzen, aber mittlerweile hat nun wirklich fast jeder Zugriff auf das Internet. Und da findet ihr so viele Möglichkeiten. Einige habe ich für euch auf einer neuen Blog-Seite zusammengestellt: Ihr findet sie unter dem Reiter Brauchst Du Hilfe?

Samstag, 3. September 2016

Wo waren diese Menschen die ganze Zeit?!

Erinnert ihr euch noch an den Sternchentyp (Absatz Leben)?

Wir sitzen draußen, vor einer Bar, Bierkrüge vor uns auf dem kleinen runden Holztisch. Ich lerne die Freundin des Sternchentyps kennen. Lasst sie uns Jen nennen. Obwohl ich ganz in der Nähe wohne, fiel es mir schwer, etwas auszuwählen, weil ich mich normalerweise immer nach anderen richte. Aber das ist jetzt egal. Warum mache ich mir mehr Gedanken um unsere Startschwierigkeiten als über den schönen spätsommerlichen Abend? Jen ist wie der Sternchentyp eine Gesprächspartnerin, mit der ich mich über Themen unterhalten kann, die mich wirklich interessieren. Das klingt vielleicht seltsam, aber es löst einen kleinen Begeisterungsflash in mir aus.

Wir finden heraus, dass wir beide ehemals essgestört waren und inzwischen anders über unsere Körper denken - wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Sie erzählt von einem queerfeministischen Kongress, auf dem sie war, und von ihrem Engagement in der LGBTQ+ Community an ihrer Uni. Bei uns gibt es sowas alles nicht, es gab überhaupt keine Möglichkeit, irgendetwas anderes zu machen, als sich beschallen zu lassen und vor allem auch niemanden, der sich an irgendwas gestört oder sich dafür interessiert hätte... Und ich verstehe mehr und mehr, was der Sternchentyp damit  gemeint hat, als er zu mir sagte, man merke mir an, dass ich hauptsächlich von "Mainstream-Menschen" umgeben sei. Er erklärt es jetzt auch nochmal, als er meine Kommilitonen kennengelernt hat, hätte er verstanden, warum ich mich so unsicher und unpassend und unnormal fühle...

Ich erlebe es selten, dass mich der soziale Kontakt mit irgendwelchen Menschen so nachdenklich macht. Fast schäme ich mich ein bisschen für meinen Normalitätswahn. Aber es geht doch immer nur ums Anpassen. Ständig stand auf irgendwelchen Zeugnissen, Gerichtsprotokollen oder Diagnosezetteln so etwas wie "hat Schwierigekeiten, sich anzupassen", "verhält sich anders, als ihre Mitschüler", bla bla bla. Aber ich bin doch auch so durchs Leben gekommen, bisher. So wie ich bin habe ich ein gutes Abitur gemacht und ein fast abgeschlossenes Studium ohne irgendwelche Umwege und ich bin auch keine komplette Sozialkathastrophe. Sicher wäre es mir aber leichter gefallen und besser ergangen, wenn nicht ständig alle von mir verlangt hätten, mich anzupassen. "Du musst Dich endlich ändern" - ich muss gar nichts! Ich freue mich ja darüber, Menschen kennenzulernen, denen ich mich nicht so stark anpassen muss. Aber es macht mich auch traurig, dass diese Menschen offensichtlich nur schwer zu finden sind, selbst an einem Ort wie Berlin. Es ist ein so dummer doofer Zufall, dass ich in diesem Umfeld aufgewachsen bin, in dem "normal" sein das höchste Gut und "nicht normale" Menschen wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden.

"Lucia, wir formulieren jetzt Dein Bachelor-Thema aus!", sagt der Sternchenty.
"Ich kenne total viele Leute in dem Bereich, da finden wir bestimmt einen Zweitkorrektor.", fügt Jen hinzu.

Ach, ich wäre so gerne eins mit mir. Ich wäre gern zufrieden mit dem, was ich bin und was ich habe.  Ich würde gerne mehr sein. Mehr sein.

Donnerstag, 1. September 2016

Sünde, Schande, Scheiße

Je mehr und offener ich mit Menschen spreche, ohne mich zu verstellen, desto stärker und lauter werden all die destruktiven Gedanken, die den Kopf an den Haaren nach hinten ziehen, die Finger um den Hals legen und nicht gerade die freundlichsten Worte finden für das Geschehen - Weiterlesen...

(Wie ihr eine Passwort-Berechtigung erhaltet, erfahrt ihr hier: Passwort?