Sonntag, 3. Juli 2016

Wochenende in Auszügen

Freitag

Ich stehe in der U6. Lehne im Eingangsbereich. Wir waren im Freiluftkino, S. und ich.
Ich stehe allein in der U6 und beobachte die Menschen. Vor dem Einsteigen saß ich noch auf einem dieser Gitterstühle. Neben mir drei Mädchen, zwei auf dem Stuhl, eines stehend, vielleicht 14, 15 Jahre alt. Hübsch, mit langen Wimpern, glatten schwarzen Haaren und goldenen Ohrringen. Sie unterhalten sich im "Ich schwör, Alta"-Slang. Darüber, wie sie sich bei McDonalds über das kalte Essen beschwerten und die Bedienung vom Manager zusammengefaltet wurde, so klein mit Hut. "Ich schwör alta, der hat den so rischtisch fertisch gemacht, ey!"
Ich stehe in der U6. Eine Gruppe pubertierender Jungs stürmt meinen Eingang und grölt besoffen rum. Sie verwechseln Friedrichstraße mit Leopoldplatz. Sind in die falsche Richtung gefahren. Idioten. Ich denke an meine Kommilitonin D. und an das Fotoalbum aus Wohngruppenzeit. Und an meine erste Reise nach Paris. Wie fasziniert ich von der Großstadt war und der Multikulturalität. So viele unterschiedliche Menschen, für deren Großstadtleben ich mich brennend interessierte.
Ich steige aus, in der Scheibe spiegelt sich ein riesiger Typ mit gedehntem Septum-Piercing. Auf der Rolltreppe steht er vor mir. Hinter mir einer im Krav-Maga-Pullover. Angst brauche ich wohl keine zu haben. Ich betrachte die haarigen Beine vor mir. Wie zur Hölle kommt man auf die Idee, sich das Mehrweg-Zeichen tätowieren zu lassen? Vielleicht glaubt er an Karma (Reinkarnation! natürlich) oder so. In der Hand hält er jedenfalls eine leere Pfandflasche...

Samstag

Diesmal sitze ich weiter vorn im BE. Fünfte Reihe ist ziemlich weit vorn. Ich kann Nina Hagen und ihre Mimik viel besser sehen. Neben mir sitz eine alte Frau, die sich zwischendurch die Augen wischt. "Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod" klingt es noch in meinen Ohren. In der Pause sitze ich neben Brecht. Dem Denkmal natürlich. Die Studentengruppe neben mir erweist sich als gänzlich uninformiert. Und unempathisch. Ein alter Mann geht ganz krumm am Stock, von seiner Begleitung gestützt. Vier Mal ist er schon dabei gewesen und jedes Mal war anders, sagt er. Ich bewundere seine elegante und doch moderne Ausdrucksweise, während er weiter spricht. "Alles muss man selber machen", liest eine Frau die Aufschrift meines Beutels laut vor. Ich drehe mich um, lächele freundlich. Das Licht geht wieder aus und Nina singt weiter und spricht über Liebe und Frieden und Politik und Krieg und Tod und Gott und Brecht und den weiblichen Elvis und die Erfinderin des Rock'n'Rolls. Am Ende fliegt einer der Luftküsse zumindest in meine Richtung. "Friede sei mit euch!" und der Vorhang fällt.

Sonntag

Ich sag nicht gern, was ich mag. Ihr wisst ja, wie ich aussehe oder dass ich schreiben kann oder Geige spiele. Aber ich bin kein Punk-/Rockabilly-/Manga-Girl, keine Lilly-Kopie und ich steh auch nicht auf David Garrett. Ich bin ich, reicht das nicht? Wozu die Vergleiche, wenn ich doch direkt vor euch stehe? Egal, ob ihr mich als Nina-Hagen-Verschnitt oder als verschreckte Ziege bezeichnet, den nächsten Profilbildwechsel auf Facebook überlege ich mir gut. Jede fünfte Person hat bunt gefärbte Haare, in meiner Nähe wohnt sogar jemand mit einem grünen Bart. Und für die Größe meiner Augen kann ich nun wirklich nichts. Glaubt mir, wenn ich ein Foto von mir im Internet veröffentliche, dann gefalle ich mir darauf. Ich habe wichtigeres im Kopf als mich damit auseinanderzusetzen, wie andere mich finden. Aber das ist gar nicht so einfach, wenn nur das Makeup in meinem Gesicht eine Rolle spielt. "Hör auf zu diskutieren, Fräulein, beruhig Dich mal wieder, werd doch nicht gleich hysterisch, was interessiert mich Dein Weltgeschehen, solange ich das Leben genieße, ..." Ich würde aber doch, so gerne, auch was sagen...



 
 

1 Kommentar:

  1. Ich lese manchmal echt gerne so Beobachtungen... sehr amüsant :D
    Und dass du keine Kopie bist, sondern du selbst, finde ich super. Das ist etwas, was ich an dir sehr mag.

    Dass die Posts erst verspätet angezeigt wurden, liegt daran, dass der Blog privat war ;) Mir war auch nicht klar, dass die dann alle an einem Tag im Feed landen. Wieder was dazugelernt...

    Rom ist unglaublich toll. Du hast bestimmt irgendwann mal die Gelegenheit, dir das anzugucken, es lohnt sich wirklich sehr. Wobei unsere Studienfahrt ein Marathon war, wir waren meist von 8.00 bis 21.00 Uhr unterwegs, mit vielleicht zwei Pausen zum Essen dazwischen, es war unglaublich anstrengend.
    Ca. eine Woche später wurde ich dann eingewiesen.

    Liebe Umarmung an dich ♥

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