Montag, 6. Februar 2017

Vom Leben neben der Spur

Das Leben.
Es geht weiter.
Immer und immer.
Gnadenlos.
Zu Ende.

Ich wühle mich weiter durch Stellenanzeigen, widme mich der nervenstrapazierenden Aufgabe, einer Perücke die niemals nachwachsenden Haare zu schneiden und manage meine Nebenjobs. Ich rechne aus, wie lange ich auf welche Weise womit überleben kann, ohne für kleines Geld meine Seele zu verkaufen. Ich stelle fest, was ich wirklich will und was nicht. Zwischen Euphoriestürmen und Motivationskrisen höre ich meinen Nachbarinnen beim heulen, Liebesratgeber spielen und schrecklich schief singen (jaulen) zu. Oder ich stopfe Kopfhörer in meine Ohren und übertöne den Wahnsinn. Ich überschreibe meine Bewerbungsvorlage immer und immer wieder. Ich stehe früher auf als früher, versuche Freund*innen zu kulturellen Aktivitäten zu animieren, langweile mich oder lese. Ich öffne der Post und dem Heizungsmann. Die Wochen gleiten davon. Seite um Seite füllt sich der Kalender, To-Do-Listen, Termine und Verabredungen. Rechnungen, Zeichnungen, Mind-Maps und Gedichte machen sich in Notizbüchern breit. Wer weiß, vielleicht ist es bald so weit...

Ich erfahre, dass ich mein Bachelorkolloquium in München halten muss, weil mein Professor dort seinen Hauptsitz hat und sich nicht in meine Hochschule bequemen will. Weil erst kurz vorher bekannt gegeben wird, an welchem der beiden Tage ich dran bin, kann ich mich schonmal darauf einstellen, dass es teuer wird. Bestimmt muss ich eine Nacht einplanen, aber ich kenne niemanden, der*die in München wohnt. Mit der Vorbereitung aber könnte ich mich schonmal beschäftigen. Könnte ich.

Es ist kalt hier. Und draußen. Ab und zu fahre ich U-Bahn und es kommt vor, dass nicht nur der Boden glitzert. Eine Frau habe ich gesehen, die überschüttet war mit Glitzer. Im Gesicht, in den Haaren, an der Jacke, überall hatten sich goldglitzernde Partikel festgesetzt. Sie war mir irgendwie unheimlich. Hatte ich einen oder zwei Tage vorher noch um Glitzermomentgeschichten gebeten, begegnete mir nun Glitzer in Person! Gruseliger sind vielleicht meine Albträume von Heiraten und Schwangerschaft oder die Tatsache, dass sich auf meinem Scrabble-Brettchen vollständig durch Zufall das Wort EHEMANN bildet. Der Konformitätsdruck verfolgt mich. Ich will keinen Ehemann und auch keine Naturhaarfarbe. Mich nerven Konversationen wie:
"Und Du hast auch einen Freund, ja?"
"Nein, hab ich nicht."
"Ach... naja, mach Dir nichts draus, das wird schon noch!"
Warum darf ich nicht auch alleine vollständig sein?

Das Leben. Es geht weiter. Dahin, wo ich es will! Zu begreifen ist das häufig erst nach einigen Umwegen. Ich möchte mich nicht in irgendwas verrennen, nur weil andere sagen, das müsste eben so. Ich erlebe es bei anderen Menschen hautnah mit, wie es ist, das zu tun. Und das Ergebnis ist nicht so schön, das wirkt vielleicht nach außen hin perfekt, für Leute, die das vermutlich gar nicht wirklich interessiert. Aber was ist denn mit dem Innen? Sollte das nicht auch glitzern?


Kommentare:

  1. Vielen Dank für deinen Kommentar Lilly. ♥ Ich freue mich immer von dir zu hören :)
    Du hast recht. Es tut so gut zu wissen, dass man damit nicht alleine ist. "Aber was ist denn mit dem Innen? Sollte das nicht auch glitzern?" Das trifft es einfach perfekt.. Ich glaube die Menschen verlieren unglaublich viel, wenn sie nur äußerlich "glitzern". Und vielleicht merken sie irgendwann, dass es sie nicht erfüllt, nicht glücklich macht.

    Das ist ja heftig, dass du dafür nach München musst.. Falls du keinen "näheren" Schlafplatz finden solltest, bist du hier natürlich immer willkommen :) Also, wir fahren natürlich auch noch ein Stück nach München, aber es ist zumindest in Reichweite.

    Vielen Dank für deine lieben Worte. Ich bin auch so froh dich zu kennen!
    Alles Liebe ♥
    Lia

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  2. Liebe Lilly oder Lucia, ich weiß nicht wie du dich gerade nennst :)

    Deine Weihnachtskarte hat mich unglaublich gefreut, ich habe mich bis heute nicht dafür bedankt. Danke danke danke.

    Und du weißt ja wo ich wohne (tut mirgendwie leid, dass es nicht in München ist). Meine Einladung war keine liebgemeinte Floskel sondern ernst gemeint. ;)

    Alles Liebe

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  3. Ohja, sollte es! ♥ Vielen Dank für diesen Post

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  4. Haha. Weißt, die wie Normal man sich plötzlich fühlt, wenn man so sitzt, und seine alten Posts durchliest, dann den Blick hebt und auf seine Steuererklährung starrt? Ich lach grad so, weil das einfach so komisch Normal ist. :D haha
    Ich hoffe, dir geht es gut :)

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