Freitag, 12. Februar 2016

Es ist ein "Leben danach"

Kennt oder kanntet ihr das? Dass, während ihr in ewas drin stecktet, Außenstehende so etwas sagten wie "Das geht vorbei.", "Werde erstmal so alt wie ich.", "Warte nur ab!" oder "Irgendwann werden Sie eine eigene Familie und ein tolles Leben haben und dann sind Sie angekommen." (*grusel)? Dass euch Personen gezeigt wurden, die "es geschafft" hatten (aus der Essstörung, dem Drogensumpf, der Geistesgestörtheit - whatever)? Dass Bücher, die sich mit genau eurem "Struggle" beschäftigen, zu Ende gingen und das Gefühl in euch zurückließen, dass die*der Protagonist*in nun eine 180°-Kehrtwende machte und dieses wundersame "Leben danach" führte?

Ich kam mir in solchen Situationen dann immer irgendwie blöd vor. Fühlte mich wie eine mickrig-kleine Versagerin. Weil ich dieses Schwuppdiwupp zu einem glücklichen Leben einfach nicht hinkriegte. War ich zu uneinsichtig? Ließ ich mich nicht darauf ein? War ich schlicht zu doof dafür? ....

Und jetzt? Von einer Kehrtwenden-Pirouette habe ich jedenfalls nichts mitbekommen. Aber eigentlich stehe ich schon längst an dem Punkt, der die Bezeichnung "glückliches Leben" tragen sollte. Es ist nach der Zeit in meinem Elternhaus. Es ist nach der Internatszeit. Es ist nach dem Kinderheimleben. Es ist nach der Minderjährigkeit. Es ist nach dem Abitur. Es ist nach der Therapie. Es ist nach den Gerichtsverfahren. Es ist nach den Selbstverletzungen. Es ist nach der Essstörung. Es ist nach der Gewalt. Ich lebe es doch schon. Das "Leben danach". Aber da war kein krasser Break. Kein neues Kapitel, das ich aufgeschlagen habe. Und nur weil jetzt "danach" ist, heißt das nicht, dass es das "davor" nicht mehr gibt. Ich habe nichts vergessen. Und die Zeit heilt nicht alle Wunden. Es wächst bloß die Haut über dem Schmutz zusammen. Ob es zu einer Blutvergiftung kommt oder die verbliebenen Partikel anderweitig abgebaut werden, das weiß ich nicht. Bei mir war das nicht so, dass plötzlich jemand kam und mir eine Wunde in mein Leben geschlagen hat. Ich bin hineingewachsen in ein geringschätzendes, gewalttätiges, mir keine eigene Identität zugestehendes Umfeld. Und genauso wenig plötzlich gehen wie auch immer geartete Probleme wieder weg und alles wird supermegagigantisch gut.

Jede*r wünscht sich den leichtesten, schnellsten und besten Weg. So kommen die eingangs genannten Aussagen zustande. Dabei erschweren gerade sie uns den Weg, denn wenn wir denken, es ist eigentlich alles ganz einfach, und es dann nicht funktioniert - na, was sollen wir denn dann von uns halten?!
(Das ist genauso albern, wie diese Sprüche auf den Yogi-Teebeuteln.)

"Aber es stimmt doch! Du bist doch erwachsen. Du erlebst keine Gewalt mehr. Du führst ein selbstbestimmes Leben. Was ist Dein Problem, undankbare Bitch, wieso grätschst Du in meine heile Welt rein?!" Ja, aber das ist eben alles noch komplexer, möchte ich gerne sagen, aber wenn ihr diese Zeilen hier lest, ist euch das wahrscheinlich bewusst. Ich bin durch Zweifel und Fragen und Ängste gewachsen. Diese "Schwachpunkte" machen mich stark. Ohne sie hätte ich nie den Mut gefunden, mein eigener Mensch zu sein und mir die Rechte an meinem Leben zu sichern. Das hier ist alles mein Leben. Und nur, weil etwas vergangen ist, ist es nicht weniger real und heißt nicht, dass es mich nicht mehr beschäftigen darf. Besitzt das "Nach vorn schauen" große Anerkennung, sollte diese auch dem "Zurück blicken" vergönnt sein.

- Danke, dass meine Worte Teil eures Lebens sein dürfen. Danke für eure Worte, die mein Leben (danach) so bereichern. Glitzer für alle. ♥ -


Kommentare:

  1. Ich weiß nicht was ich sagen soll.. aber ich fühle mit dir.
    Fühl dich gedrückt ♡

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  2. Feechen? :3
    Lillyfee ♥
    Danke für deine Optimismus und deinen Gedanken-Glitzer :*
    Ich ... danke, dass du so an mich glaubst. Da wird dir der neueste Post aber wahrscheinlich gar nicht gefallen... entschuldige ...

    Ich finde schön, wie reflektiert du das alles betrachtest. Weißt du ... ich habe nie an diese "Kehrtwenden" geglaubt. Was passiert ist, macht uns nun mal zu dem, was wir sind und wo wir heute stehen. Wir werden niemals einen "Neustart" einen "Alles wieder gut Start" haben können. Aber wir können das Vergangene vielleicht einmal vergangen sein lassen und es nicht vor uns hertragen, wie der Prolog zu unserem Wesen. Jedenfalls ... denke und hoffe ich, dass das bei dir nicht der Fall sein wird.

    Alles Liebe und viel Glitzer von deiner
    Lovelyfee

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