Montag, 4. April 2016

Zeitvergleich im Frühling

Ende. In den Fahrstuhl. Fallen. Der Höhenunterschied macht Druck auf die Ohren. Ja, tagsüber sitze ich ganz weit oben - über den Dächern von Berlin...

Menschen, viele Menschen am Touristenmagnet. Ich mag die Besucher, manchmal irgendwie. Durch sie fühlt sich der Wohnort immer ein bisschen wie Urlaub an. Nach rechts und links und quer ausweichen, Flyer-Verteiler und Bratwurstverkäufer ignorieren. Die Kreuzung zu überqueren dauert einige Zeit. In den Ohren fühlt es sich an wie Watte. Alle plappern und hupen und rennen durcheinander. Die Augen sind dafür aufmerksam, um nicht über einen ausgestreckten Fuß zu stolpern. Blicke bleiben an den Menschen hängen. Sie sind bunt oder schwanger oder hetzig oder alt oder schön. Manche tragen Schminke, viele nicht. Sobald die Luft wärmer wird, riecht sie wieder nach Parfum. Dezent, blumig, kolossal oder viel zu viel Männerparfum. (Schweiß kommt zum Glück erst später). Im Einkaufszentrum versuchen sie auf dem Gang, welches zu verkaufen.

Soziales Intermezzo: Ich erkenne Sav, meine Kommilitonin, fast nicht mit ihren streng zurückgekämmten Haaren. Sie schaut in meine Hände, die beladen sind mit Naturkosmetik und zwei neuen ClifBar-Sorten. Wir reden kurz über unsere Praktika, unsere Pläne und das Studium. Sav fragt mich, ob es wohl schlimm ist, dass sie das Formular viel zu spät an die Uni geschickt hat. Ich weiß es nicht. Wir verabschieden uns, weil ich noch in den Lebensmittelladen möchte.

Wieder draußen. Wieder an der Kreuzung. Ich entwirre meine bläulich-lila verfärbten Kopfhörer. Ein vielleicht zehnjähriges Mädchen erzählt der Freundin von irgendeinem Lebensmittel, das total satt macht, aber nur wenige Kalorien hat. Ich drücke auf Play. Lautstärke über den Schwellenwert anheben: Okay. Ist es überhaupt möglich, gesellschaftskritisch zu sein, ohne das Glashaus einzuwerfen? An den Scherben würden sich die nächsten schneiden und dabei ihr eigenes Glashaus zusammenstürzen lassen. Eine Kettenreaktion.

Zuhause. Ich habe Zitronensorbet gekauft. Noch vor dem Abendessen lasse ich mir ein paar Löffel davon auf der Zunge zergehen. Zehn Minuten Ruhe (im Kopf). Ein Blick auf das Datum. Heute hat Franzi Geburtstag. Sie wird 21. Vor genau drei Jahren feierten wir das letzte Mal zusammen in meiner kleinen Einraumwohnung. Sie hatte sich so ein hübsches Notizbuch gewünscht. Ich weiß noch, dass ich es in dieses pink-orange-grün-gestreifte Geschenkpapier einwickelte. Später aßen wir jede einen riesigen Eisbecher. Zur Feier des Tages erlaubte ich mir das. Endlich war auch sie 18, das war so groß wie unsere Pläne. Wir wollten nach Berlin, wir malten uns Karrieren aus, wir wollten endlich frei sein. Zu groß war all das letztlich für Franzi. Sie schaffte ganz knapp ihren Realschulabschluss und die Ausbildung, die sie bekommen hätte, wollte niemand bezahlen. Sie hat oft gesagt, sie wäre auch gern schlau genug für das Abi. Zwei Jahre zuvor hatten wir uns kennengelernt. Ich war neu in der Wohngruppe und sah sie zunächst nur selten. Irgendwann unterhielten wir uns dann im Bus. Wir hatten die selbe Therapeutin. Wir waren zusammen joggen und kickboxen, betrunken, bekifft und essgestört. Wir waren so grundverschieden und gingen auch im Streit auseinander. Trotzdem vermisse ich diese Zeit ab und zu. Mit ihr konnte ich Verbotenes tun, so viele Dinge zum ersten Mal erleben (auch wenn sie nicht besonders vorteilhaft waren) und traute mich, ganz rebellisch und unvernünftig zu sein. Das musste ich erst lernen, nicht blind jeder Regel und Norm zu folgen. Deshalb: Happy Birthday, Franzi, und danke für zwei intensive Jahre.^^

Wie schnell die verdammte Zeit vergeht...


Kommentare:

  1. Hey du :D
    woha das denke ich mir auch so oft. Wie die Zeit vergeht. In regelmäßigen Abständen bekomme ich richtiggehende Realitätsflashs, wenn mir bewusst wird, dass ich in X-Stadt wohne und nicht mehr bei der Familie, dass ich erwachsen bin. Un-fucking-believable^^

    Das klingt ja... echt... interessant mit deinem Chef :S Ich glaube, dass (ehemals) Essgestörte einander oft recht schnell erkennen. Ich hatte schon einige situationen, bei denen ich wusste, dass jemand da ein Problem hat, ohne es zu /wissen/ (und ohne dass die körperlich irgendwie extrem gewesen wären. aber wer macht schon bitte kein Dressing an den Salat^^)

    Ja, stimmt :D Schichten von Make-Up und wenn man in das Make-Up reinschneidet, dann sieht man an den Kanten so Jahresringe^^
    Guter Tipp, genauso ist es, aber WARUM, hab ich mich gefragt. Denn ALLE Eier hatten die Füllung oben in der Spitze und ich finde, das macht keinen Sinn. Die Schokofabrikmenschen müssten wissen, dass der dicke Teil unten ist und dass da die Füllung hingehört. Irgendwann hab ich dann festgestellt, dass sie doch wissen, wo bei dem Ei unten ist, denn da ist so ein leicht sichtbarer Kreis, wo die Füllung eingefüllt wurde. Und AHA! - sie wollten also diese ästhetische Imperfektion NICHT oben auf dem Ei haben. Das bedeutet für die sind Äußerlichkeiten wichtiger als das was drinsteckt (bzw. ob es "korrekt" drinsteckt, das ist aber subjektiv, nehme ich an, ich finde das Essgefühl jedenfalls besser, wenn ich oben reinbeißen kann und dann die Füllung noch schön im unteren, dickeren Teil ist)^^
    Jaah. Das ist schon ein sehr existenzielles Thema :´D

    Danke für deinen Input zum Thema Narben, das hilft.

    Hab einen schönen Abend!
    Liv

    AntwortenLöschen
  2. So eine Franzi hatte ich auch :) Meine erste WG bezog ich mit einem Mädchen aus Klapse. Mit ihr habe ich auch so viele Dinge zum ersten Mal gemacht und war mal richtig rebellisch. Die Zeit vermisse ich aber nicht, es war auch so vieles so bedrückend und unsicher und am Ende haben wir uns gar nicht mehr verstanden und ich war froh, als ich ausziehen konnte. War eine schwierige Zeit.

    Och, geh doch dann mal zu ein paar Profs in die Sprechstunde. Ich kenne den, bei dem ich schreibe, auch kaum, hatte nur eine Vorlesung bei ihm, aber sein Fachgebiet passt einigermaßen. Und den Rest von deinem Studium hast du ebenfalls geschafft, da nimmst du die letzte Hürde schon noch^^

    Das mit der Angst kann ich total nachvollziehen. Ich krieg jetzt schon die Krise, wenn ich daran denke, dass ich mein Studium demnächst abschließe und mich dann bewerben muss, Horror -.-' Aber ich finde es ziemlich ermutigend, was ich bei dir so lese. Vielleicht kriege ich es ja auch irgendwie auf die Reihe. Mal sehen...

    Ich finde dich hier gar nicht ego-mäßig, irgendwie(?) Selbstbewusst schon, ja. Davon würde ich mir gerne mal ne Scheibe abschneiden.

    Mir geht's inzwischen wieder ganz okay, danke, es war halt einfach unglaublich anstrengend, weiß gar nicht wieso^^ nur muss ich jetzt mal ein bisschen mehr in die Gänge kommen, was die BA-Arbeit betrifft, wäh. Ich bin überfordert.

    Ich schick dir eine liebe Umarmung ♥

    AntwortenLöschen
  3. wie immer ein super toller Post :)
    Könntest du vielleicht meinen Blog im nächsten empfehlen?
    Ich suche nämlich dringend Unterstützung.
    xoxo

    AntwortenLöschen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://www.elfentrauma.de/p/datenschutzerklarung.html) und in der Datenschutzerklärung von Google (https://policies.google.com/privacy).