Donnerstag, 19. März 2015

Da(s) Sein

"Aber es geht dir doch jetzt besser... So wirkt es jedenfalls."
Ja. Das stimmt ja auch. Ich freue mich über die Wohnung und die Jobs und den Frühling. Alles funktioniert gerade. Nur ich, ich funktioniere nicht. Bin viel zu weit entfernt von mir, um Glück zu fühlen. Die Freude kommt in Schüben. Wenn die Sonne meine Füße wärmt und die Spinnweben im Gras glitzern. Aber Gefühle sind schwierig.
Die Lesung hat mich zum Weinen gebracht, weil ich meine Gedanken nicht fliehen lassen habe. Vorher habe ich ganz lange nicht geweint. Auch nicht, wenn ich allein war. Ich konnte nicht, durfte nicht, wollte nicht. Da waren die Ängste und die Träume, aber tagsüber ist Gegenwart angesagt! Alles ist gut, wenn man das zwanzigjährige Mädchen sieht, bald mit Studieren fertig, kurz vor dem Umzug in eine größere Wohnung, damit beschäftigt, seine finanziellen Probleme zu lösen.
"Natürlich freue ich mich. Aber, auch wenn sie dringender erscheinen, sind diese Probleme viel weiter weg von mir, als der ganze Rest."
Der ganze Rest, damit meine ich die Vergangenheit, schlafend unter dem grünen Gras, hinter dem hellblauen Himmel. Sie ist vorbei, vergangen, deshalb heißt sie so. Ich hab so viel noch nicht erzählt und manches weiß nicht einmal ich selbst. Da sind so viele Fragen. Aber wichtig ist nur, dass ich noch da bin, jetzt, im Hier. Doch ein Teil von mir steckt fest. Irgendwo zwischen Raum und Traum und Zeit.
Das bin ich. Ein Mädchen mit flotten Sprüchen und einem Lächeln auf den Lippen. Ein Mädchen der Stille. Ein Mädchen mit Vergangenheit. Und Zukunft.
Gespräche, die beginnen mit "Als ich das letzte Mal bei meinem Psychiater war" sind fast so selten wie ein Lottogewinn. Dabei sind sie so erfrischend. Menschen mit anderem Hintergrund wären vielleicht schockiert vom bitteren Humor der Gestörten.
"Wir sind nicht gestört. Wir werden gestört."
Ich wünsche mir mehr Offenheit und bin doch selbst nicht offen. Berlin war ein neuer Anfang. Hier weiß so gut wie niemand, wer ich bin. Was hält man von einem Menschen, über den man nichts weiß? Man vergisst ihn schnell. Vielleicht ist der erste Schritt zu Akzeptanz Vertrauen. Vertrauen in sich selbst. Zu sein, auch wenn andere sich von diesem Sein lieber abwenden.
Ich bin. Ein Mensch. Mit Störungshintergrund.  

Kommentare:

  1. danke dir ♥ ja, dass ich es bestehen werde, da bin ich mir jetzt schon relativ sicher.. nur hoffe ich zumindest auf einen zweier schnitt oder besser. das was mir am grössten angst bereitet ist chemie. immerhin ist das auch mein studienwunsch.

    "aber wichtig ist nur, dass ich noch da bin,jetzt, im hier." - das hast du wunderschön gesagt, und es ist definitiv die wahrheit.

    AntwortenLöschen
  2. "Ich bin. ein Mensch mit Störungshintergrund." Der Satz ist klasse!

    Alles Liebe <3

    AntwortenLöschen
  3. Lass den Hintergrund weg. Ein Mensch. Punkt.

    :)

    AntwortenLöschen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://www.elfentrauma.de/p/datenschutzerklarung.html) und in der Datenschutzerklärung von Google (https://policies.google.com/privacy).