Dienstag, 6. Juni 2017

Eine Welt

Plötzlich habe ich die Gelegenheit, Zutritt zu einer der anderen Welten zu erhalten. Es erfordert viel Mut und etwas Eigeninitiative. Und dann stehe ich in der Küche dieser queeren WG, die mich an ein Mosaik aus schönen Scherben erinnert, und backe Soli-Kuchen. Ich lerne alle sieben Mitbewohner*innen meiner Trickfilmkollegin kennen, von der ich dachte, sie könnte mich nicht leiden. Aber so ist das wohl mit sympathischen Menschen: Da ist die Angst, die Befürchtung und die Erwartung, dass sie mich schrecklich finden und wir uns so niemals auch nur ansatzweise anfreunden werden. Wann immer ich das Gefühl habe, ich sollte mich auf den Weg machen, schlägt sie etwas neues vor – auf dem Balkon in der Sonne sitzen, Nudelsalat essen, lesbische Webserien schauen. Am Ende bin ich über zwölf Stunden dort und uns geht kein einziges Mal der Gesprächsstoff aus. Wir sprechen über unsere mutterkomplexischen Schwärmereien für Lehrerinnen, über die Welten, in denen wir uns beweg(t)en, über schlimme Erlebnisse und Empowerment. Und wir lachen viel über die Sinnlosigkeit mancher Dinge, die Menschen miteinander tun.

Aber dieser Tag ist nicht nur entspannend, sondern eigentlich sogar ziemlich anstrengend. Ich dachte, ich würde mich inzwischen ganz gut auskennen in dieser kleinen Welt. Aber das ist falsch, ich habe keine Ahnung von dieser Welt. Da reicht auch all die angelesene Theorie nicht aus. Es ist, als würde ich in einer Parallelwelt leben. Ich kenne keinen einzigen der Orte, an den sie und ihre Mitbewohner*innen gehen, obwohl ich mich in den entsprechenden Gegenden bisher auszukennen glaubte. Und auf dem Klo hängen "Nein heißt Nein"-Poster und in der Küche eine Girlande aus politischen Flyern. Ich fühle mich immer noch zwischen den Welten. So dankbar ich für diesen Einblick bin – lieber wäre mir Eine Welt, in der wir alle einfach sein könnten.

Einen Tag später befinde ich mich zum ersten Mal wissentlich in einer "Homo-Bar". Etwas, wogegen ich mich bislang immer gesträubt habe... – Warum mir wohl schon viele Orte und Menschen entgangen sind? Ich glaube, ich weiß es: Purer Selbsthass. Ich wünschte, ich könnte sie einfach wegmachen, die Überzeugungen, die meine beschissene Erziehung in mich eingepflanzt hat. Ich habe gelernt, dass die Menschen, die ich sympathisch finde, und die Menschen, die so sind wie ich oder sonst irgendwie anders, schlecht sind. Natürlich hasse ich mich selbst! Es wäre unlogisch, wenn nicht. Da hilft nur eins: Damit aufzuhören. Das weiß ich schon so lange, und habe es immer noch nicht geschafft. Aber was kann ich anderes tun, als endlich mit mir selbst klarzukommen? Ich kann nicht ändern, wer ich bin und ich kann auch nicht raus aus meiner Haut. Warum also sollte ich mich selbst bekämpfen?

Und morgen muss ich zurück in die große Welt. Zurück zu einem Arbeitskollegen, der mich belästigt, und einem Job, der mich unglücklich macht. In der großen Welt interessiert das niemanden. Da sagen mir andere Frauen, ich solle doch öfter Kleider anziehen, wenn ich dann besser Bewertungen bekäme, während ich vor dem Kleiderschrank stehe und verzweifelt nach dem Unsichtbarkeitsumhang suche. Nein, ich möchte nicht für etwas "gelobt" werden, das ich selbst nicht beeinflussen kann. Aber in der großen Welt interessiert das niemanden.



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