Donnerstag, 25. Juni 2015

Motiviert durch das Sommerloch

In meinem letzten Post habe ich euch nach euren Tipps für lange Sommerpausen ohne Aufgabe gefragt. Vielen Dank für eure Anworten. Ich möchte sie hier mit meinen eigenen Gedanken zusammenfassen. Inzwischen habe ich mich auch selbst ein bisschen informiert. Die meisten Ergebnisse meiner Google-Suche sprachen allerdings davon, die Semesterferien komplett mit einem oder mehreren Nebenjobs, Praktika und Lernen für das Studium auszufüllen. Diese Optionen lasse ich im Folgenden weitestgehend weg. Ich gehe eher von einer Situation wie meiner aus: Zu viel Freizeit und mangelnde Planung.

1. Struktur ist Alles

Elena schreibt:
"Mir hilft es, Listen zu schreiben, und die abzuarbeiten. Hinter eine Aufgabe ein Kreuz zu machen, fühlt sich immer gut an. [...] Gegen YouTube hilft mir, mich mit dem Laptop in öffentliche Einrichtungen zu setzen, z.B. Uni- oder Stadtbibliothek. Wenn es leise ist, und alle anderen auch arbeiten (oder zumindest so tun), fällt es mir auch leichter, was zu schaffen."

Kiwi schreibt:
"Mein Plan sieht dann meistens so aus, dass ich mir einen festen Zeitrahmen vorgebe, während dem ich ohne schlechtes Gewissen nichts oder alles oder etwas anderes tun darf. In den Tag leben... Und das wird dann durch ein geplantes unumgängliches Treffen beendet und ab da komm ich dann auch mit To Do Listen."

Wie wichtig ein gut strukturierter Tag ist, zeigt die Tatsache, dass überall, wo man nach Motivation sucht, auf To Do Listen hingewiesen wird. Zu Recht. Wer einen leeren Tag vor sich sieht, möchte eigentlich gar nicht erst aufstehen. Deshalb schreibe ich auch dann Listen, wenn ich nichts wichtiges zu erledigen habe. Da dürfen durchaus auch Dinge wie Duschen, Essen und Fingernägel lackieren stehen. Manche schreiben noch die genauen Uhrzeiten auf. Hauptsache Struktur! Um das Aufstehen zu erleichtern, schreibe ich meine To Do Listen schon am Vortag und lege sie dann auf meinen Nachttisch. Am besten auf das Handy, damit mein Blick am nächsten Morgen definitiv zuerst auf die Liste fällt.

Selbst in dunkelsten Zeiten versuche ich, gewisse Rituale beizubehalten. So beginnt mein Tag immer mit der festgelegten Reihenfolge Aufstehen - Toilette - Zähne putzen - Duschen - Anziehen - Kaffee kochen. Eigentlich gehört dazu noch Schminken. Aber wenn ich das Haus sowieso nur zum Einkaufen oder Spazieren gehen verlasse, ist dieser Punkt überflüssig. Trotzdem ist mir das Schminken wichtig, weil es dazu beiträgt, dass ich mich wohler fühle. Außerdem nimmt es einen großen Teil meiner morgentlichen Routine ein. Ungeschminkt verkürzt sich also mein ohnehin meist holpriger Start in den Tag. Deshalb versuche ich, mir regelmäßig Aktivitäten vorzunehmen, zu denen ich mich schminken kann. Womit wir beim nächsten Punkt angelangt wären:

2. Schöne Sachen machen

Kathi schreibt:
"Mir hilft es, mir in jeder Woche Dinge einzuplanen, die mir Spaß machen und mir so was gutes tun. So kann ich mich dann auf was freuen und das motiviert mich auch mehr, meine täglichen Aufgaben anzugehen."

Sternenkind schreibt:
"Ich versuche die Zeit mit Dingen zu füllen, die ich sonst nie tun konnte. Doch stehe ich vor dem Problem, dass ich viel Zeit, aber kein Geld habe. Sonst würde ich wohl umher reisen und mich mit Leuten treffen, die ich übers Internet kennengelernt habe. Weil das also nicht geht, mache ich Dinge, für die ich sonst keine Zeit hatte: Lesen, Kleidung selbst nähen, bloggen, schreiben, malen. [...] lebe einfach in den Tag, lass dich überraschen und starte von dir aus irgendwelche Aktionen. Und wenn es nur ein Spaziergang irgendwohin ist."

Inspiriert von diesen Kommentaren habe ich mir aufgeschrieben, was ich in den Ferien für schöne Dinge plane. So habe ich zumindest jeden Monat etwas, worauf ich mich freuen kann. Um zu demonstrieren, dass es nicht immer wahnsinnig viel Geld kosten muss, schreibe ich noch dahinter, was ich dafür ausgeben werde.

Juni:
Benefizkonzert X mit S. (5€)
Besuch von meiner Schwester (0€)
CSD-Besuch mit Kommilitonen (0€)
Konzert von Band Y mit Kommilitonen (5€)

Juli:
Semester-Abschluss-Feier (0€)
Freunde in Hannover besuchen (ca. 30€)

August:
Kiwi in Berlin (0€)
Besuch von Schulfreundin Tina (0€)

3. Andere Menschen einbeziehen

Kiwi schreibt:
"Manchen Leuten hilft es auch, wenn sie vielen Freunden und Bekannten von ihren Plänen erzählen, weil dann macht man das gewissermaßen verbindlich. Man will ja vor den anderen nicht total dumm dastehen."

Lovely schreibt:
"Du kannst mir jeden Morgen eine Guten-Morgen-Nachricht schreiben und wenn die um spätestens zehn Uhr nicht da ist, mach ich Terror."

Kiwis Verbindlichkeits-Gedanken stimme ich vollkommen zu. Diese Woche musste in der Uni etwas erledigen, einige Seiten ausdrucken und meine Reflexion für das letzte Modul abgeben. S. bat mich, ihre Reflexion heute mit auszudrucken und abzugeben. Weil ich zusagte, war ich also verpflichtet, wirklich in die Uni zu gehen. Dementsprechend musste ich heute auch früher aufstehen. Hoffentlich ist der Kreis des zwölf Stunden Schlafens nun durchbrochen. Anderenfalls sollte ich auf Lovelys Idee zurückgreifen. Kommunikation, Verabredungen und soziale Kontakte sind gerade in Zeiten, in denen man viel allein ist, nicht zu vergessen. Wer während eines Tiefs jemanden anrufen kann, hat schon eine wichtige Stütze.

4. Keine Chance für Selbstmitleid

Anima schreibt:
"Über manche Löcher kann man nicht springen. [...] Was ich tue: Akzeptieren, dass das Gefühl und das Loch da sind. Mich daran erinnern, dass ich nicht gesund bin. Dass ich vielleicht andere Schwierigkeiten habe, als gesunde Menschen. Dass ich Zeit und Geduld brauche. Dass es okay ist, mal eine Auszeit zu haben"

Ich stimme Animas Aussagen schon teilweise zu, gerade im Hinblick auf die stärker depressiven Menschen unter uns. Dass man nicht gesund ist, kann eine Erklärung dafür sein, dass man Dinge anders oder langsamer angeht als andere. Allerdings sollte die Krankheit keine Entschuldigung dafür sein, jeden Tag den ganzen Tag im Bett zu bleiben und sich gehen zu lassen. Ja, es ist hart, gegen die schwarzen Löcher anzukämpfen. Gerade deshalb ist es notwendig, ab und zu auch mal hart durchzugreifen. Wie oft habe ich mich mit mir selbst gestritten, morgens, einerseits weinend, weil ich nicht aufstehen wollte, andererseits drängend, weil die Zeit nicht auf mich warten würde. Aber ich darf mich nicht der weinenden Stimme überlassen, weil ich ja Depressionen habe und deshalb nicht aufstehen muss. Ausnahmen sind natürlich in Ordnung. Aus dem Loch müssen wir uns trotzem allein heraus ziehen. So wie Eltern ihren Kindern die Bettdecke wegziehen, obwohl sie doch so gerne nur noch fünf Minuten weiterschlafen wollen. Aber es ist viel einfacher, jemand anderem die Decke wegzuziehen, als sich selbst...

Ich hoffe, ihr konntet diesem Beitrag zumindest eine Kleinigkeit abgewinnnen und geht euer persönliches Sommerloch etwas motivierter an.



Freitag, 19. Juni 2015

Klappe: Die Allerletzte

Ich sitze auf dem Boden meines Zimmers. Mit dem Rücken zur Tür. Ein anderer Post ist schon fast fertig. Von gestern. Aus der Mitte der vergehenden Woche. Aber mir ist gerade nicht danach. Vielleicht kommt er morgen. Eine Art Rückblende. Oder so.
Ich trage immer noch die neuen Leggins und das T-Shirt mit der Aufschrift "Rock It And Own It". Ja, wir haben es gerockt, das letzte große, allerletzte Projekt der Uni. Heute war der letzte Tag. Das allein lässt mich eigentlich nicht sentimental werden. Der Sitzkreis am Ende, bei dem jeder noch ein paar Worte sagen durfte, die Tränen von Barbie, die festen Umarmungen, vielleicht. Ich hätte anschließend gerne mit einer Freundin eine Zigarette geraucht und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne genossen. Aber die einzige, die mir eingefallen ist, war Sunny. Und mit ihr könnte ich ganz sicher keine dramafreie Zigarette rauchen.
Eigentlich rauche ich gar nicht. Und wenn, dann aus dramaturgischen Gründen. Stattdessen bin ich mit dem Techniker zusammen S-Bahn gefahren. Zwei eher wortkarge, still beobachtende Freaks versuchen sich im Smalltalk. Und wieder einmal musste ich zugeben, dass ich noch nie auf einem Festival gewesen bin und keinen Plan vom Leben habe. Die beiden Fakten, die seltsamerweise häufigst Entsetzen auf sich ziehen. Er sagt, dass Dramaturgie ihn nicht so interessiert und er sich eher für Physik und Fakten begeistert. Immerhin spielt er Cello und ist musikalisch, sodass wir zumindest ein Gesprächsthema fanden.
Dann bin ich in die U-Bahn umgestiegen. Auf einem kleinen Umweg bin ich hier gelandet. Auf dem Boden. Der Tatsachen. Morgen ist Samstag und dann Sonntag, und am Montag, da ist nichts. Vier Monate lang. Ohne Plan. Nur mit ein bisschen Arbeit. Und der Aufgabe, doch noch eine Aufgabe zu finden. Melancholie schleicht durch die Leere in meinem Kopf. Müde. Vielleicht bin ich einfach nur müde von diesem viel zu langen Tag. Vor zwölf Stunden fing der Zehn-Stunden-Studio-Tag an. Und jetzt ist er vorbei. Einfach durch den Raum geglitten. Und jetzt stehe ich auf und gehe ins Bett und schlafe, vielleicht, bald. Gute Nacht, ihr Glitzer-Universums-Menschen.

Dienstag, 16. Juni 2015

Arbeit

Es ist kalt in der Regie. Verdammt kalt. Morgen bringe ich mir einen Pullover mit und einen Schal und eine Tasse, weil Kaffee aus Plastikbechern trinken blöd ist. Immerhin haben wir jetzt Kaffee und eine Kaffeemaschine. Dafür sind die Tüten mit den Schokoriegeln leer. Vielleicht weil ich gestern eine Hand voll mitgehen lassen habe. Schließlich saß ich bis nach 21 Uhr in der Uni fest. Vielleicht zum letzten Mal. Diese Woche sitzen wir die ganze Zeit in der kalten Regie oder im scheinwerferwarmen Studio. Über unseren Köpfen läuft ein Lichttechniker über die schmalen Metallgitterbrücken.  
"Das wäre kein Job für mich.", sagt S. und blickt nach oben. Ich stimme ihr zu.
"Dann lieber Ton. Stell Dir vor, Du wärst so ein Tontechniker für Bands und würdest mit denen auf Tour gehen...", sage ich.
"Das ist bestimmt voll cool.", meint S.
"Ich hab darüber mal eine Doku gesehen. Da waren die Tontechniker aber nicht so begeistert von ihrem Job."
"Hm, komisch."
"Ach, es gibt soo viele Möglichkeiten. Wie soll man sich da bloß entscheiden? Allein schon in der Medienwelt. Und dann gibt es noch unendlich viele andere Berufe. So viele Dinge, die wir niemals wissen werden."
"Ich glaube, das ist auch der Grund dafür, dass es so viele Studienabbrecher gibt. Weil sie sich einfach nicht entscheiden können."
"Naja, abbrechen würde ich deswegen jetzt nicht.", sage ich. "Aber ich will noch mehr wissen. Ich hab eine ganz gute Auffassungsgabe und eigne mir schnell etwas an. Aber eben nur oberflächlich. Sobald es in die Tiefe geht, scheitere ich."
"Aber Du bist doch schon technisch versiert." S. runzelt die Stirn.
"Ich weiß, wann ich welchen Knopf drücken muss, aber ich weiß nicht, warum, oder wie die Fachbegriffe heißen und so."
"Ja, das weiß ich aber auch nicht. Ich bin froh, dass wir das nicht alles auswendig lernen mussten."
"Oh ja, ich hasse auswendig lernen. Ich kann mir einfach nichts merken."
S. lacht. "Ich muss dann wieder..."
"Ich auch.", sage ich, ziehe den Reißverschluss meiner Jacke zu und bahne mir einen Weg durch den Kabelsalat am Boden. Mein Platz in der Gefriertruhe befindet sich hinter acht Bildschirmen und einem Tisch voller Knöpfe und Hebel. Aus den kleinen Lautsprechern dringen die Stimmen aller verkabelten Leute. Ich erzähle noch einmal die Geschichte, in der S. verkabelt auf dem Klo war. Wir lachen uns kaputt. Dann fängt die Regisseurin an, den Countdown zu zählen...

Dienstag, 9. Juni 2015

Abenteuer Abgehauen

Eigentlich sollte ich gerade auf dem Weg zu einem Vortrag über die Künstlersozialkasse sein. Irgendwie hatte ich dann doch keine Lust mehr, habe das Thema kurz gegooglet, um kein schlechtes Gewissen zu haben, und trinke nun meinen zweiten Kaffee.

Unter meinem letzten Post haben viele von euch mir geschrieben, dass ich, auch wenn mich alle unterschätzen, alles schaffen kann, weil ich in der doch schon so viel geschafft habe. Danke erstmal dafür. Ihr schreibt auch, dass ich das selber weiß und nur das zählt. So sicher weiß ich das aber gar nicht immer. Ich weiß, ich soll nicht in der Vergangenheit herum wühlen. Trotzdem schaue ich ab und zu in meine Tagebücher, einfach um mich zu vergewissern, dass all das wirklich wahr ist. Selbst das ist keine sichere Quelle. Ich habe gelernt, dass Wahrnehmungen unterschiedlich sind. Kinder haben ein ganz anderes Zeitgefühl als wir. Ich werde die Dinge niemals aus heutiger Sicht sehen können. Denn egal, wie viel ich gewusst hätte, ich wäre immer noch ein schutzlos ausgeliefertes Kind gewesen. Und heute bin ich eine erwachsene Frau, die sich wehren kann.
Oft habe ich mich gefragt, ob ich meinen Eltern nicht unrecht getan habe, ob ich nicht zu krass reagiert habe. Der letzte Vorfall, der dazu führte, dass ich nicht mehr nach Hause kam, - sicher war das ein Unfall. Meine Eltern wollten mir keine offensichtlichen Verletzungen zufügen. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich die anderthalb Jahre bis zu meinem 18. Geburtstag nicht noch ausgehalten hätte. Ich hätte mein Abitur am Internat machen und viel mehr Möglichkeiten haben können. Trotzdem war es wohl die richtige Entscheidung. Was, wenn es noch mehr solcher "Unfälle" gegeben hätte? Schließlich hatten sie die Wohnung einfach so verlassen, ohne sich zu vergewissern, dass es mir gut ging. Früher oder später hätte ich mich umgebracht oder mir zumindest den ein oder anderen Knochen gebrochen. Das war damals mein Gedankengang, der heute vielleicht übertrieben erscheint. Vielleicht weil es heute so weit weg ist.

Die erste Zeit in der Inobhutnahmestelle war so seltsam. Ich war ganz plötzlich aus dem Leben gerissen und fühlte mich gefangen. Zunächst gab es keinen Ausgang, und auch als ich dann welchen bekam, nutzte ich ihn nicht, weil ich jederzeit meinen Eltern hätte begegnen können. Ich traute mich kaum, aus meinem Zimmer zu kommen. Dass einige der anderen Jugendlichen Anzeigen wegen Körperverletzung hatten, erfuhr ich am ersten Tag beim Abendessen und machte mir Angst. Die Griffe der Fenster waren abmontiert. Wollte man lüften, musste man erst einen Betreuer darum bitten. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Die Wände und Möbel waren vollgekritzelt. Eine Weihnachtsmann-Comic-Figur, ein traurig blickendes Mädchen und ein paar Worte habe ich irgendwann dazu gemalt. Ich hatte nur einen Block, einen Bleistift, mein Steinzeit-Handy und die wenigen Klamotten, die ich in meinen Koffer geworfen hatte. Ganz oft stand ich am Fenster und betrachtete die vorbeifahrenden Autos. Ich sah den Schnee schmelzen und die ersten Frühlingsblumen sprießen. Erst war ich die Neue, Unbeholfene, der immer sofort der Stempel "Arrogante Gymnasiastin" aufgedrückt wurde. Dann auch noch eine, die ein Internat mit Begabtenförderung besucht hatte. Ich drückte mich viel zu gewählt aus und hatte viel zu wenige Dummheiten vorzuweisen. Meine Eltern hatten mir stets eingebläut, wie wichtig es sei, besser als die anderen zu sein. Nun schämte ich mich dafür, etwas "Besseres" zu sein. Denn es kommt immer auf den Kontext an. In dieser Welt war ich die Außenseiterin. Eigentlich war ich das überall, aber nirgends so extrem, wie dort. Vorurteile gibt es überall. Und ich fand das scheiße. Denn ich vertrat ja gar nicht die Meinung meiner Eltern. Ich wollte nicht besser sein. Ich wollte all die Welten hinter dem von Tellerrändern begrenzten Horizont meiner Eltern kennenlernen. Mich faszinierten beispielsweise immer schon diese Menschen mit den Piercings, Tattoos, schwarzen Klamotten und bunten Haaren. Naja, jetzt bin ich selbst so eine. Jedenfalls gewöhnte ich mir ein umgangssprachlicheres Vokabular an und sprang von der Überheblichkeits-Stufe auf den Boden der Tatsachen. Bei meiner Zimmernachbarin wurde ich meinen Stempel als erstes los. Wir färbten uns gegenseitig die Ansätze. Haare färben war immer ein großes Thema. Eigentlich brauchte man dazu eine Einverständniserklärung von den Eltern. Also machten wir es heimlich.

Irgenwann war ich die Jugendliche, die am längsten von allen da war. Ich erlebte Zeiten, in denen ich die einzige auf der oberen Etage war und unten noch vier kleinere Kinder. Das war zu Weihnachten. Silvester waren wir zu dritt. Und dann gab es Zeiten, in denen ich im Wohnzimmer schlafen musste, weil alles überbelegt war. Die Zimmerverteilung wechselte ständig, wenn ein Neuzugang kam. Manche Leute kamen immer wieder. Sie begrüßten mich stets mit einem "Na, immer noch hier?".
Im Januar hatten meine Eltern versprochen, den Antrag für eine Heimunterbringung zu unterschreiben. Im Februar ging ich wieder zur Schule, die Schule, die ich schon vor der Internatszeit besucht hatte. Aber ich musste ein Jahr wiederholen, weil die Bildungssysteme der beiden Bundesländer nicht übereinstimmten und mir einige Kurse fehlten. Ich kam also in eine neue Klasse und wurde alles andere als herzlich empfangen. Im Lehrerzimmer hing ein Aushang mit Informationen zu meiner privaten Situation. Die Klassenlehrerin hatte die Schüler vor mir als "psychisch Gestörter" gewarnt. Anfang März überredeten mich Jugendamt und Betreuer dazu, einen Antrag beim Familiengericht zu stellen, weil meine Eltern den Antrag nicht unterschreiben wollten und ich sonst zu ihnen zurückgemusst hätte. Mit Ankunft der ersten Gerichts-Post unterschrieben sie den Antrag dann doch. Einen weiteren Monat wartete ich darauf, dass ein Platz in einer betreuten Wohngruppe oder einem Heim frei wurde. Zu der Zeit waren die meisten Einrichtungen gnadenlos überfüllt.
Gleichzeitig ging das Leben irgendwie weiter. Ich fand Freundinnen mit denen ich in unserer begrenzten Ausgangszeit etwas unternahm - zum Abendbrot um 18 Uhr mussten wir wieder da sein. Wir spielten ziemlich oft Gemeinschaftsspiele, kochten uns gegenseitig Tee, wenn es uns schlecht ging, hatten die üblichen Teenager-Ich-hab-mir-die-Augenbraue-abrasiert-Dramen, ich lernte ein bisschen Akustik-Bass spielen und ganz nebenbei wollte sich immer mal wieder jemand umbringen, haute ab oder schlug ein Loch in die Wand.
Es war eine verrückte, intensive, seltsame und abgefahrende Zeit, die man niemandem wünscht, aber irgendwie war es doch eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich hab das alles geschafft, ja. Und ich weiß manchmal nicht, ob das eine Leistung ist. Aber irgendwie kommt mir mein Leben heute, nachdem so viel passiert ist, manchmal so unspektakulär und langweilig vor. So herausforderungsarm. Wie ich schon sagte: In solchen entspannten Situationen ist mein Stressfaktor viel höher, als in einer so surrealen Situation, wie der oben beschriebenen. Ist das verrückt? Sollte ich nicht froh sein, dass all das vorbei ist? Sollte ich ein normales Leben anstreben? Unaufgeregt und dramafrei? Kann ich das überhaupt? Oder werde ich für immer den Drang haben, mich in Schwierigkeiten zu bringen? ...

Danke, dass ihr bis hierhin durchgehalten habt. Ich könnte noch viel mehr dazu sagen... Aber jetzt muss ich wirklich los, letzte Vorbereitungen für den Dreh morgen treffen. Bis bald. ♥

Freitag, 5. Juni 2015

Zukunftsmusik

Kennt ihr das, wenn Leute in etwa so etwas zu euch sagen:
"Hey, ich hätte nie gedacht, dass Du das hinbekommst... Aber Du arbeitest echt souverän, bist die Ruhe selbst, total zuverlässig... Wir waren alle der Meinung, dass Du für den Job überhaupt nicht geeignet bist. Krass."
Ich hasse solche Aussagen. Klar weiß ich das Lob zu schätzen. Aber dass die Erwartungen an meine Person immer so gering sind, ärgert mich. Keiner traut mir irgendwas zu. Das war schon immer so. Ich habe mich für alle möglichen Sachen gemeldet, wurde aber nie genommen, weil die zarte stille Lilly das doch nicht kann. Ich bin aber nicht mehr die kleine zarte Lilly. Ich bin die große, coole Lucia. Die wäre ich zumindest gern.
Ich habe dann gesagt:
"Das Ding ist ja: In Stresssituationen bin ich immer total entspannt. Und in enspannten Situationen bin ich dann gestresst."
Alle haben gelacht, aber es ist ja wirklich so. Ich bin vielleicht nicht Fräulein Oberschlau, interessiere mich nicht so sehr für meine Noten und verträume ab und zu die langweiligen Unterrichtsstunden. Aber ich bin auch nicht dumm. Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe und wenn es drauf ankommt, bin ich voll da. Überhaupt verstehe ich nicht, warum ich immer für Gelächter sorge, wenn ich etwas sage. Ich bin keine Witzfigur. Ich will, dass man mich ernst nimmt, nicht auslacht.
Letztendlich habe ich eine ganz gute Aufgabe für die Studiosendung bekommen. Weil der Dozent entschieden hat. Er kennt nicht uns, sondern nur die Leistung, die wir diese Woche erbracht haben. Und ich glaube, alle sind zufrieden, bis auf ein Mädchen, das unbedingt in die Regie wollte. Der Dozent meinte, seine Unzufriedenen-Quote der letzen Jahre lag bei zwei.^^

Nach dieser Einleitung in Überlänge fehlt mir die Überleitung, also fahren wir Umleitung und leiten ein Wortspiel ein. Die letzten Wochen an der Akademie entwickeln sich zur Selbstfindungsphase, Identitätskrise und Non-Stop-Arbeit. Wir machen alles auf einmal, mehrere mögliche zukünftige Jobs zur gleichen Zeit. Ich bin verantwortlich für einen Sendungsbeitrag, hole Drehgenehmigungen ein, schreibe Konzepte, plane, drehe Knöpfe an Mischpulten, stehe hinter der Kamera, angle Ton bei Kurzfilmprojekten und schreibe nebenbei noch meine Texte. "Vielleicht wird ja doch noch was aus Dir.", sagt meine Oma am Telefon. Für eine begrenzte Zeit ist mein Leben wie ein Film. Ich stehe auf und falle ins Bett und dazwischen passiert viel zu viel für einen Tag. Plötzlich hänge ich am Telefon, verschicke massenweise E-Mails und bringe mein Team auf den neuesten Stand. Meint ihr, ...ich könnte vielleicht doch etwas auf die Reihe kriegen?
Montag saß ich noch bei Z, die mir mit Wunderkerze und Schoko-Muffins zum Geburtstag gratulierte. Und ich war wenig überzeugt von mir. Denn mich erwarten vier Monate, in denen ich noch nichts geplant habe. Vier Monate. Vier Monate Leere. Ein Jahr, in dem ich herausfinden muss, was ich mein ganzes Leben lang machen möchte. In welche Richtung ich weiter studiere oder auch nicht. Wo die Reise hingeht. Ich hab so große Angst davor. Aber ich will es endlich einmal schaffen, nicht den ganzen Sommer lang in einem depressiven Loch zu vergammeln. Ich schaue mich weiter nach Praktika um. Ich bin einer branchenspezifischen Facebook-Gruppe beigetreten. Ich muss mir jemanden suchen, der mir beim Bewerbungen schreiben hilft - ich kann mich nämlich nicht gut verkaufen. ...

Die Botschaft dieses Posts an euch: Es gibt viele Probleme. Aber es gibt auch Lösungen. Manchmal liegen sie so offensichtlich vor euch, dass ihr drüber stolpert. Aber dann steht auf, dreht euch um, helft der Lösung hoch - und dann wird sie sich zwischen euch und die Probleme stellen.
Zum Schluss möchte ich euch noch einen Blog ans Herz legen. Es ist der Blog von Effy und er heißt This Live In My Head. Sie hat viel zu sagen und ich finde, das sollte gehört und gelesen werden. Wenn ihr denn gerne möchtet. ♥

Mittwoch, 3. Juni 2015

So bin ich

Ihr Lieben Glitzer-Menschen,
nun ist es schon wieder so spät geworden, dass ich endlich mit meinen Aufgaben für heute fertig bin. Irgendwie habe ich trotzdem Lust, hier noch etwas zu schreiben. Das geplante Thema ist mir dann aber doch zu viel. Ich kann nicht mehr denken und muss morgen wieder pünktlich in der Uni sein, weiter planen und telefonieren - ja, ich arbeite zur Zeit gezwungenermaßen an meiner Telefonphobie und erzielte gestern bereits erste Erfolge, trotzdem ist noch viel zu tun.

Jedenfalls habe ich bei Alice gerade einen Tag entdeckt, That type of person heißt er, wie, woher, warum könnt ihr ja bei ihr nachlesen. Ich habe lange keinen Tag mehr gemacht, also gehts jetzt los:

1. Frühstück, Mittagessen oder Abendbrot?
Irgendwas zwischen Mittagessen und Abendbrot. Meine "warme Mahlzeit" findet meistens am Nachmittag statt, je nachdem, wann ich Zeit habe.

2. Trinkst Du Deine Müsli-Milch? 
Ich esse gar kein Müsli. Und wenn, würde ich sie eher nicht trinken, denn ich hasse den Geschmack von purer Milch.

3. Hörst Du Deine Musik über CD, Radio oder Handy? 
Über Handy, wenn ich unterwegs bin, ansonsten am Laptop.

4. Am Fenster oder am Gang sitzen? 
Am Fenster und am liebsten allein ohne stinkenden oder nervenden Sitznachbarn.

5. Falten oder knüddeln?
Kommt drauf an... Zur Zeit eher falten, weil mein Kleiderschrank noch keine Türen hat - es ging doch um Klamotten?

6. Erst Shampoo und dann Duschgel?
Ich wasche meine Haare getrennt vom Duschen, weil ich kaltes Wasser benutze und mir das unter der Dusche nicht antun will.^^

7. Gestresst oder entspannt? 
In Stresssituationen entspannt, in entspannten Situationen gestresst.

8. Geduldig oder ungeduldig? 
Kommt auch drauf an, ich tendiere aber zu ungeduldig.

9. Hast Du einen Plan oder lässt Du Dich treiben?
Ich wünschte, ich hätte einen Plan... Da ich aber nicht weiß, was ich will und wohin und überhaupt, muss ich mich wohl treiben lassen und warten, bis mir ein Zufall zufällt.

10. Was wolltest Du als Kind werden? 
Kinderbuch-Autorin, Eisverkäuferin oder Traumtänzerin

11. Spielst Du gerne Streiche?
Als Kind hatte ich immer viel zu viel Angst, Ärger zu bekommen...

12. Aufgestylt oder eher nicht? 
Ich denke, das ist Definitionssache. Ich gehe schon meistens geschminkt aus dem Haus, oft mit Lippenstift und lackierten Nägeln, und meine Haare muss ich "stylen", weil ich sonst aussehe wie ein "wild gewordener Handfeger" (Zitat meiner Oma) Aber wie Barbie seh ich trotzdem nicht aus.

13. Lieblingskleidungsstück?
Schwer zu sagen... momentan vielleicht die Punkte-Strumpfhose, und allgemein der schwarze kurze Rock, der immer geht... oder so.

14. Was für ein Instrument würdest Du gerne spielen wollen?
Ich glaube, mehrere. Ich habe Geige und Klavier gelernt, und davon war Klavier immer das, was ich gerne wollte. Gitarre wäre auch praktisch, oder Querflöte oder Cello oder Schlagzeug oder Harfe oder oder oder ...

15. Ost oder West?
Berlin. Ha!

16. London oder L.A.?
London wäre wohl das realistischere Ziel, weil man da zur Not auch ohne Flugzeug hinkommt.

17. Lieblingsurlaub? 
Die Studienfahrt nach Paris in der 11. Klasse.

18. Wie groß ist Dein Bett?
Ehrlich gesagt habe ich immer noch kein richtiges Bett.

19. Schläfst Du mit offener oder mit geschlossener Tür?
Mit geschlossener. Ich hab ja Mitbewohner.

20. Bett gemacht oder nicht gemacht?
Gemacht. Das bisschen Ordnung muss schon sein, auch bei einer Chaos-Queen wie mir.

21. Hast Du jemals etwas gestohlen?
Erdbeeren vom Feld. Und ich war einmal dabei, als Freundinnen in einem Laden geklaut haben. Und mir haben sie die Tüte in die Hand gedrückt, weil ich nichts davon wusste... Hab aber nochmal Glück gehabt. Die Mädels, die geklaut haben, weniger.

22. Tattoos oder Piercings?
Nur Piercings...bisher.

23. Lächelst Du auf jedem Foto?
Nein. Meistens schiele ich und schneide dumme Grimassen.

24. Hast Du schonmal in den Wald gepinkelt?
Klar. Ich bin quasi im Wald aufgewachsen. Und da war die Toilette draußen.

25. Konzert oder Freizeitpark?
Lieber Konzert. Ich bin nicht schwindelfrei.

26. Musik oder Bücher? 
Beides bitte.

27. Animiert oder real? 
Real.

28. Brief oder E-Mail?
Beides, auch wenn E-Mail leider mehr Verwendung findet. Aber es ist immer schön, was anderes als Mahnungen im Briefkasten vorzufinden.

29. Erstes Konzert?
Ich muss gestehen, ich war bisher nur auf klassischen Konzerten, also als Kind und so. Und danach hat sich das bisher noch nicht ergeben. Würde aber schon gerne mal die Erfahrung machen.

30. Besitzt Du einen Plattenspieler?
Nein. Ich erinnere mich aber noch an die Schallplatten, die ich als Kind gehört habe...

31. Kannst Du verschiedene Sprachen sprechen? 
Mein Englisch lässt sicher zu wünschen übrig, aber ich kanns einigermaßen. Latein kann ich noch, wenn das als Sprache zählt.

32. Süß oder herzhaft?
Beides im Wechsel. Hab ich Süßes gegessen, hab ich wieder Lust auf Herzhaftes und umgekehrt und immer so weiter und so weiter...

33. Kannst Du Deine Zunge rollen?
Ja.

34. Kannst Du mit der Zunge Deine Nase berühren?
Nein.

35. Kannst Du pfeifen?
Ja. Sehr nervtötend kann ich pfeifen.

36. Hast Du jemals einen Buchstabierwettbewerb gewonnen?
Hat von euch jemals jemand überhaupt an einem Buchstabierwettbewerb teilgenommen? Ich nicht...

37. Glaubst Du an Geister?
Nein, nicht wirklich.

38. Glaubst Du an Aliens?
Ich bin ein Alien.

Jeder, der diesen Tag bis hierhin durchgelesen hat, sei nun getaggt. Viel Spaß! ♥