Dienstag, 8. März 2016

Als ich noch ein richtiges Mädchen werden wollte

Ich definiere mich als Frau - vorher als Mädchen - und das war schon immer so. Aber nicht immer hatte ich das Gefühl, den Kriterien der Weiblichkeit voll zu entsprechen. Also, den Kriterien, mit denen ich aufgewachsen bin. Es gab Zeiten, in denen machte ich Pläne, wie ich zum "richtigen" Mädchen werden könnte. Und Zeiten, in denen ich mir die Haare abschnitt und möglichst lässig und cool wirken wollte, um einem Klischee zu entsprechen. Was ich auch anfasste, immer machte ich irgendetwas falsch, war nie "richtig" in meinem Auftreten und Verhalten, ob ich nun Röcke oder flache Schuhe aus meinem Kleiderschrank verbannte. So dachte ich jedenfalls. Und heute, denke ich, ist ein guter Tag, um darüber zu sprechen.

Ich glaube, irgendwann im Kleinkindalter realisieren Kinder, dass sie ein Mädchen oder eben ein Junge sind. Aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Dafür erinnere ich mich an  meinen ersten Schultag auf dem Gymnasium. Da trug ich zwei geflochtene Zöpfe und einen bunten Rock. Schlumädchenoutfit eben. Meine Klassenlehrerin, die ich übrigens hasste, war - das erfuhr ich etwa acht Jahre später - lesbisch (und ich kannte dieses Wort früher nur, weil meine Mutter es hin und wieder verwendete, um diese Lehrerin zu kritisieren, weshalb ich dachte, das sei irgendetwas ganz Schlimmes). Genauso wie meine Englisch-Lehrerin, die alle liebten und die in meiner Vorstellung immer einen Ehemann und zwei erwachsene Söhne hatte. Aber damals, in der 5. Klasse, hatte ich davon keine Ahnung und mit Mädchenhaftigkeit und Jungs noch absolut gar nichts am Hut. Naja, wie ihr wisst, ändert sich das irgendwann. Die Tussis werden tussiger, alle stehen auf diesen einen Typen und dann denkst Du Dir, Du solltest auch auf ihn stehen. Schließlich saß ich neben ihm. Wir saßen klar getrennt im Klassenraum. Am Fenster saßen die Mädchen und zur Tür hin die Jungs. Nur mich hatte man mitten in den Jungs-Block gesetzt. Als Ruhepol. Und so konnte ich nie mitmachen, wenn meine Freundinnen, die alle in einer Bankreihe saßen, Zettelchen schrieben. Denn einen Zettel unauffällig auf die "andere Seite" zu schmuggeln - das ist geradezu unmöglich.

Irgendwann, mit 13, wurde der Typ, um dessen Banknachbarschaft mich so manche beneidet hatte, uninteressant. Die Tussis sahen sich in höheren Klassen um und ich, ich dachte eine ganze Zeit lang, ich wäre verrückt geworden. Es war wirklich eine schreckliche Zeit und nein, ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was da vor sich ging. Bis meine Schwester, die keine christliche Privatschule besuchte, einen Stapel Aufklärungshefte mit nach Hause brachte, die ich selbstverständlich heimlich auf dem Klo las. Danke Bildungssystem, dass Du mich so lange hast glauben lassen, ich hätte den Verstand verloren!

Leider war die Lektüre des grünen Heftchens keine gute Vorbereitung auf die Realität. Naiv wie ich war, glaubte ich, was da stand, nämlich dass mit mir alles cool wäre und meine Mitmenschen das genauso sehen würden. Damit bin ich auf der christlichen Privatschule ebenso wie auf dem Internat auf dem ehemaligen Klostergelände in Kackdorf ziemlich auf die Fr***e geflogen. Egal wie mir irgendwann alles war, kamen Papierschere zum Einsatz und Haare ab. Nicht super kurz, aber super fransig (aka total verschnitten) und unmädchenhaft (Mädchen, geh zum Friseur!).

Und dann wurde sowieso alles anders. Wenn alles anders wird, hast Du die Möglichkeit, alles anders zu machen und neu anzufangen. Bisher hieß die Devise bei jedem Neuanfang: Mehr Klappe halten. Im Jahr 2011 ging damit die Verwandlung zum "richtigen" Mädchen einher. Ich hatte schon eine Freundin, die mir zeigte, wie das ging. Die Haare wieder wachsen lassen. Nur noch blond, keine bunten Strähnchen mehr. Highheels und Tussi-Handtaschen mussten her. In der Abizeitung stand über mich: "Immer an der Frau: Röhrenjeans". Dreimal habt ihr schon erraten, dass auch Dünnheit dazu gehörte. Es gibt diese Fotos von mir, auf denen ich ultraschlank, blond, mit Blumen im Haar und knallpinkem Lippenstift im Park posiere. Und diesen Tagebucheintrag vom 23. Januar 2012: "Ja, ich bin ein richtiges Mädchen geworden. Aussehen macht so viel aus! Ich hab nur eine Frage gestellt und schon hatte ich einen lockeren Umgang mit den Mädels aus meinem Projekt, die auch so model-tussi-mäßig sind und jetzt bin ich auch so, ich gehöre einfach dazu!" Ich muss nicht erwähnen, dass die i-Punkte Herzchen sind...? Und es gibt mich als Gerade-noch-18-Jährige, die als "richtiges" Mädchen vor ihrem 19. Geburtstag bitteschön mindestens eine Hetero-Beziehung gehabt haben muss! Mit allem Drumunddran.

Rücksicht auf Verluste? Fehlanzeige. Haare aufs Spiel gesetzt (durchs Abschneiden und durchs Blondieren), Gesundheit aufs Spiel gesetzt, Leben ab und zu wahrscheinlich auch. Und nicht zuletzt hab ich mir meine Identität von irgendwelchen Klischees, Germanys Next Topmodel und der Werbung vorschreiben lassen. Manchmal kotzt mich diese Person an, die mich aus meinen alten Tagebüchern anglotzt. Was ist von ihr geblieben? Das Bauchnabelpiercing, die langen Haare und das Make-Up im Gesicht. Weil ichs schön finde. Jetzt sind die Haare aber wieder bunt und die Highheels stehen sich die Hacken in den Bauch. Die Röhrenjeans hab ich verschenkt. Ich mag Blusen und Blümchen, Coolness und Lippenstift, Karohemden und Rüschenröckchen, bequeme Schuhe und Glitzersöckchen.

Vor allem weiß ich jetzt, dass ich keine Äußerlichkeiten brauche, um ein "richtiges" Mädchen, ein "richtiger" Mensch zu sein. So ein "richtig" und "falsch" gibt es doch gar nicht. Es gibt nie nur den einen Weg und die eine Norm. Selbst in Gruppen, in denen Du denkst, dass es um Akzeptanz und Respekt geht, spürst Du schnell, dass Du nicht den Erwartungen entsprichst. Ich stelle das immer wieder fest. Ich war nicht das "richtige" Mädchen, nicht die "richtige" Essgestörte, nicht die "richtige" Gymnasiastin, bin nicht die "richtige" Veganerin, nicht die "richtige" Schreiberin, nicht die "richtige" 21-Jährige. Aber ganz ehrlich, wenn nur das eine "richtig" ist, dann bin ich lieber falsch. Wer wäre ich, wenn ich auf alles gehört hätte, was andere zu mir sagten? Diskutiere nicht so viel, haben sie gesagt; rede nicht so viel; werde mal extrovertierter; so schlimm, wie Du es darstellst, kann es gar nicht sein; das ist so schlimm, wenn das wahr wäre, könntest Du gar nicht so leben; Du hast Dir das doch selber ausgesucht; es ist nicht Deine Schuld; es ist Deine Schuld; Du bist zu fett; Du bist zu dünn; dafür siehst Du viel zu weiblich aus; Du bist nicht weiblich genug; ...

Merkt ihr, was für ein Quatsch das alles ist? Seid wie ihr seid und ihr seid gut so! Die Experten für euer eigenes Leben und eure eigenen Erfahrungen seid immer noch ihr selbst. Wenn ihr das Gefühl habt, dass sie euch nicht verstehen, dann verstehen sie es vielleicht einfach nicht, aber das hat nichts mit euch zu tun, das ist dann deren Problem. Irgendjemand versteht immer. Zumindest hier im Internet. Vielleicht habt ihr ja  Lust, eure Erfahrungen mit dem "richtig" und "falsch" sein hier zu teilen. ♥


Kommentare:

  1. Starker Post! Und wirklich, wirklich schön, dass du dich 'gefunden' hast. Vielleicht gehört dazu auch, sich mal auszuprobieren, auch mal die Klischees durchzumachen - und dann eben festzustellen, was zu einem passt und was nicht.
    Ich mag dich so, wie du bist ♥

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  2. Hallo Liebes♥
    Das hast du wirklich wunderschön geschrieben! (: Es beschreibt diese "Selbstfindungsphase" echt super & ich denke, das muss jeder durchmachen.
    Es gehört einfach zum Leben dazu & sagt ebenfalls etwas über die eigene Persönlichkeit aus.

    Aber dein Fazit ist wahr. Ich hatte noch nie das Gefühl, die "richtige" für irgendwas zu sein. Und dennoch sollte sich jeder so akzeptieren wie er ist & auch von anderen so akzeptiert werden.
    In der heutigen Welt gibt es einfach zu viele (Selbst-)Zweifel.

    Alles Liebe<3
    XO, Kate♥

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  3. Ich stimme Aryadne zu - ausprobieren! Egal nach was einem eben ist. Ich war früher zu still, zu ernst, dann zu arrogant, dann zu punkig, dann zu gothic, dann zu tussig, zu extrovertiert, zu albern, zu sensibel, zu robust... Ich wollte mich auch irgendwo dazu zählen können. Heute muss ich das nicht mehr. Heute bin ich irgendwie alles, aber nicht gezwungen und fühle mich damit sehr wohl und mag mich lieber, als ich es früher tat. :)

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  4. was für ein toller post :) und auch toll, wie du heute damit umgehst! <3

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