Sonntag, 29. Mai 2016

Ein paar Worte, ein Tag von Sirène und 11 Fragen



Ich kann nicht glauben, dass schon wieder so viel Zeit vergangen ist. So viel schreiben wollen und so wenig geschrieben haben. Aber wenn dazwischen und hinter und vor mir immer so viele lange einsame frustrierende Büro-Tage und Nebenjob-Nächte liegen, liegt es mir zu fern, von den schönen Erlebnissen der Wochenenden zu berichten. Wenn ich über das Schlechte schreibe, ist es weg aus meinem Kopf und ich kann weitermachen. Aber das Gute darf nicht weg aus meiner formulierten Vorstellung, denn ich brauche es, dringend, zum Festhalten und Hoffen und Warten. Es sind nur noch zwei volle Wochen und eine halbe, die letzten Tage sind Urlaub, die neue Praktikantin kommt schon vor meinem offiziellen Ende. Wenn ich nicht wüsste, dass es danach weitergehen muss, dass vom Nebenjob das Geld nicht reicht, würde ich mich mehr freuen, zwei Wochen habe ich für den Praktikumsbericht, dann überleg ich mir was Neues, aber ich kann nicht mehr stupide Arbeit absitzen, ich will noch so viel lernen, lesen, wissen, bevor ich mich dem reinen Broterwerb unterwerfe, aber - wozu?

Ich hätte euch gerne erzählt, das Nina Hagen letzte Woche lila Haare hatte, dass ich mich in Zukunft eher trauen werde, Dinge, die ich gerne machen möchte, auch allein zu machen, wenn niemand sonst sich dafür interessiert, dass ich mit meinen Freundinnen im Freiluftkino war und dass ich trotz Strumpfhose mindestens drei fürchterliche Mückenstiche an den Beinen habe, außerdem, dass es komplett bescheuert ist, sich in der Öffentlichkeit mit unsicher gesenktem Blick zu fragen, ob man gerade ein Mode-Verbrechen begeht, wenn man die neon-türkisfarbene Strumpfhose mit Leopardenmuster zu Hause vor dem Spiegel doch total cool fand. Statt diese Skizze weiter auszuschmücken, möchte ich lieber die Fragen von Sirène beantworten (ihr kennt das Spiel):

Sirènes Fragen:

1. Was möchtest Du Deinen Lesern mit auf den Weg geben?

- Ihr müsst nicht erst zu dem und dem Menschen werden, um "gut" oder "richtig" zu sein. Ihr alle seid bereits stark, liebenswert und wunderbar. Glitzer möchte ich euch mitgeben, wo immer euer Weg euch hin führt. ♥

2. Welches ist Dein Lieblingsbuch/Deine Lieblingsbücher?

- Ich glaube, es gibt zu viele Bücher, die ich noch nicht gelesen habe, um mich für ein Lieblingsbuch zu entscheiden. Lilly Lindner ist wohl die einzige Autorin, von der ich alle Bücher besitze. Ansonsten lese ich gerne Autobiographien und Sachbücher und Gedichte. Das echte Leben hat so viel zu bieten, dass es für mich rangmäßig vor Fantasy steht.   

3. Welches tabuisierte Thema in unserer Gesellschaft sollte Deiner Meinung nach am dringendsten enttabuisiert werden?

- Es gibt so unendlich viele... Ich glaube nicht, dass ich in der Position dazu bin, eines davon zum dringendsten Thema zu küren. Für diese kleine Bloggerwelt hier ist es vielleicht das Tabu psychischer Erkrankungen/Probleme/Behinderungen. Auch das Thema Sexualität ist noch von Tabus besetzt. Für mich ist ebenfalls ein großes Thema, dass auch hoch gebildete Menschen mit guten Jobs und viel Geld gewalttätig sein, ihre Kinder misshandeln, menschenfeindliche Ansichten haben oder die AfD wählen können. Ich halte es für einen großen Fehler, im Zusammenhang mit diesen Themen immer nur von "dummen" Menschen aus bildungsfernen Schichten zu sprechen, genauso wie es meiner Meinung nach falsch ist, die Welt radikal in "gut" und "böse" einzuteilen. Das nur regional und auf meine spontanen Gedanken bezogen, die Liste könnte sicher unendlich weitergeführt werden. 

4. Was war das größte Risiko, das Du je eingegangen bist?

- am 17. Dezember 2010 ganz allein zum Jugendamt zu gehen, dort mein Anliegen vorzutragen, in eine Kinder- und Jugendschutzwohnung geschickt zu werden und den Rest meiner Minderjährigkeit in einer betreuten Wohngruppe zu verbringen. Ich hatte große Angst vor dieser Entscheidung, aber es war die richtige. 

5. Wie geht es Dir heute? Wie war Dein Tag?

- Heute ist Sonntag, ich habe frei und lange geschlafen. Mir geht es ganz gut, auch wenn ich nicht so recht aus dem Knick komme. Ich muss noch putzen und Wäsche waschen und aufhängen und Muffins backen, weil ich morgen ein Jahr älter werde. Ich freue mich darauf, morgen endlich die Geburtstagspost zu öffnen, um die ich schon seit fast einer Wocher herum schleiche. Ansonsten hoffe ich, dass der Rest des Tages nicht so schnell vorbei geht und Montag wird. Noch drei Montage...

6. An wen hast Du als letztes einen handgeschriebenen Brief geschickt und wann?

- So richtig verschickt habe ich zuletzt meine Weihnachtspost, an Liv, Kathi, Autmn, Charlotte, Kiwi und noch ein paar Nicht-Bloggermenschen. 

7. Womit verbringst Du zur Zeit am meisten Zeit?

- Du meinst, außer mit arbeiten? ;-) Ich versuche, viel zu lesen, mich weiterzubilden, über die Zukunft nachzudenken, aber oft schaffe ich dann doch nur ein paar YouTube-Videos oder einen Film vor dem Schlafengehen.  

8. Wer oder was inspiriert Dich?

- Moment, diese Frage habe ich doch im letzten Tag schonmal gehabt! Damals war meine Antwort, dass sich das, was mich inspiriert, ständig ändert und situationsbedingt ist. Das würde ich immer noch so unterschreiben. Zur Zeit ist es die Kunst, sind es die Handlungen verschiedener Menschen, die mich inspirieren. Es ist die Schaffenskraft, die ich bewundere und die in jedem Menschen schlummert...

9. Wohin führt Dich Deine nächste Reise?

- Wenn Du Urlaubsreisen meinst: Ich war seit fünf Jahren nicht mehr im Urlaub und habe bisher auch nichts geplant. Aber das Meer ist ja nicht weit und vielleicht fahre ich im Sommer mal hin.

10. Welches Lied hörst Du zur Zeit am Liebsten?

- Ich bin da ziemlich sprunghaft und höre ganz Unterschiedliches. Zum Teil könnte es ziemlich peinlich sein.^^

11. Was war Deine schwerste und wichtigste Entscheidung?

- siehe Frage 4. 

Meine Fragen:

1. Wovor hast Du Angst?
2. Woran glaubst Du? (Muss nichts mit Religion zu tun haben, kann aber gerne!)
3. Was hältst Du für absolut überflüssig?
4. Welche Zeile aus einem Songtext bedeutet Dir viel und warum?
5. An welchen real existierenden Ort ziehst Du Dich gern zurück?
6. Welcher Herausforderung wirst Du Dich als nächstes stellen?
7. Welches wichtige Datum hast Du auswendig im Kopf und was bedeutet es Dir?
8. Mit welchem Menschen, der schon tot ist, würdest Du Dich gerne mal unterhalten?
9. Was verstehst Du unter Anpassungfähigkeit und besitzt Du sie?
10. Reime einen Vierzeiler!
11. Welche Frage stellt man Dir am häufigsten?

Ich tagge heute mal ein bisschen anders: 

Wer von euch allen gerne möchte, schnappt sich meine Fragen, beanwortet sie auf dem eigenen Blog oder hier unter diesem Post in den Kommentaren. Ihr könnt euch auch gerne nur eine oder ein paar der Fragen raussuchen und beantworten. Ich freue mich auf eure Teilnahme! :)


Freitag, 20. Mai 2016

Von Lebensschwierigkeiten

TW: Bitte den 2. Absatz bei Problemen mit Berichterstattung á la "Köln" überspringen!

Es ist oft nicht leicht, in diesem Leben zu bestehen. Schon gar nicht ohne Tränen und frei von Angst. Das sehe ich, wenn ich die Liste meiner abonnierten Blogs rauf und runter scrolle und wenn ich Nachrichten lese, mich durch Zeitungen blättere und durch Newsticker klicke, jeder Morgen beginnt so früh.

[Und diese Woche begann mit "Sex-Angriffen" in der ersten Schlagzeile, die mir in Bezug auf den Karneval der Kulturen in Berlin begegnete. In meinem Kopf tauchte eine bildliche Vorstellung zu dieser Formulierung auf. Zum tatsächlichen Inhalt erinnerte ich die Hände des vermutlich "einheimischen" Diebes aus einer 2012er Frühlingsnacht auf meinem Hintern. Darüber hätte wohl niemand berichtet, und ob es damals schon die Funktion gab, beim Posten eines Links auf Facebook das eigentliche Beitragsbild durch ein Foto von Menschen ausländischer Herkunft zu ersetzen, weiß ich nicht... Jedenfalls zähle ich mindestens zehn Titel, Meldungen und Berichte, die mir an den ersten beiden Arbeitstagen dieser Woche begegneten, und ich bin halbwegs froh, dass ich mein Praktikum nicht eine Etage weiter unten bei dem Klatschblatt mache, das ähnlich sensationell aufbauschend titelte. So verspürte ich diese Woche zeitweise eine große Wut auf meinen Beruf...]

Jetzt ist Freitag und die Woche ist vorbei. Ein Abend und ein Tag, Freiheit. Und ich realisiere es nicht und kann die Anspannung nicht fallen lassen. Immer auf Hochtouren, immer die Zeit im Nacken, muss noch dies tun, muss noch das tun, muss noch heute, muss doch eigentlich noch mehr, ... Ich klebe am Bett fest, ich klebe auf dem Stuhl, ich klebe an den Badezimmerfliesen. Ich kann nicht, ich kann mich nicht bewegen, den Blick nicht abwenden von der Leere, ich ziehe und zerre an mir und versuche, die Worte zu fokussieren, statt verschwommenen Buchstabensalat anzustarren, muss tippen
ohne von einer der Klippen
zu kippen. 

Mir ist kalt, obwohl es draußen warm ist. Zitternd schleppe ich mich abends in die Wohnung. Stehe in der Küche mit einem Teller in der Hand, ohne zu wissen, was ich damit wollte. Muss mich darauf konzentrieren, nicht umzufallen und wegzudämmern, mir ist übel und ich habe eigentlich gar keinen Appetit. Ich stolpere über einen Rucksack leise fluchend im Flur. Noch so viele Wörter. Schreiben. Das war am Donnerstag. Als Stresstränen liefen, während ich hier vor dem Laptop saß.

Ich bin zu gestresst, um zu entspannen. Ich bin zu müde und im Alltag gefangen, um mich auf das bevorstehende Schöne zu freuen. Morgen wird vielleicht ein spannender Tag. Und irgendwo ganz hinten, verborgen unter anderem Gedankenschutt, glaube ich erste Anzeichen positiver Aufregung wahrzunehmen. Es geht immer schlimmer, aber wenn es sich fies anfühlt, fühlt es sich eben fies an, selbst wenn es sich um Komplexe wegen großer Füße handelt. Konzentrieren wir uns doch alle darauf, für bessere Gefühle zu sorgen, statt zu vergleichen, zu bewerten und zu verurteilen, was wir selbst vielleicht gar nicht erlebt haben. Wir leben in einer Welt, in der Wirtschaftlichkeit vor Leben geht. Kein Wunder, dass es schwer ist, hier zu bestehen.

Liebe und Glitzer für alle! ♥



 

Samstag, 14. Mai 2016

Wenn der Sommer kommt: Be (body)positive!

TW: Dieser Post behandelt die Themen Selbstverletzung und Essstörung. Bitte seid achtsam und passt auf euch auf!

Die ersten schönen Sommertage liegen also hinter uns. Während sich die einen ausschließlich über die wärmenden Sonnenstrahlen und die kürzeren Klamotten freuen, quälen andere sich mit Fragen wie: Ziehe ich mich kurzärmelig an oder verstecke ich meine Narben? Kann ich wirklich in dieser knappen Hose rausgehen oder BIN ICH ZU FETT?! Manche Menschen stehen Jahr für Jahr vor diesen Fragen, die sich im Winter automatisch nicht derart vordergründig stellten.

Obwohl die feinen weißen Linien, die bei mir von den größtenteils Jahre zurückliegenden Selbstverletzungen noch übrig sind, kaum jemandem auffallen oder von Interesse sein dürften und ich eigentlich kein Problem mit ihnen habe, ist die Umstellung noch immer mit Unsicherheit verbunden. Wenn ich im Büro vor meinem Chef stehe und die Sonne durch das Fenster hereinknallt, lasse ich meinen linken Arm oft vorsichtshalber hinter dem Rücken verschwinden oder ziehe den Ärmel darüber. Niemand wünscht sich unangenehme Blicke oder gar Fragen zu dem einst veranstalteten Gemetzel. Und natürlich ist es vor allem im Job nicht gerade vorteilhaft, sichtbare Spuren von ehemaligen oder noch andauernden Lebensschwierigkeiten zu tragen. Schließlich sollen wir alle gesunde, fitte und überbelastbare Arbeitskräfte sein, die möglichst keinen Ärger machen. Aus meiner Sicht aber gibt es keinen Grund, sich für diese Spuren zu schämen! Was wir da gemacht haben, half uns beim Überleben. Und nicht nur diejenigen, die damit durch sind, sondern auch alle, die noch mittendrin stecken, sind stark. Denn sicher haben nicht wenige schon einmal darüber nachgedacht, das jeweilige Instrument zu lebensbeendenden Maßnahmen zu verwenden...  Und trotzdem leben wir noch. Es ist mehr als verständlich, die Narben verstecken zu wollen. Sie zu zeigen, ist mutig und trägt hoffentlich zur Enttabuisierung des Ganzen bei.

Ein vielleicht noch größeres Problem für alle ehemalig und aktuell essgestörten Menschen in Richtung Sommer ist die Sache mit dem Schlankheitswahn: Plötzlich sind alle um einen herum auf Diät. Am Kiosk warten die 10 Tipps für die perfekte Strandfigur und an den Bushaltestellen die H&M-Bikinimodels auf euch. Habt ihr dann in eurem Umfeld noch die eine oder andere Spezies von Personen mit Essstörung, ist der Sommer gleich ein doppelter Schlag auf den "fetten Arsch". Allein unter Abnehmwütigen - wie überlebt man das, ohne sich mitreißen zu lassen?! Schließlich darf jetzt jede*r darauf hinarbeiten, in die kurze Hose zu passen, während von uns als Ex-Essgestörte erwartet wird, uns schön zu fühlen und auf Fettschwabbel zu pfeifen, denn in kurvig sehen wir sooo viel besser und super sexy aus. (Weil wir ja sowieso NUR für die Männer spindelfadendürr sein wollten). Kotzwürg? Bodyshaming deluxe! Eigentlich können wir es gar nicht richtig machen. Wir sind Knochengerippe, wenn wir schlank sind, fett, wenn wir Kurven haben und zum kotzen, wenn wir dick sind. Als ekelhaft bezeichnet werden wir von ekelhaften Menschen. Das wäre eine tröstliche Annahme, wäre sie nicht zu einfach gedacht. Wer selbst nur einmal eine Pro-Ana-Seite aufgeschlagen hat, weiß, wie dort über Menschen, deren Gewicht sich oberhalb von BMI 17 befindet, gesprochen wird. Auch wenn wir es den Leuten nicht ins Gesicht sagen würden: Ich bin sicher nicht die einzige, die schon versucht hat, sich dieser Meinung anzupassen. Nicht umsonst beende ich den Bericht über meine Essstörung mit dem Satz: Wenn wir Menschen nach ihrem Aussehen, ihrer Figur bewerten, dann können wir gleich alle Toleranzbemühungen in die Tonne hauen.

Das führt uns zu einer weiteren Frage: Wie gehe ich damit um, wenn jemand in meinem Umfeld eine Essstörung hat? Gefühlt springt mir dieses Thema zur Zeit ständig in den Weg. Ich habe also ein Beispiel parat. Ich kenne natürlich viele Menschen mit Essstörungen, aber der folgende liest definitiv nicht diesen Blog - es betrifft also keinen von euch, keine Sorge. Ich kenne also eine Person, die quasi das Klischee einer Essstörung verkörpert (mit der Ausnahme, dass sie kein 16-jähriges Mädchen ist). Es steht oft in Büchern, dass Menschen mit Essstörungen ihren Mitmenschen oft und viel zu Essen anbieten. Sie stehen in der Küche und kochen und backen für die ganze Familie, ohne selbst etwas davon anzurühren. Manchmal wird ihnen unterstellt, dass sie andere mästen wollen, damit sie zwischen ihnen möglichst dünn aussehen. Ich kann mir das nicht wirklich vorstellen, aber das Zustandekommen dieser Aussage ist schon nachvollziehbar. Die Person aus meinem Umfeld versucht ständig herauszufinden, was ich gerne esse. Oft stellt sie mir Süßigkeiten oder etwas anderes an den Platz und deutet immer wieder darauf, wenn ich sie nicht sofort verspeise. Nach der Mittagspause möchte sie möglichst genau wissen, was ich gegessen habe. Und als Essenseinladung wollte sie mir einen 5-Euro-Schein in die Hand drücken, den ich natürlich nicht angenommen habe. So nette Gesten das teilweise sind, wirken sie bei Kenntnis des Hintergrundes doch aufdringlich und sind für mich schwer anzunehmen.

Ich habe diese Person noch nie etwas anderes zu sich nehmen sehen, als Mate, Cola Zero und zuckerfreie Bonbons. Da fällt es nicht ganz leicht, sich vor ihren Augen eine Schokowaffel reinzuziehen. Ich mache es trotzdem und versuche mich über den Süßkram for free zu freuen. Bei den Diät-Gesprächen im hinteren Teil des Büros halte ich mir manchmal wirklich die Ohren zu. Und es hilft auch, mir den knurrenden Magen der Person als hungriges, quengelndes Kind vorzustellen. Schließlich weiß ich, dass meine Lebensqualität jetzt viel höher ist, als zu Essstörungszeiten. Zumindest mit meinem Verstand. Und der muss sich dann eben durchsetzen. Nicht, dass das so leicht wäre, wie es klingt. Aber es ist möglich und es hilft, sich darüber auszutauschen. Unter den ganzen Perfektionsverrückten fühlt man sich mit dem Gedanken "Ich bleib so wie ich bin!" nicht selten ziemlich alleine. Das muss nicht sein. Es gibt wichtigeres im Leben als angepasste Äußerlichkeiten. Ich will, dass meine Leistung zählt, dass meine Meinung, meine Worte, mein Denken und mein Fühlen zählen. Nicht meine Haarfarbe, meine Körbchengröße oder mein BMI. Du zählst, unabhängig von der wie auch immer beschaffenen Oberfläche. Punkt.

Welche Hürden begegnen euch, wenn der Sommer kommt? Worauf freut ihr euch? Habt ihr auch eine Person mit Essstörung in eurem direkten Umfeld? Wie geht ihr damit um? Was braucht ihr, um euch in eurer Haut wohlzufühlen? 

Ich bin gespannt auf eure Antworten und verstreue und puste ganz viel Glitzer an euch und vielviel Kraft an all die wundervollen Sternchen, die gerade mit sich und dem Leben kämpfen müssen. ♥


Montag, 9. Mai 2016

(Fast) Über das Schreiben #2

Der eigentlich für heute (inzwischen gestern) geplante und versprochene Text liegt in der Entwurf-Spalte. Er ist noch nicht fertig, etwas aufwendiger und ich möchte, dass er gut wird. Die letzten Artikel habe ich oft einfach runtergeschrieben, voll im Wortrausch, vielleicht ganz schön klingend, aber fast inhaltsleer. So fokussiert zu einem Thema zu schreiben ist nicht so leicht, wenn schon der ganze Arbeitstag voller sachlich-seriöser Texte ist, die keine Schnörkel erlauben. Dann geht es in jeder freien Minute mit mir durch und mein Kopf wird zur Formuliermaschine all der verbotenen Füllwörter und Passive, Kunstworte und Gender-Sternchen, Übertreibungen und Phrasen, Bandwurmsätze und Reime und ich tippe, tippe, bis ich von der Klippe kippe, Quasselstrippe mit 'ner Schrippe auf der Wippe der Gemüter.

Da sitze ich dann wortleer vor der weißen Fläche, auf der ich eigentlich alles dürfte, gehirngewaschen, überprüfe jedes man, wird, dürfen, sollen, müssen, können, jedes Komma zuviel, jede Wortwiederholung innerhalb eines Absatzes. Diese Texte werden nicht gelesen, sondern indexiert, von Robotern, die sonst nur Zahlen kennen. Und auf die Zahlen kommt es an, die Klicks, die Visits, die Personal Interacts, die Verweildauer, und vor allem darauf, dass die Werbung zum TKP x so viele Käufer wie möglich erreicht. Ihr seid keine Menschen oder Leser, ihr seid User, ihr seid Zahlen, ihr seid Geld. Ihr werdet für naiv gehalten und mit falschen Wegklickkreuzchen verarscht. Euch wird vorgeschrieben, was ihr unbedingt braucht, wie ihr auszusehen habt und wann ihr wen eurer Verwandten, die ihr auf jeden Fall lieben müsst, womit beschenken sollt. Diese Parship-Gesichter kotzen mich an. Jedes Mal, wenn ich am U-Bahnhof Friedrichstraße stehe: Der Mann blickt mich geradeaus an, die Frau schaut schüchtern von unten, verführerisch-sexy natürlich.

Das Schlimme ist, dass wir nicht die Wahl haben, da nicht mitzumischen. Alle Medien müssen Anzeigen und Banner schalten, wenn sie von ihrer Arbeit leben wollen. Das letzte werbefreie Medium ist das Buch.

Irgendjemand sagt, dass Künstler*innen sich gänzlich frei von der Meinung anderer machen müssen. Kommt man damit überhaupt durchs Leben? Frage ich mich. Aber ich bin ja keine Künstlerin, nur ein kleiner Mensch mit zu großen Erwartungen. Und manchmal fühle ich mich stark und selbstbewusst und lebensfähig. Aber dann spricht mir wieder jemand meine Fähigkeiten ab und ich fühle mich unfrei und ich frage mich, ob ich vielleicht lieber nicht mehr mit bloßen Unterarmen ins Büro gehen sollte, bevor jemand die zarten weißen Linien sieht. Dabei schäme ich mich für keine der größtenteils schon über sechs Jahre alten Narben, die kaum mehr ein Unwissender bemerkt. Trotz aller Rebellion habe ich viel zu oft Angst, mir die Karriere zu verbauen. Bestätigung dieser Angst suggerieren doch jeden Morgen die bahnverstopfenden Anzugträger mit ihren raschelnden Hosen und Glattlack-Aktenköfferchen.

Falsch. Falsch. Falsch. Im Schalle des Falls brech ich mir den Hals.

Keine Zeit, keine Zeit, ruft die Uhr, noch neun, noch acht, noch sieben Stunden. Bis es weitergeht, zurück ins Hamsterrad, tippen, tippen, Klippen kippen, nicht ausflippen, wieder in den Schlaf wippen....

Gute Nacht, ihr Sternchen ♥ Ihr seid so glitzerwunderbar. Ganz viel Liebe, braucht die Welt. ♥

Dienstag, 3. Mai 2016

Lebenszeichen

Ich bin also noch da. War nie weg. Die Zeit auch nicht, die läuft immer voraus. Ich komm nur schwer hinterher. Ich renne durch die Wohnung, um Minuten zu sparen. Ich habe mir vorgenommen, mehr zu leben. Aber das ist ganz schön anstrengend. Das kann auf Dauer nicht gesund sein, sagt S. Wir sitzen am 1. Mai auf der Wiese im Mauerpark. Es ist nicht ganz so voll wie sonst, weil ja alle in Kreuzberg sind. Ich winke ab, auch wenn ich zu wissen glaube, dass sie recht hat. Aber das ist ja erst der Anfang. So geht das weiter, bis Du 70 bist, sagt mein Chef. Das ist doch total furchtbar, sich nur noch von Tag zu Tag zu hangeln, sagt S. Aber genau deshalb ist es ja so wichtig, nur was zu machen, das einem auch Spaß macht, fügt sie hinzu. Hm, mache ich. Wenn das mal so einfach wäre. Denke ich.

Du wirkst manchmal so unbeteiligt, sagt der Chef. Ich könnte Gründe aufzählen, aber was zählt, ist allein die Tatsache, dass es so ist. Ich niese und niese und niese, Gesundheit, Gesundheit, Gesundheit, danke, danke, danke. Die Allergie-Tabletten haben Nebenwirkungen, sie knocken mich aus, aber ohne ist es auch nicht besser. Ich bin müde, müde, müde, aber schlafen ist auch nicht leicht. Kurz nach dem Post über Gott kam ein Anruf, was zu ahnen war. Seit fünf Wochen hatte ich keine Möglichkeit, bei der Zuhör-Expertin vorzusprechen. Immer und immer und immer kreisen und kreisen und kreisen meine Gedanken, Gedanken, Gedanken.

Es gibt Menschen, die sterben. Sie sind nicht alt, werden krank und sind weg. Keine von ihnen sind mir nahe genug, um zu trauern. Unglücklich macht mich das trotzdem. Dagegen an kommt nur das Leben, jetzt hier. Hier eine Lesung, da ein Konzert, eine Ausstellung und ans Meer will ich dieses Jahr. Menschen, die irgendwann auch nicht mehr da sind, noch erleben. Bücher lesen, Dokus schauen, eine Kamera kaufen, im Gras liegen. Meine Mittagspause verbringe ich meist auf dem Touri-Platz, auf der Bank neben diesen Dreiradtaxis. Unter den Fahrern sind einige Punks und ein paar ältere Herren. Sie fläzen sich auf ihren Gefährten in der Sonne und hören mäßig laut Musik. Was die wohl vom Leben halten?

Ich betrachte einen im Sonnenlicht leuchtenden, knallroten "Igelschnitt". Meine eigenen Haare sind orange, türkis und pink. Unbezahlbare Blicke auf dem Büroflur. Einige scheinen unterschwellig zu vermitteln: Kind, wie stellst Du Dir so das Arbeitsleben vor... Schade, dass sie das nicht aussprechen. Sie sagen Ab-ge-fahren oder Seehr Speziell. Natürlich gibt es auch gegenwartsnähere Gestalten. Welche, die sagen: Meine Haare lassen sich nicht blondieren, die werden dann nämlich orange. Ich beiße mir auf die Zunge und halte den Mund. Das machen sie, die mich anrufen, ja immer ganz deutlich: Da darfst Du aber nicht sagen, was Du denkst, bei dem Praktikum!! Sei ja immer charmant, vielleicht behalten sie Dich, wenn Du dem Chef schöne Augen machst! Kein Wunder, dass ich unbeteiligt wirke. Die Leistung zählt ja nicht, schließlich hätte man sonst inzwischen mal einen Text von mir gelesen. Und ob man wohl einem männlichen Praktikanten auch fünf Euro hätte in die Hand drücken wollen, damit er sich mal was zu essen kaufen kann, ohne das komisch zu finden? Oder liegt das an meiner veganen Nerdigkeit? Wahrscheinlich ist alles nur nett und ich zu empfindlich und verklemmt, typisch Tussi eben...

Ich bin eine erwachsene Frau und kein kleines Mädchen mehr. Gänzlich frei und vor allem selbstbestimmt macht das einen Menschen aber noch lange nicht. Schließlich wird immer jemand anderes darüber entscheiden, wann Du aufstehst, was Du acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche lang tust, und in vielen Fällen auch, was Du anziehst und wie Du frisiert bist. Luxusproblem? Luxusproblem. Bleibt immernoch ein Problem für mich als Menschen, der viel um Selbstbestimmung und eigene Identität kämpfen muss/te. Und wer weiß, wie lange es noch bei diesem "luxuriösen" Ausmaß dieses Problems bleiben wird. Es kann deprimierend sein, wenn einem der Newsticker den ganzen Tag um die Ohren fliegt...

Nach dem Praktikum, im Sommer, bevor das Studium endgültig vorbei geht, will ich nochmal was anderes machen, als zwischen Büro und Home-Office zu pendeln. Ich muss nur noch überlegen, was möglich ist, ohne mich in den finanziellen Ruin zu treiben.^^ Und am Donnerstag, da ist frei, werde ich euch einen Artikel schreiben, den ich schon lange machen wollte. Kommt gut durch die Woche, ihr Glitzerlinge ♥