Samstag, 7. April 2018

Achtsamkeitsübung

Seit fast zwei Stunden sitze ich im Park an einen Baum gelehnt in der Sonne bei 20 °C. Wenn man so viele Dinge machen will, aber die Zeit zu kurz ist, zu viele Punkte auf der Liste stehen für einen Tag, die Technik streikt und die Überforderung in unproduktiver, ungeduldiger Unfähigkeit mündet, dann ist es vielleicht besser, alles stehen und liegen zu lassen und weg zu gehen.

Hier sitze ich nun und lese über die Zukunft, mit der ich mich sowieso gerade viel beschäftige. Das, worüber ich zur Zeit meistens nachdenke, ist entweder noch nicht oder ist virtuell. Nicht nur die Beziehung und das Zusammengehörigkeitsgefühl von Geist und Körper sind bei mir, wie wir schon lange wissen, gestört. Auch die Verbindung zwischen mir und der Welt. Zwischen meinem Bewusstsein und der Welt. Manchmal tritt die Welt um mich rum in den Hintergrund und ich vergesse, dass da noch mehr ist als meine Innenwelt, meine Gedanken, das, was ich über den Bildschirm oder von bedruckten Seiten her aufnehme. Mehr als virtuelle Wahrnehmung mit Augen und Ohren, mehr als Informationen aufnehmen, verarbeiten und schriftlich reproduzieren. Dass es noch mehr Sinne gibt, wie Riechen und Tasten, das Wahrnehmen von Sonne im Gesicht, Wind, der durch die Haare weht, einem kalten Luftzug im Nacken, Regentropfen auf der Haut.

Mit Neva kann ich das am besten: mich auf die Welt um mich herum konzentrieren.

Heute sind viele hübsche Käfer unterwegs. Einer setzt sich auf mein Knie und ich belasse ihn dort. Er ist kupferfarben, Panzer und Beine. Die weißen Punkte oder Striche sind wie zufällig mit einem Pinsel aufgemalt ‒ und doch perfekt symmetrisch. Er scheint sich zu putzen, läuft ein wenig umher und setzt sich dann. Die Füße zieht er unter den Körper. Ob er sich auch sonnt?

Ich denke so darüber nach, ob ich den Kontakt zur Welt, zur Natur verloren habe. Und ich fasse das Gras an. Streichele es und zupfe an den Halmen, wie ich es auch an meinen Haaren tun würde. Dann zerkrümele ich Erde zwischen meinen Fingern. Ich nehme ein Stöckchen und male Muster in den Boden, so wie ich es als Kind gemacht habe. Als ich den Blick wieder in mein Buch richte, fällt mir die Struktur des Papiers auf. Das sind nicht einfach schwarze Buchstaben auf makellosem weißem Grund. Die Seiten sehen aus wie Raufasertapete. Hinter der leisen Musik in meinen Ohren höre ich Vögel zwitschern, Menschen reden, Hunde ihrem Stöckchen nachrennen. Und den Ghettoblaster ‒ beziehungsweise Bluetoothlautsprecher ‒ der vom Hang her tönt. Mit einem Stück Baumrinde schaufele ich Erdkrümel, um sie gleich wieder fallen zu lassen. Mein Hintern tut weh und es wird langsam kühl. Ich sitze jetzt im Schatten. Ich möchte nicht weg von hier. Soll ich umziehen auf einen Sonnenfleck? Oder einkaufen und nach Hause gehen, um mich noch einem Teil meiner Aufgaben zu widmen?

Ich genieße die Kreativität und den Ideenreichtum, die meine Gedanken fluten. Wir müssen unseren Geist ab und an schweifen lassen. Ihm erlauben, ganz frei zu sein. Ohne Erwartungen und Aufgaben, Probleme, die es zu lösen gilt. Einfach so in den Tag hineindenken. Nur so entsteht Neues ‒ und Kunst.

1 Kommentar:

  1. erstmal möchte ich mich für die sehr späte antwort entschuldigen. ich bin nicht mehr wirklich oft hier auf dieser seit.
    natürlich darfst du fragen. ich bin wieder näher zu meiner naturhaarfarbe zurück gekehrt und hab meine haare in orange und rot gefärbt. ich hoffe du hattes gute erste studienwochen. in welchen studiengang hast du denn gewechselt? ja das stimmt, wahrscheinlich sind die anforderungen an ein neuanfang einfach zu hoch. deswegen sehe ich das neue semester einfach auch als einen neuanfang.

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