Donnerstag, 10. Mai 2018

Das Dilemma der pragmatischen Künstlerin

Meine künstlerischen Ausbrüche sind seltener geworden. Vielleicht, weil meinem Leben Drama und Depression fehlen. Und weil Texten am Fließband den Zugang zum wirklichen Schreiben erschwert. Weil ich zu wenig Literarisches lese. Und weil ich mir zu wenig Zeit nehme, zu klassischer Musik theatralisch durch die Gegend zu tanzen, auf dem Boden zu liegen und nachzudenken, chaotische Skizzen zu zeichnen oder ziellose Entwürfe zu verfassen. Ich weiß auch nicht, ob das gut wäre. Schließlich hat vieles von dem eine traumatische Bedeutung, was ich mit Kunst verbinde. Aber ich kann die Erlebnisse meiner Vergangenheit nicht verdrängen, ohne mich selbst zu vergessen oder zumindest zu verschleiern.

Es blitzt.

Meine jüngste Erkenntnis: Es ist notwendig, Zeiten zu haben, die nicht mit ausführenden Tätigkeiten, mit Handlungen gefüllt sind. Zeiten zum Nachdenken, zum Reflektieren. Ich muss begreifen, dass Nichtstun nicht vertane Zeit ist. Tatsache ist aber auch, dass meine Ruhelosigkeit einer Angst entspringt: Wenn ich nichts tue, könnten sich vor mein inneres Auge unangenehme Erinnerungen schieben, die schlechte Gefühle entstehen lassen, die Drama und Depression zu mir zurückbringen könnten. Stehe ich also vor der Wahl: eine normale Person zu sein, der es gut geht, oder eine Künstlerin, die beständig leidet? Sicher hat mir dieses Dilemma meine Mutter anerzogen.

Es donnert.

Erfolgversprechend ist vermutlich das Modell, das ich lebe: Ich arbeite meinen Zielen entgegen, immer. Auch wenn es zuweilen mehr Ziele sind als in einem Menschenleben erfüllbar. Fortwährend konsumiere ich Inhalte, wenn ich gerade nichts Praktisches tue. Das ist auch wirklich einfach. Klick um Klick starte ich etwas Neues, ohne überlegen zu müssen, was als nächstes kommt. Mein Algorithmus, der mich inzwischen ganz gut kennt, weiß mir immer etwas vorzuschlagen. Ich liebe das Gefühl, wenn sich altes Wissen mit neuem vernetzt, wenn ich Zusammenhänge verstehe und plötzliche Erkenntnisse habe. Doch wie nachhaltig ist das, wenn ich sie nicht ausführlich reflektiere und nie etwas aufschreibe?

Die Vögel zwitschern.

Ich lasse mich leicht ablenken. Das war immer schon so, weil mich zu viel interessiert. Ich lese gerade einen Roman, über dessen Autorin ich ein Referat halten muss, obwohl ich lieber ein Fachbuch über Gender und Wissenschaften weiterlesen würde, aus dem ich eigentlich nur einen Artikel für ein anderes Referat brauchte. Der Roman immerhin hat mich in diesen Zustand versetzt, der im vorliegenden Blogpost mündet. Ich bin auf Seite 39, es ist 20 Uhr und ich habe etwas geschaffen, das weder geplant war, noch einem meiner pragmatischen Ziele näher kommt. Doch ich bin froh und fühle mich frei, nur im Hintergrund der Hauch eines schlechten Gewissens. Ob ich eines Tages so unabhängig sein werde, dass ich mich auf dem Fluss meiner Gedanken, Ideen und Interessen treiben lassen kann, obwohl sie so gerne und schnell die Richtung ändern?


1 Kommentar:

  1. Ich schicke dir ganz viel Liebe! Und freue mich, dass du weiterhin gebloggt hast. Ich bin froh, wieder hier zu sein und deine Seite gefunden zu haben. Ich bin gespannt auf alles, was ich nachholen kann und wünsche dir alles erdenklich Liebe auf deinem Weg.

    (ehemalige lajeunefilletimide)
    <3

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