Sonntag, 16. August 2015

Essstörung. Endstation?

In der U-Bahn sah ich ein Mädchen mit Bulimie. Zuerst dachte ich, sie wäre eine Drogenabhängige. Ihr Körper wirkte wie der einer alten Frau. Nur ihr Gesicht verriet, dass sie wahrscheinlich bloß ein paar Jahre älter war als ich. Ihre Speicheldrüsen waren so stark angeschwollen, dass es aussah, wie ein verbeulter Fußball. Die Haut war grau und wie zerknülltes Papier, das man wieder glatt gestrichen hatte. Zarte weiße Narben überzogen ihre Arme. Das kurze schwarze Haar klebte stumpf und glanzlos an ihrem Kopf. Sie zog unentwegt belegte Brötchen aus ihrem Rucksack und aß und aß. In ihren Mundwinkeln hing Mayonnaise. Was um sie herum geschah, schien sie gar nicht zu registrieren. Auch nicht die Frau, die direkt neben ihr saß und sie mit einer Mischung aus Erschütterung und Ekel anstarrte. Dicht an die Wand gedrängt blieb ihr Blick an den Brötchen haften. Nur wenn wir in einen Bahnhof einfuhren, sah sie sich kurz um. Ihre hellen blauen Augen wirkten wachsam. Eine angstgetriebene Wachsamkeit.

Wie wenig wir darüber nachdenken, wenn wir 17 Jahre alt sind und beschließen, zehn Kilo herunter zu hungern oder nach dem Essen die Finger in den Hals zu stecken. Wie einfach es doch ist, denken wir, warum sind wir nicht früher darauf gekommen?! Wie wenig wir die mahnenden, warnenden Worte verstehen. Wie stark wir uns fühlen, so stark - bis wir umfallen und wieder umfallen und wieder und wieder ... Entweder kriegen wir die Kurve oder wir werden irgendwann selbst in der U-Bahn beobachtet. Wir - dazu gehöre ich eigentlich nicht mehr. Ich bin raus aus dem Gefahrenkreisverkehr. Doch zu sehen, wie es hätte enden können - und für viele tatsächlich endet - das ist schwer, schwer zu ertragen.


Kommentare:

  1. Mich macht es immer traurig, so jemanden zu sehen... :c

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  2. Liebe Lilly, ja. Eine chronische essstörung hat nichts attraktives oder berauschendes oder faszinierendes. In jungen Jahren lässt einen das Untergewicht so jung aussehen. Vielleicht sogar manchmal hübsch, auf eine verdrehte Weise. Knabenhafte, asexuelle Körper, ausgezehrt und doch muskulös, ein bisschen wie nicht von dieser Welt.
    20 Jahre später sehen dieselben Menschen uralt und vergreist aus. Müde und ausgelaugt. Hände und Füße dunkelviolett, auch im Hochsommer. Gebückt, klein, geschrumpft, fast haarlos, stumpfe Augen.
    Das ist (auch) Anorexie. Oder Bulimie. Das ist die Wahrheit.

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  3. Mich erschreckt das auch immer so sehr diese Menschen zu sehen und irgendwie tun sie mir Leid, weil sie es meist nicht geschafft haben aus diesem Teufelskreis zu kommen. Und dann muss ich immer an jene denken, die unbedingt abnehmen wollen, sich mit allen Mitteln ins Untergewicht hungern und nicht den Preis verstehen, den sie dafür später mal zurückzahlen müssen....nur um dünn zu sein? Dabei ist dieses dünn sein doch nur ein Konstrukt, eine Erfindung, dass alle dünn sein müssen und das das Schön ist....eigentlich richtig traurig wie sehr das unsere Gesellscahft beeinflusst und die jungen Menschen in ihren Bann zieht und einen starken Druck auf sie ausübt...
    abrazos
    maría

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  4. Ohje... das ist wirklich traurig :(

    Schön dass du es geschafft hast, den Blog nun weiter zu führen! Ich habe deine Posts auch sehr vermisst.

    Danke danke :*

    Alles Liebe an dich ♥

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