Sonntag, 31. Juli 2016

Dünnhäutig oder Dickfellig?

Vor kurzem hat mich Nana in einem Kommentar unter meinem Post Von Stigma und Psycho darum gebeten, mich noch etwas weiter mit dem Thema Dünnhäutigkeit auseinanderzusetzen. Sie schreibt: "Dünnhäutigkeit ist nun wirklich kein Makel" und das habe ich so auch nicht gesagt oder gemeint. Den negativen Bezug zwischen Dünnhäutigkeit und Mensch stellen andere, so meine Erfahrung, oft her. Ich selbst habe mich, wie ich feststelle, noch nie wirklich intensiv mit dem Begriff beschäftigt. Er gehört eben zur Alltagssprache als Gegenstück zum dicken Fell. Was ich nicht wusste, erklärt mir die Google-Suche. Gleich als erstes ist da die Rede von einem Dünnhäutigkeits-Syndrom. "Solche Menschen brauchen dringend Hilfe" heißt es weiter und dann folgt haufenweise esotherischer Kram. "Solche Menschen"-Formulierungen klingen in meinen Ohren immer irgendwie abwertend. Der Duden hat da eine deutlich nüchternere Erklärung: Dünnhäutigkeit bedeutet Überempfindlichkeit.

Nun kommt man von dort aus ganz schnell zu Hochsensibilität und Krankheit und Behandlung. Den Zusammenhang habe ich definitiv nicht herstellen wollen. Auf dieser Ebene finde ich zu dem Thema auch keinen Zugang. Ich möchte Dünnhäutigkeit nicht als Krankheit, Störung oder Problem ansehen. Im Sprachgebrauch meinen es ja auch die wenigsten Menschen so. Und darum geht es schließlich. Um das Wort Dünnhäutigkeit oder die Eigenschaft dünnhäutig, die sich auch schöner beschreiben lässt, zum Beispiel als sensibel oder empfindsam. Ich glaube nicht, dass ich dünnhäutig bin, aber eine Elefantenhaut habe ich nun auch nicht. Ich bin irgendwas dazwischen, und ja, das geht eigentlich immer und überall. Ich bin schon empfindsam, interessiere mich für Menschen und wie sie denken und fühlen, und ich bekomme gerne möglichst detailliert mit, was in meiner Umgebung passiert. Ich kann aber auch stur geradeaus laufen und gar nichts mitkriegen. Ich bin also vielleicht ein sensibler Mensch. Ich bin beispielsweise aber nicht schnell beleidigt und ich habe auch keine Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln oder Menschenmengen, es sei denn, ich habe mal einen schlechten Tag. Einigen Merkmalen der Dünnhäutigkeit entspreche ich also nicht, ich bin auch nicht esotherisch oder spirituell unterwegs, sondern trotz meiner Empfindsamkeit sehr rational.

Ich bin unheimlich stur, standhaft und meinungsfest. Ich gebe selten klein bei, wenn ich nicht überzeugt davon bin, dass ich unrecht habe. Und ich tue nicht (mehr) alles, um anderen zu gefallen. Das sind wohl die Merkmale meines dicken Fells. In Stress- und Notsituationen bin ich die Ruhe selbst und handele besonnen, während mich Kleinigkeiten nervös machen und in den Wahnsinn treiben. Ich bin temperamentvoll und zuweilen cholerisch, während mich manch Außenstehende als schüchtern und ängstlich erlebt. Bei mir spielt es eine große Rolle, welche Rolle ich gerade spiele. Und jeder Mensch schlüpft in verschiedene Rollen seines Alltags. Ich bin aufgeregt und ängstlich, wenn ich mich unterlegen fühle, zum Beispiel in Vorstellungsgesprächen oder wenn ich bei irgendwelchen Ämtern anrufen muss. Und bin selbstbewusst, wenn es um Dinge geht, von denen ich glaube, dass ich sie gut kann. In gleichberechtigten Kommunikationssituationen, wie im Austausch mit euch Bloggermenschen oder manchen Freundinnen, fühle ich mich am wohlsten. Da bin ich mal ausgeglichen, mal Feuer und Flamme für den Diskussionsgegenstand - jedenfalls fühle ich mich dabei am meisten als ich selbst.

"Ich bin ich" sagen zu können, finde ich wichtiger als die Beschaffenheit meiner Haut. An manchen Stellen ist sie dick und elefantig, zum Beispiel an meinem Sturkopf, und dünn ist sie da, wo die Tränendrüse sitzt. Wie man vom Dickfell zur Dünnhaut wird, oder umgekehrt, hat Nana noch gefragt. Ich glaube, das kann man so direkt nicht beeinflussen. Manche Erlebnisse lassen ein dickeres Fell wachsen, bei anderen pellt sich die Haut ab. Solange Du Dir selbst bewusst bist und mit Dir selbst umgehen kannst, ist alles in Ordnung und Du ganz besonders.

Und was sagt ihr? Seid ihr dünnhäutig, dickfellig, irgendwas dazwischen oder ganz was anderes? Wie steht ihr zu den Begriffen und ihrem Gebrauch in Sprache und Gesellschaft? 

 

Samstag, 23. Juli 2016

Von Stigma und Psycho

Ich habe schon manchmal das Gefühl, dass ich ein dickeres Fell habe, als andere Menschen, denen in ihrem Leben noch nichts zugestoßen ist. Bei mir fühlt sich das an, wie eine unendliche Wiederholung. Immer und immer wieder. So mache ich das schon mein Leben lang: In Situationen geraten, mich aus ihnen herausziehen, drum kämpfen und weitermachen. Ein ewiger Kreislauf? Nein, eher eine Spirale, die trotz so einiger Einbrüche doch immer weiter nach oben führt. Denn mit jedem Ereignis gewinne ich an Routine im Überleben, im Überstehen, im Darüberhinwegkommen. Schon wieder... ist ein häufiger Gedanke. Aber auch: Es geht weiter, immer weiter und weiter, bis es irgendwann zu Ende ist. Vielleicht tu ich mich deshalb schwer mit dieser Floskel des Ankommens. Weil ich doch vielmehr davon lebe, dass die Erde sich immer weiter dreht, auch wenn ich der Zeit manchmal fassungslos hinterherschaue und mich frage, warum sie so schnell vor mir davon rennt.

Obwohl ich so geübt bin im Weitermachen, attestieren mir besagte andere Menschen oft Dünnhäutigkeit und Schwäche. Und ja, ich bin vielleicht nah am Wasser gebaut. Ich kann heulen wie ein Schlosshund, während ich einen Film schaue oder ein Buch lese - ist irgendwie leichter, wenn es eine fremde Geschichte ist. Ich "leide" (blödes Wort) lieber im Stillen. Vielleicht mangels Alternative, aber bestimmt nicht aus Schwäche. Das hätte ich Dir gar nicht zugetraut... habe ich schon viel zu oft gehört. Nur, weil ich gelernt habe, nicht zu sprechen (weil mich keiner fragt) und unverhältnismäßige Demut und Unterwürfigkeit an den Tag zu legen (weil ich teuflischer Abschaum bin)? Das geht nicht von heute auf morgen raus aus dem Kopf. Smalltalk kann man sich aneignen, MakeUp schützt vor dem überlaufenden Fass, verschiedene Rollen geben Sicherheit. Es gibt die Bloggerin, es gibt die junge Frau im zukunftsentscheidenden Vorstellungsgespräch, es gibt den Paradiesvogel in der Grillrunde, früher gab es mal die Musikerin auf der Bühne. Von Abschaum weit und breit nichts zu sehen und doch herrscht ein ständiges inneres Hinterfragen der eigenen Daseinsberechtigung.

Ich erinnere mich an den Chor und die Weihnachtszeit. Wie ich mich unermüdlich für die Solos meldete. Alle anderen Mädchen aus meiner Klasse, die wollten, durften sich während der Proben darin abwechselnd ausprobieren. Nur ich nicht, ich wurde geflissentlich ignoriert, bis ich mich dem Chorleiter förmlich aufdrängte. Ich wollte es doch bitte bitte wenigstens einmal versuchen dürfen. Ich durfte dann eines schönen Probentages, aber Rebecca musste mitsingen, weil man mir die nötige Stimmkraft sowieso nicht zutraute. Ich nahm also alles zusammen, was meine Lunge zu bieten hatte, um mich in berauschender Tonhöhe gegen Rebecca durchzusetzen. "Eine Gruppe ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied", trichterte man uns ein und nicht selten richteten sich die Blicke in meine Richtung. Ich durfte das Solo bei der Aufführung in irgendeiner Kirche dann tatsächlich alleine singen. Obwohl es mehrere Solistinnen gab, kam der ältere Herr aus dem Publikum zu mir, um mir seine Anerkennung mitzuteilen. Einen Moment später zerstörte die Musiklehrerin alles, indem sie flötete: Du kannst ja doch singen! Das hätte ich Dir gar nicht zugetraut! "Glauben Sie, ich habe die Aufnahmeprüfung für diese Schule bestanden, weil ich so unmusikalisch bin?!", würde ich wohl heute erwidern...

Die Menschen pauschalisieren gern. Dann müssen sie nicht differenzieren. Aber so richtig Sinn  macht es ja nicht: Dass Menschen wie ich besonders schwach sein sollen. Oder dumm und naiv. Wenngleich unter erschwerten Bedingungen, so habe ich doch wie viele andere ein gutes Abitur gemacht und ein fast abgeschlossenes Studium hinter mir. Entweder stimmt das nicht (tut es aber) oder mir ist nie etwas zugestoßen (ist es aber). Warum schließt sich das für so viele Menschen aus? Warum gestehen sie mir meine Zurechnungsfähigkeit nicht zu? Obwohl ich doch einen so starken Willen habe? Ich kann einschätzen und entscheiden, ich bin mir meiner selbst bewusst. Ich bin ein vollständiger erwachsener Mensch. Ich brauche keine Bevormundung oder Betüddelung und erst recht keine Ignoranz und Ablehnung. Immer sagen sie, man solle sich doch um die "echten" Probleme kümmern, dennoch können sie es nicht lassen, sich einzumischen, besserzuwissen und zu stigmatisieren. Ich bin kein "Psycho". Ich bin bloß ein Mensch, dem als Kind etwas zugestoßen ist. Das kann jedem passieren. Bleibt zu hoffen, dass sie irgendwann aufhören, TABU zu schreien.


Montag, 18. Juli 2016

Was tut sie eigentlich? (Privat & Persönlich)

Wie versprochen kommt heute der zweite Teil meiner Posts darüber, was ich zur Zeit eigentlich so mache. Die Privat & Persönlich Edition ist nun allerdings leider ziemlich privat und deshalb passwortgeschützt. Ich hoffe ihr erinnert euch noch an das Passwort? Dann klickt ihr hier: Weiterlesen...

Wenn ihr keine Berechtigung für den geschützten Bereich habt, schaut hier einmal nach, ob ihr die Bedingungen erfüllen könnt.

Viel Glitzer und ein bisschen Glitzerkitsch für euch ♥


Dienstag, 12. Juli 2016

Warum ich euch nicht leid tun will

"Entstörungen" steht auf dem Fahrzeug, das an mir vorbeirauscht, während ich auf grünes Licht warte. Ich muss innerlich lachen. Stellt euch vor, es gäbe einen Dienst, der einen vom gestörten zu einem entstörten Menschen machen könnte. Wäre man dann etwa ... normal?! Um Himmels willen! Das ist gleichzeitig so krank wie es Sinn macht. Aber ich muss so lachen, weil ich mich wie eine Toilette fühle, die entstopft werden muss oder wie eine kaputte Glühbirne, die ersetzt werden muss. Stellt euch vor, es gäbe Ersatzteile für die Seele. Wahrscheinlich ist das gar nicht mal so witzig, aber ich verrecke gerade vor lachen!

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema. Ich spreche von gestörten (und entstörten) und normalen Menschen. Warum tue ich das? Richtig, weil es zum etablierten Sprachgebrauch gehört und weil ich selbst "gestört" bin und das darf. Grundsätzlich darf ja jede*r sagen, was sie*er möchte, stimmts? Darüber nachzudenken, ist aber auch nicht verkehrt. Und so denke ich über einen Satz nach, den ich oft lese und manchmal höre: "Du tust mir so leid" oder auch "Solche Menschen tun mir so leid". Für "solche Menschen" könnt ihr jede beliebige Gestörtheit oder anderweitig stigmatisierte Sache einsetzen. Aber warum tu ich euch leid? Warum entschuldigt ihr euch für ... mich? ... solche Menschen oder Sachen? ... Eigentlich sagt man "Es tut mir leid!" doch, wenn man sich für etwas schuldig fühlt oder jemandem unrecht getan hat. Größtenteils könnt ihr aber nicht das geringste für mich oder irgendwelche Menschen bzw. für das, was mir oder irgendwelchen Menschen zugestoßen ist. Es gibt also überhaupt keinen Grund dafür, sich deswegen schuldig zu fühlen.

Viele Menschen, die sich mit gesenktem Kopf und gesenkter Stimme entschuldigen, schämen sich auch für das, was jener Entschuldigung bedarf. Schämt ihr euch für mich, irgendwelche Menschen, Gestörtheiten oder Sachen? Die euch selbst nicht mal betreffen? Vermutlich eher weniger. Ihr meint es eigentlich sogar ziemlich gut, wollt euer Mitgefühl ausdrücken, irgendwas Sinnvolles beitragen, vielleicht helfen. Lasst euch gesagt sein: "Du tust mir leid" hilft nicht. Es bringt niemandem etwas, wenn ihr jetzt auch noch mit leidet. Einmal leiden reicht ja wohl. Ich vertrete auch nicht den Standpunkt "Geteiltes Leid ist halbes Leid". Eher: "Mitgeteiltes Leid ist halbes Leid". Damit meine ich, dass ich mich besser fühle, wenn ich jemandem von meinem "Leiden" erzählen kann. Aber nicht, wenn die*derjenige dann ihrer*seinerseits darunter leidet. Das macht keinen Sinn und führt eher dazu, dass ich die Klappe halte.

"Du tust mir so leid!" Warum? Ich bin doch kein allumfassendes Problem. Ich bin ein Mensch, und ja, mir sind ein paar schlimme Dinge passiert. Objektiv betrachtet gibt es schlimmere und weniger schlimme Dinge. Ich bin aber keine Schlimmheitsskala, sondern ein Mensch, und ich kann nur meine eignenen Empfindungen beurteilen. Also hört auf, Gespräche zu beenden, weil ihr glaubt, bei mir wäre alles viel schlimmer (oder viel weniger schlimm) als bei euch. Was ist das überhaupt für eine Begründung? Stellt euch doch mal vor, ihr würdet mit einem ganz normalen Menschen sprechen... Überraschung, ihr tut es schon! Behandelt mich und eure Freund*innen, die bei euch ebenfalls den Impuls eines "Du tust mir so leid" auslösen, einfach genauso wie jede*n andere*n. Behandelt uns nicht besser und nicht schlechter, dann muss euch auch nichts leid tun. Wir haben Seele und Hirn, genau wie ihr. Und sollte euch, auf dass dieser Fall niemals eintrete, eines Tages ebenfalls etwas zustoßen, so werdet ihr vielleicht dankbar dafür sein, dass es außer euch noch andere "Gestörte" gibt. Welche, die weder sich noch anderen leid tun, sondern lieber die Welt verändern wollen.

Um mit diesem kitschigen Satz nicht enden zu müssen: Ich leide nicht mit Dir, aber ich lebe mit Dir; ich höre Dir zu, wenn Du möchtest, und ich bin dankbar für Dein Zuhören. ♥


Donnerstag, 7. Juli 2016

Was tut sie eigentlich? (Studium & Beruf)

Ihr habt in letzter Zeit eher kryptische Posts von mir gelesen (oder auch nicht). Ich habe wenig Klartext erzählt darüber, was ich so mache. Eher Tagebuchnotizen übertragen, wenn ich was besonderes erlebt habe, wie am letzten Wochenende. Aber vielleicht interessiert euch ja, was ich gerade so mache, was ich plane und was ich verwerfe. Mein Praktikum ist nunmehr seit drei Wochen und drei Tagen vorbei. Jetzt befinde ich mich wieder in einer ähnlichen Situation wie im Februar. Dass das schon fast wieder ein halbes Jahr her ist, gruselt mich ein bisschen. Ich widme mich wieder vermehrt meinem schlecht bezahlten Texter-Job, sehe mich aber parallel nach etwas besserem um. Die letzte Woche habe ich intesiv an einer Auf-den-letzten-Drücker-Bachelorarbeit "mitgewirkt". Das Korrigieren hat mir eigentlich Spaß gemacht, auch wenn es wahrscheinlich nicht so gut für meinen Blutdruck ist.^^ (Ich weiß, ich bin furchtbar, aber Kommakatastrophen tun mir wirklich weh.) Es gibt wohl Menschen, die sich für sowas auch bezahlen lassen. Diese Möglichkeit werde ich zumindest auch in Erwägung ziehen.

Ansonsten muss ich natürlich einen Praktikumsbericht schreiben. Nachdem ich die Formatierung angepasst und von S. erfahren habe, dass Deckblatt, Inhalts- und Quellenverzeichnis mitzählen, konnte ich feststellen, dass ich dann schon fast 10 Seiten habe. Von 15 und ich habe noch bis übernächsten Montag Zeit, das sollte zu schaffen sein. Ich weiß noch nicht recht, was ich danach machen soll. Das nächste halbe Jahr zu Hause zu sitzen und nur "Homeoffice" zu arbeiten, kommt eigentlich nicht in Frage. Mich macht das schon nach einem Monat verrückt, auch wenn ich meine Zeitpläne einhalte und Dinge schaffe. Da ich mein Studium um ein Semester verlängert habe, kann ich meine Bachelorarbeit erst im Oktober anmelden. Aber ich dachte mir, dass ich ja schonmal mein Thema konkretisieren und weiter recherchieren könnte, sodass ich vor und während des Schreibens immer noch einer anderen Tätigkeit nachgehen kann, denn mich drei Monate einzuschließen, ist keine Option, mit der ich glücklich wäre. Jetzt wieder ein neues Praktikum anzufangen und gleichzeitig einen Nebenjob auszuüben, überfordert mich ja allein schon, da noch die Bachelorarbeit zu integrieren wäre ein zum Scheitern verurteiltes Projekt. Aber Praktika sind in der Regel zu schlecht bezahlt, um nichts nebenher zu machen. Ein Zwischending, bzw. ein Nebenjob, der nicht nur etwas Geld bringt, sondern mich auch meinem Berufsziel näherbringt, wäre ja ideal. Bisher hab ich die Recherche jedes Mal schnell wieder aufgegeben, weil es sowas nicht wie Sand am Meer gibt und viele Studenten suchen, die sich noch in frühen Semestern befinden. Vielleicht sollte ich erstmal den Bericht fertig schreiben und mich dann darum kümmern. Ich will ja am liebsten immer alles gleichzeitig, aber das würde mich und wahrscheinlich die meisten anderen schlicht überfordern.

Natürlich mache ich mir auch Gedanken über die Zeit nach dem Studium. Mir steht ja nur noch ein Semester bevor, das ist nicht viel Zeit. Um nicht in blinde Panik zu geraten, habe ich letztens mal einen ganzen Tag lang im Internet herumgeforscht. Ich hatte ja schon öfter erwähnt, dass mein Studiengang sehr viele verschiedene Bereiche angekratzt hat und ich eigentlich noch nicht so richtig weiß, was ich nun damit anfangen soll. Aber ausgehend von meinem ursprünglichen Berufswunsch gibt es drei logische nächste Schritte: Direkt arbeiten, eine Journalistenschule besuchen oder ein Volontariat machen. Dafür, gleich nach dem Abschluss einen Job zu finden und zu arbeiten, fühle ich mich überhaupt noch nicht qualifiziert genug. Ich weiß nicht, ob das eine realistische Option ist. An Journalistenschulen gibt es in Berlin nur die von Springer, da will ich nicht hin und weg ziehen möchte ich eigentlich auch nicht. Auch insgesamt gibt es da in Deutschland nicht so viele, für die man eine Ausbildungsvergütung erhält und nicht noch selbst zahlen muss, und die haben harte Aufnahmeprüfungen, die ich wohl eher nicht schaffen würde. Bleibt noch das Volontariat. Eines zu bekommen, ist sicher auch nicht einfach, aber wohl möglich. Und das ist gerade meine favorisierte Lösung. Weiter oder erneut zu studieren, steht nicht auf der Liste. Zum einen, weil ich es mir nicht leisten kann, zum anderen glaube ich nicht, dass es mich in dem Feld wirklich weiterbringen würde. Ganz besonders wichtig ist es mir, so schnell wie nur irgend möglich nicht mehr finanziell abhängig von meinen Eltern zu sein. Das würde mir überall im Weg stehen. Ich muss also etwas finden, wovon ich leben kann, ohne mich dabei umbringen zu wollen, weil ich es hasse. Gar keine leichte Herausforderung.

Wie es mir privat und persönlich geht (auch wenn das für mich zusammenhängt), verschiebe ich hiermit auf den nächsten Post. Das wird sonst hier zu viel und zu chaotisch. Wie ist das bei euch, wenn ihr auch gerade in dieser Phase steckt oder sie schon hinter euch habt? Bekommt ihr Panik beim Gedanken an die Zukunft? Habt ihr einen genauen Plan? Oder ist es bei euch vielleicht ganz anders? Ich freue mich über Austausch, auch mal zu diesem Thema. :) ♥


Sonntag, 3. Juli 2016

Wochenende in Auszügen

Freitag

Ich stehe in der U6. Lehne im Eingangsbereich. Wir waren im Freiluftkino, S. und ich.
Ich stehe allein in der U6 und beobachte die Menschen. Vor dem Einsteigen saß ich noch auf einem dieser Gitterstühle. Neben mir drei Mädchen, zwei auf dem Stuhl, eines stehend, vielleicht 14, 15 Jahre alt. Hübsch, mit langen Wimpern, glatten schwarzen Haaren und goldenen Ohrringen. Sie unterhalten sich im "Ich schwör, Alta"-Slang. Darüber, wie sie sich bei McDonalds über das kalte Essen beschwerten und die Bedienung vom Manager zusammengefaltet wurde, so klein mit Hut. "Ich schwör alta, der hat den so rischtisch fertisch gemacht, ey!"
Ich stehe in der U6. Eine Gruppe pubertierender Jungs stürmt meinen Eingang und grölt besoffen rum. Sie verwechseln Friedrichstraße mit Leopoldplatz. Sind in die falsche Richtung gefahren. Idioten. Ich denke an meine Kommilitonin D. und an das Fotoalbum aus Wohngruppenzeit. Und an meine erste Reise nach Paris. Wie fasziniert ich von der Großstadt war und der Multikulturalität. So viele unterschiedliche Menschen, für deren Großstadtleben ich mich brennend interessierte.
Ich steige aus, in der Scheibe spiegelt sich ein riesiger Typ mit gedehntem Septum-Piercing. Auf der Rolltreppe steht er vor mir. Hinter mir einer im Krav-Maga-Pullover. Angst brauche ich wohl keine zu haben. Ich betrachte die haarigen Beine vor mir. Wie zur Hölle kommt man auf die Idee, sich das Mehrweg-Zeichen tätowieren zu lassen? Vielleicht glaubt er an Karma (Reinkarnation! natürlich) oder so. In der Hand hält er jedenfalls eine leere Pfandflasche...

Samstag

Diesmal sitze ich weiter vorn im BE. Fünfte Reihe ist ziemlich weit vorn. Ich kann Nina Hagen und ihre Mimik viel besser sehen. Neben mir sitz eine alte Frau, die sich zwischendurch die Augen wischt. "Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod" klingt es noch in meinen Ohren. In der Pause sitze ich neben Brecht. Dem Denkmal natürlich. Die Studentengruppe neben mir erweist sich als gänzlich uninformiert. Und unempathisch. Ein alter Mann geht ganz krumm am Stock, von seiner Begleitung gestützt. Vier Mal ist er schon dabei gewesen und jedes Mal war anders, sagt er. Ich bewundere seine elegante und doch moderne Ausdrucksweise, während er weiter spricht. "Alles muss man selber machen", liest eine Frau die Aufschrift meines Beutels laut vor. Ich drehe mich um, lächele freundlich. Das Licht geht wieder aus und Nina singt weiter und spricht über Liebe und Frieden und Politik und Krieg und Tod und Gott und Brecht und den weiblichen Elvis und die Erfinderin des Rock'n'Rolls. Am Ende fliegt einer der Luftküsse zumindest in meine Richtung. "Friede sei mit euch!" und der Vorhang fällt.

Sonntag

Ich sag nicht gern, was ich mag. Ihr wisst ja, wie ich aussehe oder dass ich schreiben kann oder Geige spiele. Aber ich bin kein Punk-/Rockabilly-/Manga-Girl, keine Lilly-Kopie und ich steh auch nicht auf David Garrett. Ich bin ich, reicht das nicht? Wozu die Vergleiche, wenn ich doch direkt vor euch stehe? Egal, ob ihr mich als Nina-Hagen-Verschnitt oder als verschreckte Ziege bezeichnet, den nächsten Profilbildwechsel auf Facebook überlege ich mir gut. Jede fünfte Person hat bunt gefärbte Haare, in meiner Nähe wohnt sogar jemand mit einem grünen Bart. Und für die Größe meiner Augen kann ich nun wirklich nichts. Glaubt mir, wenn ich ein Foto von mir im Internet veröffentliche, dann gefalle ich mir darauf. Ich habe wichtigeres im Kopf als mich damit auseinanderzusetzen, wie andere mich finden. Aber das ist gar nicht so einfach, wenn nur das Makeup in meinem Gesicht eine Rolle spielt. "Hör auf zu diskutieren, Fräulein, beruhig Dich mal wieder, werd doch nicht gleich hysterisch, was interessiert mich Dein Weltgeschehen, solange ich das Leben genieße, ..." Ich würde aber doch, so gerne, auch was sagen...