Freitag, 31. Oktober 2014

Lichtblick-Gequatsche

Besser kann ein Tag wohl kaum starten, als mit einer Mail von einem der gefühlt hunderttausend Schreibwettbewerbe, an denen ich in meinem Leben schon teilgenommen habe. Meine Mutter hat mich früher immer dazu gedrängt. Heute mache ich das nur noch ab und zu aus Spaß. Würde ja eh niemals eine Anwort bekommen, dachte ich. Heute kann ich meine Texte auch dorthin schicken, ohne dass meine Mutter sie vorher durchkorrigiert und abändert. Ja, und nun wird eines meiner Gedichte abgedruckt, mit meinem Namen und meinem Geburtsjahr. Schon irgendwie cool. Aber seltsam, dass denen meine depressive Reimerei gefällt...

 Jedenfalls konnte ich mich nach dieser Mail ganz leicht zum Aufstehen überreden. Dann hatte ich plötzlich Lust, Muffins zu backen. Halloween-Muffins, um genau zu sein. Wundersamerweise brachte der Gruselduft Ni dazu, wieder nett zu mir zu sein. Sie und Li wollen heute Abend Kürbissuppe kochen und Ni fragte mich, ob ich Lust hätte, dabei zu sein. Ich war ziemlich überrascht. Aber vielleicht hat der Waschmaschinenkrieg jetzt bald ein Ende. Voller Hoffnung habe ich drei der Muffins mit den Anfangsbuchstaben unserer Namen verziert. Wenn das nicht ein Zeichen von WG-Versöhnung ist.

Sehr gruselig, was? Ich musste schon zwei davon testen. Das einzige, was mir auch heute wieder zu schaffen macht, sind diese verdammten Kopfschmerzen. Ich habe sie jetzt seit einer Woche anhaltend stark. Ist das normal? Dazu bin ich vorhin dann noch mit voller Wucht gegen eine Küchenschranktür gelaufen. Ich Vogel. Dabei habe ich mir wirklich Mühe gegeben, mich vernünftig zu ernähren. Ja, jetzt kommt noch ein Essensfoto. Die kann nämlich hier keiner mehr als anzüglich bezeichnen. Wobei, man kann nie wissen, was für Gestalten sich im virtuellen Dunst herumtreiben.


 Auf der Straße sind heute Nacht jedenfalls gruselige Gestalten anzutreffen. Als ich auf dem Weg zur Beratungsstelle an einer einsamen Bushaltestelle austeigen musste, ist mir ein ziemlich angsteindflößender Frankenstein begegnet. Mein Termin am Dienstag war ausgefallen, weil der Hund der Beraterin gestorben ist, wie sie mir heute erzählt hat. Ich habe erst etwas ganz anderes verstanden, das war dann ein bisschen peinlich. Das Gespräch war etwas smalltalk-lastig, weil ich meine Probleme heute mal ganz weit weg geschoben habe. Ich weiß nicht, ob das so okay ist. Ich weiß gar nicht, was man in einer Beratungsstelle so bespricht. Mir ist schon klar, was für eine Beratungsstelle das ist, aber es handelt sich dabei ja nicht um ein Thema, über das man einfach sprechen kann. Vielleicht reicht es ja, dass ich mich dort gut aufgehoben fühle. Die Beraterin setzt jedenfalls einige Hebel in Bewegung. Sie versucht mir einen Job zu besorgen, in einem Café, dessen Besitzer sie kennt. Und sie hat so eine Stiftung aufgetan, die Frauen in finanziellen Notlagen hilft mit einem Darlehen oder so, da wollte sie nochmal nachfragen. Die Sache mit meinen Schwarzfahrschulden hatte sie ja auch geregelt. Ich glaube, alleine würde ich das nie hinbekommen. Jetzt habe ich mich eigenständig noch auf zwei Jobs beworben und den Studienkreditantrag neu ausgefüllt. Es wird zwar noch eine ganze Weile dauern, bis ich wieder im Plus bin, aber jeder Schritt ist einer in die richtige Richtung. Eins nach dem anderen. Und hoffen, dass meine Eltern mir nicht den Geldhahn zudrehen. Die haben sich nämlich immer noch nicht gemeldet, seit sie hier waren.
Die Beratungsstelle toppt jede Anlaufstelle, bei der ich jemals gewesen bin. Sollte reichen als Berechtigung für mich, sie in Anspruch zu nehmen.?

Nun dürfte Li auch gleich von der Arbeit kommen und wir das Kürbissuppenvorhaben starten. Mir ist es ja eindeutig zu spät zum kochen, aber da muss ich wohl durch, wenn ich mich WG-kompatibel präsentieren will. Ich hoffe, ihr gruselt euch nicht zu sehr und fühlt euch ein wenig aufgelockert von diesem lockerflockigen Post. Ja, auch so kann ich sein.^^
Wir steuern übrigens langsam auf die 70 zu. Ihr seid so wunderbare Menschen. ♥



Mittwoch, 29. Oktober 2014

Kannst du mich sehen?

Jeden Tag dasselbe.
Aufstehen. Widerwillig.
Was soll der Tag mir bringen?
Löse mich aus der Dunkelheit
Meiner dunklen schwarzen Träume.
Im Spiegel seh ich leichenblasse kalte Haut.
Heißes Wasser wärmt mich kaum.
Frühstück nicht vergessen.
Augen schwarz angemalt.
Nägel schwarz lackiert.
Körper in schwarze Stoffe gehüllt.
Die bunten Blätter da draußen verschwimmen.
Raus in die kalte kalte Welt.
Lieber hätt ich den Spiegel zerbrochen
Und mit Blut auf die Scherben gespuckt.
Mit dem Frühstück den Küchenboden dekoriert
Und mir die schwarze Farbe übers ganze Gesicht geschmiert.
Doch weil ich nicht schreien darf,
Lasse ich mich anschreien.
Ich taumele in den Nachmittag
Und sehe die Sonne untergehen.
Stürze mich mit dem Kopf voran in Einsamkeit,
Weil ich unter Menschen nicht Ich sein darf.
Würde mich so gern aus meiner Haut reißen,
Damit es endlich aufhört!!
Damit es endlich aufhört, wehzutun.
Ich lege mich ins Bett.
In die kalte schwarze Dunkelheit.
Alle Türen zugeknallt.
Alle meine Schritte längst verhallt.

Und weil am Ende immer eine Frage offen bleibt:

Montag, 27. Oktober 2014

Unsichtbar

Wir schreiben uns immer so schöne Sätze gegenseitig in den Kommentaren, so liebevolle Komplimente, so ermutigende Worte. Wir sagen uns, wie toll, wie stark, wie schön wir sind. Doch wir glauben kein Wort von dem, was wir unter unseren eigenen Posts lesen. Das ist so traurig. Wir haben so viel Liebe in uns. Aber uns selbst lieben wir nicht. Oft sind die Menschen, denen die grausamsten Dinge widerfahren sind, besonders liebenswürdig. Dann kann es bei mir ja nicht so schlimm sein.

Ich fühle mich wie unsichtbar.
"Du siehst aus wie ein Geist.", hat D. gesagt.
"Sind Sie schon die ganze Zeit da?", hat mich der Dozent gefragt. Am letzten Tag der Woche.
"Du bist irgendwie so Anti Alles, oder?", hat ein Mädchen zu mir gesagt, das mich gerade erst kennengelernt hat.
Meine Mitbewohnerinnen haben mich ständig eingeschlossen, weil sie mich vergessen haben.

Gleichzeitig bin ich viel zu viel.
"Lilly, was machst du eigentlich?"
"Lilly, geh mal da weg!"
"Lilly, hol mir doch mal meinen Block!"
"Stell dich mal vor die Kamera, ein bisschen weiter links, ja, so und jetzt guck mal nicht so düster!"
Ni will will will eine neue Waschmaschine haben. Und ich soll sie mitbezahlen. Das seh ich aber überhaupt nicht ein, weil meine Waschmaschine voll funktionstüchtig ist und mich sehr viel Geld gekostet hat. Und letzte Woche waren Ni und Li einfach mal im Ikea und haben alles Mögliche gekauft und ich soll ein Drittel davon zahlen und das seh ich auch nicht ein, weil ich nicht für etwas bezahle, was ich mir nicht einmal aussuchen durfte, als ob ich irgendetwas mitzuentscheiden hätte und dieser Satz ist viel zu lang, viel zu viel!!

Das Wochenende habe ich im Kopfschmerzdelirium verbracht. Eingeschlossen in meinem Kopf. Unbeweglich. Mit Albträumen hinter den geschlossenen Lidern. Ich habe einen ganzen Tag gebraucht, um eine Banane zu essen. Und dann musste ich mich in meinen Mülleimer übergeben. Meine Fingernägel sind verfärbt und meine Arme fühlen sich manchmal eklig taub an und ich habe immer noch Kopfschmerzen. Bestimmt irgendwelche Mangelerscheinungen. Also habe ich beschlossen, wieder vernünftiger zu essen und mich nicht hauptsächlich von Schokolade zu ernähren. Oder es wenigstens zu versuchen. Und morgen werde ich nicht zur Uni gehen, heute wollte ich eigentlich direkt nach der Klausur abhauen und dann bin ich doch bis halb vier dort geblieben. Morgen ist so eine Podiumsdiskussion, die aufgenommen wird, eigentlich klingt das Thema ganz interessant, aber ich will nicht gefilmt werden, falls ich einschlafe. Außerdem habe ich ja dann noch meinen Termin in der Beratungsstelle - einmal die Woche ein paar Worte benutzen kann ja nicht verkehrt sein. Aber vielleicht gehöre ich da gar nicht hin, vielleicht habe ich nicht die Berechtigung, dort hinzugehen und außerdem schäme ich mich für meine Worte und vielleicht sollte ich lieber den Mund halten. Ich bin gar nicht Anti Alles, ich bin nur Anti Mich. Ist vielleicht richtig. Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts. Ich bin nichts. Ich bin nicht da. Entschuldigt mich.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Immer Wieder Aufstehen!

 Alle sehen in mir nur ein kleines stilles Mäuschen. Ich bin aber nicht klein und ich will nicht still sein. Und ein Mäuschen bin ich schon gleich gar nicht!!
Dieser Gedanke hat mich durch die Nacht getragen und heute geht es mir etwas besser. Zeitweise zumindest. Im Gegensatz zu gestern. Da hat sich nämlich alles taub angefühlt. Taub und stumpf und starr und leer. Ich bin durch den Regen gelaufen und kein Mensch war unterwegs und das Gras war nass. Meine Haare sind mir ins Gesicht geflogen, aber ich hab eh nicht gesehen, wo ich hintrete. Ich hab gedacht, es ist sowieso egal, wo ich bin, denn egal wie weit ich laufe, egal wie schnell ich renne, ich komme sowieso nie irgendwo an, hab kein Ziel und keinen Halt, komme von nirgendwo her und gehe irgendwo hin, weil ich keine Lust hab zu sterben.
Also, im Gegensatz dazu geht es mir heute besser. Vielleicht, weil ich die Nacht durchgemacht habe. Mir gibt das immer so einen Auftrieb, wenn ich die ganze Nacht wach bleibe und mich nicht darum kümmern muss, dass ich mich in meinen Träumen verlieren könnte. Meine Abträume meine ich. Fragt mich nicht, wie mein Körper das aushält. Den vielen Kaffee, den seltenen Schlaf, die zugegebenermaßen ziemlich beschissene Ernährung von Fertiggerichten und Billigschokolade... Ich hab nur trockene fleckige Haut und Haarausfall, das ist alles.
Immerhin dämpft die Erschöpfung meine Aggressionen gegen mich selbst ein wenig. Ich war sogar pünktlich in der Uni und damit eine von drei. Es war ätzend. Nach der Mittagspause haben S. und ich die ganze Zeit Mau-Mau gespielt. Wie in der Schule, echt. Wir haben uns mit ein paar Erstis unterhalten. Die anderen haben ihnen natürlich sofort erzählt, dass das Engagement außerhalb der Uni das allerwichtigste ist und mit ihren tollen Jobs geprahlt. Da hab ich mich gleich wieder wie ein Versager gefühlt, weil ich in der ganzen Zeit weder im Medienbereich gearbeitet noch ein Praktikum gemacht habe. Einer hat gesagt, er würde es sich nicht erlauben, nebenbei als Kellner oder sowas zu jobben, damit er sich voll auf das Studium konzentrieren könne.
"Ich kann es mir nicht erlauben, nicht zu arbeiten, weil ich Geld zum leben brauche.", hab ich gesagt.
Ein Mädchen hat sich auch mit dem Berufswunsch Journalistin beworben. Sie tut mir jetzt schon leid. Die zwei haben zugegeben, dass sie zu faul waren, sich weitere Hochschulen anzusehen, als sie bei uns aufgenommen waren. Wenigstens bin ich da nicht die Einzige.
Alle scheinen zu ahnen, dass ich am Studium zweifle, und alle meinen, ihren Senf dazu geben zu müssen. Dabei weiß ich doch noch gar nicht, was ich will. Weiß immer noch nicht, was ich will.
Ich will wieder aufstehen. Das habe ich letzte Nacht beschlossen. Ich bin ich und ich gebe niemals auf. Punkt. Scheißegal, wie viele Stolperfallen sich noch auf meinem Weg verstecken.

Bleibt stark, meine Lieben, danke für eure Unterstützung, unendlich vielmals Danke. ♥

Sonntag, 12. Oktober 2014

Mir was Gutes tun

Mir geht es nicht so gut.
Morgen geht die Uni wieder los. Ich werde mit seltsamen und zwiegespaltenen Gefühlen hingehen. Einerseits bin ich froh, wieder etwas zu tun zu haben und mit den Menschen dort zusammen zu sein. Andererseits nage ich an meinen Zweifeln.
Freitag Abend war ich wieder mit S. unterwegs. Wir sind in eine kleine gemütliche Bar gegangen und haben über das Studium gesprochen. Sie ist genauso unzufrieden. Ich habe ihr von meinem vorletzten Post und euren Reaktionen erzählt. S. ist zwar in meinem Kurs, studiert aber Moderation und Schauspiel. Wir haben die meisten Module zusammen. Von unserem Studiengang sind 10, von ihrem fünf Leute im Kurs. Dieses Semester haben wir öfter getrennt Unterricht, weil alles ein wenig spezieller wird. S. hat sich in den ersten zwei Jahren nach dem Abitur immer wieder an richtigen Schauspielschulen beworben. Als sie nirgendwo genommen wurde, hat sie sich dann notdürftig für unsere Hochschule beworben. Wie in meinem Studiengang der Journalismus kommt in ihrem das Schauspiel viel zu kurz. Sie bereut ihre Entscheidung trotz allem nicht. Immerhin ist sie inzwischen bei einer Agentur und hat in ein paar Kurzfilmen und einer Internetserie mitgespielt. Sie ist wirklich gut. Wenn sich die Gelegenheit ergeben würde, würde sie an eine staatliche Schauspielschule wechseln. "Lieber zahle ich 11000, wechsele und mache dann genau das, was ich will, als dass ich 22000 zahle, einen nichtssagenden Bachelor habe und dann unglücklich bin.", sagt sie. In ihrem Job ist ein Abschluss allerdings auch nicht so wichtig. Sie weiß eben genau, was sie will. Im Gegensatz zu mir.
Samstag Abend war die Geburtstagsfeier eines Kommilitonen. Das erste Mal nach der langen Zeit haben wir uns alle wiedergesehen, bis auf diejenigen, die sowieso nie auftauchen. Trotz der Grüppchenbildung seit der Trennung von L. und Barbie sind viele gekommen. Sav hat sich die Nase operieren lassen. U. hat sich von ihrer Freundin getrennt. Disney und Barbie geben nächste Woche eine Semester-Beginn-Party in ihrer WG. Soweit die Neuigkeiten. Überraschenderweise sind S. und ich nicht die einzigen, die Zweifel an Uni und Studium entwickelt haben. Vielleicht ist das normal, wenn man so lange Ferien hat. Jedenfalls herrschte eine ziemlich deprimierende Stimmung und ich bin nicht lange geblieben. L. und ich hatten den selben Weg, also haben wir uns unterhalten. Wenn das Geld nicht wäre, würde er abbrechen und Sport studieren, sagt er. Dann könnte er immer noch Sportjournalist werden. Leider ist das Geld. Und L. scheinbar sehr unglücklich:
"An der Uni läuft doch so ziemlich alles schief. Obwohl wir so viel Geld bezahlen, haben wir kein Semesterticket und müssen jeden Monat nochmal 78 Euro ausgeben. Dass wir jederzeit Technik ausleihen dürfen, das ist ja wohl ein Witz. Die Kameras sind nie da, weil die Leute von [einer von der Uni produzierten Sendung] immer Vorrang haben. Weißt du, was der Professor [und Vorstand] zu mir gesagt hat? Wenn ich Sie so anschaue, werden Sie es in der Regelstudienzeit nicht schaffen. Als ob er jemals mit mir gesprochen hätte, ich hasse ihn! Außerdem gehören die Rechte an all unseren Projekten, egal ob privat oder nicht, der Uni. Weil sie mit unseren Ideen Geld scheffeln wollen. Das ist doch der einzige Zweck dieser Veranstaltung. Das Studentenwerben hat ja dann den Vogel abgeschossen! [Wir haben in den Ferien ca. fünf Mails bekommen, in denen jedem, der einen Studenten für die Uni wirbt, ein Ipad oder 500€ versprochen wurden]"
Das Gespräch hat mich im Nachhinein doch etwas runtergezogen. Ich dachte, wenn ich wieder mit den ganzen motivierten Leuten zusammen bin, werde ich schon wieder Spaß am Studium haben und die Zweifel vergehen. Zusätzlich gibt es in der WG Probleme, seit Ni aus Australien zurück ist. Eines der ersten Dinge, die sie zu mir sagte, war:
"Wir müssen eine neue Waschmaschine kaufen. Wegen deiner mussten wir die Küche ja so hässlich umstellen."
"Okay... Ich würde aber ungern viel Geld ausgeben für was, das ich schon habe..."
"Ja, meine Eltern kaufen mir die. Teilen ist doch scheiße. Ich bin schließlich Hauptmieterin und wohne hier zwei Jahre, da muss es schon perfekt aussehen und wenn ihr auszieht, ist es besser, wenn dann alles mir gehört. Du kannst deine ja bei ebay Kleinanzeigen verkaufen."
"..."
"Du kannst sie auch erstmal in den Keller stellen, wenns nicht anders geht." Wie großzügig.
Das nächste sagte sie zu Li:
"Die hässlichen Stühle von Lilly können wir eigentlich auch mal in den Keller stellen."
Die Stühle sehen genauso aus, wie ihre, nur dass sie schwarz sind. Wir verwenden sie auch nur, wenn wir Gäste haben als zusätzliche Sitzgelegenheiten. Dann macht sie jeden Morgen um 10 Uhr laute Musik an, auch wenn sie weiß, dass ich lange unterwegs war. So habe ich teilweise nur drei Stunden schlafen können. Man hört durch die Wand leider jedes Wort und so musste ich notgedrungen hören, wie sie sagte: "Das mit Lilly, ja, das ist so ne Sache..." Und dann Flüstern. Einmal saßen wir in der Küche und sie hat die Uhr gesehen, die Tilla mir zum Geburtstag aus einer Schallplatte gebastelt hatte: "Boah, ist die hässlich. Tu die mal in den Keller."
Vielleicht habe ich eine etwas übertriebene Sicht, aber... Ich kann auch gleich in den Keller ziehen, wenn alles, was mir gehört, so entsetzlich ist!! Aber natürlich in meiner Abwesenheit jederzeit Klavier spielen dürfen wollen. Ich weiß, ich sollte mit ihr reden. Ich hab aber momentan keine Lust dazu. Wenigstens verstehe ich mich weiterhin gut mit Li, auch wenn die beiden jetzt einen auf Beste Freundinnen machen. Mich stört das nicht weiter, weil ich eben meinen Freiraum brauche und gern mal meine Ruhe habe. Doch im Moment fühle ich mich in meiner eigenen Wohnung unerwünscht und das muss ich mir echt nicht geben.
So ist heute alles auf mich hereingestürzt und der Damm, der meine Tränen zurückhalten sollte, gebrochen. Auf der Suche nach weiterem tagebuchähnlichem Kram habe ich Briefe von meinen Eltern gefunden, die auch nicht gerade erfreulich waren. Aber auch die süßen Kinderzeichnungen, die ich während meines Praktikums in der Grundschule geschenkt bekommen habe.
Während ich so depressiv herumgehangen habe, dachte ich mir irgendwann, ich sollte mir etwas Gutes tun, damit ich morgen nicht ganz so unentspannt wirke. Ich habe mich mit einer Tasse Kaffe in mein Bett gekuschelt, die bunte Lichterkette, die um mein Klavier drapiert ist, zum Leuchten gebracht, Kerzen angezündet und höre Chopin. Zumindest versuche ich, etwas zu hören, aber das Internet ist in meinem Zimmer ja so schlecht, dass es ständig stockt, und in der Küche ist es kalt und ungemütlich. Ich versuche trotzdem nicht auszurasten und die Nacht gut zu überstehen. Ich bin zwar müde, werde aber nicht schlafen, denn ich würde es niemals schaffen, morgen früh aufzustehen.
Jetzt werde ich mir noch einen Kaffee kochen und vielleicht etwas lesen oder so.
Eigentlich wollte ich mal wieder Fotos machen, aber mein Handy spinnt und die Qualität von dem Ding lässt ebenfalls zu wünschen übrig.
Ich hoffe, ihr könnt euch heute Abend auch was gutes tun. Bleibt stark. ♥


Mittwoch, 8. Oktober 2014

Irrglaube Traumberuf

Vielleicht hätte ich mich vor einem Jahr für Soziale Arbeit einschreiben sollen. Ich weiß, man verdient einen Scheißdreck in dem Beruf. Aber ich hätte ihn bestimmt gern gemacht.
In der elften Klasse hab ich mal ein Praktikum in einer Grundschule für sozial benachteiligte Kinder gemacht. Die hatten diesen alternativen Unterrichtsstil mit individuellen Aufgaben und so. Ich hätte nur sechs Stunden da sein müssen, bin aber immer bis nachmittags geblieben, wenn die Kinder aus dem Hort abgeholt wurden. Es hat mir Spaß gemacht, Matheaufgaben zu erklären, Essensaufsicht zu sein und mir die angesagtesten Scoubidouflechtvarianten beibringen zu lassen. Die ganze Zeit hingen mir winzige Erstklässlerinnen an den Händen. Ich hab sogar den Störenfried in den Griff bekommen und am Ende wollten sie mich gar nicht wieder gehen lassen.
Als ich mir dann überlegt habe, was ich nach der Schule machen will, kam mir das alles irgendwie zu einfach vor, zu normal. Alle Mädchen in meiner Abschlussklasse wollten Lehrerinnen werden. Ich hab sie mir in zwanzig Jahren vorgestellt, mit geblümtem Kleidchen, Dutt, dicker Brille, und zwei Kindern, die ihrer Mutter jeden Tag im Schulflur begegnen müssen. Nein, das wäre nichts für mich. Nichts für immer. Und was Soziale Arbeit angeht, habe ich im Heim einige frustrierte Vollidioten kennenlernen dürfen, die Spaß daran hatten, frustrierte Jugendliche wie kleine Kinder zu behandeln und sie grundlos mit Ausgangsverbot und zusätzlichem Putzdienst zu bestrafen, statt sie auf das Leben im eigenen Wohnraum vorzubereiten.
Die Beraterin (ich muss mir einen anderen Namen ausdenken) hat mir gestern so eine E-Mail ausgedruckt, in der eine Kinderbetreuung für eine andere Beratungsstelle oder sowas gesucht wird. Zehn Euro die Stunde. Ich hab natürlich sofort abgelehnt. Den Zettel wollte ich trotzdem einstecken, aber sie hat dann ein Stück davon abgerissen, um den neuen Termin aufzuschreiben, und ihn mir nicht wiedergegeben. Ich würde mich sowieso niemals dort melden, aber irgendwie wollte ich diesen Zettel haben, so von wegen jemand würde mir zutrauen, da zu arbeiten.
Es müsste ja nicht unbedingt mit Kindern sein. Nur finde ich beispielsweise die Arbeit der Beraterin wesentlich sinnvoller als das, was ich in meinem Studium mache. Der Studiengang heißt TV-Producer/Journalist. Ich lerne, wie man einen Film  macht. Der journalistische Anteil ist ein Witz. Ganze zwei Wochen in zwei Semestern waren ihm gewidmet. Und mir fehlen auch einfach Inhalte. Klar ist das Studium eher auf Praxis ausgerichtet. Aber wenn ich keine Ahnung von der Welt habe, kann ich auch keinen tiefgründigen Film drehen. Gut, man kann sich das auch alles anlesen. Ich weiß nur nicht, wo ich anfangen soll, wenn ich nicht mal einen kleinen Denkanstoß bekomme.
Ich glaube, der Producer ist nur dazu da, um dafür zu sorgen, dass ein Film möglichst kostengünstig und wenig aufwändig ist und trotzdem möglichst viel Geld in seine Tasche bringt. Toll. Und für wen genau soll dieser Job jetzt gut sein, außer für anzugtragende geldgeile Säcke?!
Im Kurs Personalmanagement haben wir festgestellt, dass die wenigsten von uns wussten, was der Producer eigentlich macht. Das spricht für sich, oder?
Ich ärgere mich einfach nur schwarz darüber, dass ich so dumm und naiv war und mich nicht ausreichend informiert habe. Weil dieses "Studium" aber so verdammt viel Geld kostet, muss ich da wohl jetzt durch und sehen, dass ich mir danach irgendwie meinen Lebensunterhalt verdiene.
Tut mir leid, wenn dieser Post hier nicht so ganz hin passt, aber ich muss einfach mal Dampf ablassen.

Samstag, 4. Oktober 2014

Ertiefgründet

Ich hocke mich auf die Arbeitsfläche neben der Herdplatte und hoffe, dass niemand kommt. Ich sitz da gerne, weil es in der Kindheit verboten war.
Meine Nächte sind noch immer von Schuldgefühlen zerfressen. Gestern war ich mit S. in so einer Clubbar mit diesen grauen alten abgewetzten Sofas und Sesseln, in denen man so schön versinken kann. Sie nehmen dort nur drei Euro Eintritt, aber dieses Mal waren es irgendwie fünf. S. hat Geburtstag. Eigentlich wollte sie nicht feiern, aber dann hat sie mich doch spontan gefragt, ob ich mit ihr dahin gehe. Ich hab einfach so eine kleine Flasche Jägermeister in rosa Geschenkpapier mit goldener Schleife eingepackt, die ich noch rumstehen hatte. Ich konnte ja nicht mit leeren Händen hingehen und sie hat sich sogar ehrlich gefreut, obwohl mir das irgendwie peinlich war. Wir haben nichts getrunken und einfach die Menschen um uns herum beobachtet. Die sind da immer ganz unterschiedlich. Viele ältere Leute, aber auch welche in unserem Alter. 1,80 große Barbies mit vorstehenden Rippen und bauchfreien Tops. Schicke Anzugträger. Menschen mit vielen Tattoos und Piercings. Hipster. Hippies. Alles, was man sich so vorstellen kann.
So könnte es immer sein. Gestern Nachmittag war Sunny bei mir und wir haben Eis gegessen, im Gras gesessen, Fotos angeschaut. Ich brauche nicht immer dieses ganze Weggehen und Auftakeln und all die oberflächlichen Unterhaltungen, die damit zusammenhängen. Ich könnte jeden Tag mit einem tollen Menschen in der Küche sitzen, Tee trinken und tiefgründige Gespräche führen. Aber so funktioniert das Leben scheinbar nicht. S. langweilt sich irgendwann und wir gehen in die untere Etage und setzen uns auf die Schaukel. Keine fünf Minuten später werden wir von zwei Typen mit Getränken versorgt. Eigentlich sind sie ganz witzig. Der eine kommt aus Griechenland, der andere aus Lybien und sie erzählen uns, wie langweilig sie Berlin im Gegensatz zu ihren Heimatländern finden. Doch am Ende versucht der Grieche mir seine Zunge in den Mund zu schieben, weil er denkt, ich sei bekifft genug, um ihm gefügig zu sein, und ich muss wieder einmal die Flucht ergreifen.
Als S. und ich noch auf den grauen alten abgewetzten Polstermöbeln saßen, haben wir festgestellt, dass es fast unmöglich ist, beim Ausgehen Menschen kennenzulernen. S. kennt eine Menge Leute, aber nur Männer, die sie in irgendeinem Club angegraben haben. Sie vermisst Mädchenabende. Mich nervt es, dass man sich nachts überall wie eine billige Ware fühlen muss. Von allen Seiten kommen Männer und spucken einem Schmutzigkeiten in die Ohren. Ist doch so. Und diese Art von Männern ist der Meinung, dass sie dir einfach mal ihre Hand auf den Hintern legen oder deine Haare anfassen darf.
Ich habe nur drei Stunden geschlafen und seitdem denke ich über solche Sachen nach. Vielleicht hab ich auch einfach nur das Pech, dass ständig jemand meint, mich belästigen zu müssen, selbst wenn ich mit gar keinem reden will. Ich habe überhaupt keine Lust mehr, irgendwo hinzugehen. Den Rest des Wochenendes werde ich mit Büchern, Klavierspielen und Nachdenken verbringen. Eigentlich ist Nachdenken nicht so gut, aber ich kann gerade nicht damit aufhören. Das bringt mich schon wieder zu enormen Selbstzweifeln. Zweifeln an meinem Leben. Zweifeln an der ganzen Welt. Geht es nicht immer nur um Geld, Macht und Sex? Das sind Dinge, die mir Angst machen. Ich passe nicht in diese Welt. Ich bin ein Alien.
Vielleicht, weil ich regelmäßig den Halt verliere. Jedes Mal, wenn ich den Drang habe, etwas Selbstschädigendes zu tun, ist mein erster Gedanke: Ich sollte das nicht tun. Und der zweite: Warum sollte ich das nicht tun? Auf diese Frage fällt mir zu oft keine Antwort ein. Erst hab ich gedacht, wenn es sowieso niemand sieht, dann kann ich es ja auch lassen. Wenn es aber sowieso niemanden juckt, dann kann ich es doch auch machen. Mein Verstand ist noch so weit beisammen, dass ich es  trotzdem lasse. Aber es ist so egal irgendwie. Eigentlich sollte man für sich selber leben und kämpfen und schuften. Aber ich hasse mich, wie kann ich mir also etwas Gutes tun? Oder es liegt einfach nur daran, dass Menschen keine Einzelgänger sind. Ich zumindest nicht. Ich wünsche mir nur einen winzigen Funken Beständigkeit. Und ich glaube, diese Beständigkeit kann ein Mensch sein, also vielleicht ist für andere die Familie ihre Beständigkeit, ich weiß es nicht. Ich sehne mich nach etwas, das ich nicht haben kann. Befinde ich mich jetzt im freien Fall? Ich hab kein Geld, bin unzufrieden mit meinem Leben und meinem Studium, will vielleicht doch keine Journalistin werden und weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Ich wünschte, es könnte mich jemand an die Hand nehmen und mir den Weg zeigen. Blöderweise bin ich erwachsen und hab meine Kindheit verpasst. Da, wo man mir vielleicht hätte beibringen können, wie leben funktioniert, war leider niemand. Sicher macht es keinen Sinn, dem nachzutrauern. Kann man denn trotzdem ein erfülltes und schönes Leben haben? Ich hätte so gern Vorbilder, Menschen, die es geschafft haben. Ich würd gern wissen, wie das geht. Will machen und nicht immer nur wollen.
Meine größte Angst ist, eines Tages so zu werden wie meine Mutter. Ich will nicht irgendwann so bitter und unzufrieden und bösartig und manipulativ sein. Ich will Menschen nicht in Untermensch und Wertmensch einteilen, ich will mich nicht immer für etwas Besseres halten, mich nicht über alles und jeden erheben, ich will nicht mit meiner Vergangenheit mein Fehlverhalten entschuldigen, ich will bitte bitte niemals so werden wie sie. Ich schäme mich dafür, dass ich sie so beschreibe, aber sie ist so. Sicher ist sie ganz tief im Inneren bloß traurig. Aber bei mir kommt das nicht an. Bei mir kommt nur ihr Hass an. Dieser grenzenlose Hass, den sie mir entgegenbringt. Und manchmal eben die Gleichgültigkeit. Das sind die zwei Seiten, die sie mir gezeigt hat. Entweder tut sie mir weh oder sie tut so, als wäre ich gar nicht da.
Gut. Ich denke, mein Gedankenerguss ist ausgegossen. Vielleicht haltet ihr mich ja nicht für völlig durchgeknallt. Bleibt so stark. ♥