Mittwoch, 15. Juni 2016

Roter Faden im Haar

So wechselhaft wie das Wetter in Berlin ist meine Mimik heute. Der Spiegel gegenüber des Schreibtischs steht da eigentlich nur, damit ich die Tür hinter meinem Rücken im Blick habe. Ich kann es nicht leiden, nicht zu sehen, ob sie sich öffnet, oder den Ausgang aus den Augen zu verlieren. Es wird langsam dunkler, Regen rieselt runter. Aber mir ist gerade eher nach Lächeln. Manchmal sind schöne Ereignisse ganz schön anstrengend. Vor allem, wenn damit auch schlechte Erfahrungen und dunkle Zeiten verbunden sind. Aber wenn Du gleichzeitig heulst und Dich kaputt lachst, Dir schwindlig ist und Du trotzdem nirgendwo anders sein möchtest, dann nennt man das überwältigend. Und überwältigend ist doch ein positives Wort, oder?

Ich bin nicht so der Kitsch-Typ. Aber irgendwie doch. Manches lässt sich auch nicht in Worte fassen, ohne kitschig zu klingen. Vielleicht ist es besser, nicht zu viele Worte zu verlieren. Ich laufe sowieso viel zu oft Gefahr, etwas falsches zu sagen.

Roter Faden hat sich in meinen Haarspangen verfangen. Das Wollknäuel kam hinterhergeflogen, in meinen Schoß. Wir sprechen von Lilly Lindner und ihrer Buchpremiere. Und meinen pink-türkisen Haaren. Und der Wolle. Und dem neuen Zwischenspiel. Und den Kuscheltieren, die wir "Eingeweihten" auf die Bühne werfen durften. Ich hatte einen kleinen grauen Waschbären mit rosa Glitzer-Augen und grau-pink gestreiftem Schwanz und das Bauchfell war, glaube ich, auch rosa. Kauf ich Kitsch, dachte ich, das passt zu mir.

Nach der Lesung saßen wir lange auf dem Boden, der voller Glitzer war, Kiwi, D. und ich. Wir alberten und beobachteten die Füße der Leute, die um Lilly herum standen und Kiwi beschriftete diese kleinen Zettel, die bei der Lesung durch die Luft fliegen, und ganz am Ende ließen wir uns umarmen, als letzte. Wir waren müde und unsere Füße waren eingeschlafen, aber wir waren glücklich und haben gelächelt.

Wir sind alle Menschen und aus unterschiedlichen Gründen hier. Es tut gut, gemeinsam mit so vielen Menschen aufzustehen und Widerstand zu sein. Es fühlt sich nach Verbundenheit und Gemeinsamkeit an. Manchmal frage ich mich, wie viele Menschen, die ich in der Stadt, auf der Straße, in der U-Bahn sehe, wohl auch aufstehen würden. Man weiß so wenig über die mehr als 3 Millionen Seelen, die hier leben. Wahrscheinlich haben wir alle Angst voreinander und wechseln nie ein Wort, weil wir so sehr darauf bedacht sind, unsere vermeintliche Schwäche zu verstecken und uns in unverfänglichstem Smalltalk zu üben... Dabei wenden wir soviel Energie auf, die wir uns lieber zu eigen machen sollten, als damit zu versuchen, jemand anderes zu sein. Wir sind doch schon wer! Wir! Wunderbare, wertvolle Wesen. ♥


Kommentare:

  1. Hallo Lucia, ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und möchte dir sagen, dass du wundervoll schreiben kannst. Werde nun wohl öfter vorbeischauen und bin gespannt, was du noch so mit der Welt teilen möchtest!

    Liebe Grüße
    Calla

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  2. klingt nach einem wunderbaren tag!
    außerdem muss kitsch einfach ab und zu sein. einfach auch nur um darüber zu lächeln und sich bessere laune zu machen, obwohl man das kitschding eigentlich total lächerlich findet.

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  3. Liebe Lilly,

    ja! Wir sind wunderbare, wertvolle Wesen (:
    Danke, dass du dieses Wissen mit all deinen Lesern teilst und danke für dein Kommentar vor langer Zeit.
    Für mich ist alles leicht, weil ich gewählt habe, im Jetzt zu sein. Mit allen "Schwierigkeiten" kann ich umgehen.
    Ich wünsche dir, dass es sich auch für dich leicht anfühlt und du tanzt und springst.

    Alles Liebe,
    Feli

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  4. Hey Lucia, das sind ein paar wahre Worte, die du da geschrieben hast auf meinem Blog, haben mich auf jeden Fall zum Nachdenken gebracht.
    Mag die Art und Weise, wie du dich ausdrückst!

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