Sonntag, 17. April 2016

Wie die Zeit rennt und was eigentlich mit Gott ist

Ich weiß nicht, wer von euch schon am Ende des Studiums stand und sich fragte, was jetzt werden soll. Ich weiß nicht, wer sich mit "Ende 21" schon alles in der Sinnkrise befand. Nach der Schule steht Dir die Welt offen. Drei Jahre später schränkt sie Dich ein. Das ist sicher nicht bei allen so. Ich sehe meine reichen Privathochschul-Kommilitonen um die Welt reisen, höre sie sagen: Das bisher war ja nur eine (20.000 Euro teure) Orientierungsphase, danach studiere ich nochmal richtig. Wie leichtfertig und unbesorgt sie dabei sind. Fühlen sie denn nicht die Zeit davon rennen?

Nein, ich brauch keinen Luxus. Ich muss mich nicht braun gebrannt am Pool posierend mit wasserdichter Marken-Uhr und Marken-Täschchen auf der Strandliege im Hintergrund auf Instagram zeigen. Das wirkt so absurd in Gesprächen mit Gleichaltrigen, deren Lebensrealitäten so weit entfernt von meiner sind. Mir geht es doch gut. Ich brauche nur SINN und Leben. Ich sitze zwischen Männern und Frauen, die zwischen Anfang und Mitte 30 sind. Und sie ächzen und stöhnen, als stünden sie schon mit einem Fuß im Grab. Da ist kein bisschen Leidenschaft in ihren Gesichtern. Sie scheinen sich nur nach dem Ende des Tages / dem Wochenende / dem Urlaub zu sehnen. Der Job ist eben ein Job, das muss eben sein. Dafür gibt es ein Fünkchen Sicherheit, Geld, ein gutes Arbeitsklima und miesen Kaffee for free.

"40 Stunden die Woche im Büro sitzen lässt einen schon schneller altern. Guck uns an. Man bekommt ganz graue Haut."
"Überleg Dir das gut mit Kindern!!!"
"Die Zeit geht immer schneller, in den 20ern merkst Du davon noch nix. Aber sobald Du 30 bist, wirst Du ratz fatz alt."

Mürrische Gesichter starren von allen Seiten neidisch das Frischfleisch an. Unheimlich! Vielleicht sind Bürowände deshalb immer gelb gestrichen, um das zu kompensieren. Dabei ist Gelb gar keine so schöne Farbe. Oh Gott, was macht ihr denn, wenn ihr mal richtig alt seid? Mir macht das große Angst, in 10 Jahren vielleicht genauso zu sein. Wenn meine fast 80-jährige Oma solche Sprüche bringt, ist das absolut in Ordnung. Aber so muss ich in meinen jungen Jahren ja schon das Gefühl haben, das Leben wäre bald vorbei.

Und welche Gedanken kommen mit diesem Gefühl? Es sind solche, die den Sinn in Frage stellen. Keine neuen Gedanken. Doch zwischenzeitlich waren die Konsequenzen, die ich daraus zog, ganz andere als heute. Mit 15 sehnte ich mich nach dem großen, allumfassenden Nichts. Ich wollte dabei nicht wirklich sterben, aber es schien keinen anderen Ausweg zu geben. Obwohl ich von Katholizismus umgeben war, glaubte ich nicht, dass danach noch etwas käme. Das Nichts stellte ich mir so vor, wie in der Unendlichen Geschichte, als grauen Nebel. Ich hatte Mensch und Tiere einfach so verschwinden sehen, puff weg. Was soll da noch sein?

In eine Religion hinein geboren zu werden, ohne das selbst entscheiden zu können, hat etwas Sektenartiges. Es gibt viele Dinge, von denen ich mich distanzieren musste. Gott sieht alles, Gott liest Deine Gedanken, Gott bestraft jede noch so kleine Sünde. Das brachte mich dazu, meine Gedanken jahrelang zu kontrollieren und zu zensieren, ich ertappe mich heute noch dabei. Denn ich dachte, alle könnten meinen Gedanken zuhören, und fühlte mich permanent beobachtet. Auch der Vorwurf, ich sei eine Strafe Gottes, ein dämonenbesessenes Wesen, ein Film über Teufelsaustreibungen, mit dessen Protagonistin man mich verglich sowie die zahlreichen Erlebnisse, die sich durch "Gottes Wille" so leicht rechtfertigen ließen, brachten mich ganz weit weg davon, diesen anzubeten. Das aber erst, nachdem ich als pubertierender Teenager lange Zeit jeden Sonntag in der Kirche saß, das Vater Unser auch auf Latein auswendig lernte und versuchte, mir zu merken, bei welchen Gottesdienst-Ritualen man aufstehen und bei welchen man sich hinknien musste. Auch mit 9 Jahren zweimal hintereinander zur Beichte zu müssen fand ich als bestimmt ganz furchtbar schlimm sündiges Kind ziemlich unheimlich.

Im Personalfragebogen musst Du Deine Konfession ankreuzen. Und irgendwann musst Du Dich damit auseinandersetzen, ob Du die Steuer bezahlen willst oder aus der Kirche austrittst. Für Ohren wie meine aus Kindertagen klingt dieser Gedanke natürlich ganz furchtbar sündig und als würde man mit dieser Entscheidung jegliche Chancen auf "den Himmel" verspielen. Andererseits wirkt diese Kirchensteuer doch etwas mitteralterlich angehaucht. So wie meine Erziehung.

Ich war auf einer evangelischen Schule und in dem Zusammenhang wöchentlich bei evangelischen Andachten. Ich habe es immer bewundert, wie fest und ernsthaft einige meiner Klassenkameradinnen an Gott glaubten. So ganz ohne Zweifel, das könnte ich nicht. Als einmal unsere Klasse mit dem Gestalten der Andacht an der Reihe war, sammelten wir im Religionsunterricht bei unserer Klassenlehrerin Ansichten über den Glauben. Sie schrieb aus unseren Aussagen dann Texte zusammen, die wir bei der Andacht vorlesen sollten. Obwohl ich das selbst nicht gesagt hatte, schrieb sie bei mir "Gott könnte auch eine Frau sein" dazu. Aus heutiger Sicht finde ich das ganz passend, ich würde mich mit einem weiblichen Gott sicher wohler fühlen...

Es gibt also große Unterschiede zwischen den Konfessionen. Meine eigenen Gott-Komplexe sind menschengemacht. Aber Gott selbst ja vielleicht auch? Viele Dinge klingen unwahrscheinlich und existieren doch. Was ist überhaupt unmöglich, frage ich mich. Sind Illusionen, Phantasien und Träume nicht Teil der Realität im Moment ihres Geschehens? Wenn Du auf bewusstseinserweiterten Substanzen glaubst, die Welt zu verstehen, verstehst Du dann wirklich oder ist es in Wahrheit ganz anders? Da ich auf Bewusstseinerweiterungen verzichte und im Zuge dessen meine Forschungen unterbrechen musste, kann ich dazu nicht viel sagen. Und die, die nicht verzichten, haben bald keine Gehirnzellen mehr. Waren alle, die Gott jemals begegnet sind, auf Drogen?

Was denkt ihr über die Zeit, über Gott und das Zweifeln?

Dienstag, 12. April 2016

Kastenkopfprobleme

Stell Dir vor: Du wirst die ganze Zeit getragen, obwohl Du eigentlich laufen kannst, laufen willst. Du bist höflich, lässt Dir die ungewohnte Geste zunächst gefallen. Willst Du dann wieder gehen, kann das auf einmal keiner verstehen. Du hast doch erst zugestimmt, wie kannst Du Dich da wieder umentscheiden, neinnein, es gibt kein Zurück. Du gewöhnst Dich daran, getragen zu werden, gewöhnst Dich daran, dass Dir das Laufen niemand zugesteht. Und Deine Beine werden schwer, die Knie weich und wabblig. Versuch nur, Dich freizustrampeln, wahrnehmbar als leises Zucken - ha ha ha.

Ich. Frei. Nicht. Ich. Verschimmelte Tomate. Ich. Meckern. Auf höchstem Nivooooooooooooöeau. Wo?

Oh. hohoho. hoa. hoaitschüüüiiii!!!

Es ist Frühling. Schon mindestens die zweite Woche. Ganz sicher. Ich muss es wissen. Ich und meine Nase und der Rest. Es ist die Zeit, in der die Menschen alle mitleidig gucken, weil sie denken, ich hätte die ganze Nacht geheult. Und das MakeUp bröckelt von der bröckelnden Haut, gereizt statt reizvoll, jep, so bin ich! Eine verschimmelte Tomate schaut mich morgens früh im Spiel an. Müde rollt sie puderstaubig durch den Tag. Bleierne Schwere zieht nach unten. Doch mein Flausenkopf will nicht in den Einheitstopf. Leider reicht der nur fürs Denken, nicht zur Handlungsfähigkeit. Also bleib ich wohl noch ne Weile im Kasten und hoffe auf bald. Hat jemand ein bisschen Glitzer für mich? Ist ziemlich dunkel hier drin...


Montag, 4. April 2016

Zeitvergleich im Frühling

Ende. In den Fahrstuhl. Fallen. Der Höhenunterschied macht Druck auf die Ohren. Ja, tagsüber sitze ich ganz weit oben - über den Dächern von Berlin...

Menschen, viele Menschen am Touristenmagnet. Ich mag die Besucher, manchmal irgendwie. Durch sie fühlt sich der Wohnort immer ein bisschen wie Urlaub an. Nach rechts und links und quer ausweichen, Flyer-Verteiler und Bratwurstverkäufer ignorieren. Die Kreuzung zu überqueren dauert einige Zeit. In den Ohren fühlt es sich an wie Watte. Alle plappern und hupen und rennen durcheinander. Die Augen sind dafür aufmerksam, um nicht über einen ausgestreckten Fuß zu stolpern. Blicke bleiben an den Menschen hängen. Sie sind bunt oder schwanger oder hetzig oder alt oder schön. Manche tragen Schminke, viele nicht. Sobald die Luft wärmer wird, riecht sie wieder nach Parfum. Dezent, blumig, kolossal oder viel zu viel Männerparfum. (Schweiß kommt zum Glück erst später). Im Einkaufszentrum versuchen sie auf dem Gang, welches zu verkaufen.

Soziales Intermezzo: Ich erkenne Sav, meine Kommilitonin, fast nicht mit ihren streng zurückgekämmten Haaren. Sie schaut in meine Hände, die beladen sind mit Naturkosmetik und zwei neuen ClifBar-Sorten. Wir reden kurz über unsere Praktika, unsere Pläne und das Studium. Sav fragt mich, ob es wohl schlimm ist, dass sie das Formular viel zu spät an die Uni geschickt hat. Ich weiß es nicht. Wir verabschieden uns, weil ich noch in den Lebensmittelladen möchte.

Wieder draußen. Wieder an der Kreuzung. Ich entwirre meine bläulich-lila verfärbten Kopfhörer. Ein vielleicht zehnjähriges Mädchen erzählt der Freundin von irgendeinem Lebensmittel, das total satt macht, aber nur wenige Kalorien hat. Ich drücke auf Play. Lautstärke über den Schwellenwert anheben: Okay. Ist es überhaupt möglich, gesellschaftskritisch zu sein, ohne das Glashaus einzuwerfen? An den Scherben würden sich die nächsten schneiden und dabei ihr eigenes Glashaus zusammenstürzen lassen. Eine Kettenreaktion.

Zuhause. Ich habe Zitronensorbet gekauft. Noch vor dem Abendessen lasse ich mir ein paar Löffel davon auf der Zunge zergehen. Zehn Minuten Ruhe (im Kopf). Ein Blick auf das Datum. Heute hat Franzi Geburtstag. Sie wird 21. Vor genau drei Jahren feierten wir das letzte Mal zusammen in meiner kleinen Einraumwohnung. Sie hatte sich so ein hübsches Notizbuch gewünscht. Ich weiß noch, dass ich es in dieses pink-orange-grün-gestreifte Geschenkpapier einwickelte. Später aßen wir jede einen riesigen Eisbecher. Zur Feier des Tages erlaubte ich mir das. Endlich war auch sie 18, das war so groß wie unsere Pläne. Wir wollten nach Berlin, wir malten uns Karrieren aus, wir wollten endlich frei sein. Zu groß war all das letztlich für Franzi. Sie schaffte ganz knapp ihren Realschulabschluss und die Ausbildung, die sie bekommen hätte, wollte niemand bezahlen. Sie hat oft gesagt, sie wäre auch gern schlau genug für das Abi. Zwei Jahre zuvor hatten wir uns kennengelernt. Ich war neu in der Wohngruppe und sah sie zunächst nur selten. Irgendwann unterhielten wir uns dann im Bus. Wir hatten die selbe Therapeutin. Wir waren zusammen joggen und kickboxen, betrunken, bekifft und essgestört. Wir waren so grundverschieden und gingen auch im Streit auseinander. Trotzdem vermisse ich diese Zeit ab und zu. Mit ihr konnte ich Verbotenes tun, so viele Dinge zum ersten Mal erleben (auch wenn sie nicht besonders vorteilhaft waren) und traute mich, ganz rebellisch und unvernünftig zu sein. Das musste ich erst lernen, nicht blind jeder Regel und Norm zu folgen. Deshalb: Happy Birthday, Franzi, und danke für zwei intensive Jahre.^^

Wie schnell die verdammte Zeit vergeht...