Montag, 17. April 2017

Die Liebe zum Leistungsdruck

Ich sitze hier und mir fällt nichts ein. Meine Kopfschmerzen umranden mein Blickfeld. Der neue "Mix der Woche" auf Spotify ist scheiße. Ich suche nach der Klassik-Playlist aus der Bachelorarbeits-Zeit.

Kreieren.

Content kreieren. Immer mehr Content kreieren, jeden Tag am besten dreimal mindestens Content kreieren. Wen wundert, dass der Kopf schwirrt? Mein Leben ist einfach nicht interessant genug, um drei oder vier Social-Media-Accounts damit zu befüllen. "Das musst Du ja auch nicht" ist keine adäquate Antwort darauf, schließlich sind Online-Medien mein Beruf. Mein Leben muss sich meinen Träumen anpassen - nicht umgekehrt.

Verbissen in meinen Ehrgeiz, der sich in den Umständen gefangen fühlt, sitze ich hier und umkralle die Tischkante. Das geht mir alles nicht schnell genug, dabei rast doch die Zeit. Alle meine elektronischen Geräte geben langsam den Geist auf, das tun sie schon lange, aber ich habe keine Lust, mich mit Notebook-Marken und Preisen zu beschäftigen - ihr kennt ja meinen übervorsichtigen Umgang mit Geld. Noch funktionieren sie zumindest im nervensprengenden Schleichtempo.

Ich war eines dieser Kinder, die von einem "Freizeitangebot" zum nächsten geschickt wurden. Geige, Orchester, Chor, Theater, Malen, Religionsunterricht und Kirchen-Rethorik standen auf dem Programm, wöchentlich wie an Probenwochenenden, und später ging ich auf so eine Schule voller Elite-Wörter und Konkurrenz-Denken. Ich hielt das immer für den positiven Faktor, der den häuslichen Grausamkeiten, die ich erlebte, gegenüber stand. Aber vielleicht hat das Trimmen auf Leistung, Leistung, Leistung auch seine Schäden hinterlassen. Ich kann mir selbst niemals gut genug sein. Bei allem, was ich tue, will ein Teil von mir, dass ich Beste darin bin. Wenn ich nicht die Beste sein kann, brauche ich gar nicht erst anzufangen. Ich hasse dieses Denken. Nicht nur wegen der Arroganz, die es ausdrückt, sondern weil ich nie auch nur zu den Besten gehören werde. Ich war immer nur oberes Mittelfeld. Und das würde mir vielleicht ausreichen, wäre ich nicht dazu erzogen worden, dass "das Beste" gerade einmal gut genug sei - und dass ich das sowieso nie erreichen würde, womit ich als Mensch stets unzureichend und nicht würdig der Wertschätzung war.

Heute kann ich mich noch so sehr für die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschen unabhängig von ihrer Leistung aussprechen - für mich selbst verwende ich weiterhin andere Maßstäbe. Nicht absichtlich, aber unterbewusst, und ich kann es nicht ändern.

Ich will, dass man meinen Namen kennt, aber ich will mich am liebsten verstecken, wenn mich jemand auf meine veröffentlichten Arbeiten anspricht. Ich möchte wegrennen, verschwinden und am liebsten alles löschen, was mit mir zu tun hat. Weil es nicht gut sein kann, wenn es von mir kommt. Ich möchte mein wahres Ich verbergen, weil ich gelernt habe, dass es nichts schrecklicheres gibt als das. Ich muss umlernen. Nichts ist schwieriger. Aber es ist notwendig. Nicht nur für einen Beruf, der davon lebt, nicht nur zu kreieren, sondern Kreationen einem Publikum zu präsentieren. Auch für das eigene Leben und die Zufriedenheit mit sich selbst.

♥♥♥


Kommentare:

  1. Danke für deine Worte <3 Ja, rational gesehen weiß ich auch, dass diese Momente des Selbstzweifels, die ständige Frage nach der Wahrheit und dem "Hab ich vielleicht alles nur erfunden...?" durchaus nichts Ungewöhnliches bei einer PTBS ist - aber mit den rationalen Argumenten geht es mir wie dir mit der Leistung: Bei anderen kann ich problemlos realistische Maßstäbe anlegen, bei mir selbst fällt es mir aber schwer.
    Hm, ist es denn unbedingt notwendig, so viele Social Media Accounts zu befüllen? Selbst Menschen, die davon leben, haben doch häufig nur einen Hauptaccount (z.B. Instagram) und posten vielleicht ab und zu bei Facebook ein Duplikat der Texte/Bilder... und ganz wichtig: Die meisten dieser Menschen haben nicht wirklich ein super aufregendes Leben, sondern a) blähen jede Kleinigkeit wie z.B. eine Shoppingtour zu einem riesigen Post auf und b) benutzen die Hälfte ihrer Posts lediglich als Werbefläche, manchmal sogar ungekennzeichnet. Ich persönlich folge lieber solchen Accounts, die zwar weniger, dafür aber gehaltvollere Einträge veröffentlichen als solchen, die zum x-ten Mal davon schwärmen, wie toll ihre neue Nagellackfarbe von Catrice ist. Eine andere Möglichkeit wäre, ein Stück zurückzutreten vom "eigenen Leben" und sich eher auf Content zu fokussieren, der dich zwar selbst betrifft (daher die Anführungszeichen beim "eigenen Leben"), aber keine Dokumentation deines Alltags ist - beispielsweise kurze Meinungsstatements zu aktuellen Themen egal welches Bereichs, optional mit Anregungen zur Diskussion in der Kommentarsektion, so wie du es hier, wenn ich mich recht erinnere, auch schon ein oder zwei Mal gemacht hast (?)
    Naja, das sind nur so meine Gedanken, ich bin natürlich nicht vom Fach und kann dir nur sagen, was mich als Userin anspricht :)

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  2. Hey Lilly :)
    Irgendwie bleibe ich wohl bei Lilly, ich mag den Namen so sehr :D
    Also, ich habe vom 20. Juli bis zum 27. August frei das ist schon festgelegt, außer, dass ich eventuell schon 2 oder 3 Tage eher frei bekomme, je nachdem, wie viele Überstunden ich bis dahin noch anlege :D
    Also, ich habe also ewig lang Urlaub, und am Anfang falle ich so gerne in mein geliebtes "Sommerloch". Weil ich plötzlich gefühlt nichts mehr zu tun habe. Manchmal kann man die Arbeit auch mit nach Hause nehmen, aber in den Ferien eben so gar nicht... :D also würde ich am liebsten in der Anfangszeit der Ferien, am besten schon in der ersten Woche nach Berlin kommen, vielleicht so ab dem 22. oder 23. und dann 4 Tage oder so. Ich weiß nicht. Ich war noch nie wirklich in Berlin, außer 2 Tage für einen Filmdreh, da habe ich aber quasi gar nichts von Berlin gesehen :D Ich glaube, ich nehme einen Schlafsack mit dann bin ich flexibel, ob ich bei dir aufm Boden penne oder in nem Mehrbett-Hostel-Zimmer. Mal schauen. Vielleicht machen wir erstmal aus, wann wir uns treffen könnten, dann kann ich ja immer noch schauen, was ich mir vorstelle, bzw. wie ich überhaupt ankomme. Bin da ne ziemliche knalltüte :D Aber vielleicht kann ich ja meinen Mitbewohner überreden, seinen Kumpel zu besuchen und mich mitzunehmen :D

    Naja. Erstmal lass ich liebe Grüße da,
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
    LG

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  3. Ja, die Leistungsorientierung. Ich kann es dir nachfühlen... Vielleicht in etwas anderen Dimensionen - weil ich weiß, dass ich nicht so gut funktioniere, wie andere Menschen, und irgendwie abseits davon einen Weg finden muss, aber nicht aufhören kann, mich dafür selbst zu geißeln. Overthinking. Endlos. Diese Form der Erziehung habe ich gleichermaßen "genossen" (ha.ha.), Leistungsorientierung, Elitegymnasium usw., und obwohl ich die meiste Zeit ganz gute Noten hatte, hat mir das ganze vor allem eine ziemlich heftige Selbstwertminderung eingebracht...

    Meine Therapeutin kommt in Sachen andere Maßstäbe übrigens gerne mit folgender paradoxen Intervention um die Ecke: "Was macht Sie so besonders, das für Sie ein anderer Maßstab gilt, als für alle anderen 7 Milliarden Menschen auf dieser Welt?"
    Der Punkt ist ja, das immer irgendjemand "besser" sein wird, schneller ist, quantitativ mehr schafft und so weiter. Es kommt möglicherweise eher darauf an, eine Nische für dich zu finden, in der du dich wohlfühlst - und vielleicht kommt der Content dann von selbst.
    Ich hab deine Kommentare bei Anna gelesen, und 9to5 Großraumbüro wäre für mich auch absolut nicht das Richtige...

    Worüber hast du jetzt eigentlich genau deine BA-Arbeit geschrieben? Würde mich mal interessieren ^^

    Entschuldige, dass ich so lange zum Antworten auf Kommentare brauche. Ich bin gerade echt ziemlich blockiert in jeder Hinsicht, aber ich lese dich immer, Feedreader sei dank ^^

    Der Vermittler war echt richtig schlimm. Anfang 50, Schnurrbart, dicke Goldkette und super herablassend. Ja, ich hab nen überdurchschnittlich guten Abschluss, aber sonst nicht viel. Keine Berufserfahrung, Lücken im Lebenslauf, zu lange studiert, bin wohl nicht fähig, 8 Std. am Tag zu arbeiten (und ganz ehrlich: ich will es gar nicht und muss es in finanzieller Hinsicht auch nicht, eine halbe Stelle wäre völlig ausreichend und absolut okay für mich), ziemlich introvertiert bin ich auch noch. Ich würde mich ja selbst nicht einstellen. Aber ich werde mich wohl erstmal auf ein paar unbezahlte Praktika bewerben, um überhaupt irgendwas zu machen, und dann weitersehen. Allein das Bewerben macht mich schon verrückt.
    Im Moment wünschte ich, ich hätte ganz was anderes studiert. (Ich hatte ein gutes Abi und daher noch ein Dutzend andere Studienplätze sicher.) Die Medienbranche ist echt nicht das Richtige für mich. (Obwohl ich mein Studium sehr gerne mochte.)
    Naja. Genug gejammert ^^

    Ich schicke dir mal eine Umarmung. Und ein bisschen Glitzer <3

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  4. Danke für's Teilen deiner Erfahrungen, das bedeutet so viel... auch wenn ich dir wünschte, du könntest es nicht nachvollziehen. Eine ähnliche Erfahrung mit einer Therapeutin hat eine lebische Freundin von mir auch gemacht - ich finde es einfach unglaublich, respektlos und traurig. Vielleicht müsste man sich, gerade bei dem Thema, immer aufschreiben, wenn man mal eine positive Erfahrung gemacht hat...
    Fühl dich umarmt, wenn du magst <3

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  5. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Liebe Laura,
      jetzt habe ich aus Versehen Deinen Kommentar gelöscht, dabei wollte ich mich eigentlich bedanken für Deine lieben Worte. Nun kann man das nicht mehr rückgängig machen. Naja, ärgerlich, aber gelesen habe ich sie. Wenn auch das Antworten erst so spät gelang. Danke ♥

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