Dienstag, 3. Mai 2016

Lebenszeichen

Ich bin also noch da. War nie weg. Die Zeit auch nicht, die läuft immer voraus. Ich komm nur schwer hinterher. Ich renne durch die Wohnung, um Minuten zu sparen. Ich habe mir vorgenommen, mehr zu leben. Aber das ist ganz schön anstrengend. Das kann auf Dauer nicht gesund sein, sagt S. Wir sitzen am 1. Mai auf der Wiese im Mauerpark. Es ist nicht ganz so voll wie sonst, weil ja alle in Kreuzberg sind. Ich winke ab, auch wenn ich zu wissen glaube, dass sie recht hat. Aber das ist ja erst der Anfang. So geht das weiter, bis Du 70 bist, sagt mein Chef. Das ist doch total furchtbar, sich nur noch von Tag zu Tag zu hangeln, sagt S. Aber genau deshalb ist es ja so wichtig, nur was zu machen, das einem auch Spaß macht, fügt sie hinzu. Hm, mache ich. Wenn das mal so einfach wäre. Denke ich.

Du wirkst manchmal so unbeteiligt, sagt der Chef. Ich könnte Gründe aufzählen, aber was zählt, ist allein die Tatsache, dass es so ist. Ich niese und niese und niese, Gesundheit, Gesundheit, Gesundheit, danke, danke, danke. Die Allergie-Tabletten haben Nebenwirkungen, sie knocken mich aus, aber ohne ist es auch nicht besser. Ich bin müde, müde, müde, aber schlafen ist auch nicht leicht. Kurz nach dem Post über Gott kam ein Anruf, was zu ahnen war. Seit fünf Wochen hatte ich keine Möglichkeit, bei der Zuhör-Expertin vorzusprechen. Immer und immer und immer kreisen und kreisen und kreisen meine Gedanken, Gedanken, Gedanken.

Es gibt Menschen, die sterben. Sie sind nicht alt, werden krank und sind weg. Keine von ihnen sind mir nahe genug, um zu trauern. Unglücklich macht mich das trotzdem. Dagegen an kommt nur das Leben, jetzt hier. Hier eine Lesung, da ein Konzert, eine Ausstellung und ans Meer will ich dieses Jahr. Menschen, die irgendwann auch nicht mehr da sind, noch erleben. Bücher lesen, Dokus schauen, eine Kamera kaufen, im Gras liegen. Meine Mittagspause verbringe ich meist auf dem Touri-Platz, auf der Bank neben diesen Dreiradtaxis. Unter den Fahrern sind einige Punks und ein paar ältere Herren. Sie fläzen sich auf ihren Gefährten in der Sonne und hören mäßig laut Musik. Was die wohl vom Leben halten?

Ich betrachte einen im Sonnenlicht leuchtenden, knallroten "Igelschnitt". Meine eigenen Haare sind orange, türkis und pink. Unbezahlbare Blicke auf dem Büroflur. Einige scheinen unterschwellig zu vermitteln: Kind, wie stellst Du Dir so das Arbeitsleben vor... Schade, dass sie das nicht aussprechen. Sie sagen Ab-ge-fahren oder Seehr Speziell. Natürlich gibt es auch gegenwartsnähere Gestalten. Welche, die sagen: Meine Haare lassen sich nicht blondieren, die werden dann nämlich orange. Ich beiße mir auf die Zunge und halte den Mund. Das machen sie, die mich anrufen, ja immer ganz deutlich: Da darfst Du aber nicht sagen, was Du denkst, bei dem Praktikum!! Sei ja immer charmant, vielleicht behalten sie Dich, wenn Du dem Chef schöne Augen machst! Kein Wunder, dass ich unbeteiligt wirke. Die Leistung zählt ja nicht, schließlich hätte man sonst inzwischen mal einen Text von mir gelesen. Und ob man wohl einem männlichen Praktikanten auch fünf Euro hätte in die Hand drücken wollen, damit er sich mal was zu essen kaufen kann, ohne das komisch zu finden? Oder liegt das an meiner veganen Nerdigkeit? Wahrscheinlich ist alles nur nett und ich zu empfindlich und verklemmt, typisch Tussi eben...

Ich bin eine erwachsene Frau und kein kleines Mädchen mehr. Gänzlich frei und vor allem selbstbestimmt macht das einen Menschen aber noch lange nicht. Schließlich wird immer jemand anderes darüber entscheiden, wann Du aufstehst, was Du acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche lang tust, und in vielen Fällen auch, was Du anziehst und wie Du frisiert bist. Luxusproblem? Luxusproblem. Bleibt immernoch ein Problem für mich als Menschen, der viel um Selbstbestimmung und eigene Identität kämpfen muss/te. Und wer weiß, wie lange es noch bei diesem "luxuriösen" Ausmaß dieses Problems bleiben wird. Es kann deprimierend sein, wenn einem der Newsticker den ganzen Tag um die Ohren fliegt...

Nach dem Praktikum, im Sommer, bevor das Studium endgültig vorbei geht, will ich nochmal was anderes machen, als zwischen Büro und Home-Office zu pendeln. Ich muss nur noch überlegen, was möglich ist, ohne mich in den finanziellen Ruin zu treiben.^^ Und am Donnerstag, da ist frei, werde ich euch einen Artikel schreiben, den ich schon lange machen wollte. Kommt gut durch die Woche, ihr Glitzerlinge ♥


Kommentare:

  1. Hi,
    wir hatten schon mal geschrieben, als es um Praktika und Bezahlung ging :)) Da habe ich gefragt, was du so findest, wie viel Gehalt realistisch ist, weil ich selbst auch ein Praktikum suchte. Ich habe übrigens eins gefunden, Marketing, mit 750€ mehr als gut bezahlt.
    Wie geht's dir mittlerweile im Praktikum und wie lange geht es? Darf ich fragen, wie viel du bekommst?

    Das mit der Uniformität im Job und dem dauernden Kreisen um das Thema Arbeit kenne ich aus meinem Praktikum auch. Hier herrscht Dresscode, macht uns alle gleich. Manchmal frage ich mich, ob die KollegInnen kein Leben neben der Arbeit haben, wenn es selbst am Mittagstisch nur ums Büro geht.

    Mein Praktikum ist im Juni vorbei, ich bleibe vielleicht als Werkstudentin. Aber auch bei mir heißt es dann im Sommer erst mal: Urlaub und Entspannung und frei fühlen.

    Glitzernde Grüße!

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    1. Hallo,
      ich hatte Dir schon eine Antwort geschrieben, dann aber irgendwo hingeklickt und alles war weg, da musste ich mich erstmal kurz grün ärgern. Starten wir einen neuen Versuch.^^

      Ich erinnere mich an unsere Konversation, es freut mich, dass Du inzwischen etwas neues gefunden hast, und dann auch noch so fair bezahlt! Ich bekomme wesentlich weniger. Mein Praktikum geht noch ca. 6 Wochen. So vom Klima ist es wirklich nett, die Arbeit ist nicht sonderlich anspruchsvoll, aber der Name ist nicetohave im Lebenslauf. Ich finde es also im Allgemeinen okay, aber das ist noch nicht ganz das Richtige für mich.

      Bei so einem Anzugträger-Unternehmen (was ja auch die großen Medien meistens sind) würde man mich gar nicht erst einstellen. Das ist, was ich so schade finde. Wie ich aussehe, sagt doch überhaupt nichts über meine Leistung aus. Und trotzdem sind wir früher oder später bzw. je nach Branche dazu gezwungen, uns daran anzupassen. Damit schön alles einheitlich und gleich ist/aussieht. Nervt.

      Dass es in der Mittagspause keine privaten Themen gibt, ist vielleicht so, weil man aufpasst, nichts falsches zu sagen, oder sich auch einfach nicht so gut kennt. Ich stelle auch fest, dass viele Menschen Berufliches und Privates ganz strikt trennen. Mir fällt das schwer, ich meine, ich bin ja immer ich, also auch auf der Arbeit, das kann doch nicht abstellen. Und ich finde ja nicht nur privat statt. Finde ich. Aber vielleicht verhilft diese Trennung irgendwie zu mehr Seelenfrieden, wenn man beruflich nichts weltbewegendes macht oder der Job nur für das Geld da ist. Da verlagert sich das Leben eben auf zu Hause. Damit sind manche Menschen zufrieden. Anderen gelingt es überhaupt nicht. Ich finde es immer heftig, Leute zu erleben, die den ganzen Tag über ihren schrecklichen Job meckern und so offensichtlich angepisst sind von dem, was sie tun. Das ist irgendwie deprimierend und ich denke, so will ich in zehn Jahren aber bitte nicht sein. Aber so sind sie ja glücklicherweise nicht alle.

      Ich wünsche Dir auf jeden Fall noch viel Erfolg bei Deinem Praktikum und dass es danach gut für Dich weitergeht! Und Urlaub/Entspannung/Freiheit im Sommer sei Dir gegönnt.

      Alles Liebe & Glitzer ♥

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