Mittwoch, 17. August 2016

Tod & Leben

Inhaltswarnung: Tod [3. bis 5. Absatz, gekennzeichnet]

Ich atme tief ein und langsam aus angesichts des riesigen Geschirrbergs in der Spüle, unter dem sich meine rosa Tasse mit den weißen Punkten befindet. Ich schließe die Augen und greife hinein. Es klirrt. Wie können zwei Menschen an einem einzigen Abend ein solches Chaos veranstalten? Jeden Abend?! Ich sage nie etwas dazu. Ein bis zweimal im Monat spüle ich anfallsmäßig alles selbst, an anderen Tagen stapele ich mein Geschirr einfach oben drauf. Ich bin nicht der Typ Mensch, der wegen Kleinigkeiten ein Fass aufmacht. Die Menstruationstasse köchelt vor sich hin, der Kaffee dampft, die Sonne scheint. Ich frage mich, wie es mir heute geht. So ganz habe ich das noch nicht herausgefunden...

... es ist ja auch schwer dieser Tage und Wochen. Ich stelle fest, dass manche Menschen mich glorifizieren, nur weil ich morgens aufstehe, arbeite, meistens esse, mich selten selbst beschädige... und in mir den Inbegriff eines gesunden Menschen sehen, den seine Vergangenheit nicht weiter tangiert. (Und ich frage mich, wie um alles in der Welt man darauf kommen kann.) Gleichzeitig halten die sich selbst am ehesten als "Normalos" bezeichnenden Leute mich wahrscheinlich für komplett gestört. Zwei Extreme, zwischen denen ich mich entscheiden soll und denen ich jeweils nicht gerecht werde.

Tod
[Aber zu sagen: "Heyyyyy, mir geht es aber auch nicht gut!" fühlt sich aktuell sowas von unangemessen an. Denn, seien wir ehrlich, vergleichsweise sind meine Probleme derzeit Kleinigkeiten. Oder sagen wir, der Grad meines "Leidens" ist eine Kleinigkeit. Denn Probleme an sich kann man natürlich nicht vergleichen, weil jede*r darauf unterschiedlich reagiert. Trotzdem denke ich: Okay, meine Freundin S. ist ihrer Meinung nach jetzt ein neuer Mensch und ich vermisse meine alte Freundin. Aber sie ist ja nicht gestorben. Ich habe keinen Menschen verloren. An den Tod. Doch Menschen, die mir wichtig sind, verlieren Menschen, die ihnen sehr wichtig sind. Haben sie verloren oder werden sie in absehbarer Zeit verlieren. Alle zu früh und auf eine beschissene Weise. Keinen von ihnen kannte ich wirklich. Trotzdem schnürt es mir die Kehle zu. Und mit jeder neuen schlimmen Nachricht in diesem vedammten Jahr werde ich ein bisschen stiller, ängstlicher und hilfloser. Ich kann mir nicht vorstellen, wie schlimm es erst für die wirklich Betroffenen sein muss. Ich will so gerne eine gute Freundin sein, aber ich kann es nicht. Denn gegen den Tod kommt niemand an. Niemand.

Ist es nicht ein unheimlich selbstsüchtiger Akt, in diesen Zeiten an sich selbst zu denken? Ist das noch richtig? Ist das noch Selbstfürsorge? Oder ist es purer Egoismus...?

Vor einigen Jahren schon hat sich in meiner Heimatstadt ein Mädchen umgebracht. Ich kannte sie nicht. Aber im Laufe der Zeit lernte ich mehrere Menschen kennen, die mit ihr befreundet waren oder sie kannten. Sie erzählten mir von ihr. Ich hörte mit ihnen das Lied, das irgendjemand für sie geschrieben hatte. Ich stand mit ihnen auf der Brücke, von der sie gesprungen war. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich mit einer Trauer zu tun hatte, die nicht meine war. Die Trauer anderer Menschen. Und es ist immer einfacher, sich mit den Problemen anderer zu beschäftigen, als mit den eignenen. Aber ich habe immer mehr das Gefühl, dass der Tod jederzeit auch zu meinem Problem werden kann. Als ich zu Besuch bei meinen Großeltern war, schien es, als schwebte er die ganze Zeit wie eine graue Wolke über allem. Es kommt immer näher. Und ich wäre gerne darauf vorbereitet, aber ich glaube das geht nicht. Es sind diese Albträume, aus denen man zitternd und voller Übelkeit erwacht. Und die Gewissheit, dass sie jederzeit wahr werden könnten. Früher, als Kind und Jugendliche, habe ich mich mit diesen Tagträumen gequält, in denen zur jeweiligen Zeit wichtige Menschen starben und die entsprechenden Reaktionen folgten. Vielleicht war das sowas wie eine Übung für die Zukunft. Vielleicht auch eine Form der Selbstschädigung.]

Leben
Vielleicht schreibe ich heute ein Fragezeichen hinter Befinden Doppelpunkt in meinen Kalender. Und Kopfschmerzen. Die kommen davon, wenn man sich den Kopf zerbricht. Immerhin habe ich jetzt neue Chatverläufe, über die ich lächeln und Wochenenden planen kann. Da ich nach dem Urlaub etwas Abstand von meiner Ich-bin-ein-neuer-Mensch-Freundin S. brauchte und meine Wir-ziehen-nach-Berlin-Freunde doch nicht nach Berlin ziehen, kommt mir das sehr entgegen.

Ich war also am Freitag spontan und ohne zu wissen, wer da ist, auf einer der Veranstaltungen des Onlinemagazins, für das ich während meines vorletzten Praktikums gearbeitet habe. Es gab quasi eine Wein-Flatrate (das war nicht so gut) und ein gewohnt schlecht organisiertes Programm auf einer Dachterasse - die Location war neu. Nachdem ich eine Stunde lang allein dort gesessen und ein ungepflegter, schnäuzbärtiger Hipster mich blöd von der Seite angeflirtet hatte, trudelten endlich einige meiner ehemaligen Kolleginnen ein und ich erfuhr den neuesten Tratsch. Darunter befand sich M, eine neue Praktikantin, die erst im September dort anfangen wird. Sie zeigte sich noch sehr begeistert und enthusiastisch, hatte sich genau wie wir alle bei dem coolen und hippen Onlinemagazin beworben und wird wie wir alle ausschließlich für das langweilige Arschloch-Unternehmen arbeiten, dessen Arbeitskräfte noch immer aus unbezahlten Praktikant*innen bestehen. Dass der Chef sich um das Onlinemagazin nicht mehr wirklich kümmert und es nur als Köder verwendet, weiß sie nicht, und deshalb verstand sie auch nicht so richtig, dass wir nicht wirklich Kolleginnen sein werden, auch wenn ich theoretisch noch für das Magazin schreibe. Gut für mich, denn wir kamen ins Gespräch, verstanden uns gut, unterhielten uns übers Haare färben, befanden uns in etwa auf dem selben Unsicherheits- und Fettnäpfchen-Level und tauschten Nummern, um demnächst zusammen einen Poetry Slam zu besuchen.

M hatte ihren Freund dabei und einen ihrer ehemaligen Schulkameraden, der ebenfalls erst seit Kurzem in Berlin lebt. Mit letzterem konnte ich mich über Religion, Veganismus und Gendersternchen unterhalten, was vor allem die Menschen, die mit in der Runde standen, ziemlich seltsam fanden. Am Ende saß ich biertrinkend mit drei Männern in einer Bar, was auch ganz okay war, nachdem alle begriffen hatten, dass ich kein "fickbares Material" bin. Der Sternchentyp schimpfte über mein "heteronormatives Denken", weil ich immer Angst habe, von Männern angegraben zu werden. Er hat ein bisschen Recht, aber meine Angst hat auch ihre Berechtigung. Der Abend erinnerte mich an meine erste Zeit in Berlin. Damals traf ich ständig fremde Leute, weil ich noch niemanden kannte, und immer ließ ich meine Komfortzone weit hinter mir. Meine jetzige Situation ist ja recht ähnlich. Die meisten Menschen, die ich hier kannte, sind schon wieder woanders hin gezogen, im Ausland oder waren Freunde von Sunny. Das ist wohl so in der Großstadt. Leider waren diese losen Bekanntschaften des Anfangs nicht von Dauer. Die wenigsten jungen Leute in meinem Alter kommen nach Berlin, um zu bleiben. Sie kommen, weil es gerade in ist, in Berlin zu leben. Und nachdem sie zwei Jahre lang feiern und toben waren, gehen sie wieder zurück oder besuchen die nächste Stadt, in der man unbedingt mal gewohnt haben muss.

Es hilft und lenkt ab und tut gut, sich an bessere Zeiten zu erinnern, wenn gerade alles schlimm ist. Ich hoffe so sehr, dass sie wieder kommen. Nicht nur für mich, vor allem für die Menschen, die gerade jemanden verloren haben, und für euch alle, denen es gerade schwer fällt, nach vorn zu blicken. Wenn ich eines weiß, dann dass es immer, immer, weiter geht. Die Zeit bleibt nicht stehen. Niemals. Auch nicht auf dem tiefsten Tiefpunkt.

Ich werfe Glitzer in ein riesiges Paket. Helft mir und werft ebenfalls etwas hinein, bis das Paket voll mit guten Dingen ist! ♥

 

Kommentare:

  1. Danke für diese tollen Worte in deinem letzten Absatz 😘

    Und zu dem Punkt, dass dich alle für gesund halten, weil du aufstehen, essen, arbeiten gehen kannst. Du funktionierst, das ist was sie sehen und daraus ziehen sie ihre Schlüsse. Umso schneller, je besser du funktionieren kannst. Mir geht es auch so. Ich kriege alles hin und funktioniere wunderbar, also kann doch alles nicht so schlimm sein?

    Alles Liebe an dich 😘

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  2. Ich weiß, dass ich mich nicht entschuldigen muss, dieses Thema angestoßen zu haben. Danke für deine Worte und die Glitzerleuchte <3
    Und ich freu mich, dass du nette Menschen hast und gute Gespräche.
    Auch dir viel Glitzer, dieses Zwischen-den-Stühlen-leben stelle ich mir überhaupt nicht leicht vor.
    Lieber Gruß, Liv

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  3. Liebe Lucia,
    Dein Post über den Tod (wer muss vor dem gewarnt werden??) hat mich wieder zum Nachdenken gebracht. Nicht über unbekannte Gestorbene und absehbare Tode von alten Menschen, so traurig das ist. Sondern über den plötzlichen, den unerwarteten Tod, der jederzeit eintreten kann. Der Menschen mitnehmen, die einem nahestehen, aber auch einen selbst treffen kann. Und dass es dann auf einmal nicht mehr möglich ist, etwas zu fragen, was man eigentlich noch gern hätte wissen wollen. Oder etwas in Ordnung bringen, ein Missverständnis aufklären, einen Streit beilegen. Wir schieben ja immer alles so gerne auf …
    Liebe Grüße
    Nana

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  4. Was ist 2016 bloß für ein Jahr...

    Dein Glitzer ist übrigens angekommen. Gerade beim Mittagessen oben meinte eine Betreuerin, dass irgendwo in den Bastelvorräten eine Tüte Glitzer aufgegangen ist und sich jetzt graduell im Haus verteilt, auf dem Esstisch, in den Gesichtern der Mitarbeiter... :)

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  5. Hey Lilly, danke für die Antwort auf meine Mail. Darf ich sie einfach weiterleiten?
    LG Neva

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  6. Lillyfee ❤
    Haha naja gut vielleicht doch kein Pudding aus meinem Kopf ... xD
    Oooh ja das kenne ich zu gut, das Unverständnis und die Ungeduld von außen. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass man einfach jemand anderes werden kann von ein paar wenigen Sitzungen, deine Freundin redet sich da etwas ein ... fraglich wen sie da versucht zu überzeugen.
    Ich dachte allerdings auch... Dass das alles schneller gehen würde. Besser.
    Aber ich finde, du schlägst dich verdammt gut. Ich nehme dich immer als starke, unabhängige, selbstbewusste Frau war - auch wenn du aktuell ein wenig zu verzweifeln scheinst (?)
    In das Paket ergänze ich eine Kerze für Licht und Wärme gleichermaßen.
    Du bist stark, Feechen.
    Und ich bin da... schreib mir wenn etwas ist.

    Glitzer Glitzer Glitzer
    Lovelyfee

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