Freitag, 11. März 2016

Donnerstage und Freitage.

Donnerstage.

Aufstehen. AUFstehen. Wenn der Wecker für Aufsehen sorgt. Durch NICHTklingeln. Gut, dass zwei voneinander unabhängige Wecker jeweils zu mehreren Zeiten gestellt sind, sodass mindestens fünf mal doch etwas klingelte. Gedanklicher Ins-Kissen-Schrei. Und dann wirklich aufstehen. Erster Punkt der To-Do-Liste: abgehakt.

Die Nägel nur mit Klarlack lackiert. Duschen. Schminken (heute ganz dezent). Bügeln. Beim Frühstück noch einmal Stärken und Schwächen googlen. Dann umziehen. Diese schrecklich unbequeme zu große Anzughose (der Rock hat wie immer einen Fleck). Die schwarze Bluse zugeknöpft. Wieso hat dieses Ding keinen Knopf am Kragen? Die grünen Haarspitzen unter das Duttkissen stopfen. Feststecken. Festsprühen. Haarlack, Nagellack, geleckt. Geputzte (kaputte) Schuhe. Musik auf die Ohren für das ultimative Stärkegefühl auf die Ohren. Und los. Vor dem Eingang müssen die Kopfhörer verschwinden, gemeinsam mit der Stärke. Die Knie werden weich beim Betreten des großen Verlagshauses.

Am Empfang soll ich mich melden, aber dort sitzt niemand. Ein paar unbeholfene Schritte weiter. Auf einen der Fahrstühle warten. Sechs Stück. Dann geht es hoch hinaus. Und dauert. Menschen steigen ein und aus oder drücken den falschen Knopf und wir halten auf leeren Etagen. Noch bevor ich die Klingel finden kann, öffnet sich die Tür. "XY, Dein Termin ist da!" Eine Sekretärin bittet mich, den Mantel aufzuhängen und bietet etwas zu Trinken an. Wieder warten. Das Herz schlägt, als wollte es aus dem Mund springen. Die eiskalten Hände an der Hose trocknen und warm reiben - für den optimalen Händedruck. Das starke, offensichtliche Zittern zu unterdrücken versuchen. Die Übelkeit schlucken. Jetzt bloß nicht umkippen. Aber ich sitze ja. Das erste Gespräch verläuft schlecht, die Worte stolpern stammelnd durcheinander, die Stimme bleibt nur mit Mühe stabil, würde nur der Inhalt zählen, ginge es vielleicht noch. Das zweite Gespräch läuft unter dem Label "Eigentlich schon vorbei" etwas besser...

Wenige Minutenblöcke später. Ich stehe im Supermarkt, kaufe mir eine Kokos-Schoko-Milch. Die Anspannung ist weg und die Kraft kehrt zurück. Ich möchte mir die Zunge abbeißen. Warum ist die ganze Zeit alles gut, aber in einer entscheidenden einzigen Stunde geht plötzlich gar nichts mehr? Obwohl zunächst unspannend, war da dann doch der Wunsch, nach den größeren Fischen zu greifen. Aber die sind nicht so locker wie StartUps, die sind nicht kaum älter als ich und führen nicht selbst zum esten Mal ein solches Gespräch durch. Nein. Die sitzen in riesigen Häusern, auf ganzen Etagen, die haben Empfänge und Sekretärinnen und Personaler und Abteilungen. Und die lösen offensichtlich Panikattacken aus. So wie Heizungsableser oder Paketboten, Läden ohne Selbstbedienung oder Café-Bedienungen...

Letzte Hoffnung: Die anderen Bewerber sind noch schlechter. (Realismus?!) Zeugniskopien schickte ich auf Wunsch hinterher. Darauf kam eine freundliche Antwort. Ein Versuch ist ein Versuch, den ich diesmal selbst versiebt hab. Wovon ich vor Kurzem erzählte, das wurde nichts. Das erfuhr ich auch erst auf Nachfrage. Sie hatten jemanden mit mehr Erfahrung gesucht. Das hört man ja oft. Eine Studentin im 5. Semester, die nur 6,5 Monate Praktikum und ein Jahr stellenbezogenen Nebenjob vorweisen kann, tsss...

Freitage.

Heute später aufstehen. Freestyle-Frühstück aus letzten vorhandenen Resten. Keine Lust auf Texten haben. Dafür voller überschüssiger Energie durch die Wohnung hüpfen. Irgendwann doch mit der Arbeit  anfangen. Nebenbei Verabredungspläne mit der ehemaligen Kollegin, die mal wieder in Berlin ist, und der sagenhaften Kiwi, die endlich wieder in Berlin ist, schmieden. Dunkelpink über den Klarlack pinseln. Freuen. Weil so liebe Menschen da sind. Mit der Kollegin lässt es sich so wunderbar über (Gott und) die Welt diskutieren und das ganz ohne den Vorwurf, ich diskutierte zu viel. Gemeinsam mit ihr und ihrer besten Freundin rege ich mich gerne auf und ich mag es, wie wir uns unsere mal sehr unterschiedlichen, mal ähnlicheren Welten erklären, und wie wir unserem Ärger über gewisse Ex-Chef-Methoden Luft machen, was dieses Mal vielleicht nicht mehr so viel Raum einnehmen muss. Einen Kaffee und diesen Post später werde ich mich auf den Weg machen. Und, naja, um Kiwi und ihre Zauberhaftigkeit wissen diejenigen, die es wissen, ja bereits.^^

Ich wünsche euch allen mehr Glitzer und weniger Angst. Und mehr Liebe-Menschen-Momente und weniger Einsamkeit.  Bleibt so funkelverwegen wie ihr seid. ♥


Kommentare:

  1. Hey Liebes <3

    Ich rauch im Moment Ewigkeiten zum Antworten und dabei lese ich doch jeden deiner Posts und Kommentare :O
    Mir gehts es im Moment wirklich nicht gut.
    Ich weiß, dass aufgeben eigentlich keine Option ist aber ich bin so festgefahren in meinem denken.
    Manchmal vermute ich.... das ich mich selbst tot analysiert habe.
    Verstehst du das?
    Ich war wegen der Panikstörung nie wirklich lange in Behandlung und irgendwie habe ich mich selbst versucht zu therapieren und alles nur noch schlimmer gemacht...
    Ich danke dir natürlich für deine leben Worte und ich musste voll grinsen.
    Ich erinnere mich noch genau an den Moment, wo wir die Fotos gemacht haben.
    Ist es nicht 1. total krass wie lange das schon her ist und 2. wie positiv sich dein Leben seitdem verändert hat?
    Damals dachten wir noch, es würde nie besser werden.
    Ich bin so unglaublich froh, dass sich wenigstens für einen von uns, alles ein bisschen zum besseren gewendet hat <3
    Ich habe das Gefühl, wir würden uns schon Ewig kennen und das obwohl wir uns noch nie gesehen haben aber das wird sich ja spätestens in paar Jahren bei unserem Eis ändern :)

    Ach und der Pilz :D Der sitzt gerade auf meinem Schoß :D
    Er heißt Toad,ist eine Figur aus den Mario Spielen und war ein Geschenk zu meinem 18. Geburtstag :)
    und wie gehts deinem Kuscheltier? :D

    Ich schicke dir ganz viel Glitzer und eine dicke umarmung <3

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  2. Für was hast du dich beworben? :)

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    1. Das möchte ich hier nicht genauer ausführen, zwecks Anonymität. :)

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  3. Liebe Lilly,
    ich habe auch schon sehr, sehr viele Vorstellungsgespräche hinter mir. Meine Erfahrung ist, wenn man ins Stottern kommt und all diese Angstsymptome entwickelt, die Du so treffend beschrieben hast (das wäre doch auch mal eine schöne Textprobe für eine Bewerbung!), dann stimmt auch die andere Seite nicht. Wenn es passt, dann funktioniert die Stimme. Also nicht aufgeben, irgendwann klappts schon. Alles Gute wünscht dir
    Li

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    1. Liebe Li,
      danke für Deinen Erfahrungsbeericht. :) Ich glaube aber leider, dass das bei mir eher umgekehrt ist. Denn ich bekomme diese "Symptome" ja schon, bevor ich mein Gegenüber überhaupt kenne. Sobald ich um den Termin weiß, bekomme ich Albträume.^^ Und meiner persönliche Erfahrung ist, dass ich je wichtiger mir etwas ist bzw je größter ein Schritt ist, desto mehr Panik habe. Ich hatte zum Beispiel nie Prüfungsangst, weil mir die Zahl auf dem Papier an sich nicht so viel bedeutet, ich konnte es persönlich auch immer schwer nachvollziehen, wenn andere wegen einer schlechten Note in Tränen ausbrachen. Das heißt, die Angst ist eher ein gutes Zeichen, und ich habe mit dieser Sorte Angst eigentlich soweit kein so großes Problem, außer wenn sie für andere sichtbar und spürbar ist, dann bremst sie natürlich...

      Während ich das hier schreibe, habe ich übrigens gerade eben eine Zusage für das Praktikum erhalten! o.O Vielleicht wirkte ich von außen betrachtet doch nicht ganz so schlimm, wie ich mich innerlich fühlte. Oder die anderen Bewerber waren wirklich noch schlechter, haha^^

      Ganz liebe Grüße,
      Lucia

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    2. Liebe Lilly,
      ich freue mich so für Dich! Herzlichen Glückwunsch! Wahrscheinlich gehört Lampenfieber zum Geschäft ... Ich hatte auch nie Prüfungsangst, außer bei der Fahrschule, aber das war später. Viel Glück auf der neuen Stelle :) Li

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  4. Hey, find ich ne gute Idee. Im Grunde ist blogger (zumindest die Ecke, wo ich mich rumtreibe) ja eine Selbsthilfegruppe, ich finde es auf jeden Fall sehr wertvoll, weil man sich hier selbst mit den dümmsten, kränksten und unlogischsten Gedanken und Gefühlen nicht alleine fühlen muss und der Ton ist ja auch eher "pass auf dich auf, sei lieb zu dir" und nicht "wir ziehen uns alle gegenseitig runter", zumindest weitgehend.
    Das kenne ich auch, dass Arbeit hilft, gibt halt Struktur, gibt Erfolgserlebnisse, Herausforderungen... und ich komme mit zu viel zu tun im Grunde besser klar als mit zu wenig zu tun, aber auf lange Sicht ist natürlich beides nicht gut.
    Du darfst mich immer volllabern (und mit Glitzer überschütten) :D
    Ich finde bei den Bewerbungsgesprächen hast du dich wacker geschlagen und was bei rauskommt kommt bei raus. Ich hoffe du hattest ne schöne Zeit mit Kiwi und ich wünsch dir nen guten Start in die Woche!

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  5. Oah, ich kann dich so gut verstehen. Bei mir lösen solche Gespräche auch total Angst aus, ich glaube, bei mir hat es auch was mit Autoritäten zu tun und so und ich bin eh eher soziophob. Ich hatte heute ein Gespräch mit meinem Prof über mein gewünschtes BA-Arbeitsthema und bin so ins Haspeln gekommen, schlimm. Aber hey, du hast die Stelle ja bekommen, wie ich lese :) Willst du sie denn auch antreten?

    Jetzt mal zur Kommentarbeantwortung. Ja, die Zweifel. Danke für deine Relativierung und dass du mir glaubst ♥ Ich bin echt immer ganz froh, einen Blog zu haben und mir da einfach nochmal Rückmeldung holen zu können, das hilft so sehr. Ich war ja auch wieder bei meiner Therapeutin und hab sie auch nochmal darauf angesprochen, und sie meinte, dass JEDER, den sie kennt, der traumatisiert wurde, solche Zweifel hat. Das hat mich auch schon wieder ein bisschen beruhigt. Also sind wir vielleicht wirklich einfach 'normale' Traumatisierte...

    Und dass mit der Rape Culture. Ja, das ist ja gerade das Ding. Das sitzt so sehr in den Köpfen, dass es die eigene Schuld ist usw., dass es echt schon angesehen wird, als wäre das etwas 'Natürliches' und keine kulturelle Prägung. Und ja nicht nur bei dir, sondern eben auch bei deinen Freunden etc... klar ist es schwer, sich davon freizumachen. Aber ich sag dir gerne immer wieder, dass es trotzdem nicht deine Schuld war ;) Und meh, ich bewerte auch immer anders, wenn es um mich selbst geht, ganz komisch. (Meine Therapeutin wird dann meist gemein und fragt mich, was denn an mir so besonders wäre, dass für mich andere Regeln gelten als für alle anderen.)

    Ja, DER Zeitpunkt zum Aufarbeiten, sowas hab ich so ähnlich auch schon gehört. 'Sie müssen erst stabil werden, bevor Sie das bearbeiten können'. Haha, wie soll ich denn bitte stabil werden, wenn ich dauernd Flashbacks habe?? Und wenn ich stabil bin, wozu dann noch aufarbeiten? Naja. Wobei ich schon glaube, dass es schwierig ist, aufzuarbeiten, wenn man in einem Gerichtverfahren gegen die Eltern steckt oder gerade Abi macht. Wahrscheinlich muss man einfach abwägen, was gerade wichtiger ist.

    Fühl dich umarmt und glitzer schön weiter ♥ Wir trinken ne Tasse Lillifee-Tee auf dich ;)

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