Montag, 9. Mai 2016

(Fast) Über das Schreiben #2

Der eigentlich für heute (inzwischen gestern) geplante und versprochene Text liegt in der Entwurf-Spalte. Er ist noch nicht fertig, etwas aufwendiger und ich möchte, dass er gut wird. Die letzten Artikel habe ich oft einfach runtergeschrieben, voll im Wortrausch, vielleicht ganz schön klingend, aber fast inhaltsleer. So fokussiert zu einem Thema zu schreiben ist nicht so leicht, wenn schon der ganze Arbeitstag voller sachlich-seriöser Texte ist, die keine Schnörkel erlauben. Dann geht es in jeder freien Minute mit mir durch und mein Kopf wird zur Formuliermaschine all der verbotenen Füllwörter und Passive, Kunstworte und Gender-Sternchen, Übertreibungen und Phrasen, Bandwurmsätze und Reime und ich tippe, tippe, bis ich von der Klippe kippe, Quasselstrippe mit 'ner Schrippe auf der Wippe der Gemüter.

Da sitze ich dann wortleer vor der weißen Fläche, auf der ich eigentlich alles dürfte, gehirngewaschen, überprüfe jedes man, wird, dürfen, sollen, müssen, können, jedes Komma zuviel, jede Wortwiederholung innerhalb eines Absatzes. Diese Texte werden nicht gelesen, sondern indexiert, von Robotern, die sonst nur Zahlen kennen. Und auf die Zahlen kommt es an, die Klicks, die Visits, die Personal Interacts, die Verweildauer, und vor allem darauf, dass die Werbung zum TKP x so viele Käufer wie möglich erreicht. Ihr seid keine Menschen oder Leser, ihr seid User, ihr seid Zahlen, ihr seid Geld. Ihr werdet für naiv gehalten und mit falschen Wegklickkreuzchen verarscht. Euch wird vorgeschrieben, was ihr unbedingt braucht, wie ihr auszusehen habt und wann ihr wen eurer Verwandten, die ihr auf jeden Fall lieben müsst, womit beschenken sollt. Diese Parship-Gesichter kotzen mich an. Jedes Mal, wenn ich am U-Bahnhof Friedrichstraße stehe: Der Mann blickt mich geradeaus an, die Frau schaut schüchtern von unten, verführerisch-sexy natürlich.

Das Schlimme ist, dass wir nicht die Wahl haben, da nicht mitzumischen. Alle Medien müssen Anzeigen und Banner schalten, wenn sie von ihrer Arbeit leben wollen. Das letzte werbefreie Medium ist das Buch.

Irgendjemand sagt, dass Künstler*innen sich gänzlich frei von der Meinung anderer machen müssen. Kommt man damit überhaupt durchs Leben? Frage ich mich. Aber ich bin ja keine Künstlerin, nur ein kleiner Mensch mit zu großen Erwartungen. Und manchmal fühle ich mich stark und selbstbewusst und lebensfähig. Aber dann spricht mir wieder jemand meine Fähigkeiten ab und ich fühle mich unfrei und ich frage mich, ob ich vielleicht lieber nicht mehr mit bloßen Unterarmen ins Büro gehen sollte, bevor jemand die zarten weißen Linien sieht. Dabei schäme ich mich für keine der größtenteils schon über sechs Jahre alten Narben, die kaum mehr ein Unwissender bemerkt. Trotz aller Rebellion habe ich viel zu oft Angst, mir die Karriere zu verbauen. Bestätigung dieser Angst suggerieren doch jeden Morgen die bahnverstopfenden Anzugträger mit ihren raschelnden Hosen und Glattlack-Aktenköfferchen.

Falsch. Falsch. Falsch. Im Schalle des Falls brech ich mir den Hals.

Keine Zeit, keine Zeit, ruft die Uhr, noch neun, noch acht, noch sieben Stunden. Bis es weitergeht, zurück ins Hamsterrad, tippen, tippen, Klippen kippen, nicht ausflippen, wieder in den Schlaf wippen....

Gute Nacht, ihr Sternchen ♥ Ihr seid so glitzerwunderbar. Ganz viel Liebe, braucht die Welt. ♥

Kommentare:

  1. Ich glaube schon, dass Du eine Künstlerin bist. (So wie Du mit Worten und Gedanken jonglieren kannst.) Oder wirst. Aber das heißt ja auch nur, dass der Künstler in Dir eines Tages anerkannt wird bzw. sich verkauft. Wenn Du Dir also treu bleiben willst, musst Du Dich wohl mit den Widrigkeiten des Brotjobs abfinden. Weniger marktschrill geht es im öffentlichen Dienst zu, aber dort wird man Deine Höhenflüge nur müde belächeln, weil das Geld schließlich auch im Halbschlaf seinen geregelten Weg aufs Konto findet. – Warum genießt Du nicht einfach abends das schöne Maiwetter? Das ist garantiert werbefrei.
    Liebe Grüße
    Li

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    1. Hallo Li,
      aber ist dein Satz nicht ein Widerspruch in sich? "Wenn Du Dir also treu bleiben willst, musst Du Dich wohl mit den Widrigkeiten des Brotjobs abfinden"?! Ich mag Glück haben, dass ich dem Versuch nachgehen kann, meine Leidenschaft als Beruf auszuüben. Aber wie viele Menschen gibt es wohl, die in ihrem 9 to 5 Anzugträgerjob sich selbst überhaupt nicht treu sind und treu sein können? Ich sehe das von mir Beschriebene auch nicht als Widrigkeit irgendeines Jobs. Widrigkeiten sind für mich eher das frühe Aufstehen, der schlechte Kaffee, die miese Bezahlung und die wenige Freizeit, abends geht es bei mir nämlich mit dem Nebenjob weiter. Aber das sind Dinge, mit denen wir alle mehr oder weniger klarkommen müssen. Meine Kritik an der Werbung ist eine viel tiefgreifendere und an anderer Stelle besser beschrieben, als in diesem Post, der sie gar nicht zum Hauptthema hatte. Ich bewundere Menschen, die mit ihrem Leben und ihrem Job zufrieden, im Reinen und allgemein genügsam sind mit großem Respekt. Aber ich finde es genauso nachvollziehbar und akzeptierenswert, dass es manchen Menschen nicht so leicht fällt, ihre Rolle im System zu finden und anzunehmen, wie Dir vielleicht. Weitsicht ist an jeder Stelle angebracht.

      Liebe Grüße,

      Lucia

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    2. Liebe Lucia,
      das hast Du falsch verstanden. Ich finde mich nicht leicht ab, Du kennst ja auch meine "Rolle im System" gar nicht. Ich wollte nur ausdrücken, dass es jemandem, der sich als "Künstler" empfindet, nur in Ausnahmefällen gelingen wird, von einer Kunst, die er ohne Zugeständnisse ausübt, zu leben. In den allermeisten Fällen wird er Kompromisse eingehen müssen. Ich habe bei Dir eben das Gefühl, dass Du mehr zu sagen hast, als das, was Dein Job verlangt. Und dass Du auch das Zeug dazu hast. Du solltest Dich nicht immer gleich angegriffen fühlen, das war meine Absicht ganz sicher nicht.
      Alles Liebe,
      Li

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    3. Hallo Li,
      ich schätze Deine Kritik sehr, weil sie ehrlich ist. Damit, dass es genauso offen und vielleicht auch mal provokant zurück kommt, ist dann aber zu rechnen. Dein erster Kommentar war aus meiner Sicht nicht so eindeutig zu verstehen und ich finde es schade, dass Disskussionen so oft mit einem "Fühl Dich nicht gleich angegriffen" vorzeitig beendet werden. Mir fällt auf, dass Du häufig Worte wie "du musst" oder "du solltest" verwendest. Ich halte diese Von-oben-herab-Kommunikation nicht für die respektvollste angesichts dessen, dass wir uns gar nicht kennen. Damit meine ich nicht, dass ich darauf total empfindlich reagiere, es ist aber schon eine herausfordernde Art zu kommunizieren - vielleicht ist das gewollt, vielleicht philosophierst Du das aber auch nicht so tot wie ich. Ich finde es interessant. Und danke für das Kompliment für die "Kunst" (auch wenn ich mich oben eben nicht als Künstlerin, sondern als kleinen Menschen mit zu großen Erwartungen beschrieb ;) )

      Liebe Grüße,
      Lucia

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  2. Liebe Lilly,
    danke für deinen Kommentar. Ich finde deinen Satz "Ich glaube nicht, dass man das Glück und Dich und die Vergangenheit als Einzelstücke betrachten kann" wunderschön. Er kling so sinnvoll und richtig. Und doch ist es schwer sich damit abzufinden, dass diese drei Dinge alle Teil von einem Ganzen sind, wenn man sich nach dem einen Teil sehnt und mit dem anderen nicht zurecht kommt, weil er sich immer wieder nach vorne drängt und schmerzt..
    Es ist schwer im Moment.. ich habe das Gefühl mich immer und immer wieder in der Zeit zu verlieren, seit ich erfahren habe, dass eine Freundin von mir gerade etwas ähnliches durch macht wie ich vor nunmehr 5 Jahren. Ich komme nicht damit klar ihr nicht helfen zu können und genauso wenig damit, dass man mir nicht helfen konnte, nicht einmal ich selbst. Es wirbelt so viel wieder auf..

    Ich finde es schade, dass du jeden Tag so viel schreiben musst, ohne dabei deine wahre Kunst des Schreibens ausleben zu dürfen.. Ich hoffe dass du trotzdem deine Freude am Schreiben für dich nicht verlierst und dass dir auch der Job irgendwann mehr Spaß macht :) Wie fühlst du dich denn allgemein mit der Arbeit?

    Alles Liebe,
    Lia

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