Montag, 13. März 2017

Nein zu Victim Blaming: Dieser Blog ist ein sicherer Ort!

TW: Victim Blaming

Negative Kommentare gehören zum Bloggen einfach dazu. Ich war bislang immer offen für Kritik und habe mir die Zeit genommen, sie zu beantworten, auch wenn das manchmal vielleicht sinnlos wirkt. Nur Spam, eindeutige Beleidigungen und Pro-Ana/Mia-Inhalte habe ich bisher gelöscht. In letzter Zeit habe ich immer wieder Kommentare erhalten, die Victim Blaming enthielten. Weil diese Kommentare weitgehend von der selben Person stammen, haben sie für mich keinen konstruktiven Charakter mehr. Zudem bin ich mir sicher, dass diese Inhalte auf manche Leser*innen triggernd wirken. Ich weiß, dass hier auch viele jüngere Menschen mitlesen und ich möchte nicht, dass irgendjemand hier das Gefühl bekommt, selbst an seinen Erlebnissen schuld zu sein. Dieser Blog soll für alle Leser*innen ein sicherer Ort sein, an dem ein verständnisvoller Austausch möglich ist. Das schließt natürlich alle Menschen ein, die Opfer von Gewalt wurden, sich selbst verletzen oder unter Depressionen, Essstörungen usw. leiden. Deshalb werde ich in Zukunft keine Kommentare mehr veröffentlichen, die mir und anderen ihre Erfahrungen absprechen oder Täter-Opfer-Umkehr betreiben.

Trotzdem möchte ich den Personen, die mir diese Kommentare schreiben, die Chance geben, sich zu informieren und zu äußern. In diesem Post werde ich versuchen, aus meiner Perspektive zu erklären, warum solche Aussagen nicht in Ordnung sind. Um einen Austausch zu ermöglichen, werde ich unter diesem Post auch die Kommentare der Gegenseite freischalten. Deshalb hier noch einmal ausdrücklich eine Triggerwarnung für alle, die sich das nicht antun möchten. Für die Zukunft empfehle ich allen Kritiker*innen, eine E-Mail-Adresse oder sonstige Kontaktmöglichkeit zu hinterlassen, damit wir darüber sprechen können. Die Kommentare werden nämlich leider meist anonym geschrieben, was keine wirkliche Kommunikation ermöglicht.

TW

Der letzte Kommentar und Anlass für diesen Post, den ich bekam, war folgender:

"Warum seid Ihr alle immer nur froh, von Euren Eltern unabhängig zu sein? Haben sie nicht auch ein wenig Dankbarkeit für ihre Unterstützung verdient? Sicher hatten sie es mit Euch auch nicht immer leicht."

Zwei weitere Beispiele aus vergangenen Posts (beide definitiv von der selben Person):

"Gibt es nicht doch einen Weg, sich einander wieder anzunähern? Könntest Du nicht versuchen, zu vergeben?"

"Aber von Opfer und Täter zu sprechen in der Familie klingt doch etwas nach Schwarzmalerei."

Ich kann verstehen, dass es für Menschen, die in einer liebevollen, unterstützenden Familie aufgewachsen sind, schwer nachzuvollziehen ist, dass manche Eltern auch grausam zu ihren Kindern sein können. Allerdings frage ich mich, warum es in deren Erziehung offenbar versäumt wurde, dafür zu sensibilisieren, dass nicht alle Menschen unter den gleichen Bedingungen aufwachsen; auch hier in Deutschland nicht. Von sich auf andere zu schließen, ist einfach, aber nicht immer richtig.

Ich erkläre das gerne so:
Stell Dir vor, Du wirst auf der Straße überfallen und geschlagen, einfach so, vielleicht weil die Täter*innen Dein Bargeld wollen. Oder sei es nur, dass jemand mutwillig Dein Auto zerstört. Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Dich jemand dazu auffordert, dieser Person Dankbarkeit zu zeigen und ihr zu vergeben? Würdest Du Deinem Gegenüber nicht einen Vogel zeigen?

Das ist nicht vergleichbar, sagst Du? Ja, diesen Eindruck kann man gewinnen...
Wenn jemand Dein Auto zerstört, lässt sich das oft beweisen. Niemand würde auf die Idee kommen, dass Du Dein Auto selbst zerstört hast, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Wer würde schon sowas tun?
Wenn ein Mann einen anderen Mann überfällt, ist das krass für den Überfallenen. Die Schuld trägt selbstverständlich der Täter, keine Frage!
Wenn ein Mann eine Frau überfällt, sieht die Sache schon anders aus. Mir ist das passiert. Es war schon dunkel, als ich an diesem Abend allein nach Hause ging. Ein Mann überfiel mich, fasste mich an und bestahl mich. Dann machte er sich zum Glück davon. Als ich einer Freundin davon erzählte, sagte sie mir, dass ich selber schuld sei, wenn ich als Frau allein im Dunkeln nach Hause ginge...

Wer Opfer von Gewalt in der eigenen Familie wurde und darüber offen spricht, darf sich einiges anhören. In Kommentaren wie im Real Life habe ich schon in den unterschiedlichsten Kontexten Victim Blaming erlebt. Die Beispiele oben zeigen es deutlich: "Könntest Du nicht versuchen zu vergeben?", "Sicher hatten sie es mit Euch auch nicht immer leicht." Die Verantwortung wird auf die Kinder übertragen, die in diesem Fall die Opfer sind. Oft habe ich schon den Satz gehört: "Wie konntest Du Deinen Eltern das nur antun?!" Bezogen zum Beispiel darauf, dass ich mit 16 von meinen Eltern aus und in eine Jugendhilfe-Einrichtung einzog, dass ich im Sorgerechts-Verfahren gegen meine Eltern aussagte oder dass ich den Kontakt auf ein Minimum reduziert habe. Ich werde hier als diejenige bezeichnet, die etwas getan hat, statt dass sich jemand die Frage stellt, warum ich in dieser Weise gehandelt habe. Die Ursache für mein Verhalten ist die Gewalt, die ich in meiner Familie erlebt habe, die meine Eltern mir zufügten. NICHTS rechtfertigt diese Gewalt. Auch wenn ein Kind schreit oder frech ist, darf es nicht geschlagen werden! Oft  muss ein Kind jedoch überhaupt nichts falsch gemacht haben, um von seinen prügelnden Eltern ein paar geknallt zu kriegen. Kinder befinden sich, vor allem, solange sie noch klein sind, in einer hilflosen Position, sie sind ihren Eltern ausgeliefert. Das schadet ihnen nicht, wenn sie liebevolle Eltern haben, die sie in ihrem Aufwachsen positiv unterstützen, wohl aber, wenn sie von ihren Schutzbefohlenen Gewalt erfahren. Kinder sind niemals "schuld" daran, dass sie misshandelt werden!!!

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass viele Menschen sich einfach nicht vorstellen können, dass Eltern, die ihre eigenen Kinder unseren gesellschaftlichen Idealen entsprechend ja eigentlich bedingungslos lieben sollten, ihren Nachwuchs so schlecht behandeln. Deshalb schreibt unsere Kommentatorin: "Aber von Opfer und Täter zu sprechen in der Familie klingt doch etwas nach Schwarzmalerei." Deshalb erlebe ich es immer wieder, dass Menschen mir sagen "sowas gibt es nicht, Deine Erlebnisse können nicht stimmen" und mir einfach nicht glauben. Und dann erfolgt die Täter-Opfer-Umkehr: Dann bin ich diejenige, die etwas Schlimmes getan hat, weil ich meinen Eltern etwas vorwerfe, das ja "gar nicht sein kann".

Allen Menschen, die so denken, kann ich nur empfehlen: Macht die Augen auf! Die Welt ist nunmal nicht so schön einfach und schwarz-weiß, wie Du sie gerne hättest. Ja, auch die unglaublich netten Nachbarn, mit denen Du Dich so gut verstehst, könnten Täter sein. Kein Mensch ist nur gut oder nur schlecht. Meine Eltern haben ihre positiven Seiten, so wie ich meine negativen habe. Nichts davon rechtfertigt die Gewalt, die ich erlebt habe. Es ist sogar so, dass bei sexualisierter Gewalt die meisten Täter aus dem persönlichen Umfeld der Opfer stammen - das heißt, sie sind ihre Freund*innen, Partner*innen oder Familienmitglieder. Es ist eine pure Unverschämtheit, zu behaupten, von Opfern und Tätern könne man innerhalb einer Familie nicht sprechen. Je nachdem, wie gefestigt jemand ist, können solche Aussagen extreme Gefühle auslösen. Manche Menschen nehmen sich das Leben, weil ihnen niemand glaubt, sie niemand ernst nimmt oder ihnen jemand die Schuld an dem Erlebten gibt! Also überlegt euch gefälligst, wie ihr - im Real Life UND im Internet - eure Worte wählt und wie sie auf euer Gegenüber wirken können!! Wenn ihr euch mit so einem Thema noch nie auseinander gesetzt habt und uninformiert seid, recherchiert und fragt nach! Aber trefft keine unüberlegten Aussagen zu einem Sachverhalt, von dem ihr überhaupt keine Ahnung habt!

Bitte informiert euch!

Ich bin gerne bereit, mit euch über dieses Thema in den Kommentaren unter diesem Post konstruktiv zu diskutieren. Bitte verzichtet auf Beleidigungen und verletzende Äußerungen. Jeder Kommentar muss von mir freigeschaltet werden. Unter anderen Posts werde ich keine Kommentare mehr veröffentlichen, die Opfern die Schuld an ihren Erlebnissen zuschreiben. Ich hoffe auf euer Verständnis dafür. Danke an alle, die in der Vergangenheit versucht haben, konstruktiv auf die entsprechenden Kommentator*innen einzuwirken, und sich für mich eingesetzt haben. Bleibt stark! ♥

Es ist nie okay, jemandem die Erlebnisse und das Leid abzusprechen!

Kommentare:

  1. Du hast dieses Thema so gut auf den Punkt gebracht, danke dafür! ♥

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  2. Kann mich nur anschließen, ein super Post!!

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  3. Hey Lilly.
    Danke für deinen Kommentar :) Ich gehe jetzt wieder seit Dezember 2015 zu der Therapeutin. Und jetzt war ich Mittwoch wieder da, wir haben über meine Sorgen geredet und auch darüber, was gut war in den letzten 2 Wochen. Und sie hat mich auch beruhigt, dass ich ja meine ganzen Stunden noch habe, dass sich daran ja nichts ändert, wenn wir uns nur noch alle 2 Wochen treffen. Nur dass ich dann quasi einen längeren Zeitraum habe. Es war ja auch meine Entscheidung, die treffen weniger werden zu lassen, und die Sache mit meinem Betreuer hat mich eher als unnötiger to-do-Listen-Punkt belastet. Es war ja auch "nur" eine Internetberatung, aber es tut gut zu wissen, dass da trotzdem jemand ein offenes Ohr für dich hat, wenn du es brauchst.
    Was machst du da eigentlich für eine Beratung? Ich habe dich das noch nie so richtig gefragt... :)
    Ich hoffe, es geht dir gut soweit. Wann fängt denn dein Job an? Falls du es mal geschrieben hast, tut es mir leid, dass ich frage.

    Liebe Grüße,
    Neva

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