Dienstag, 28. Juni 2016

Gerichtssaal von innen

TW: Nicht die tollsten Gerichtsverfahrenserfahrungen... Thema: Gewalt in Familie.

Ab und zu lese ich gerne Eltern-Blogs. Das ist manchmal ganz aufschlussreich. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass Kleinkinder eine Trotzphase durchleben. Dass ich als kleines Kind öfter Wutanfälle gehabt und mich "in die Ecke geschmissen" haben soll, ist ein in den Gerichtsunterlagen zum Sorgerechtsstreit mit meinen Eltern häufig auftauchendes Argument gegen mich. Alle Kinder in einem bestimmten Alter haben Wutanfälle! Wisst ihr, was für eine Wahnsinns-Erkenntnis das ist?! Meine Eltern haben mir immer gesagt, dass ich wohl von Natur aus böse bin. Oder vom Teufel besessen. Und dass ich dafür eines Tages bestraft werde. Von Gott. Zu wissen, dass das nicht stimmt, ist ein Schritt weg davon, mir selbst die Schuld zu geben. Ich weiß auch, dass nicht alle Eltern dazu in der Lage sind, ihre Kinder zu lieben und wertzuschätzen. Dass Abtreibungen damals noch nicht so einfach waren. Dass meine Mutter als Frau durch ihre ungeplanten Kinder mit beruflichen Nachteilen zu kämpfen hatte. All das rechtfertigt keine Gewalt, auch nicht ein bisschen.

Ich werfe meinen Laptop nicht aus dem Fenster, sondern verfolge Twitter-Trends und Medienberichte. Wie das mein zukünftiger Beruf eben erfordert. Noch habe ich Zeit, meiner Emotionalität den Kampf anzusagen. Oder auch nicht. Es ist ja nicht verwunderlich, dass die Lohfink-Sache mich an den Stapel Gerichtsunterlagen in dem mächtigen schwarzen Ordner erinnert, der sein Dasein im untersten Fach meiner Schminktischregalkonstruktion fristet. Dass diese Erinnerung mich auch nach einigen Jahren noch belasten kann, ich weiß nicht, wie ich das finden soll, fühlt sich jetzt nicht so toll an. Viel von dem, was das Verfahren in mir ausgelöst hat, wird mir nach und nach erst klar. Ich habe noch weniger Vertrauen in andere Menschen, dafür verlasse ich mich mehr auf mich selbst. Wenn Du mit 16 und 17 über ein Jahr lang immer wieder die selben Fragen beantworten musst, nebenbei noch Abitur machst und in einer Wohgruppe mit inkompetenten Erziehern lebst,verlierst Du irgendwann den Bezug zu Dir selbst. Viele Erlebnisse fühlen sich gar nicht mehr so an wie meine eigenen. Es ist eher so, als wäre ich nur Zuschauerin gewesen. Als stünde ich nur daneben und kommentierte mit den immer gleichen Worten das Geschehen, immer wieder von vorn.

Das ist wohl eine dieser Schutzmaßnahmen, um Distanz zu wahren. Den Höhepunkt ihrer Auftritte hatte sie sicher bei der mindestens dreistündigen Vernehmung ohne Pause im Kindervernehmungsraum zwischen Puppen und Plüschtieren, Polizistin vor mir und Polizisten hinter der Scheibe, meinem Betreuer, der selten eine Gelegenheit ausließ, mir zu sagen, dass er mir nicht glaubte und einer fremden Frau, die wohl mein Aufenthaltsbestimmungsrecht hatte. Und natürlich hatte ich auch das Vergnügen mit der auf mich gerichteten Kamera. Das alles selbstverständlich ohne jegliche Vorbereitung auf diese Situation. Dabei steht in den Unterlagen auch, meinem Auftreten nach wäre ich "wohlwissend, was rechtlich möglich ist". Aber das stimmt nicht - heute weiß ich, dass ich damals keine Ahnung hatte. Es war eine Zeit, in der mir Juristen und andere Personen ohne psychologisches Fachwissen die wildesten Diagnosen psychischer Erkrankungen unterstellten. Eine Zeit, in der ich aufpassen musste, nichts zu tun oder zu sagen, das sich in irgendeiner Weise gegen mich verwenden ließ. Denn schnell machte der Anwalt der Gegenseite aus einer erzwungenen Begegnung, von der ich zuvor gar nichts wusste, ein einvernehmliches Treffen.

Das Verfahren war keine freie Entscheidung von mir sondern die einzige Alternative dazu, in mein Elternhaus zurückzukehren und mich weiterer Gewalt auszusetzen. Es wurde bis zu meiner Volljährigkeit hingezogen, insofern gut für mich. Es ging immer um meine Glaubwürdigkeit und Möglichkeiten, die diese widerlegen könnten. Immer: Wie kommt das Kind dazu, solche schlimmen Vorwürfe zu erheben? Nie: Wie kämen die Eltern dazu, Gewalt an ihrem Kind auszuüben, wenn diese Vorwürfe stimmten? Ob das so richtig ist, darüber lässt sich streiten. Im Voraus darauf eingestellt zu sein, wäre vielleicht hilfreich gewesen. Das Ergebnis sind zwei eingestellte Verfahren, eines davon zumindest so frühzeitig, weil ich keine Ahnung hatte. Vielleicht besser so. Das Ergebnis sind Eltern, die nicht verstanden haben sollen, dass Kinder sich unterschiedlich entwickeln, weshalb sich eines dieser Kinder benachteiligt gefühlt haben soll. Das Ergebnis ist ein Kind, das das Gefühl gehabt haben soll, psychischer, physischer und sexueller Gewalt ausgesetzt zu sein. Kann mir jemand bitte diesen Satz erklären?


Dienstag, 21. Juni 2016

Der Film in meinem Kopf

Langsam fällt die Zeit auseinander.

Meine Arme fühlen sich an wie schwerelos, weil ich 30 Liegestütze gemacht habe und 50 Situps und was man sonst noch so macht, im eigenen Zimmer auf dem staubigen Boden liegend. Es ist Monate, vielleicht sogar Jahre her, das sich sowas zum letzten Mal gemacht habe. Irgendwie müssen wir diesen Körper ja wieder zum Laufen bringen. Ich bin schließlich keine 100 Jahre alt. Und ich finde einfach nicht heraus, was das Problem ist. Ich habe brav eine Woche "Urlaub" gemacht, die Allergietabletten abgesetzt und Obst und Gemüse in mein Essen geschmissen. Heute fange ich wieder an zu arbeiten und meinen Praktikumsbericht zu schreiben, hier und da auszuhelfen, Buchseiten zu lesen, mein Blogprojekt weiterzuverfolgen und mir Gedanken über die Zukunft zu machen. Aufhören sollte ich damit, Serien, Dokus und YouTube zu schauen. Eigentlich ist es doch eine enorme Zeitverschwendung, sich in zwei Tagen 13 Folgen á 45-60 Minuten reinzuziehen. Die Ideen überschlagen sich in meinem Kopf, aber immer nur momenteweise, es fehlt mir an Ausdauer.

Den lieben Medien konnte ich mich auch in der "Urlaubswoche" nicht entziehen. Auch wenn ich den Laptop zu oft zu gerne aus dem Fenster schmeißen würde, und das Handy gleich hinterher, kann ich doch nicht aufhören zu lesen und mich zu ärgern oder entrüstet zu schnauben oder meinen Kopf die Tischplatte treffen lassen oder auch einfach nur zu schmunzeln. Manchmal muss ich auch - weinen. Ich würde normalerweise ja eher "heulen" schreiben. Aber ich heule ja nicht wie eine Wölfin und außerdem ist dieses Wort natürlich negativ besetzt, wobei ich es in der Regel auch so meine. Negativ.

Ich kann mir schwer erlauben, unglücklich zu sein. Oder verzweifelt oder ängstlich oder traurig oder niedergeschlagen. Auch wenn ich mir selbst Eis, Bett, Kuscheltier und Komödie verordne, dient das doch nur dem Verhindern, Vermeiden, Verscheuchen des Gefühls. Ans Aufschreiben denke ich oft, aber mache es selten. Wahrscheinlich sind schon ganze (Dreh)bücher in meinem Kopf verschwunden. Drehbuch schreibe ich, weil vieles meine Gedanken sehr bildlastig durchquert, und weil S. sagt, sie braucht eine "extrem kranke" Rolle für ihren schauspielerischen Durchbruch und sie mir die Erfindung einer solchen Figur scheinbar zutraut. Die Gedanken dazu haben nicht den Anspruch, realistisch zu sein, sie wandern nur so als Visionen mit im Hirn umher. Ich brauche nicht viel erfinden, um eine hoch dramatische Geschichte zu schreiben...

Dieses Jahr steht in den Medien viel zu lesen, was Erinnerungen aufweckt, die das Gedächtnis schon fast verlassen wollten. Darunter sind noch einige, die ich bisher mit keinem Menschen dieses Universums geteilt habe. Aber jetzt, da ich dieses wundersame "Leben danach" führe, scheint es mir zu spät, denn heute erwartet das niemand mehr. Heute wollen alle nur noch wissen, wie erfolgreich ich bin und was ich erreicht habe. Und es gibt da für viele kein akzeptables Zwischending: Entweder bist Du ein lebenslang leidendes Wrack, das es nicht geschafft hat, oder Du bist ein überraschendes Wunderwesen, das "trotzdem" sein Leben auf die Reihe kriegt. Ich fühle die Griffe der Schubladen im Rücken, während diese Schwarz-Weiß-Denker mich zu einer Entscheidung drängen, sonst suchen sie selbst eine aus und stopfen mich unumkehrbar hinein.

Ich sollte mich hinsetzen und diesen Film aufschreiben, aber ich habe Angst davor, die Bilder aus meinem Kopf zu lassen. Dabei bedeutet die Verschriftlichung ja noch lange nicht, dass dieser Film jemals gedreht wird oder irgendjemand das Skript liest. Schreiben hat schon immer befreit, also was soll schon geschehen? So ist das immer bei größeren Projekten, es fehlen Ausdauer, Geduld und Kraft. Überall fliegen Blätter, Zettel, Word-Dokumente und Notizbuchseiten voller Ideen herum...

Aber jetzt darf ich zunächst ein weiteres Mal meine heutige Arbeit, die mir soeben wieder einmal kommentarlos um die Ohren geknallt wurde, auf den obligatorischen Tippfehler untersuchen. Falls jemand eine Nebenjob-Empfehlung hat, vorzugsweise irgendwas mit Texten oder Korrigieren, ideal wären natürlich wenigstens ansatzweise menschliche Arbeitsbedingungen, dann her damit.

Glitzert gut in den Sommer, ihr Lieben ♥


Mittwoch, 15. Juni 2016

Roter Faden im Haar

So wechselhaft wie das Wetter in Berlin ist meine Mimik heute. Der Spiegel gegenüber des Schreibtischs steht da eigentlich nur, damit ich die Tür hinter meinem Rücken im Blick habe. Ich kann es nicht leiden, nicht zu sehen, ob sie sich öffnet, oder den Ausgang aus den Augen zu verlieren. Es wird langsam dunkler, Regen rieselt runter. Aber mir ist gerade eher nach Lächeln. Manchmal sind schöne Ereignisse ganz schön anstrengend. Vor allem, wenn damit auch schlechte Erfahrungen und dunkle Zeiten verbunden sind. Aber wenn Du gleichzeitig heulst und Dich kaputt lachst, Dir schwindlig ist und Du trotzdem nirgendwo anders sein möchtest, dann nennt man das überwältigend. Und überwältigend ist doch ein positives Wort, oder?

Ich bin nicht so der Kitsch-Typ. Aber irgendwie doch. Manches lässt sich auch nicht in Worte fassen, ohne kitschig zu klingen. Vielleicht ist es besser, nicht zu viele Worte zu verlieren. Ich laufe sowieso viel zu oft Gefahr, etwas falsches zu sagen.

Roter Faden hat sich in meinen Haarspangen verfangen. Das Wollknäuel kam hinterhergeflogen, in meinen Schoß. Wir sprechen von Lilly Lindner und ihrer Buchpremiere. Und meinen pink-türkisen Haaren. Und der Wolle. Und dem neuen Zwischenspiel. Und den Kuscheltieren, die wir "Eingeweihten" auf die Bühne werfen durften. Ich hatte einen kleinen grauen Waschbären mit rosa Glitzer-Augen und grau-pink gestreiftem Schwanz und das Bauchfell war, glaube ich, auch rosa. Kauf ich Kitsch, dachte ich, das passt zu mir.

Nach der Lesung saßen wir lange auf dem Boden, der voller Glitzer war, Kiwi, D. und ich. Wir alberten und beobachteten die Füße der Leute, die um Lilly herum standen und Kiwi beschriftete diese kleinen Zettel, die bei der Lesung durch die Luft fliegen, und ganz am Ende ließen wir uns umarmen, als letzte. Wir waren müde und unsere Füße waren eingeschlafen, aber wir waren glücklich und haben gelächelt.

Wir sind alle Menschen und aus unterschiedlichen Gründen hier. Es tut gut, gemeinsam mit so vielen Menschen aufzustehen und Widerstand zu sein. Es fühlt sich nach Verbundenheit und Gemeinsamkeit an. Manchmal frage ich mich, wie viele Menschen, die ich in der Stadt, auf der Straße, in der U-Bahn sehe, wohl auch aufstehen würden. Man weiß so wenig über die mehr als 3 Millionen Seelen, die hier leben. Wahrscheinlich haben wir alle Angst voreinander und wechseln nie ein Wort, weil wir so sehr darauf bedacht sind, unsere vermeintliche Schwäche zu verstecken und uns in unverfänglichstem Smalltalk zu üben... Dabei wenden wir soviel Energie auf, die wir uns lieber zu eigen machen sollten, als damit zu versuchen, jemand anderes zu sein. Wir sind doch schon wer! Wir! Wunderbare, wertvolle Wesen. ♥


Mittwoch, 8. Juni 2016

Vorwärts

Vorab: Janine, eine Psychologie-Studentin, die gerade ihre Masterarbeit schreibt, kontaktierte mich per E-Mail und fragte mich, ob ich ihre Studie zum Umgang Betroffener mit psychischen Erkrankungen hier teilen kann. Die Befragung richtet sich an alle, die irgendwann einmal eine Diagnose für eine psychische Erkrankung erhalten haben. Ich habe die Fragen selbst schon beantwortet und es war aus meiner Sicht nichts großartig triggerndes dabei, es geht eben um psychische Erkrankungen allgemein. Wer mag, kann ja daran teilnehmen, es gibt drei Amazon-Gutscheine im Wert von 1 x 50, 1 x 30 und 1 x 20 Euro zu gewinnen: https://www.soscisurvey.de/psychErkrankung/

Vorüber: Ich kam (wie immer mal wieder) nicht dazu, mich hier zu verschriftlichen, auch wenn ich es gern getan hätte. Der Körper hat irgendwie keine Lust mehr, mitzumachen. Er verträgt nichts, möchte am liebsten nur schlaff im Bett liegen, kommt Treppen nur schwerlich hoch und zickt hier und da schmerzhaft rum. Ich versuche ihm ja schon mehr Vitamine und Sauerstoff zu geben, Schlaf kann ich leider nicht beeinflussen, was soll's. Dabei bin ich doch bloß ein Jahr älter geworden. Ich hatte einen ganz schönen Geburtstag, danke für die Glückwünsche eurerseits ♥. Ich war an dem Tag arbeiten, die Muffins, die ich gebacken hatte, waren die besten veganen, die mir bisher gelungen sind. Meine Kollegen schenkten mir einen Veganz-Gutschein. Ich bekam Päckchen und Briefchen und Nachrichten von Freunden und Facebook-"Freunden" und jetzt habe ich einen großen Schokoladen-Vorrat und auch das Socken- und Strumpfhosenfach wurde bereichert. Kommenden Montag ist mein letzter Arbeitstag, dann ist auch dieses Praktikum - vorbei. Ging das schnell. Hat mich das wenig weiter gebracht... Hier steh ich wieder vor einer neuen Zukunft -

Voraus: Einen Tag später schon ist Dienstag und ich sehe Kiwi, wir gehen zur Buchpremiere von Lilly Lindner. Ist von euch zufällig auch jemand da? Es gibt auch noch Karten, falls kurzentschlossene Berlinerchen... Samstag darauf besucht mich meine Schwester. Danach ist erst zwei Wochen später die nächste Aktion geplant. Es stehen so wichtige Dinge an wie Praktikumsbericht, Bachelorarbeitsvorbereitung, die eventuelle Suche nach einem dritten Praktikum oder einem neuen Nebenjob oder beidem und weitere Zukunftsüberlegungen. Und ich stehe im Supermarkt ganz hinten in der Schlage mir die Beine in den Bauch. Ein halbes erst von drei wartenden Büchern habe ich gelesen, eine neue Staffel Serie liegt bald vor mir.

Ich habe Angst vor der Zeit und die Zeit rennt weg vor mir. Ist das nicht bescheuert? Die Menschen, die meisten, sind in der Weltgeschichte verteilt. Ob ich jetzt Urlaub mache und verreise, werde ich gefragt, dass ich mir mal Urlaub gönnen soll, wird mir gesagt. In einem Jahr hatte ich jetzt eine Woche frei und die war an Weihnachten natürlich nicht so erholsam, aber es gibt viel zu viel zu tun, ich brauche Einkommen und Wissen und nichts tun ist nichts für mich. Nur leider will der Körper nicht zum Workaholic-Lifestyle passen und ich bin eine viel zu große Jammertante.

Dennoch würde ich vielleicht gerne durch die Weltgeschichte reisen, nicht zu weit weg, das ist nichts für mich, nur in all die Städte, in denen Freunde- und Blogger- und Internetmenschen leben, die ich gerne wiedersehen oder kennenlernen würde. Doch selten ist man sich so nah oder findet genug Platz, um mich einzuquartieren und andere Unterkünfte wären dann doch zu teuer. Ich würde mir von meinem Ersparten vielleicht einen kleinen Reiselaptop anschaffen, um unterwegs zu arbeiten. Wäre ich gesellschaftsfähiger, als ich es bin, wäre dieser kleine Traum nicht so unrealistisch. Aber es gibt viel zu tun und nicht außer Acht zu lassen ist die Notwendigkeit, Klarheit über die Zukunft zu gewinnen.

Vorwärts nun auf morgen, auf nächste Woche und dann erst auf den nächsten Monat warten!