Dienstag, 24. Februar 2015

Begebenheiten einer Woche

Das Leben, es geht weiter.
Immer und immer.
Gnadenlos.
Zu Ende.

Viel kann innerhalb einer Woche geschehen. Oder nichts.
Letzten Dienstag stolperte ich aufgeregt in das kleine Büro meines vielleicht zukünftigen Chefs. Er war freundlich, duzte mich, lächelte, fand es gut, dass ich schon Telefon-Erfahrung habe und wird mir im Laufe der Woche Bescheid geben. Und ich habe Angst vor seinem Anruf, denn hauptsächlich habe ich Telefonphobie-Erfahrungen.
Freitag Mittag weckte mich mein Handy mit ungeduldigem Summen. Disney fragte, ob ich am Abend auch komme. Wir waren eingeladen, mit zwei GZSZ-Schauspielern in der VIP-Lounge eines Berliner Nachtclubs zu sitzen. Es gab sehr viel kostenlosen Alkohol, eine Autogrammkarte für meine Schwester und peinliche Fotos im Internet.
Samstag früh stand noch ein Dreh für die Uni an und Disney und Barbie und U. und Sav und mir ging es fürchterlich. Dafür war es die letzte große Aufgabe unseres vierwöchigen Projektes, einen kleinen kamerabegleiteten Flashmob zu veranstalten.
Montag Morgen erklärte ich mich dazu bereit, das Flashmob-Video zu schneiden. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich die letzte Woche nicht da war. Außerdem schneide ich gern. Bevor ich damit anfangen konnte, musste ich ins Büro des Studienleiters, der mich zum Gespräch gebeten hatte. Meine Angst war riesig, denn es konnte sich nur um die unbezahlten Studiengebühren handeln. So war es auch. Ich schilderte meine Lage und die Reaktion war lässig. Er brüllte mich nicht an, er war nicht sauer, er setzte mich nicht unter Druck. Ich sollte eine E-Mail an die für Studiengebühren zuständige Person schreiben und den Schriftverkehr mit dem Kreditinstitut anhängen. "Die wollen nur sehen, dass du was unternimmst. Wir hatten auch schon welche, die das Geld einfach versoffen haben vom Kredit, also mach du dir mal keine Sorgen.", hat er noch gesagt.
Heute habe ich den ganzen Tag geschnitten (den Film!). Ich habe den Schriftverkehr zusammengesucht und die E-Mail geschrieben. Ich habe festgestellt, dass ich im März wieder keine Kohle haben werde. Eins nach dem Anderen. Immer Schritt für Schritt. Wenn ich im März mit Arbeiten anfangen kann und im April den Kredit bekomme, sind meine Geldsorgen dann vorerst Geschichte. Dann muss ich bis spätestens Mai eine Wohnung gefunden haben. Und wenn das wirklich alles gelingen sollte, ist die Welt, die gegenwärtige zumindest, wieder in Ordnung. Dann werde ich 21 Jahre alt. So richtig erwachsen. Und muss mein Leben langsam auf die Reihe kriegen. Muss langsam wissen, was ich will...



Dienstag, 10. Februar 2015

Verkauft

Ein Obdachloser schleppt sich durch die U-Bahn, die Straßenzeitung an die Brust gepresst. Die Menschen halten sich angewidert ihre Nasen zu. Ich mag das nicht. Ich finde, das hat etwas mit Respekt zu tun. Vielleicht, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich jemand aus welchen Gründen auch immer vor dir ekelt.
Letzte Woche hatte ich eine Diskussion mit meinen Kommilitonen. Sie waren der Meinung, dass von der äußeren Erscheinung eines Menschen direkt auf dessen Charakter zu schließen sei. Jemand, der dick sei, oder ungestylet aus dem Haus ginge, ließe sich gehen, wäre faul, nicht ehrgeizig, unzuverlässig, chaotisch... So jemand brächte es nicht weit im Leben. Auch wären hübsche Menschen einem automatisch sympathischer als hässliche, wobei sich mir die Frage stellt, wer hübsch und hässlich definiert. Erschreckenderweise hatte sonst niemand Probeme mit diesen Aussagen und die Diskussion hat sich mit einem "Ist ja gut, Lilly, geh mal nicht so ab" erledigt.
Das erinnert mich an ein Bild aus meinem Grundschullesebuch. Auf der linken Seite waren zwei Männer abgebildet, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Der eine war blond, glatt rasiert, trug einen hellen Anzug und lächelte. Der andere hatte dunkles ungekämmtes Haar und einen struppigen Vollbart, trug zerschlissene Kleider und blickte finster drein. Auf der rechten Seite waren die Männer von hinten zu sehen. Der gepflegte Blonde hatte eine Axt in der Hand, der struppige Wilde eine Rose. So einfach erzählt und doch von vielen nicht verstanden. Fände ich das Bild irgendwo, ich würde es an alle schwarzen Bretter heften.
Du kannst nicht mit einem Blick auf Hintergründe schließen. Ja, du denkst, dir würde so etwas nie passieren. Und dann machst du einen Fehler, nur einen einzigen Fehler. Du tippst eine falsche Zahl in das Formular ein und schon kannst du dir nichts mehr zu Essen leisten. Du stehst mit acht Euro fünfzig im Supermarkt und weißt nicht, wie lange du damit auskommen musst. Du schiebst deinen letzten Euro in den Fahrkartenautomaten und hast Tränen in den Augen. Du trinkst ganz langsam deinen Cocktail und hoffst, niemand merkt, dass du nur diesen einen bestellt hast, während die anderen schon beim dritten sind. Du sagst, du bist totmüde, wenn du gefragt wirst, ob du mit feiern gehen willst. Du weinst, wenn deine Freunde aufhören dich zu fragen...
Die gepflegtesten Menschen sind Messies. Die dünnsten Mädchen sind unglücklich. In den heilsten Familien geschieht Gewalt. Das Leben ist nicht so wie die Nutella-Werbung. Die Werbung. Mit dem süßesten Lächeln verspottet sie die Wirklichkeit.  
"Kreativität heißt sich gut verkaufen können.", hat unser Dozent gesagt. Wisst ihr, was sich gut verkauft? - Titten, Tiere und Kleinkinder. Steht so in meinen Unterlagen. Hauptsächlich sabbernde Männer mittleren Alters stehen an der Tafel und analysieren mit uns Werbespots. Kaum ein kritisches Wort verlässt ihre Lippen. Dafür bläuen sie uns ein, wie wichtig es ist, dass wir uns gut verkaufen. Unsere Ideen müssen gekauft werden. Die Verkaufszahlen bestimmen unseren Wert. Wer nicht gekauft wird, kann sich nichts zu essen kaufen. Die Worte Kaufen und Verkaufen höre ich so oft, dass mir davon schwindlig wird. Vielleicht bin ich in der falschen Welt gelandet. Bin ich falsch für die Welt. Ich kann mich nicht verkaufen. Ich will das nicht. Das hat nichts mit Kunst zu tun. Ideen sind nur kreativ, wenn sie sich gut verkaufen. Meine Geschichten handeln aber nicht von Nutella-Familien, Super-Schlank-Rezepten und Glücksgarantien.
Warum tu ich mich so schwer mit meinem Leben? Was nicht passt wird passend gemacht. Warum kann ich mich nicht in Form pressen lassen? Wäre das nicht einfacher? Das Korsett so fest wie möglich zugeschnürt, in eine winzige Schublade gesperrt, begrenzt aber unversehrt. ...






Samstag, 7. Februar 2015

Meckerpost # 2

Z hat mir gestern zwanzig Euro geliehen und jetzt fühle ich mich so richtig schäbig. Ich wollte das gar nicht annehmen. Sie hat es mir einfach in die Hand gedrückt. War trotzdem ein schönes Gefühl, in den Supermarkt gehen zu können und nicht in Fünf-Cent-Stücken rechnen zu müssen. Statt mir was vernünftiges zu kaufen, hab ich natürlich kinder Pingui und Waldmeisterbrause mitgenommen. War beides im Angebot, ja? Außerdem hat man immer auf so seltsame Sachen Lust, wenn man sich eigentlich nichts leisten kann. Und ich hatte gestern unglaublich schlechte Laune. Meine Kommilitonen habe ich alle mit einem galanten "Fick dich!" bedacht.
Wenn wir alle immer jeden Cent umdrehen müsste, würde kein Mensch magersüchtig werden. Zumindest nicht aus Gründen wie Ich bin so fett, ich muss unbedingt Modelmaße haben! In meinem Kurs sind zur Zeit alle auf Diät. Die spinnen doch! "Tut mir leid, das kann ich nicht essen, ich mache Low Carb." Wie sie auch alle rumheulen, dass sie so gerne mal wieder Schokolade essen würden. Keiner von denen leidet auch nur ansatzweise an einem zu hohen Gewicht. Und wenn ich dann in den Spiegel gucke und dieselbe Figur habe wie diese Low-Carb-Menschen, fühle ich mich automatisch fett, während ich tonnenweise Süßigkeiten in mich reinstopfe. Dann muss ich mich daran erinnern, wie es mir mit acht Kilo weniger ging. D. ist ein wunderhübsches schlankes Mädchen. Sie möchte mindestens zehn Kilo abnehmen und spart auf eine Schönheitsoperation, bei der ihr der Kiefer gebrochen wird, damit ihr Kinn nicht weiter hervorsteht, als der Rest des Gesichts. Wenn jemand etwas an seinem Körper verändern möchte, um sich wohler zu fühlen, finde ich das in Ordnung. Ich bezweifle nur, dass D. es wirklich für sich selbst will... Und ich möchte den Spiegel zerschlagen, weil diese Welt so krank ist!

Am Anfang des Studiums hatte U. einen Freund, trug Lippenstift und geflochtene Zöpfe. Ein halbes Jahr später war sie mit einem Mädchen zusammen, färbte sich die Haare dunkel, trug weite Hosen und Cappies, ging im Anzug feiern und benutzte häufiger Worte wie Diggah und Alter und geil und Bro und ficken. Die Jungs nannten sie Ulrich und als sie sich wieder mit einem Mann verbredete, fragte C., ob es sich nun wieder eingerenkt hätte. Ihre besten Freundinnen sind Disney und Barbie. Immer wenn U. etwas "Unanständiges" tut, sagen sie: "Komm schon U., etwas mädchenhafter bitte. Willst du nicht mal wieder ein Kleid anziehen? Kämm dir wenigstens morgens die Haare! Vor einem Jahr warst du noch so lieb und unschuldig und jetzt gehst du unter der Woche feiern..." 
Diese Woche ist U. der Kragen geplatzt: "Hört doch mal auf, mir jeden Tag zu sagen, ich würde mich benehmen wie n Kerl! Das ist mein Leben. Ich kann anziehen, was ich will! Und wenn ich keine Lust hab, mir die Haare zu kämmen, dann lass ich es einfach. Tschuldigung, dass ich nicht so ne Barbie bin, wie ihr!!" Disney und Barbie haben nur pikiert geschaut. Und ich saß gegenüber hinter meinem Bildschirm und fühlte ähnlich. Auch wenn die Kommentare nicht ganz ernst gemeint sind, ich wäre auch irgendwann angekotzt. Genauso sind Ni und Li, wenn es darum geht, dass ich keine weißen IKEA-Möbel besitze, meine Haare nicht mehr blond sind und ich keine Lust auf Barbiegespräche habe, die sich nur mit dem aktuellen Ken beschäftigen.  Der übrigens meistgesagte Satz in meiner Noch-WG lautet: "Guck mal, was ich gekauft habe!!!" Kotz.
 
Es gibt da so einen Film mit einem Roboter. Ich weiß nicht mehr wie er heißt. Meine Schwester und ich waren noch Kinder, als wir ihn gesehen haben. Es ging um eine Familie, die sich einen Roboter anschaffte. Es gab zwei Töchter. Die eine hatte kurze blonde Haare wie ich, die andere lange braune wie meine Schwester. Das blonde Mädchen war frech und eigensinnig. Es spielte dem Roboter, der übrigens Gefühle hatte, einen Streich nach dem anderen und wurde von seinen Eltern ständig beschimpft. Das brünette Mädchen war lieb und ruhig und brav. Es unterhielt sich freundlich mit dem Roboter und umarmte ihn. Die Eltern bevorzugten das brünette Mädchen und verlangten, dass sich das blonde Mädchen ein Beispiel an der Schwester nahm. Dann gab es einen Zeitsprung und die Mädchen waren erwachsen. Das blonde Mädchen hatte Dreadlocks und trug Biker-Klamotten. Es knutschte mit einem Typen herum. Neben ihnen stand ein Motorrad. Die Eltern beschimpften es noch einmal, weiter kam es nicht vor in dem Film. Das brünette Mädchen sah immer noch genauso aus, wie als Kind, und war genauso brav und angepasst. Es blieb bei seinen Eltern und tat genau das, was man von ihm erwartete. Im weiteren Verlauf entwickelte sich eine Liebesgeschichte zwischen dem Roboter und dem brünetten Mädchen.
Ich weiß nicht, warum ich mich gerade an diesen Film erinnere... Vielleicht, weil meine Eltern damals zu uns gesagt hatten, dass wir später genauso werden würden. Und irgendwie haben sie ja Recht behalten. Als Kind war ich darüber sehr traurig, weil das blonde Mädchen als so schlecht dargestellt wurde. Heute möchte ich nicht mit meiner Schwester tauschen. Sie wohnt noch immer ganz nah an unserer Heimatstadt, verbringt die Wochenenden bei meinen Eltern, hat einen Freund, der über sie bestimmt, ihr verbietet sich zu schminken, sie nirgendwo alleine hinlässt... Scheinbar ist sie glücklich, führt genau das perfekt Leben, das artige Mädchen zu führen haben, lebt dieselbe  zuckersüße Liebesgeschichte wie das Mädchen aus dem Film. Ich frage mich nur: Wer strebt nach einem solchen Leben? Viele, die ich kenne. Ich verstehe einfach nicht, wie man Menschen nur in single und vergeben einteilen kann. Ist das der einzige Sinn im Leben? Mann, Haus, Kind? Klar möchten viele das gerne irgendwann mal haben. Aber sein ganzes Leben nur daran zu orientieren? Jedem das seine, aber meins ist das nicht...

Genug gemeckert für heute... Was kotzt euch so an? Was es auch ist, lasst es raus, damit wieder Platz für Glitzer ist. ♥


 

Dienstag, 3. Februar 2015

Steine

Scheinbar lagen bisher noch nicht genug Steine auf meinem Weg. Ich hätte gestern schon viel darüber schreiben können, aber den ersten Schock und die akute Verzweiflung wollte ich nicht gleich mit hundert Menschen teilen. Wenn ein neuer Morgen kommt, sieht die Welt bekanntlich schon wieder anders aus. Ich habe mich also schon ausreichend ausgeweint und meine Zombieaugen unter einer dicken Schicht Schminke heute wieder zur Uni getragen.
Gestern Abend klopfte es an meiner Tür. Meine Mitbewohnerinnen baten mich in die Küche. Zuerst sah es nach einem klärenden Gespräch aus, dessen Auslöser meine mangelnde Beteiligung am WG-Leben zu sein schien. Auf keinen Fall rechnete ich mit diesen Sätzen:
"Wir möchten, dass du ausziehst."
"Eine Freundin von uns wird in dein Zimmer ziehen. Über wg-gesucht hätten wir ja wieder Pech haben können."
"Ni wird ja wieder für einen Monat nach Australien gehen, und wenn ich daran denke, in der Zeit mit dir allein zusammen zu wohnen, wird mir schlecht."
"Es wär cool, wenn du bis Ende März ausziehen könntest, aber natürlich können wir an der gesetzlichen Kündigungsfrist nicht rütteln."
"Einmal am Tag ein paar Worte wechseln, das reicht mir einfach nicht."
"Wir haben uns das mit dir anders vorgestellt."
 Ich saß auf dem weißen Hocker, heftete den Blick an die weißen Küchenschränke, griff nach einer weißen Serviette und konnte die Tränen nicht zurückhalten. In mein Zimmer stürmen konnte ich auch nicht, weil sich auf einmal alles drehte. Die Sekunden zogen sich unendlich lang. Und Ni und Li starrten ungeniert in mein Gesicht.
Als ich die Tür endlich hinter mir schloss, hörte ich sie lachen. Ich biss mir in die Hand, um nicht etwa zu schluchzen. Mir wurde übel. Der Gedanke tat im ganzen Körper weh. Der Gedanke, schon wieder versagt zu haben. Die Erwartungen wieder einmal nicht erfüllt zu haben. Ein störendes, fehlerhaftes, unerträgliches Wesen zu sein. Ein Virus, eine Strafe, eine Behinderung.
Dabei hatte ich mich wenige Stunden zuvor noch akzeptiert, normal und sinnvoll gefühlt. Immer nur an guten Tagen werde ich von schlechten Nachrichten erschlagen. Der Dozent wollte unbedingt Gesang für die Präsentation vor dem Kunden. Bis zum frühen Abend stand ich in der Tonkabine, und es hat mir Spaß gemacht, obwohl es nicht gut war, sondern albern. Ich habe mit zwei Mädchen zusammengearbeitet, die nicht meine besten Freundinnen sind und auch wenn wir Differenzen hatten, haben wir uns gegenseitig mit Respekt behandelt und nicht aufgegeben, bis wir das Ding im Kasten hatten.
Gerade reicht Ni mir die Kündigung herein, pseudofreundlich und zuckersüß lächelnd: "Ich hoffe wirklich für dich, dass du schnell etwas neues findest. Vielleicht gibt es echt was, das zu dir passt." 

Nun heißt es also weiterleben. Kennt ihr das, wenn man am Morgen nach einer schlechten Nachricht aufwacht wie immer und einem dann plötzlich wieder einfällt, was war? So ging es mir heute, als ich in den Spiegel guckte und bei meinem Anblick zusammenzuckte. Mein ganzes Gesicht war rot geschwollen und ich musste es erst mit Eis kühlen, bevor ich mich nach draußen trauen konnte. Dann habe ich die Tränen weggelächelt, die immer wieder in mir aufgestiegen sind, und tausendmal unseren Song gesungen, weil er angeblich gute Laune macht. Ich habe Lipgloss aufgetragen und Nis Zuckerlächeln kopiert. Und mich an meinem zugepflasterten Arm festgehalten. Weil ich doch nicht fallen darf.
"Was meinst du Lilly, wenn ich hier runter springe, bin ich dann tot?"
"Nein. Ich würde ein mindestens 20-stöckiges Hochhaus wählen, um sicher zu sein."
So etwas darf man nur sagen, wenn man ganz sicher weiß, dass keiner der Anwesenden vorhat, sich umzubringen. Ich werde euch also erhalten bleiben. Natürlich werde ich das. Habt ihr je von mir gelesen, dass ich aufgeben will? Werdet ihr auch in Zukunft nicht. Ich weiß zwar noch nicht, wie um alles in der Welt ich in meiner finanziellen Situation eine Wohnung finden, das ganze meinen Eltern erklären und mir selbst mein Versagen verzeihen soll. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Also setze ich mich vor die WG-Such-Seiten und schicke endlich meine Bewerbung ab. Mit Job bin ich schonmal besser dran, als ohne Wohnung.
Ich bin nach Berlin gezogen, es kann doch nicht sein, dass ich hier nur Menschen mit weißen Ikea-Möbeln begegne. Wenn ich selbst hier überall anecke - dann stimmt irgendwas nicht mit mir.
 
Fazit: Selbst wenn ich geahnt hätte, dass alles so endet, hätte ich mich nicht den Erwartungen meiner Mitbewohnerinnen unterworfen. Das muss ich im Leben schon oft genug. Nicht aber in meinen vier Wänden. Ich mag meinen knallroten Tisch und all die Fotos und Bilder und Zettel und Notenblätter an den Wänden, mein Nicht-Bett und den alten Klavierhocker, mein chaotisches Zimmer, das bin einfach ich. Und wenn ich noch hundert Mal umziehen muss: Irgendwann kann ich mir eine eigene Wohnung leisten und die wird dann bunt und gemütlich und nicht so wie ein Artikel aus dem Einrichtungskatalog.

Stammtasse, die nicht mir gehört
Lieblingsecke

Glitzermaskengrinsen


Herzstück

Seltsamer Wandschmuck
Lebe als gäbe es kein Gestern!


Sonntag, 1. Februar 2015

Spiegelwelten

Es ist so krass, dass ich im Sommer schon fertig mit Studieren sein werde. Auch wenn das Studium eigentlich sechs Semester hat: Die letzten zwei bestehen aus einem Monat Unterricht im Oktober, drei Monaten Pflichtpraktikum und Bachelorarbeit. Meine Kommilitonen planen bereits, aus Berlin wieder weg zu ziehen, bewerben sich auf unzählige Praktikumsplätze im In- und Ausland oder auf die Jobs, die sie in Zukunft machen wollen. Und ich stehe dazwischen und weiß nicht wohin mit mir. Im Sommer bin ich 21 und soll wissen, was ich will vom Leben. Dabei weiß ich gar nicht, wie das geht.
Unter anderem war dies die Antwort auf meine gestörten Mails. Aber wohin soll ich sonst gucken?
Die Zukunft steht vor meiner Tür. Sie klopft nicht an. Sie stürzt sich auf mich. Und ich will mich nur verkriechen. Unter dem knallroten kleinen Tisch. Mit dem Schaf und dem Hund und der grünen Kuscheldecke. Doch sie steht vor mir und sagt: Lilly, was wird nur aus dir? Die selbe Frage stellte die Vergangenheit, lange bevor ich mich Lilly nannte. Damals trug ich nichts als den Namen, den sie mir gegeben hatten. Sie sprachen ihn in diesem drohenen Ton, der all ihre Erwartungen an mich erstickte...
Ich will gar nicht leuchten. Lieber bin ich eine schöne Blume, die einfach nur im Gras liegt und die Sonne genießt. Ich würde mich im Wind wiegen. Und neben mir stände eine fleischfressende Pflanze, die jeden beißt, der versucht, mich zu brechen.
Und die Gegenwart? Sie stellt die selbe Frage, vielleicht ein wenig sanfter. Willst du dich nicht auch bewerben? Willst du nicht langsam entscheiden, was du später machen willst? Morgen, verspreche ich ihr leise, morgen ganz bestimmt.
Ich will ein Buch schreiben, aber ich habe nicht die Geduld dafür.
Ich will Musik machen, aber ich kann das nicht.
Ich will mit Kindern arbeiten, aber ich studiere "irgendwas mit Medien".
Eigentlich ... weiß ich gar nicht, was ich will.
Ich will jeden Tag was anderes. Ideen hab ich genug, doch die Umsetzung scheitert immer. Was hab ich gemacht, seit ich frei bin? Hab mich Klingen und Kalorien unterworfen. Dafür hab ich mich gehasst, hab Wut und Blut gekotzt und mich täglich auf den Mond geschossen.
Jetzt steh ich hier mit leeren Händen, ganz allein.
Euch tut das so leid, und, was hab ich davon?
Ihr sagt, es ist hoffnungslos, und fragt, wieso ich mich nicht zusammenreißen kann?!
Ach komm, Lilly, alles ist gut, dein einziges Problem ist die Wut!, sagen alle drei Zeiten aus einem Mund. Ihr seid alle so schön ausgeglichen, ich bin euch nur zu intensiv.
Ich hab meine Haare blau und pink und lila und rot und schwarz gefärbt und bin doch immer noch das kleine blonde Mädchen, das so seltsame Sachen sagt:
 
Spiegelwelt

Ich komme aus der Welt der Welten, der Spiegelwelt. Das ist die Welt der Doppelgänger, denn der Spiegel ist nichts als eine durchsichtige Scheibe, hinter der die Doppelgänger sitzen. Meine Doppelgängerin ist tot, sie ist verbrannt., sagte das Mädchen und wandte sich vom Spiegel ab. Es war sechs Jahre alt. Der Spiegel war in einen dünnen goldenen Rahmen eingefasst. Oft sah das Mädchen hinein, blickte tief in seine großen grauen Augen und fragte sich, wie es bloß hier her gekommen war. Und weil ihm darauf niemand eine Antwort geben wollte, dachte es sich immer wieder neue Möglichkeiten aus. Es rannte ins Wohnzimmer. Seine Mutter lag auf dem riesigen roten Sofa. Auf dem Tisch vor ihr standen eine Flasche Wein und ein Glas.
Mama? Weißt du was? Mama!, rief das Mädchen ungeduldig.
Was ist denn?, fragte die Mutter.
Ich bin zweimal geboren worden. Das erste Mal von einer Fee, das zweite Mal von dir. Als Fee lebte ich in einem riesigen Garten mit Obstbäumen aller Sorten, vielen Blumen, und Beeren wuchsen da auch. Himbeeren, Brombeeren, Blaubeeren, alle Beeren, die es gibt. Auch Kürbisse. Später schrumpfte ich und kam in deinen Bauch. Dein Bauch hatte sich geöffnet, die alte Fee hatte ihn geöffnet, sie hat nur ein Leben. So kam ich hinein und begann wieder zu wachsen. Dreiunddreißig Wochen, und dann hast du mich geboren!
Die Mutter lachte. Du hast wirklich eine blühende Phantasie!, sagte sie.
Meine Geschichten sind so, als ob man glaubt, sie sind nicht wahr. Sie sind aber wahr!, sagte das Mädchen und verschränkte die Arme. Da lachte die Mutter noch lauter und schenkte sich noch mehr Wein ein.

Das Mädchen lief auf sein Zimmer. Die Wände waren rosa gestrichen. Ein violetter Himmel hing über dem mit Kuscheltieren übersäten Prinzessinnenbett. Neben der Tür hing ein kleiner Spiegel, dessen Rahmen mit Glitzersteinen verziert war. Das Mädchen war auf einmal sehr wütend. Es wurde ganz rot im Gesicht, ballte die kleinen Hände zu Fäusten und schlug sie sich gegen den Kopf. Dabei sah es seinem Spiegelbild in die Augen und schlug und schlug, bis seine Haare ganz zerwühlt waren. Dann setzte es sich auf den Boden, griff nach einem herumliegenden Filzstift und schrieb seiner Mutter einen Brief:
Mami, ich danke dir ja so. Ich danke dir, dass du mir die Schleife zugebunden hast, ich danke dir, dass du mir zeigst, wie man schöne Blumen malt. Ich danke dir, dass du so gut für mich sorgst. Deine Tochter.

Mama?, flüsterte das Mädchen. Mama, bist du wach? Es stand im Schlafzimmer neben dem Bett und hielt einen Stoffhasen im Arm.
Was ist denn?, murmelte die Mutter. Warum schläfst du denn nicht?
Ich will nicht schlafen. Schlafen tut weh., wisperte das Mädchen.
Leg dich ins Bett und mach die Augen zu, dann schläfst du schon ein., sagte die Mutter und drehte sich auf die andere Seite.
Da tappte das Mädchen zurück in sein Zimmer. Es legte sich auf den Boden und setzte sich den Stoffhasen auf den Bauch. Dann begann es leise, dem Hasen eine Geschichte zu erzählen:
Über den Seerosenteich ziehen die Wolken dahin. Ganz still ist es am Seerosenteich. Ruhig liegt das Wasser, und an den Bäumen sind Plakate angeklebt, auf denen gemalt und geschrieben ist, wie schön es am Seerosenteich ist …

Das Mädchen presste seine Stirn an die kühle Fensterscheibe.
Wie das schneit, da können die Engel gar nichts mehr sehen..., murmelte es.
Hast du was gesagt?, fragte die Mutter, die hinter ihm in der Küche herumwerkelte. Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Hallo! Ich rede mit dir! Was träumst du dir da schon wieder zusammen? Trockne lieber das Geschirr ab! Ein Handtuch flog durch den Raum.
Ich muss mich konzertieren!, sagte das Mädchen.
Das heißt konzentrieren., erwiderte die Mutter.
Das Mädchen knallte den Kopf gegen die Scheibe. Dann bückte es sich nach dem Handtuch.
Mami, fragte es, gefällt es dir, Mutter zu sein?




[Die Geschichte Spiegelwelt ist fiktiv. Einzig die Aussagen des Mädchens sind Zitate von mir in etwa demselben Alter, die schriftlich festgehalten wurden. Die einzelnen Szenen sind nicht eins zu eins so geschehen - wie sollte ich mich daran auch erinnern können?]