Mittwoch, 28. August 2019

Akademikerfamilie? Dann kann es nicht so schlimm sein!

„Das ist jetzt nicht gerade tröstlich, aber es gibt auch Statistiken dazu, dass Leute aus privilegierteren Familien, auch bei viel krasseren als deiner, weniger Unterstützung bekommen, weil sie nicht ernst genommen werden. Wo dann gesagt wird, ach, den kenn ich aus dem Fernsehen, der ist immer so nett, das kann gar nicht sein... Das sieht man ja auch daran, dass du kein elternunabhängiges Bafög bekommen hast. Bei der Durchschnittsfamilie sähe das ganz anders aus.“

Ich schlucke, weil mir Tränen in die Augen steigen. „Ja, oder es wird dann eben aufgewogen mit den materiellen Vorteilen und den Bildungsvorteilen, die man ja auch hat, aber...“ Ich muss mich räuspern. Das Kind hat ja keinen Einfluss darauf, in welche Familie es hinein geboren wird, denke ich. Es wird noch zusätzlich dafür bestraft, dass es „ungewöhnlicherweise“ für seinen Stand schlecht behandelt wird.

Wir haben darüber gesprochen, dass in den Realschulen alle Kinder wussten, dass es eine Notunterkunft gibt, bei der man jederzeit klingeln kann, dort Schulsozialarbeiter*innen angestellt waren und man auch Kinder, die in Wohngruppen lebten, kannte. „Beide Kinder haben eigene Zimmer, die Wohnung ist sauber, die Eltern sind akademisch gebildet, arbeiten Vollzeit, kein Hinweis auf Kindeswohlgefährdung. Da das Kind 16 ist, darf es aber nicht gegen seinen Willen zurückgeführt werden. Gut, dass ich schon 16 war, wer weiß, wie das ausgegangen wäre, wenn ich nach so einer Aktion wieder nach Hause gemusst hätte...“

Ich habe von nichts gelebt, Schulden gemacht, bin fast verzweifelt, habe dennoch mein Studium abgeschlossen und konnte danach meinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Manche haben nicht so viel Glück, nicht ein winziges bisschen Unterstützung, sind zu krank, zu traumatisiert, werden drogenabhängig oder schaffen es aus irgendeinem anderen Grund nicht so weit. Ich bin immer irgendwie nochmal davongekommen. Und doch ist ein von außen gradlinig erscheinendes Leben noch nicht das Ende der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Unsere persönlichen Probleme haben oft strukturelle Hintergründe. Menschen aus Mittel- und Oberschichtfamilien müssen ernstgenommen werden. Und „Hartz-IV-Familien“ dürfen nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Ich hoffe, ich kann irgendwann einen kleinen Teil dazu beitragen.


1 Kommentar:

  1. Danke für deine lieben Worte. Ich weiß noch nicht, ob ich an diesem Arbeitsplatz bleiben kann. Bisher gefällt es mir nicht so sehr und ich sehe mich anderweitig um
    <3

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