Dienstag, 12. Juli 2016

Warum ich euch nicht leid tun will

"Entstörungen" steht auf dem Fahrzeug, das an mir vorbeirauscht, während ich auf grünes Licht warte. Ich muss innerlich lachen. Stellt euch vor, es gäbe einen Dienst, der einen vom gestörten zu einem entstörten Menschen machen könnte. Wäre man dann etwa ... normal?! Um Himmels willen! Das ist gleichzeitig so krank wie es Sinn macht. Aber ich muss so lachen, weil ich mich wie eine Toilette fühle, die entstopft werden muss oder wie eine kaputte Glühbirne, die ersetzt werden muss. Stellt euch vor, es gäbe Ersatzteile für die Seele. Wahrscheinlich ist das gar nicht mal so witzig, aber ich verrecke gerade vor lachen!

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema. Ich spreche von gestörten (und entstörten) und normalen Menschen. Warum tue ich das? Richtig, weil es zum etablierten Sprachgebrauch gehört und weil ich selbst "gestört" bin und das darf. Grundsätzlich darf ja jede*r sagen, was sie*er möchte, stimmts? Darüber nachzudenken, ist aber auch nicht verkehrt. Und so denke ich über einen Satz nach, den ich oft lese und manchmal höre: "Du tust mir so leid" oder auch "Solche Menschen tun mir so leid". Für "solche Menschen" könnt ihr jede beliebige Gestörtheit oder anderweitig stigmatisierte Sache einsetzen. Aber warum tu ich euch leid? Warum entschuldigt ihr euch für ... mich? ... solche Menschen oder Sachen? ... Eigentlich sagt man "Es tut mir leid!" doch, wenn man sich für etwas schuldig fühlt oder jemandem unrecht getan hat. Größtenteils könnt ihr aber nicht das geringste für mich oder irgendwelche Menschen bzw. für das, was mir oder irgendwelchen Menschen zugestoßen ist. Es gibt also überhaupt keinen Grund dafür, sich deswegen schuldig zu fühlen.

Viele Menschen, die sich mit gesenktem Kopf und gesenkter Stimme entschuldigen, schämen sich auch für das, was jener Entschuldigung bedarf. Schämt ihr euch für mich, irgendwelche Menschen, Gestörtheiten oder Sachen? Die euch selbst nicht mal betreffen? Vermutlich eher weniger. Ihr meint es eigentlich sogar ziemlich gut, wollt euer Mitgefühl ausdrücken, irgendwas Sinnvolles beitragen, vielleicht helfen. Lasst euch gesagt sein: "Du tust mir leid" hilft nicht. Es bringt niemandem etwas, wenn ihr jetzt auch noch mit leidet. Einmal leiden reicht ja wohl. Ich vertrete auch nicht den Standpunkt "Geteiltes Leid ist halbes Leid". Eher: "Mitgeteiltes Leid ist halbes Leid". Damit meine ich, dass ich mich besser fühle, wenn ich jemandem von meinem "Leiden" erzählen kann. Aber nicht, wenn die*derjenige dann ihrer*seinerseits darunter leidet. Das macht keinen Sinn und führt eher dazu, dass ich die Klappe halte.

"Du tust mir so leid!" Warum? Ich bin doch kein allumfassendes Problem. Ich bin ein Mensch, und ja, mir sind ein paar schlimme Dinge passiert. Objektiv betrachtet gibt es schlimmere und weniger schlimme Dinge. Ich bin aber keine Schlimmheitsskala, sondern ein Mensch, und ich kann nur meine eignenen Empfindungen beurteilen. Also hört auf, Gespräche zu beenden, weil ihr glaubt, bei mir wäre alles viel schlimmer (oder viel weniger schlimm) als bei euch. Was ist das überhaupt für eine Begründung? Stellt euch doch mal vor, ihr würdet mit einem ganz normalen Menschen sprechen... Überraschung, ihr tut es schon! Behandelt mich und eure Freund*innen, die bei euch ebenfalls den Impuls eines "Du tust mir so leid" auslösen, einfach genauso wie jede*n andere*n. Behandelt uns nicht besser und nicht schlechter, dann muss euch auch nichts leid tun. Wir haben Seele und Hirn, genau wie ihr. Und sollte euch, auf dass dieser Fall niemals eintrete, eines Tages ebenfalls etwas zustoßen, so werdet ihr vielleicht dankbar dafür sein, dass es außer euch noch andere "Gestörte" gibt. Welche, die weder sich noch anderen leid tun, sondern lieber die Welt verändern wollen.

Um mit diesem kitschigen Satz nicht enden zu müssen: Ich leide nicht mit Dir, aber ich lebe mit Dir; ich höre Dir zu, wenn Du möchtest, und ich bin dankbar für Dein Zuhören. ♥


Kommentare:


  1. Ein schöner Post mit wahren Worten.

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  2. Du sagst schlaue Sachen, ich les deine Pot sehr gerne :) Und danke für das entstören, find ich ein supercoole Wort :D

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