Samstag, 28. März 2015

Wochenrückblick - Laberpost

Ich weiß nicht, wie ich diesen Post beginnen soll, also schreibe ich einfach auf, dass ich es nicht weiß. In irgendeiner Geschichte hat irgendeine Deutschlehrerin das irgendeinem Schüler empfohlen, der nicht wusste, wie er seinen Aufsatz beginnen sollte.

Ich war diese Woche wahnsinnig beschäftigt. Mit drei To-Do-Listen plane ich meinen Umzug, das Uniprojekt und meine Jobs.
Beginnen wir mit dem Umzug: Ich habe fast alles Wichtige schon gepackt und weiß immer noch nicht, wann ich nun richtig umziehe. Z sicherte mir Mittwoch noch einmal zu, dass das mit dem Transportfahrzeug ganz bestimmt klappen wird. Donnerstag fragte sie mich per E-Mail nach Details. Nun bin ich wirklich gespannt, was daraus wird - und wann. Meine Nachmieterin hat ihren Kram schon in Nis Zimmer gestellt. Ich musste lachen, als ich sie ihre ebenfalls komplett weißen Ikea-Möbel herein tragen sah. Sie passt perfekt in diese WG. Übrigens habe ich nichts gegen weiße Ikea-Möbel. Sie eignen sich nur so gut als Metapher um die riesigen Unterschiede zwischen mir und meinen Bald-Ex-Mitbewohnerinnen darzustellen.
Heute habe ich meine Klamotten zusammen gepackt. Dabei habe ich nicht nur festgestellt, dass ich eine ganze Umzugskiste voller Schuhe besitze, obwohl ich höchstens zwei Paar davon regelmäßig anhabe. Ich habe auch einige Kleidungsstücke aus meiner dünnsten Zeit gefunden. Hosen in Größe XXS, die mich immer noch ab und an zu dem Gedanken verleiten, da wieder reinpassen zu wollen. Das Kleid, das ich auf den Fotos von mir mit meinem Tiefstgewicht trage.
Sommer 2012
Und einen Rock, der eigentlich schön ist, aber durch seine Enge immer nach oben rutscht und dann zu kurz ist. Die Sachen habe ich fotografiert und in eine Verschenke-Gruppe auf Facebook gepostet. Zwei Menschen konnte ich damit glücklich machen. Eine hat mir sogar eine Tafel Schokolade und einen Muffin aus so Schaumgummizeugs mitgebracht. Ein seltsames Gefühl. Und doch befreiend. Die blaue Hose, in der meine Beine bei der Suche nach Thinspos im Internet auftauchten, sie ist jetzt weg.
Was ich definitiv nicht vermissen werde, ist die Familie über uns. Gerade bohren sie da oben wieder irgendwas. Die Kinder toben und kreischen den ganzen Tag über meinem Kopf herum. Und fast jeden Morgen ist das Bett-Quietschen nur Nebengeräusch...

Das Uni-Projekt. Ja. Ich weiß nicht, ob ich doch damit zu viel von mir preisgebe. Vor meinen Kommilitonen. Ins Impressum gehören Name, Anschrift und Telefon, sagte jemand zu mir. Zum Glück bin ich nicht alleine mit der Ansicht, dass, egal worum es sich handelt, so persönliche Daten nicht ins www gehören. Aber wir kennen jetzt einen sicheren Haftungsausschluss und damit gibt es auch hier auf diesem Blog endlich ein Impressum. Dazu habe ich noch eine E-Mail-Adresse für euch erstellt: elfentrauma@web.de Wenn ihr mir also private Nachrichten zukommen lassen wollt, dann nutzt diese Adresse oder weiterhin auch gerne das Kontaktformular.
Beim Dreh des Konfetti-Trailers ging so ziemlich alles schief. Deshalb steht der größte Teil noch bevor. Zuerst einmal kam mein Buchstabenkonfetti nicht rechtzeitig an. Heute ist es endlich da. Dann war auch noch schlechtes Wetter. Und der Techniker war ewig lange unauffindbar, obwohl er wusste, dass wir eine Kamera von ihm brauchen. S. hatte dann nur noch wenig Zeit. Bevor ich überhaupt in der Uni ankam, musste ich noch wie wild Konfetti schnipseln. Dann habe ich S. vor einen schwarzen Vorhang gestellt, drinnen im Studio, und sie aus schwindelerregender Höhe auf der obersten Leitersprosse mit Konfetti beworfen. Ich glaube, das sieht ganz gut aus, wenn man es in Zeitlupe laufen lässt. Aber ich brauche den Konfettiregen draußen. Und in einem, naja, hübscheren Kleid. Ich weiß, dass S. sowas gefällt. Aber ich mag bodenlange und noch dazu gemusterte Kleider nicht besonders. Das muss einfarbig und dunkel sein, wenn das Konfetti schon so bunt und glitzerig ist. Denjenigen von euch, denen ich immer Glitzer und Konfetti zum Abschied wünsche, widme ich den Clip natürlich. Wahrscheinlich interessiert das hier nicht im geringsten. Also, kommen wir doch zum nächsten Punkt.

Witzigerweise musste ich diese Woche einen Text zum Thema Umzugstipps schreiben. Auf diesem Gebiet bin ich mittlerweile wohl Expertin. Von den anderen beiden Texten weiß ich nur noch, dass ich sie in der Nacht geschrieben habe und am nächsten Tag früh aufstehen musste.
Für den Telefonjob hatte ich Donnerstag eine Vorbesprechung und Freitag einen Probetag. Irgendwie war meine Angst nicht ganz so groß. Dank des sehr genauen Gesprächsleitfadens wusste ich sehr genau, was ich sagen musste. Außerdem redete ich folgendermaßen auf mich ein: Dort drüben ist die Tür. Du kannst jederzeit aufstehen und gehen. Du hast doch keinen Vertrag. Wenn es nicht mehr geht, rennst du einfach weg. Klar wirkt das seltsam, aber die Leute kennen dich doch nicht. Sie sehen dich zum ersten Mal und werden dich schnell wieder vergessen. Und S. weiß sowieso, dass du nicht alle Tassen im Schrank hast. Du telefonierst jetzt einfach. Und wenn ein Monster aus dem Hörer kommt, legst du auf und verschwindest ganz schnell." Mit diesen irren Gedanken in meinem Kopf gingen die fünf Stunden irgendwie um. Mittwoch darf ich wieder antanzen. Eine feste regelmäßige Mitarbeit kann der Chef mir allerdings noch nicht anbieten, weil das Produkt, was er verkauft, noch in der Testphase ist. Er sagt, eventuell im Mai. Dann habe ich ja noch Zeit.

Ich habe noch eine wirklich unglaubliche Neuigkeit für euch: Mein Antrag für den Studienkredit wurde ENDLICH angenommen. Ganz ohne das bisher bekannte Hin und Her diverser weiterer Unterlagen. Ich kann meine Studiengebühren wieder bezahlen. Mit den beiden Jobs nach und nach auch die, mit denen ich im Rückstand bin. Ich muss mein Konto nicht mehr überziehen. Ich kann meine Raten von der Schwarzfahrerei weiter abzahlen. Und ich kann mir endlich wieder die kleinen Dinge leisten, die ich zum Leben brauche: Essen, Haarfarbe, Bücher, Café-Besuche... Ja, darüber freue ich mich sehr.

Und ja, es scheint, als ginge es mir gut. Auch mir erscheint es manchmal so.
"Ich freue mich so für dich, dass du die neue Wohnung hast. Ich hab so das Gefühl, jetzt wird alles gut.", sagte Z in ihrer überschwänglich positiven Art, für die ich sie bewundere.
"Ja... wäre schön, wenn das alle meine Probleme lösen würde...", erwiderte ich lachend.

Mittwoch, 25. März 2015

Selbstreflexion

Es gibt keine Lilly, nach der ich mich benenne.
Ich war ein kleines Mädchen, als ich meine Mutter fragte, ob ich nicht einen anderen Namen haben könnte. Lilly fand ich damals schön.

Natürlich ging das nicht. Also gab ich der Puppe, die meine Oma für mich gehäkelt hatte, den Namen Lilly. Ich erfand Geschichten von Mädchen, die Lilly hießen. Und mein Kaninchen, das ich zum neunten Geburtstag bekam, taufte ich ebenfalls Lilly. Es war ein wunderschönes weißes Löwenköpfchen mit hellbraunen Ohren, hellbraunen Ringen um die dunklen Augen, hellbraunen Schnurrhaaransätzen und einem hellbraunen Fleck auf der Nase. Mein Kaninchen war meine beste Freundin, in ihrem weichen Fell verschwanden meine Tränen und - es war mir so ähnlich. Vielleicht lag es daran, dass man Kaninchen eigentlich nicht allein hält. Ich schrie meinen Vater an, dass er sie nicht so grob anfassen sollte. Das arme Tier konnte schließlich nichts für seine Wutausbrüche. Vielleicht lag es daran, dass sie mein Kaninchen war. Sie ließ niemanden an sich heran, rannte im Kreis, quiekte und biss jeden, der ihr zu nahe kam. Mein rechtes Handgelenk ziert eine kleine Narbe. Sie biss hinein, ich zog meine Hand zurück und schnitt sie mir an ihrem Käfig auf.
Lilly hatte immer genug zu Fressen. Sie brauchte nur an der Trinkflasche zu nuckeln, um Wasser zu bekommen. Ihr Stall wurde regelmäßig ausgemistet. Trotzdem war sie gefangen. Und eines Tages lag sie starr und kalt und tot in ihrem Sägespänebett. Ich rief meine Mutter auf der Arbeit an und weinte so sehr, dass sie mich kaum verstehen konnte. Und meine Mutter sagte: Wie schön, dann können wir uns jetzt endlich eine Katze anschaffen. Lilly und ich - wir beide waren ihr ganz egal. Und das verbindet mich mit diesem Namen.

Ich habe lange versucht, mich zu verleugnen. Ich wollte immer jemand anders sein. Ich hasse meinen richtigen Namen. Und mich selbst hasse ich auch ziemlich oft. Ich hatte lange keine Stimme. Ich sagte kaum überhaupt ein Wort. Meine Klavierlehrerin bemerkte einmal, wie meine Mutter mir ständig über den Mund fuhr. Wann immer ich etwas sagen wollte, wischte sie es mit einem abfälligen "Ach Kind..." davon. Nicht selten entschuldigte sie sich für mich. Am Esstisch herrschte absolutes Redeverbot. Sprich nur dann, wenn du etwas gefragt wirst. Ich hatte solche Angst davor, auszusprechen, was ich denke, dass ich selten eine Antwort gab. Gleichzeitig schämte ich mich dafür, so schüchtern, scheu und stumm zu sein.

Keinem Menschen fällt es leicht, seine eigene Sprache zu finden. Schon gar nicht in einer Medienwelt wie wir sie erleben, mit so unendlich viel Content. Wir lesen unzählige Bücher, schauen tausende Filme und Serien, hören Metal, Pop und Klassik. So viele Eindrücke, die es zu verarbeiten gilt. Egal, was wir uns ausdenken, wir müssen immer damit rechnen, dass es so etwas schon gibt.

Kennt ihr das, wenn ihr ein gutes Buch gelesen habt und dann eine Zeit lang ständig die Ausdrücke des Autors verwendet? Ein besseres Beispiel sind vielleicht Serien. Kennt ihr das, wenn ihr euch so sehr mit einem Charakter identifiziert, dass ihr dessen Verhaltensweisen in euren Alltag übernehmt? Ich habe mal ein Buch gelesen, ich weiß nicht mehr, wie es heißt, jedenfalls leitete die Autorin fast jeden Dialog mit "flötete sie" aus. Bestimmt ein paar Wochen flöteten sämtliche Stimmen um mich herum und ich wäre fast wahnsinnig geworden. Meistens merkt man irgendwann selbst oder wird darauf hingewiesen, dass man sich irgendwie seltsam verhält. Vielleicht ist das einfach eine Art, das Gelesene zu verarbeiten. Und das dauert eben eine Weile. Für den Urheber mag es das größte Kompliment sein, wenn sich jemand so sehr mit ihm identifiziert. Zumindest mit dem Wissen: Es geht wieder vorbei. Es gibt natürlich auch die Menschen, die sich für Jesus halten, aber... Ich persönlich bevorzuge es, ich selbst zu sein. Mir ist auch dieses ganze Fangirltum, wie es beispielweise auf YouTube aktuell zu spüren ist, völlig fremd. Das mag arrogant klingen, doch ich lege großen Wert darauf, mich mit mir selbst zu identifizieren - was mir nicht selten sehr schwer fällt.

Jeder, wirklich jeder Mensch besitzt eine andere Wahrnehmung seiner Umgebung. Wir alle haben verschiedene Standpunkte, Ausgangspunkte und Fixpunkte. Und diese drücken wir auf irgendeine Weise aus. Ob durch unsere Kleidung, unseren Musikgeschmack, unsere politische Gesinnung oder unsere Worte. Das alles ist Sprache. Und jeder Mensch hat seine eigene.

Wir wollen alle unbedingt individuell sein und trotzdem irgendwie dazugehören.
Wir wissen, was gut ankommt. Weil es schon einmal dagewesen ist.
Wir wissen, was uns selbst gefällt. Und dass andere das auch gut finden.
Definieren wir uns nicht durch Unterschiede. Leben wir Gemeinsamkeiten.
Suchen wir nicht nach Fehlern. Genießen wir das Schöne!


Vielen Dank für euren Input und die konstruktive Kritik, mit der ich besser umzugehen lerne, je mehr davon ihr mir zuteil werden lasst. Vielleicht wirke ich im ersten Moment oft ungehalten, doch ich nehme sie mir gern zu Herzen. Ohne euch würde ich über vieles gar nicht nachdenken. ♥


Sonntag, 22. März 2015

Ganz Kaputt

Ganz viel, ganz doll, ganz schnell. Das sagen meistens Kinder.
Gaaanz groß, sagen sie und stehen mit offenen Mündern vor dem Spielzeugturm.
Ganz toll, ganz bestimmt, ganz hübsch, ganz nett, ganz gut, sagen die Erwachsenen. Dabei rollen sie mit den Augen.
Ganz ist das Gegenteil von Kaputt. Das sollte man bedenken, wenn man dieses Wort gebraucht.
Kinder sagen ganz, um das folgende Wort zu bestärken.
Erwachsene werten es damit ab.
Sie machen das Wort kaputt, wenn sie ganz davor setzen.
Ganz kaputt. Und kompliziert ist die Erwachsenenwelt.

Das ganze, allumfassende Ganze. Geleitet von ... Gott?
Lieber Gott?
Strafender Gott?
Allwissender Gott?

Ich musste zwei Texte schreiben über die religiöse Entwicklung von Kindern. Nun frage ich mich: Warum, liebe Eltern, habt ihr nicht einen einzigen Erziehungsratgeber gelesen?
Natürlich. Weil ihr allwissend seid.
Übernatürlich.
Übermächtig.
Überheblich.
Ich wundere mich nicht, dass ich als Kind glaubte, ihr könntet meine Gedanken lesen, dass ich mein Zimmer regelmäßig auf Kameras untersuchte und dass ich mich ständig beobachtet fühlte. Vielleicht habe ich euch mit Gott verwechselt. Oder seid ihr drei zu einem großen Ganzen verschwommen?
Größe.
Macht.
Gewalt.
Damit konfrontiertet ihr mich immer wieder. Ihr bezeichnetet mich als Strafe Gottes und fragtet euch, womit ihr diese nur verdient hättet? Ihr sagtet, kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort. Er wisse um jeden meiner Fehltritte. Ich sollte ehrfüchtig sein. Ehr. Fürchtig. Ich erweise Euch die Ehre, mich zu fürchten.
Du sollst Mutter und Vater ehren.
Du sollst gehorchen.
Sei bescheiden.
Senk den Blick.
Bewege dich lautlos.
Knie nieder!
Bevor du die Kirchbank betrittst.

Mein Vater ist nicht getauft und angeblich auch nicht gläubig. Dennoch kennt er sich in der Bibel besser aus als meine katholische Mutter, die erst mit uns zu den Gottesdiensten ging, als wir Kommunionsunterricht beim Pfarrer erhielten. Vielleicht haben sie eine andere Vorstellung von Religion, als die Kirche, vielleicht ist sie ihnen nicht streng genug. Als ich mit neun Jahren bei der ersten Beichte mit Grabesstimme meine Sünden vortrug, lachte der Pfarrer an manchen Stellen. Ich erinnere mich nicht mehr an die kindlichen Vergehen. Ich weiß nur noch, wie sehr ich mich schämte. Wir saßen einander gegenüber, in einem kleinen Raum, nicht im finsteren Beichtstuhl. Am Ende haben wir die Zettel mit den Sünden verbrannt. Ich weiß noch, wie ich im Pfarrhaus vor dem Spiegel stand und die gelblich violette Beule auf meiner Stirn betrachtete. Ich war beim Spielen mit der Kommunionsgruppe hingefallen. Ob das eine Strafe Gottes war?

Mit 13 und 14, vielleicht auch noch mit 15 Jahren ging ich sonntags meist allein in die zu Fuß nur zehn Minuten entfernte Kirche. Auf dem Weg traf ich unsere Nachbarn, die zwei kleine Kinder hatten und eine so ganz andere Familie waren als wir. Fern von der heimischen Sonntagsfrühstückshysterie genoss ich die Ruhe und die Rituale. Ich brauchte nicht nachzudenken, kannte ich doch den Wortlaut der Gebete und Bekenntnisse, wusste ich doch, wann ich aufstehen und wann niederknien musste. Trotzdem war ich darauf bedacht, alles richtig zu machen. Nach der Eucharistie schaute ich vorsichtig nach rechts und links, wie lange die anderen in ihr Gebet versunken blieben. Erst wenn sie sich wieder setzten, tat ich es auch. Am aufregendsten fand ich es, wenn sich alle die Hand gaben und Friede sei mit Dir sagten. Ich fand es seltsam, diese fremden Erwachsenen zu duzen, während ich selbst meine Eltern ab und zu mit Sie ansprechen musste. Manche Hände waren kalt, andere feucht. Manche Menschen sahen mich misstrauisch an, andere lächelten freundlich. Ich wollte gerne glauben, dass dort oben jemand auf mich Acht gibt und mich beschützt, wenn ich nur alles tat, was von mir erwartet wurde. Heute frage ich mich, wie ich das so ernst nehmen konnte. Wieso ich mich tausendmal entschuldigte und mit dem Schlimmsten rechnete, wenn ich einmal einen Gottesdienst verschlief. Haben alle Kinder Angst vorm lieben Gott?

Meine Freundin Jo, mit der ich ein Internatszimmer teilte, hatte eine ganz andere Glaubensvorstellung, die so stark war, dass sie mir manchmal etwas kindisch vorkam. Als ich einige Wochenenden bei ihr zu Hause verbrachte, schenkte mir ihre Mutter, die später für mich das Jugendamt kontaktierte, eine Weihnachtskarte. Darin stand: "Liebe Lilly, verlier nicht den Mut und die Hoffnung. Vertrau auf Gott und sei stark." In Gegenwart mir überlegener Menschen verhalte ich mich immer noch oft unterwürfig und manchmal zensiere ich meine eigenen Gedanken. Wie hätte ich jemandem vertrauen können, der mich auf Schritt und Tritt verfolgte?
Vielleicht gibt es zwei Götter, dort oben im Himmel. Jos Gott, der sie auffängt und ihr Kraft gibt. Und den Gott, der alle bestraft. Sicher streiten sich die beiden oft. Vielleicht ist einer von ihnen auch nur das verzerrte Abbild meiner Eltern und ihrer übermächtigen Macht über mich...

Sie haben das Ganze kaputt gemacht.
Ganz Kaputt.

Aber ich mache es wieder ganz, das kaputte Ganze.
Das verspreche ich ganz fest.

Donnerstag, 19. März 2015

Da(s) Sein

"Aber es geht dir doch jetzt besser... So wirkt es jedenfalls."
Ja. Das stimmt ja auch. Ich freue mich über die Wohnung und die Jobs und den Frühling. Alles funktioniert gerade. Nur ich, ich funktioniere nicht. Bin viel zu weit entfernt von mir, um Glück zu fühlen. Die Freude kommt in Schüben. Wenn die Sonne meine Füße wärmt und die Spinnweben im Gras glitzern. Aber Gefühle sind schwierig.
Die Lesung hat mich zum Weinen gebracht, weil ich meine Gedanken nicht fliehen lassen habe. Vorher habe ich ganz lange nicht geweint. Auch nicht, wenn ich allein war. Ich konnte nicht, durfte nicht, wollte nicht. Da waren die Ängste und die Träume, aber tagsüber ist Gegenwart angesagt! Alles ist gut, wenn man das zwanzigjährige Mädchen sieht, bald mit Studieren fertig, kurz vor dem Umzug in eine größere Wohnung, damit beschäftigt, seine finanziellen Probleme zu lösen.
"Natürlich freue ich mich. Aber, auch wenn sie dringender erscheinen, sind diese Probleme viel weiter weg von mir, als der ganze Rest."
Der ganze Rest, damit meine ich die Vergangenheit, schlafend unter dem grünen Gras, hinter dem hellblauen Himmel. Sie ist vorbei, vergangen, deshalb heißt sie so. Ich hab so viel noch nicht erzählt und manches weiß nicht einmal ich selbst. Da sind so viele Fragen. Aber wichtig ist nur, dass ich noch da bin, jetzt, im Hier. Doch ein Teil von mir steckt fest. Irgendwo zwischen Raum und Traum und Zeit.
Das bin ich. Ein Mädchen mit flotten Sprüchen und einem Lächeln auf den Lippen. Ein Mädchen der Stille. Ein Mädchen mit Vergangenheit. Und Zukunft.
Gespräche, die beginnen mit "Als ich das letzte Mal bei meinem Psychiater war" sind fast so selten wie ein Lottogewinn. Dabei sind sie so erfrischend. Menschen mit anderem Hintergrund wären vielleicht schockiert vom bitteren Humor der Gestörten.
"Wir sind nicht gestört. Wir werden gestört."
Ich wünsche mir mehr Offenheit und bin doch selbst nicht offen. Berlin war ein neuer Anfang. Hier weiß so gut wie niemand, wer ich bin. Was hält man von einem Menschen, über den man nichts weiß? Man vergisst ihn schnell. Vielleicht ist der erste Schritt zu Akzeptanz Vertrauen. Vertrauen in sich selbst. Zu sein, auch wenn andere sich von diesem Sein lieber abwenden.
Ich bin. Ein Mensch. Mit Störungshintergrund.  

Dienstag, 17. März 2015

"Da vorne wartet die Zeit..."

Liebe Lilly,
da stand ich nun vor dir und konnte gar nichts sagen. Weil ich weinen musste. So sehr, dass eine meiner Kontaktlinsen mit den Tränen fortgeschwommen ist. Du hast mich ganz lange umarmt und gesagt "Es tut mir so leid". Ich könnte schon wieder weinen, wenn ich daran denke. Ich musste gar nichts sagen. Du hast auch so gesehen, dass ich weiß, wie man unter Wasser atmet. Du hast mir geglaubt, ohne dass ich jedes Detail meiner Geschichte immer und immer wiederholen musste. Das ist mir noch nicht oft passiert.
Meine Eltern sind gebildet. Sie haben studiert und beide einen festen Job. Ich hatte ein eigenes Zimmer mit rosafarbenen Wänden und ein Bett voller schöner Kuscheltiere. Das steht in dem Gutachten zu meiner Glaubwürdigkeit. Denn Menschen, die ihre Kinder auf Internate schicken und sie Musikinstrumente lernen lassen, können nicht brutal und grausam sein.
Das ist jetzt drei erwachsene und zwei Kinderheimjahre her.
Als Du mich umarmt hast, ist alles so real geworden. Du bist real geworden. Denn auch wenn in deinem Buch steht, dass die Geschichte wahr ist, war es für mich immer noch ein Buch. Ein gebundener Stapel bedrucktes Papier. Weit weg von meiner eigenen Wirklichkeit. Obwohl ich in der selben Stadt lebe wie Du. Auch wenn ich eine Zeit lang ein rotes Armband und rote Linien getragen habe. Meine Geschichte ist eine andere als deine. Trotzdem finde ich mich in deinen schönen Worten wieder.
Ich bin so froh, dass Kiwi die ganze Zeit neben mir saß. Ohne sie hätte ich deine Bücher vielleicht gar nicht gelesen. Und ohne dich hätten Kiwi und ich uns nie getroffen. Für deine Lesung kam sie das erste Mal nach Berlin und verliebte sich in diese Stadt. Im letzten Sommer saß ich mit Kiwi und D. auf dem Alexanderplatz und wir lernten das Außen kennen, das zu dem Innen gehörte, von dem wir auf unseren Blogs gelesen hatten.
Deine Lesung ist wie eine Insel. Eine kleine bunte Insel für all die Unterwassermenschentiere. Sie war so, als läge das Innen ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Ich habe den Papierhai angestarrt. Sein Auge war mein Punkt zum Festhalten. Und an mir selbst, da habe ich mich auch festgehalten. Damit ich jedes deiner Worte höre, ohne davonzudriften.
Danke, liebe Lilly, für deine Worte, für deine Umarmung. Noch nie hat mich eine Person aus der Öffentlichkeit so sehr berührt, dass ich tatsächlich zum Stift gegriffen und ihr einen Brief geschrieben hätte. Dabei kannst Du dich bestimmt kaum retten vor Briefen mit traurigen Geschichten. Und jetzt sitze ich hier, auf dem großen Feld unter meiner Lieblingsbirke, und sehe zu, wie der Horizent die glutrote Sonne verschluckt. Gleich ist sie weg. Dann verschwinden auch bald die bunten Drachen, an denen die Menschen mit den Rollen unter den Füßen hängen.
Vielleicht schreibe ich auch ein Buch. Irgendwann, wenn ich nicht mehr so verschwommen sehe. Du inspirierst mich sehr. Pass auf dich auf und schreib noch ganz viele Bücher.
Alles Liebe,
L


In den nächsten Tagen folgt vielleicht ein ausführlicherer Bericht zur Lilly-Lindner-Lesung und zur Kiwi-Zeit.

Sonntag, 15. März 2015

Mit euren Worten #2

Es ist an der Zeit, wieder einmal Euch zu Wort kommen zu lassen. Die folgenden acht Zitate aus euren Kommentaren haben mich inspiriert / sollte jeder mal gelesen haben / fand ich einfach schön:


"Es gibt sie nur ganz selten, die Menschen, die überall anecken - aber nicht, weil sie es sind, die nicht in die Form passen. Sie sehen schlichtweg die Ecken und Kanten des Lebens, stoßen darauf und weichen nun mal nicht aus." - Lovely

"Wenn man von irgendjemanden zu hören bekommt wie scheiße man doch ist, sollte man ihm erst recht beweisen, dass dies nicht so ist. Dass es anders ist, als es aussieht. Anders ist, als sie denken. [...] Alle sollen angepasst sein. Gleich sein. Keinen eigenen Geschmack haben, obwohl niemand weiß wer denn nun eigentlich entscheidet was überhaupt ein guter Geschmack ist. Man soll sich gut verkaufen können, wie du sagst. Zum Beispiel der erste Eindruck, was ist normal und was eher anders? Anders ist plötzlich schlecht und normal kommt in die nächste Runde. Aber was bedeutet 'anders' denn? Ich würde sagen es bedeutet Einzigartigkeit, ein eigener Wille, eine eigene Definition von Schönheit, eigene Gedanken, die wir in Ideen umsetzen. Ideen, die wir selbst gut finden und sie von nichts und niemanden lenken lassen. Aber nein, wir müssen ja alle gleich funktionieren. Wenigstens gibt es ein paar Menschen, die sich nicht in Schublanden stecken lassen, sich nicht einordnen. Vielleicht ist das schwieriger, aber wenigstens sieht man die Dinge wie sie sind und nicht wie die Gesellschaft sie dreht." - Effy

"Wie viel anders das Leben erscheint, wenn die Sonne auf einmal wieder rauskommt. Für seine Träume zu kämpfen, das ist wirklich stark und toll. Sich selber gut genug zu kennen um zu wissen, was die eigenen Träume sind, noch viel besser. Aber wir lernen erst jetzt, wie viel Kraft es kostet, sich selber treu zu bleiben bei den ganzen Einflüssen, die von außen kommen." - Neva

"Die letzten 72h hab ich in deiner Stadt verbracht (von mir aus ca 8h fahrt mit dem Bus) und irgendwie habe ich immer gehofft dich zufällig in einer Menschentraube zu erkennen, ich weiß nicht ob ich mutig genug gewesen wäre dich anzusprechen aber irgendwie ist es immer ein schönes Gefühl (zumindest für mich bisher) wenn www und reales Leben kollidieren...
vielleicht warst du ja irgendwo da und ich hab dich nur nicht gesehen, so eine Stadt ist manchmal einfach zu groß für ein Zufällig"
- Leli B.

"Irgendwann kommt die Unabhängigkeitsparty und alles Gute, was bisher an Schlechtem durch dein Leben getrampelt ist. Weil du ein kleines Wunder bist"- Kiwi

"Du schreibst so wunderschön. und ich liebe die 4 Jahreszeiten von Vivaldi. werde mit Noten aus dem Sommerteil tätowieren lassen"Zero Fairy

"Ganz ehrlich, die Stelle mit dem Nichtessen können und wollen bringt mich grade sehr zum Nachdenken! Danke dafür" - Emilia

"Ich glaube, du bekommst viel zu selten gesagt, wie großartig du eigentlich bist! Danke für all deine Unterstützung - in der Hoffnung, für dich irgendwie auch etwas tun zu können - egal, ob es dir schlecht, oder ob es dir gerade gut geht." - Emma

Ich verneige mich vor euren Worten und danke für all die Unterstützung, die Ihr mir zuteil werden lasst. Denn ja, ihr tut etwas für mich, indem ihr einfach da seid und teilnehmt an meiner Reise durch das wilde laute Leben. Schaut bei den anderen vorbei, wenn ihr sie noch nicht kennt, denn sie sind wundervolle Menschen. ♥


Montag, 9. März 2015

Meine Essstörung - Wie ich heute dazu stehe

"gibt es eine möglichkeit jemanden der ana und mia in sein leben gelassen hat zu helfen? oder ist man da als elternteil vollkommen aufgeschmissen und auf pure selbsterkenntnis angewiesen?"

Diesen Kommentar bekam ich vorletzte Woche von Unah Luna auf meiner Seite Ana/Mia. In der Hoffnung, dass Du diese Zeilen liest, liebe Unah, möchte ich Dir sagen, dass es mir schwer fällt, eine Antwort auf Deine Fragen zu finden. Ich kenne nur meine Sicht als Betroffene und während meiner Essstörungszeit hatte ich keine Eltern, die sich um mich sorgten. Aber Deine Worte haben ich zum Nachdenken gebracht. Und auch wenn ich Dir keinen Rat geben kann, wollte ich meine Gedanken gerne teilen.

Immer wieder bekomme ich Kommentare, die sich auf Essstörungen und Pro Ana/Mia beziehen. Kein Wunder: Bei der Google-Suche nach gängigen Pro-Ana- und Mia-Begriffen ist ElfenTraum(a): Ana/Mia (aktualisiert) als eines der ersten Ergebnisse gelistet. Die Seite Ana/Mia hat aktuell 17.566 Aufrufe und liegt damit weit vor allen anderen Inhalten auf meinem Blog.
Oft ärgere ich mich darüber, wenn mich schon wieder ein 14-jähriges Mädchen nach Kotztipps fragt oder Werbung für eine "strenge Pro Ana Gruppe"  im Gästebuch auftaucht. Ihr bekommt von diesen Kommentaren wenig mit, weil ich sie umgehend als Spam markiere oder entferne. Mein Blog beschäftigt sich nicht mehr mit Essstörungen und ich will damit nichts zu tun haben!, denke ich dann. Aber es gibt auch Menschen, die sich dafür bedanken, dass ich meine Geschichte mit ihnen teile, mir Fragen stellen oder mich für die Teilnahme an einer Umfrage gewinnen wollen. Diese Kommentare sollten mich nicht ärgern und haben es doch getan.
Ich wollte nie eines dieser Mädchen sein, die sich nach der Krankheit komplett vom Thema Essstörung distanzieren und auf andere Betroffene herabschauen oder sie gar verurteilen. Das habe ich nie verstanden. Jetzt weiß ich, dass es mitunter wichtig ist, Distanz zu wahren. Mein wichtigster Schritt war, mich vollständig aus dem Essstörungsforum zurückzuziehen. Trotzdem gehören diese zweieinhalb Jahre, die ich der Essstörung geschenkt habe, zu mir und zu meinem Leben. Viele wichtige Dinge sind in dieser Zeit passiert. Ich bin 18 geworden, habe meine erste eigene Wohnung bezogen, mein Abitur gemacht, bin nach Berlin umgezogen und habe angefangen zu studieren. Eine wichtige Freundschaft hing mit der Essstörung zusammen. Menschen, die mir zum Teil bis heute sehr wichtig sind, habe ich durch sie erst kennengelernt. Sunny und die Wintermädels seien hier genannt.
Eine Essstörung dauert meist mehrere Jahre und ist deshalb nicht nur mit negativen Erlebnissen verbunden. Sie wird Teil des Alltags und zeitweise gar nicht als störend empfunden.

Nun bin ich seit fast einem Jahr essstörungsfrei und doch immer noch betroffen. Das liegt aber nicht allein an den Kommentaren oder daran, dass auf meinem Blog 41 Posts mit dem Label Essstörung existieren. Ich habe nie einen reinen Essstörungs- oder gar Pro-Ana-Blog geführt. Das wird durch die Listung auf Google häufig missverstanden. Dennoch kann und will ich nicht leugnen, dass die Essstörung anfangs eine große Rolle gespielt hat. Und sie ist immer noch da, irgendwo im Hinterkopf. Aber sie ist nicht mehr so wichtig. Mein Essverhalten heute ist vielleicht nicht normal oder sonderlich gesund, aber um Längen nicht mehr so gestört, wie noch vor einem Jahr.
Es ist seltsam, darüber zu schreiben, weil es mir so banal erscheint, das mit dem Essen. In den ersten Monaten, in denen die Essstörung in den Hintergrund getreten ist, ging es mir sehr gut. Einige Dinge in meinem Leben wendeten sich zum Guten. Ich fand eine Wohnung und einen Job, hatte gute Freunde und das Gefühl, wieder mehr ich selbst zu sein. Dann, im Juli, bekam mein "neues" Leben einen Knick. Ich hatte Liebeskummer, betäubte mich mit Deo und Selbstverletzungen, begegnete dem Zauberer, verlor meinen Job, isolierte mich und wurde mit Erinnerungen und Albträumen bombardiert. Nicht in dieser Reihenfolge, sondern alles auf einmal. Die Essstörung hatte mich beschützt und mein Unterbewusstsein bemerkte zu dieser Zeit wohl, dass sie nicht mehr da war.
Der Selbstschutzfaktor gab meiner Essstörung ihre Berechtigung. Und er war super: Meine größten Probleme waren die Zahl auf der Waage und die Kalorienangaben eines 0,1%-Fett-Joghurts. Sie verdrängten alles Schlechte und Unheimliche aus meinem Bewusstsein. Eine Essstörung ist wie Mathe: Geradlinig und logisch - zumindest für die Betroffenen. Und wenn diese Grundlage, diese Struktur einmal fehlt, kann ganz schnell alles zusammenbrechen.

Außenstehende sollten nicht nur den essgestörten Menschen akzeptieren. Sie müssen auch die Essstörung akzeptieren. Das ist nicht leicht, aber es bringt auch nichts, immer nur zu sagen: "Das ist nicht gut für dich, hör auf zu kotzen, iss doch mal was, du bist viel zu dünn." Niemand möchte zu hören bekommen, dass er alles im Leben falsch macht. Und eine Essstörung wird schnell zu Alles im Leben. Dass Leben so viel mehr bedeutet, muss einem manchmal erst jemand zeigen...
Ich habe ja nie Germanys Next Topmodel geschaut. Dieses Jahr habe ich mir die ersten Folgen angesehen, damit ich mir eine Meinung dazu bilden kann. Ich denke an all die Menschen, die ihre Thinspiration jetzt jede Woche im Fernsehen präsentiert bekommen. Diese Sendung verursacht vielleicht keine Essstörungen, fördert sie jedoch meiner Meinung nach. Um dem entgegen zu wirken, sollten wir uns auf die Fähigkeiten konzentrieren, die wir auch ohne Modelmaße besitzen. Ob wir nun musizieren, tanzen, zeichnen, fotografieren, zocken, schreiben oder boxen. Es gibt mindestens eine Sache, die wir besser können, als essgestört zu sein.

Meine Essstörung habe ich größtenteils allein in den Griff bekommen. Das liegt wohl daran, dass sie für mich "nur" ein Symptom darstellt, das andere Symptome abgelöst haben. Jede Essstörung ist individuell zu betrachten und bedarf einer individuellen Lösung. Es kann nicht falsch sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber das muss jeder für sich entscheiden. Mir sind andere Dinge wichtiger geworden, als die Essstörung. Die körperlichen Auswirkungen und nicht zuletzt meine finanzielle Situation haben mich dazu gebracht, sie schließlich aufzugeben. Plötzlich hatte ich nicht mehr die Möglichkeit, ausreichend zu essen, weil ich es mir nicht leisten konnte. Nichts essen können ist etwas ganz anderes als sich das Essen zu verbieten. Das hat mir bewusst gemacht, welchen Wert Essen eigentlich hat. Essen auszukotzen oder wegzuwerfen würde mir ein schlechtes Gefühl geben, einfach weil dieses Essen bei jemand anderem besser aufgehoben wäre. Was meint ihr dazu?

Ich beglückwünsche diejenigen, die bis zum Ende dieses Monsterposts durchgehalten haben, ihr habt es geschafft! Habt noch einen schönen Abend. ♥

Samstag, 7. März 2015

Wieder Da




Auf der anderen Seite des großen Feldes erwartet mich ein hübsches Zimmer, im April. Es hat 16 Quadratmeter und liegt neben dem Bad, daneben die Küche, daneben ein großes Wohnzimmer, daneben noch ein Bad und ganz hinten liegt das Zimmer meiner neuen Mitbewohner. Sie sind ein Paar, Ende zwanzig, er arbeitet beim Fernsehen, sie ist Schauspielerin und Studentin. Ruhige nette Menschen, so beschrieben sie sich selbst. Keine Du-Musst-Genau-So-Und-So-Sein-Damit-Du-Zu-Uns-Passt-Menschen.
Eine Stunde querfeldein zu Fuß zwischen neuer und alter Wohnung. Bunte Drachen in der Luft, an denen Menschen hängen. Mit Rollen unter den Füßen. Einer fährt mich beinahe um. Wir lachen beide kurz und gehen und fahren unserer Wege. 

Ich will es Li endlich sagen, dass sie mich nun schon so bald los wird, aber sie ist nicht zu Hause, vielleicht verreist. Der Zwischenmieter ist rücksichtslos, aber mehr stört mich, dass niemand putzt. Ich habe Putz mich! auf den beschlagenen Spiegel im Bad geschrieben. Ich bin schließlich nur mit Küche dran. Bald, denke ich, bald bin ich die Prinzessinen-Hölle los.
Ich schreibe viel für die Texter-Agentur. Manchmal macht es Spaß, manchmal nicht, aber es tut gut. Je strenger die Vorgaben sind, umso mehr möchte ich für mich selbst schreiben. Wortüberschuss. Ich will so lange Wörter und Schachtelsätze und Perfektkonstruktionen und Modalverben und Füllwörter und Unsinn schreiben dürfen, wie ich will. Mir fehlt bloß die Zeit dafür. Ich renne von Besichtigung zu Besichtigung, krame Papierkram zusammen, arbeite die halbe Nacht an einem Auftrag, den ich vormittags abgeben muss, und kann bis sechs Uhr morgens nicht einschlafen. Jetzt nicht mehr. Jetzt habe ich ja wieder Zeit. Die Verträge sind unterschrieben und die finanzielle Lage momentan nicht veränderbar. Ich habe ein bisschen Angst, dass es zu viel Zeit wird. Ich war seit über drei Wochen nicht mehr bei der Beratungsstelle, weil die Beraterin krank ist. Eigentlich ist das in Ordnung. Es geht mir gut. Und nächsten Mittwoch fahre ich schon nach Leipzig. Ich bin aufgeregt und gespannt. Meine Ferien sind super, solange ich immer etwas zu tun habe. Solange das Internet funktioniert. Und so lange ich wach bin. Weil ich die Anfänge einer Grippe spüre, versuche ich rechtzeitig und genug zu schlafen. Es macht mich wahnsinnig, drei oder vier Stunden lang dazuliegen und zu warten. Ich kann noch so müde sein, irgendwas in mir streikt.

Ich habe vor, hier wieder mehr zu schreiben und auch schon ein paar Ideen. So möchte ich den Post über die Träume verfassen, den ich schon angekündigt habe. Auch zum Thema Essstörungen werde ich etwas sagen, da doch immer wieder Fragen dazu aufkommen.
Mir fehlten oft die Zeit, die Worte oder auch die Lust in den letzten Wochen. Seit meinem kleinen Fehltritt, der doch auch nur ein Missverständnis war, habe ich das Gefühl, gemieden zu werden. Das macht es nicht leicht, denn ich neige auch im echten Leben dazu, ungeahnt in Fettnäpfchen zu treten, und habe Angst, wieder jemanden vor den Kopf zu stoßen. Dennoch sei gesagt, dass dies mein Blog ist mit meinen Gedanken, die sich alle hauptsächlich auf mich beziehen. Vielleicht erkennt ihr euch darin wieder, weil für euch dasselbe gilt. Oder ihr könnt etwas nicht nachvollziehen, weil ihr es für euch persönlich ganz anders seht. Beides heißt aber nicht, dass genau eine Meinung allgemein gültig ist. Wenn ihr Interesse an meiner subjektiven Wahrnehmung habt, seid ihr hier richtig. Pauschalisierungen, Ratgeber, allgemein gültige Formulierungen, all das werdet ihr auf diesem Blog nicht finden. Mag sein, dass ihr eine individuelle Vorstellung von mir als Person habt, das habe ich von anderen Bloggern auch, doch ihr spürt nur einen Teil von mir und was in mir vorgeht, weiß ich selbst immer noch am besten. Ich möchte mich äußern, ohne meine Sätze in ihre Einzelteile zerlegen und das Gewicht jedes einzelnen Buchstabens bestimmen zu müssen. Und das schreibe ich auf, weil es für mich wichtig ist, dass es hier steht, nicht um irgendjemanden anzugreifen.

Habt eine angenehme Nacht ohne ungebetene Gäste in euren Träumen. ♥

Dienstag, 3. März 2015

Verschwommen

Warme Wellen.
Wellige Wogen.
Wogende Worte.
Wiegen sich im Wind.

Ich habe den schlechtbezahlten Texterjob angenommen. Man hat ihn mir noch einmal angeboten, nachdem ich ihn im letzten Jahr nicht weiter verfolgt hatte. Wenn auch nach strengen Vorgaben, so ist es doch Schreiben. Etwas, von dem ich glaube, dass ich es kann. Noch nicht wirklich gut, aber vielleicht irgendwann. Ich hoffe, ich bekomme viele Aufträge. Je schneller ich durch die Schulungszeit komme, desto eher wird das Honorar erhöht. Ich muss mich nur um den Steuerkram kümmern. Aber ich muss nirgendwo anrufen und in keinem Büro sitzen. Natürlich hoffe ich noch, dass ich den anderen Job bekomme, nur scheint das nach zwei Wochen eher unwahrscheinlich. Es waren doch zwei Wochen... Seltsam, wie die Zeit verschwimmt. Arbeit hilft. Sie hilft, die Zeit vergehen zu lassen. Gedankenlos ohne sich an ihr festzuklammern. Meine Lippen sind vom Konzentrieren zerbissen. Eine blöde Angewohnheit. Wohnen werde ich vielleicht bald in einem winzigen Appartement im Erdgeschoss. Mit einem winzigen Bad und einer winzigen Küchenzeile. Schön ist es nicht, aber es wäre meins ganz allein. Vielleicht wird es auch die WG von Robert oder Linda oder Jonas oder Claire... Es ist immer seltsam, sich einen neuen Lebensabschnitt vorzustellen. Neue Schule, neue Wohnung, neuer Job. Man träumt sogar davon und es scheint alles so real. In der achten Klasse hab ich mir das Internatsleben vorgestellt. In der elften das Leben im Heim. In der zweiten elften die erste eigene Wohnung. Und nach dem Abi die Zeit in Berlin. Und wenn man darauf zurückschaut, was man sich alles vorgestellt hat, dann fühlt sich das ganz komisch an. Nostalgische Erinnerungen sind so unangenehm. Manche Zeiten wünscht man sich zurück, bei anderen wird einem übel. Menschen wünsche ich mir zurück. Menschen, bevor sie mich gehasst haben oder ich nicht mehr mit ihnen auskam. Lügen, bevor sie aufgedeckt waren. Momente, bevor sie schädlich wurden. Es waren immer nur ein paar Stunden, die so unfassbar schön waren, zwischen all den depressiven Tagen und Wochen und Monaten. Es war Paris, es waren die Abende auf der Brücke, es war die Zeit mit Sunny. Manchmal denke ich darüber nach, ob ich einen Hauch dieser Momente zurückholen könnte, wenn ich mich bei diesen Menschen melden würde. Wenn ich unsere Sturheit durchbrechen würde. Oder ob ich bloß noch enttäuschter wäre. Manche Menschen gehen. Viele. Alle. So ist das eben. Das Leben. Ja.