Sonntag, 18. Oktober 2015

Vegetarisch / Vegan leben nach Essstörung?

Ich bin seit mehr als drei Jahren Vegetarierin. Als ich beschloss, kein Fleisch mehr zu essen, steckte ich noch mitten in meiner Essstörung. Rückblickend glaube ich aber nicht, dass diese den Hauptfaktor für meine Entscheidung darstellte. Ich war gerade 18 geworden, in meine erste eigene Wohnung gezogen und komplett selbst verantwortlich für meine Ernährung. Und dann habe ich einfach aufgehört, Fleisch- und Wurst-Produkte zu kaufen. Mehr war es nicht, kein großer Verlust für mich und es hat mich auch nicht dazu bewogen, mich mehr mit meiner Ernährung zu beschäftigen als vorher - nämlich gar nicht. Dazu war ich viel zu sehr damit beschäftigt, dünner zu werden.

Das mit der Essstörung ist bei mir nun seit 1,5 Jahren "vorbei". Das schreibe ich in Anführungszeichen, weil ich trotzdem meilenweit von einer gesunden Ernährung entfernt bin. Mein Essverhalten ist zwar nicht mehr gestört, aber eben auch nicht normal. Ich esse. Aber selbst Außenstehende weisen mich darauf hin, dass ich ziemlich viel einseitigen Mist in mich hinein ... stopfe.

Könnte eine vegane Ernährung daran etwas ändern? Vielleicht. Aber auch das ist zumindest nicht der einzige Auslöser dessen, dass ich seit etwa einer Woche keine tierischen Produkte mehr zu mir genommen habe. Ich war am letzten Wochenende mit einer Kollegin auf einem veganen Markt, um darüber einen Artikel für das Magazin zu schreiben, bei dem ich arbeite. Nach einem Gespräch mit einem Aktivisten einer gewissen Tierschutzorganisation, das ich jedoch eher als abschreckend empfand, kam ich auf die Schnapsidee, daraus eine Art Selbstversuch zu machen. Meine Kollegin überredete mich dazu, den Text, den ich später schrieb, zu veröffentlichen. Jetzt fragt ihr euch vielleicht, wie ich aus der Nummer wieder herauskommen will. Ja. Das frage ich mich auch. Ich wollte die Sache eigentlich gar nicht sofort und auch ganz langsam, Schritt für Schritt, realisieren. Aber warum auch immer ist es mir seitdem ein einziges Mal passiert, dass ich Milch in einem Kaffee hatte, den mir jemand in die Hand drückte. Und sonst war alles komplett vegan... Es funktioniert also schonmal besser als ich dachte. Dennoch bin ich vorsichtig, wachsam und kritisch und mir sind einige Dinge an mir aufgefallen.

Bevor ihr euch jetzt irgendetwas in Richtung Essstörungs-Comeback denkt, lest erstmal weiter: Ich bekomme also jetzt einen Monat lang E-Mails mit Tipps und Informationen zum Veganismus. Währenddessen schaue ich mir an, welche Vorurteile mir begegnen und ob sie sich bewahrheiten oder nicht. Ob ich Veganerin ohne Stempel auf der Stirn sein kann und mich beide "Seiten" akzeptieren, darum geht es mir im Prinzip bei der Artikelreihe. Hier auf meinem Blog kann ich ja offener sein und würde, wenn ihr wollt, darüber berichten, wie sich das "vegan sein" mit Essstörungs-Vergangenheit anfühlt. Mein Ziel ist es ja, endlich zu einer gesunden Lebens- und Ernährungsweise zu finden, egal ob ich nun vegan bleiben will, oder nach einem Monat wieder zu vegetarisch zurückkehre. Dabei sehe ich das Ganze nicht unkritisch und mache mir wahrscheinlich noch einmal doppelt so viele Gedanken wie Menschen ohne diesen Hintergrund.

Im Wesentlichen fällt es mir gar nicht mal so schwer, mich vegan zu ernähren. Ich habe mich schon seit längerer Zeit immer mal wieder mit diesem Thema beschäftigt. Viele tierische Lebensmittel ersetze ich ohnehin bereits. Das Mittagessen im Büro gestaltet sich, seit ich meine Hummus-Liebe entdeckt habe, eigentlich immer vegan. Und wenn ich abends koche (was ich in Zukunft wohl den Fertiggerichten vorziehen werde, weil das einfacher ist, als stundenlang Inhaltsstoffe zu studieren), dann bleibt jetzt eben der Käse weg. Schokolade ist eigentlich das Schlimmste, aber selbst dafür habe ich eine Alternative gefunden - auch wenn es trotzdem nicht dasselbe ist. Aber obwohl sich an meinem Essverhalten gar nicht so viel verändert hat, hatte ich ständig mehr Hunger als sonst.^^ Ich habe mich gefragt, woran das liegt, weil die Hauptmahlzeiten mengenmäßig ja nicht kleiner geworden sind. Und mir ist aufgefallen, dass ich mir bisher wohl einen hohen Anteil meiner Kalorien über Süßigkeiten zugeführt habe. Die Schoko-Müsliriegel als Frühstück-Mogelei fallen nun aus und weichen Alternativen wie der auf dem ersten Foto da oben. Von der veganen Schokolade kann ich nicht so viel essen wie von herkömmlicher, weil sie ziemlich süß ist und mir dann schlecht wird. Und irgendwie denke ich ja doch etwas mehr darüber nach, was genau ich essen möchte und kann.

Das lange Suchen im Lebensmittelgeschäft nach Produkten, die ich essen darf, das Studieren der Rückseite der Packung erinnert mich an Essstörungs-Zeiten. Nur suche ich jetzt nicht mehr nach der Kalorienangabe und rechne mir den Kopf kaputt, sondern schaue, was da drin ist, nicht wie viel. Letztendlich kommt wohl niemand, der gesund leben möchte, darum herum, sich mit seiner Ernährung zu beschäftigen. Vielleicht ist das auch ein guter Test: Bin ich weit genug von der Essstörung entfernt, um mich mit Ernährungsformen beschäftigen zu können, ohne durchzudrehen? Bin ich dazu in der Lage, mich gesund und vollwertig zu ernähren? Ist es überhaupt noch möglich, dass Essen einen zu großen Raum in meinem Leben einnehmen könnte? Ich bin der Meinung, diese Fragen in eine positive Richtung beantworten zu können. Wie ich schon einmal geschrieben habe, ist mir in der Zeit, in der ich nicht genug Geld für Lebensmittel übrig hatte, der Wert von Nahrung bewusster geworden. Und ich denke, je mehr ich mich damit beschäftige, was ich eigentlich alles in mich hinein stopfe und was ich gerne vergesse zu essen, desto sensibler wird dieses Bewusstsein. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich meine Ernährung mit einem gewissen Abstand von essgestörtem Verhalten betrachte. Mitten drin in dem ganzen Chaos hätte ich so objektiv sicher
nicht gedacht. Aber ich finde es auch wichtig, sich ab und zu etwas zu trauen. Denn nur so lässt sich erfahren, ob etwas funktioniert oder nicht. An alle also, die sich mit dem Essen in einer ungesunden Weise beschäftigen: Vielleicht probiert ihr einmal etwas anderes aus, als essgestört zu sein. Da gibt es sicher eine Menge, die ihr besser könnt als das. Und nein, damit meine ich keine andere Art der Selbstzerstörung. Damit meine ich Sachen, die euch Spaß machen, für die ihr ein Talent habt oder von denen ihr träumt. Während ihr das macht, teste ich weiter, was ich will, und davon ist das Thema dieses Beitrags nur ein ganz kleiner Teil.

Ich schicke euch Schokostreusel und Glitzer. ♥



Kommentare:

  1. Hey Lucia,

    auch wenn du da eher zufällig rein geruscht bist, finde ich die Idee interessant und bin gespannt wie die Akzeptanz und deine Erfahrungen mit dem veganen Essen sein wird.

    Gehört es denn auch zu deinem Versuch außerhalb vom Essen auf unvegane Produkte zu verzichten? Z.B. bei Kleidung und Kosmetika?

    Es freut mich dass du deine Essstörungsgedanken so weit zurückdrängen kannst und differenzierter auf das alles siehst. Toll!

    Liebe Grüüüße, und ebenfalls Glitzer. :)

    AntwortenLöschen
  2. ... mal ganz vom Thema abgesehen ist Böhme zwar eine der günstigsten, aber auch schlechtesten veganen Schokoladen, die man haben kann. :D Gekühlt ist sie ein bisschen besser, ich mag sie wenn dann gefroren am liebsten. :)

    AntwortenLöschen
  3. finde ich interessant wie du das mit dem vegetarisch beziehungsweise vegan sein siehst. auch cool, dass du durch deine arbeit darauf gekommen bist vegan auszuprobieren.
    das mit dem zwar vegetarisch sein, sich aber trotzdem nicht mit dem essen auseinander zusetzen kenne ich. :D habe es mir eigentlich schon oft vorgenommen. aber um ehrlich zu sein bin ich einfach zu faul für.. vielleicht ändert sich das ja, wenn ich nicht mehr zuhause wohne :)
    naja, mir macht motorrad fahren schon spass, nur prüfungen hass ich eben. aber wer hasst die nicht?

    alles liebe ♥
    und bin schon gespannt wie das mit dem vegan sein und so bei dir weiter geht. :)

    AntwortenLöschen
  4. Toller Post, bin gespannt, wie es bei diesem Thema weitergeht :)

    AntwortenLöschen
  5. Hallo Lucia,
    ich denke, das Suchen nach immer neuen Ernährungsvarianten hat viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun. Der Versuch, sich neu zu erfinden oder sich überhaupt erst zu finden, schlägt sich darin nieder. In meiner Umgebung konnte ich diese Beobachtung schon oft machen. Jemand, der geerdet ist und seinem Körper zuhört, wird instinktiv vermeiden, sich einseitig zu ernähren. Vielleicht solltest Du diesem Aspekt einmal in Deiner Studie nachgehen?
    Liebe Grüße
    Li

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Li!
      Das ist auf jeden Fall ein interessanter Gedanke. Sicher kann einseitige Ernährung viele Gründe haben. Aber Stress in jeglicher Form ist vermutlich eine häufige Ursache. Was mit einer Essstörung in Extremform vorhanden ist, habe ich vielleicht jetzt noch im kleinen, alltäglicheren Rahmen. Ich bin selbst gespannt, wie dieses kleine Experiment weitergeht und werde auf jeden Fall berichten. :)
      Liebe Grüße,
      Lucia

      Löschen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://www.elfentrauma.de/p/datenschutzerklarung.html) und in der Datenschutzerklärung von Google (https://policies.google.com/privacy).