Sonntag, 27. August 2017

Kontrollverlust: menschliche Bedürfnisse vs. Selbstzerstörung

TW: Selbstzerstörerische Aktivitäten als Thema (im Rückblick, ohne Details)

Wenn du jemandem näher kommst – und damit meine ich "verliebenundsoweiter" –, dieser Person gedanklich, emotional und physisch näher kommst, wirst du dich automatisch auch mit dir selbst beschäftigen. Und so schön die Sache an sich sein kann, für Menschen mit Missbrauchserfahrung kann das ein ganz schönes Durcheinander bedeuten. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zwar generell oft kompliziert für eine Person, die sich partiell selbst nicht leiden kann. Es ist aber doch noch einmal eine ganz andere Nummer, jemanden so nah an sich heranzulassen, emotional wie physisch. Letzeres, könnte man meinen, sollte als Frau mit einer Frau weniger schwierig sein als mit einem Mann. Einen Vergleich kann ich persönlich da nicht ziehen, aber ich weiß, dass meine Konstellation keineswegs frei von Problemen und Gehirnknoten ist. Letztlich kann der Unterschied, von anatomischen Gegebenheiten einmal abgesehen, nicht so groß sein. In jedem Fall handelt es sich um einen Kontrollverlust, was mich direkt zu den Gedanken und Metaphern führt, die ich heute mit euch teilen möchte: Es geht um den Unterschied zwischen Kontrollverlust durch menschliche Bedürfnisse und Kontrollverlust durch Selbstzerstörung.

Ich habe in meinem Leben schon einige selbstzerstörerische und selbstsabotierende Dinge gemacht – erlebt passt hier vielleicht besser, wenn wir davon ausgehen, dass Selbstzerstörung mit Kontrollverlust einhergeht. Dazu gehört auch, mich in gefährliche Situationen zu begeben, die dazu führen, dass sich schlimme Erlebnisse wiederholen. Das kennen andere Betroffene vermutlich auch; ein sehr unangenehmes, aber leider typisches "Symptom". Diese Art der Selbstsabotage geschieht im Vergleich zu z.B. Selbstverletzungen oder Drogenkonsum ziemlich unbewusst und unter völligem Wegdriften. Einen Menschen, der mir am Herzen liegt, lasse ich natürlich unter ganz anderen Umständen so nah an mich heran. Trotzdem ist der Vorgang ein ähnlicher, wenngleich es einen großen, jedoch mitunter schwer erkennbaren Unterschied gibt, so alles gut geht.

Zwei Marienkäfer nähern sich liebevoll einander an.
Die vorsichtige Annäherung...


Da gibt es den einen Teil in mir und uns allen, den ich den "profanen Menschen" nenne. Das sind die menschlichen Bedürfnisse – denn wir sind (leider?) keine gottgleichen Wesen, die enthaltsam und asketisch leben können, ohne etwas zu brauchen. Wir haben einige Bedürfnisse, die sich nicht oder nur bedingt kontrollieren lassen. Wenn wir aufs Klo müssen und es ist gerade kein stilles Örtchen verfügbar, können wir es noch eine Weile aushalten. Irgendwann aber wird sich unsere Blase entleeren, ob wir nun auf dem Klo sitzen oder nicht. Dasselbe, wenn wir versuchen, die Luft anzuhalten: Irgendwann setzt sich der Körper durch und wir atmen weiter. Auf der anderen Seite gibt es den selbstzerstörerischen Teil. Ab einem bestimmten Punkt verliere ich die Kontrolle über ihn, kann ich mich nicht mehr stoppen, weil der zerstörerische Teil sich durchgesetzt hat, und ich höchstens wie von außen beobachten kann, was geschieht.

Weil beide Teile sich durch Kontrollverlust auszeichnen, lassen sie sich nur schwer voneinander unterscheiden. Der Kontrollverlust des profanen Menschen kann ja durchaus positiv sein, wenn wir jetzt von der physischen Interaktion mit einer geliebten Person sprechen. Der Kontrollverlust durch Selbstzerstörung aber ist äußerst destruktiv. Dabei ist es eher die Angst davor, beide Teile zu verwechseln, die mich umtreibt, als dass dies bislang tatsächlich passiert wäre. Eine andere Ebene ist noch: Wenn ein Mensch mir so nahe steht wie in einer beginnenden Liebesbeziehung, besteht für diesen das Risiko, in die Schusslinie meiner Selbstzerstörung zu geraten. Und weil das vermutlich alles sehr kompliziert und kryptisch klingt, habe ich im Folgenden einen Vergleich für euch, der für viele Leser*innen sicher leichter nachzuvollziehen ist: Meine Metapher ist die Essstörung.

TW: Essstörungen

Eine Essstörung ist ebenfalls ein Mittel der Selbstzerstörung, das ich selbst gut kenne. Und wiederum anders als bei Selbstverletzungen, Drogen oder sonstigem ist es besonders schwierig, sie loszuwerden. Wir können nicht einfach aufhören zu essen, das Mittel der Selbstzerstörung wegsperren und uns mit anderen Dingen beschäftigen. Essen gehört ebenfalls zu den menschlichen Bedürfnissen und geht somit mit Kontrollverlust einher – wie eine Essstörung. Am besten funktioniert der Vergleich mit der bulimischen Essstörung. Wir können Nahrung auf verschiedene Weisen zu uns nehmen: Wir können genießerisch essen. Und wir können selbstzerstörerisch essen – ohne etwas zu schmecken von dem, was wir da in uns hineinschlingen. Vielleicht essen wir dann sogar etwas, das wir eigentlich gerne mögen, aber spätestens, wenn die bulimische Phase überwunden ist, werden wir feststellen, dass wir dieses Nahrungsmittel nicht mehr genießerisch essen können, weil es zu stark mit der Erinnerung an die eigene Selbstzerstörung verbunden ist. Das ist Verschwendung – genauso, wie der Rückwärtsgang: Nachdem wir unsere Lebensmittel schon so achtlos und zerstörungswütig hinuntergeschlungen haben, kotzen wir sie auch noch wieder aus. Wir verschwenden Essen. Nicht vegan lebende Bulimiker*innen lassen andere Lebewesen umsonst leiden oder sterben. Wir zerstören die Umwelt. Im übertragenen Sinne zerstören, oder zumindest stören wir mit unserem Verhalten vielleicht die Welt eines anderen Menschen.

Ende der TW Essstörungen

Liebe ist auch ein Lebensmittel. Deshalb sollten wir achtsam mit ihr umgehen. Ich habe auch nicht die Absicht, etwas anderes zu tun. Aber der beschriebene selbstzerstörerische Kontrollverlust steht mir dabei manchmal im Weg. Das ist ja auch ein ungewohntes Gefühl und meine partielle Kratzbürstigkeit (wir nennen das auch "ein Kugelfisch sein") ist vielleicht Ausdruck meines verinnerlichten Misstrauens, das vermutlich aus meinen frühkindlichen Erfahrungen und dem fehlenden Urvertrauen resultiert. Eines sollten wir trotz aller logisch begründbaren Ursachen für unser Verhalten jedoch nicht vergessen: Sobald unsere Selbstzerstörung auf andere Personen übergreift, stören wir nicht mehr nur uns selbst, sondern auch unsere Umwelt. Und an dieser Grenze endet unsere Freiheit, mit uns selbst zu tun, was wir wollen, wenn wir nämlich die Freiheit derer einschränken, die gerne nicht zerstört werden möchten.

Die Beine eines Menschen  mit rosa Turnschuhen laufen dem Sonnenuntergang entgegen.
Auf dem Weg zur Achtsamkeit.


Jeder Mensch tut anderen, vielleicht sogar geliebten Menschen manchmal weh; schließlich sind wir keine Maschinen. Gut ist, wenn wir das auch merken – oder uns andere Menschen ehrlich darauf aufmerksam machen. Wer in seiner eigenen Selbstzerstörungswut nicht mehr klar sehen kann, braucht so einen Hinweis zuweilen. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich die Erziehung eines cholerischen Vaters und einer narzisstischen Mutter genossen habe und Teile davon ziemlich fest in mir verankert sind. Auf Dauer bringt es aber nichts, sich über dieses Schicksal zu beschweren, sondern hilft nichts besser, als damit umgehen zu lernen – für meine Umwelt und für mich selbst, denn letztlich fällt die Störung meines Umfeldes auch auf mich zurück. Ändern kann ich meine Vergangenheit nicht und sie wird für immer ein Teil von mir sein. Aber mein zukünftiges Sein ist nicht vorherbestimmt. Ich habe sehr wohl die Möglichkeit und das Potenzial, ein erfülltes Leben zu führen und gesunde Beziehungen zu pflegen. Viele gute Wege habe ich schon eingeschlagen. Ich habe auf meine eigenen Wünsche hin meine Vollzeitstelle gekündigt, mich für einen Masterstudiengang eingeschrieben und kann dank der baldigen Aufnahme einer Werkstudententätigkeit im bisherigen Unternehmen weiterhin meinen Unterhalt finanzieren. Manchmal helfen mir Menschen dabei, meine Pläne zu realisieren. Die Gestaltung meines Lebens aber übernehme, im Rahmen der gesellschaftlichen Möglichkeiten, ich selbst. Ein Ziel wie dieses zu erreichen, ist keine Kleinigkeit.

Was ich mit diesem Post sagen will, ist: Manchmal sieht das Leben eines Menschen, der von ähnlichen Dingen betroffen ist wie ihr, von außen betrachtet so aus, als würde es sehr gut funktionieren. Das wirkt dann schnell so, als hätte diese Person eine plötzliche "Heilung" oder das Erreichen von "Glück" genossen. So einfach ist das aber nicht. Unsere Vergangenheit, unsere schlimmen Erfahrungen und vielleicht auch unsere gegenwärtigen Erlebnisse werden immer Teil von uns bleiben. Und wir werden uns im Laufe unseres Lebens immer wieder neu mit ihnen auseinandersetzen. Niemand kann in der Zeit zurück reisen und alles rückgängig machen. Was wir aber können ist: akzeptieren, wie wir sind. Auf dieser Basis kann ich lernen, achtsam zu sein und mit mir und meiner Umwelt so umzugehen, wie ich es gerne möchte.

mit den Händen geformtes Herz im Gegenlicht

Kommentare:

  1. Das ist eine schöne Geste gewesen. Auch einfach noch... dass du noch da bist und uns noch etwas verbindet. Wir schreiben ja nun auch schon so lange miteinander :')

    Manchmal ist schlichtweg "sein" auch schon ... zu viel. Ich weiß gar nicht, ob ich da auch noch ans werden denken kann.

    Glitzer ist immer toll, wir bräuchten ein paar Tonnen am Tag...

    Ich lese deinen Post, wenn ich Trigger besser aufnehmen kann, ja?

    Pass auf dich auf, Glitzerfee <3

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  2. Ich schaffe es leider nur, dein Fazit zu lesen :/
    Aber das gefällt mir sehr gut. Du bringst das gut auf den Punkt, was es heißt, das Leben so organisieren zu müssen, trotz allem.
    Hast du dann und wann das Gefühl, dass du nicht so gesehen wirst, wie du bist und Erwartungen erfüllen sollst, die ... Nicht passen? Das würde mich mal interessieren (und entschuldige, falls dir das zu aufdringlich ist :D)

    Glitzer ♡

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  3. Liebes,
    Du hast mit deinem Post tatsächlich etwas in mir ausgelöst. Ich habe mich mit genau diesen Dingen beinahe 3 Jahre lang intensiv beschäftigen müssen, um jetzt endlich sagen zu können, dass ich auf dem “guten Weg“ bin. Beziehungen sind wahnsinnig anstrengend, wenn man konstant mit sich und der Vergangenheit zu kämpfen hat. Ich denke, wenn man wirklich erkennt, was mit einem und um einen geschieht,kann man irgendwie besser/anders darauf reagieren,als bisher. Schlimmer wird es natürlich, wenn bestimmte Muster so sehr eingebrannt sind, dass man nicht mal mehr erkennen kann, was Realität ist und was nicht. Ich führe zum ersten Mal eine Beziehung, bei der ich mich von A bis Z wohl fühle und bemerke trotzdem,dass ich manchmal Gründe SUCHE, um zu sabotieren. Und meistens legt es sich wieder, zum Glück. Ich hoffe so sehr darauf, eine Sicherheit zu verspüren,das alles gut gehen wird,egal was ist... Aber man muss sicj selbst auch immer wieder sagen, dass vieles bei einem selbst beginnt - im Kopf. Die Psyche erstaunt mich immer wieder aufs Neue.. Und all die Verknüpfungen... Danke, dass ich an deinen Gedanken teilhaben durfte. Ich hoffe, es geht dir weitesgehend gut!
    <3

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  4. oh man. hab natürlich direkt vergessen zu antworten (sowas passiert eben, wenn man dinge nicht direkt macht..) leider wäscht sich rot immer so schnell aus :/ außerdem kann ich mich nicht entscheiden ob ich zu meinem natürlichen rot zurück möchte oder dieses knallige rot haben möchte.
    ich wünsche dir viel glück in deinem weiteren studium, ich hoffe es wird dir gefallen! und, dass auch wenn in deinem Leben viel los ist es immer weiter in die gute richtung geht.:*
    danke. ♥ ja genau, ich studiere chemie. bisher zumindest noch. ich meine ich mag's. (die leute sowieso) nur habe ich das gefühl ich bin zu 'dumm' für dieses studium bzw habe nicht die lerntechnik die man dafür braucht.

    was deinen post angeht: wie jedes mal, wenn ich einen deiner posts lese, berührt der mich. du kannst einfach viele dinge aufschreiben, die mir im kopf rumgeistern, aber nicht mal da wirklich in worte zu fassen sind.

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  5. Hey <3
    Ja, ich hab versucht, es zu lesen, aber das ging gar nicht gut :/
    ooooh verstehe hm ja ... irgendwie ... hilft das. Ich fühle mich genauso wenig irgendwo zugehörig und oft werden Erwartungen an mich gestellt (wie jetzt du bist IMMER NOCH krank?!?! oder ähnlich Schlaues ._.) Ich hab den idealen Umgang damit noch nicht gefunden und pendele wie du ein bisschen in Extremen (mal hier zu wenig für die, mal da zu viel für die ... ) Danke in jedem Fall für deine Antwort, du kannst dich da auch gerne so viel drüber auslassen wie du magst (;

    Ja und irgendwie versage ich dabei xD

    Ooooh Danke :')
    An dich auch ganz viel zurück!!!

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  6. Holla (:
    Ja trotzdem :(
    Oh das verstehe ich :S Musstest du das schon öfter?
    Oh Gott, ja, das klingt nach ... totalem Horror ... ._. Adoption finde ich eine schöne Idee... hast du schon mal mehr darüber nachgedacht, oder ist das mehr ein "wenn dann eventuell"?

    Oh oh ne also ich glaube, das hast du missverstanden :o Ich kann mir gerade ... nichts vorstellen, weißt du? Ich sehe mich nirgendwo. Das ist der Punkt gewesen. Ich äh ich lese seeeeeeeehr viel, ich glaube, das ist schon bibliomanisch, ich lerne Sprachen, mich interessiert Geschichte, Kunst, Mythologie, Psychologie, ich hab viele Ordner dazu angelegt ^^, bin in Museen uuuund ich mache mal einen Punkt, das klingt schon so ... adeitidei schau mal her xD Lernen und bilden ist nur nicht das Thema und auch nicht das Bedürfnis, dass ich etwas tun möchte, sondern eher... dass ich mir nicht vorstellen kann, normal ... da zu sein, reden, Menschen, Anleitung befolgen ... und dann ... festgelegt ... auf ... A. Weißt du, was ich meine? Danke trotzdem für deine Worte ♥ Das war sehr lieb von dir :')

    Oh ja, das war bei mir auch sehr... still. Total viele Blogs sind im letzten Jahr von der Bildfläche verschwunden. Das war früher irgendwie anders... ._.

    Ooooh ja gerne, ich umarme zurück :3

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