Sonntag, 20. November 2016

Ich bin kein verlorenes Mädchen

Jedes Gefühl der Welt hat seine Berechtigung. Erst recht daran erinnern müssen sich diejenigen, denen etwas zugestoßen ist. Denn unsere Umgebung überflutet uns mit Erwartungen, denen entsprechend wir reagieren und mit unserem "Schicksalsschlag" umgehen sollen. Und manchmal kommen diese Erwartungen nicht von den Ahnungslosen, sondern aus der Mitte derer, denen Ähnliches passiert ist und deren Erleben zufällig mit der stereotypen Vorstellung Außenstehender übereinstimmt. Und alle sollen sich bitte, unbedingt!, so fühlen, wie sie sich fühlen, und das auch nach Außen tragen. Aber es ist nicht richtig, zu pauschalisieren. Es ist nicht richtig, zu sagen: "Wir sind verlorene Mädchen", denn nicht jede*r kann sich damit identifizieren, nicht jede*r erlebt, reagiert und fühlt ganz genau so wie Du. Dazu sind wir, unsere Erfahrungen und Erlebnisse, unsere Biografien und Lebensstrategien viel zu unterschiedlich. Niemand hat das Recht, für "uns" alle zu sprechen, niemand sollte glauben, nichts hinterfragen zu müssen, nur weil wir die ähnlichen Erfahrungen teilen.

Ich bin kein verlorenes Mädchen. Ich bin doch hier! Selbst dann, wenn mich niemand sieht, wenn es niemanden interessiert, bin ich immer noch da. Ich bin hier. Und ich kann alles verlieren, aber niemals mich selbst, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Ich bin hier. Ich bin am Leben. Außerdem bin ich ein erwachsener Mensch und kein kleines Mädchen mehr. Ich stehe im Regen, aber er wird mich nicht wegschwemmen. Ich weiß nicht, was werden wird. Ich weiß nicht, wer ich sein werde. Ich weiß nur, dass ich da sein werde. Das ist meine Erfahrung und nur meine! Kein Mensch auf der Welt hat das Recht, darüber zu urteilen, der nicht in meiner Haut steckt oder dabei gewesen ist.
"Fühlen Sie sich gebrochen?"
Nein. Es tut mir (nicht) leid, dass ich damit nicht Ihrer Erwartung an mich als Opfer entspreche. Das heißt noch lange nicht, dass meine Erfahrung "nicht sein kann". Sie ist! Wer das nicht glauben will, muss das nicht tun. Ein Urteil á la "Es kann nicht so gewesen sein" ist jedoch anmaßend, denn Du kannst Dir niemals sicher sein, dass es nicht doch gewesen ist, und Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sich ein solches Urteil dann anfühlt.

Immer wenn ich mit anderen Menschen in Kontakt komme, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich, habe ich Angst. Ich habe Angst vor ihrem Urteil. Angst, dass ich mich nicht richtig verhalte; nicht so, wie man es von "solchen Menschen" wie mir erwartet. Ich sehe mich dann mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontiert, die diese gesellschaftliche Erwartung in meinen Kopf gepflanzt hat. In kaum einer Umgebung bin ich unsicherer, als unter fremden Menschen, mit denen mich zunächst nur die gemeinsame ähnliche Erfahrung verbindet. Der automatische Vergleich mit denen, die vermeintlich schlimmer dran sind, lässt mich beginnen, meine eigenen Erlebnisse zu relativieren. Dabei sollten gerade wir es doch besser wissen, sollten wir doch wissen, wie vielfältig und unterschiedlich Reaktionen und Gefühle sind. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Es gibt nicht die Muster-Reaktion auf ein so aufwühlendes, brutales Ereignis. Trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich in Kategorien wie Richtig und Falsch, Schlimm und Weniger Schlimm denke, meistens zu meinem eigenen Nachteil. Und deshalb dürfen wir niemals aufhören, zu hinterfragen. Die anderen und uns selbst. Kein Mensch ist frei von Vorurteilen und stereotypischem Denken. Wir sollten uns nicht gegenseitig oder selbst bekriegen. Wir sollten uns nicht alle in einen Topf werfen lassen. Und wir sollten niemals aufgeben, vor allem nicht uns selbst.

Ich liege nicht am Boden. Ich bin kein verlorenes Mädchen. Ich fühle mich nicht gebrochen. Aber:
Nur weil ihr mich nicht weinen seht, heißt das nicht, dass ich immer stark bin.
Nur weil ihr mich nicht sprechen hört, heißt das nicht, dass ich nichts zu sagen habe.
Nur weil ihr nicht wisst, was, heißt das nicht, dass nichts ist.
Ihr bekommt nur einen winzigen Ausschnitt meines Lebens mit. Und natürlich weine ich, habe ich dunkle Gedanken und weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Ich bin kein emotionsloser Eisblock, so wie manche scheinbar denken. Ja, ich bin dazu in der Lage, die Dinge zu händeln, eigenständig und allein. Das heißt nicht, dass das immer der einzige und beste Weg ist. Ich bin froh, wenn mich  jemand fragt, wie es mir geht, mit all dem, oder mir Anwesenheit oder Ablenkung anbietet. Auch wenn ich beim ersten Mal nicht gleich zugestimmt habe. Ich verstehe nicht, warum es die Menschen in meiner Umgebung für eine gute Idee halten, sich von mir abzuwenden und mich in Ruhe zu lassen, bis ich wieder "richtig ticke". Ich bin weder krank noch ansteckend und ich bin auch nicht verrückt geworden, das war ich vorher schon.^^

Welche gesellschaftlichen Erwartungen, denen ihr selbst nicht entsprecht, sind euch schon begegnet? Lasst eure Umwelt an eurem individuellen Erleben teilhaben! Mit Schweigen lassen sich Stereotype nicht durchbrechen. Wie sollen die Ahnungslosen auch verstehen, wenn ihnen niemand erklärt? Stellt euch nicht tot! (Wenn ihr leben wollt.) Geht raus! (Wenn ihr die selbstauferlegte Isolationshaft verlassen wollt.) Redet! (Wenn ihr etwas sagen wollt.)

♥♥♥


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://www.elfentrauma.de/p/datenschutzerklarung.html) und in der Datenschutzerklärung von Google (https://policies.google.com/privacy).