Sonntag, 5. März 2017

Meine Doppelrolle als Betroffene und Außenstehende

Ich kann gar nicht gestresst und erschöpft sein, denke ich. Schließlich mache ich gar nichts. Ich muss nicht früh aufstehen, arbeite keine acht Stunden oder mehr am Tag und gehe selten mehr als eine Runde um den Block.

Ich arbeite immer sonntags. Ich hasse Sonntage. Was soll man denn an einem Sonntag machen? Den ganzen Tag nichts tun, gammeln, lesen, Serien schauen? Den ganzen Tag?! Das mache ich höchstens, wenn ich so krank bin, dass ich nicht aus dem Bett kann. Freizeit kann ich nicht.

Nein, ich mache nicht nichts. Ich habe für jeden Tag eine To-Do-Liste und wenn die weniger als fünf Punkte hat, fühlt sich das komisch an. Dann schreibe ich "Nägel lackieren" oder "Haare waschen" dazu. Ich arbeite zwischen drei und fünf mal die Woche. Neben meinem Texten mache ich alle möglichen Mikro-Jobs, zwischendurch, vor dem Schlafengehen, beim Telefonieren. Ich prüfe jeden Tag die Jobportale, versuche es mit vier, fünf Bewerbungen die Woche. Mein zweites Ziel für 2017 habe ich verwirklicht und arbeite jeden Tag daran weiter (es ist das Blog-Projekt). Ich war in München, die Nachtfahrt war furchtbar und mein Professor wohl der schlimmste, den man mit einem LGBT-Thema haben kann. Im Gegensatz zu meinen Kommiliton*innen weiß ich meine Note bis heute nicht, aber aus Gesinnungsgründen wird er mich ja wohl nicht durchfallen lassen können. Ich bin jetzt offiziell keine Studentin mehr. In ein paar Wochen werde ich ein Abschlusszeugnis haben. Und hoffentlich auch einen Job. Ich bin zuversichtlich. Es muss ja nicht gleich ein Traumjob sein.

Nicht alle Menschen denken so. Dass es schon irgendwie weitergeht. Weiter geht es schließlich immer. Die Zeit bleibt nicht stehen. Aber manche Menschen glauben nicht daran, dass es weitergeht, sondern lieber an den Tod, falls das mit der Perfektion nicht klappt. Das tut weh. Und anstrengend ist es auch. Die Rolle der Außenstehenden ist anstrengend, selbst wenn man die der Betroffenen so gut kennt. Sie ist völlig anders. Als Außenstehende bin ich hilf- und machtlos. Als Außenstehende kann ich nur daneben stehen und zuschauen, ich kann etwas sagen, aber ich kann nicht eingreifen. Es ist, als würde ich plötzlich auf der anderen Seite der Glaswand stehen, von der ich mich als Betroffene oft umgeben fühlte. Da hatte ich immer das Gefühl, mitten unter den Menschen zu sein, aber von ihnen nicht gesehen zu werden, ihr Reden und Lachen nur wie durch Watte gedämpft zu hören, zu klopfen und zu ihnen gehen zu wollen, aber das Glas nicht durchdringen zu können. Jetzt stehe ich also auf der anderen Seite. Ich sehe die Person vor mir, aber ich kann sie nicht erreichen, sie ist unendlich weit weg. Ich habe mir an der Wand die Knöchel wund geschlagen und nun muss ich resignieren und feststellen, dass ich von dieser Seite aus das Glas nicht zum Springen bringen kann.

Als Betroffene habe ich die Kontrolle. Ich habe die Macht, mein Befinden zu beeinflussen, so wie mein Leben, meine Einstellung und meine Handlungen. Nicht immer habe ich als Betroffene auch die Kraft dazu. Manchmal gerate ich außer Kontrolle. Dann kann nicht einmal ich selbst mir helfen und die Außenstehenden können es erst recht nicht. Aber ich kann die Kontrolle wieder finden. Nur ich. Niemand sonst kann sie für mich aufheben und mir hinterhertragen. Und ich kann dafür sorgen, dass ich sie das nächste Mal behalte. Dabei können andere mich unterstützen. Aber sie können mich nicht halten. Ich selbst halte mich auf den Beinen, ich muss meine eigenen Füße bewegen, um weiterzugehen, diese Aufgabe kann niemand für mich übernehmen. Ich als Außenstehende kann diese Aufgabe nicht für eine Betroffene übernehmen.

Das zu akzeptieren, ist schwer.

Mein Respekt gilt allen Außenstehenden, die das aushalten. Danke, dass ihr eure Freund*innen nicht allein lasst. Beide Rollen sind schwer zu tragen. Und eigentlich sind wir alle doch eins. Menschen. Wir müssen uns nicht voneinander abgrenzen und sollten nicht übereinander urteilen. Wir sollten viel mehr miteinander reden, als davon auszugehen, dass wir einander sowieso nicht verstehen. Wer weiß, ob Dein Gegenüber nicht eine Doppelrolle spielt?


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