Mittwoch, 1. Juli 2015

Stolz oder Vorurteil?

"Wessis!", schnaubte sie verächtlich.
"Die riech ich zehn Meter gegen den Wind.", fügte er hinzu.
Ich spähte in den Wald hinein. Einige Meter weiter den Feldweg entlang kam uns eine junge Familie entgegen. Die beiden kleinen Jungen hatten weißblonde Haare und trugen die gleichen karierten kurzen Hosen wie ihr Vater. Die Mutter war groß und schlank. Sie hatte kinnlanges, haselnussbraunes Haar und ein weiches Gesicht. Die beiden Erwachsenen trugen Sonnenbrillen und Cappies. Sie lachten. Ihre Stimmen besaßen eine ganz andere Melodie als die Stimmen meiner Eltern. Sie klangen freundlicher und leichter, aber irgendwie auch fremd, so als würden sie zum ersten Mal miteinander sprechen. Die Familie lächelte uns an und grüßte. Meine Eltern starrten feindselig zurück. 

Mein erstes Vorurteil war geboren. Obwohl ich noch gar nicht wusste, was die Trennung zwischen Ost und West überhaupt bedeutete. Wessi-Kinder. Mit denen spielte man nicht. Genauso wenig, wie mit den Kindern, die nach der Grundschule nicht aufs Gymnasium wechseln würden. Oder mit denen, die ausländisch aussahen. So bin ich aufgewachsen. Und ich war erstaunt, als ich feststellte, dass nicht alle Wessis in der gleichen Tonart sprachen. Da gibt es welche, die vor jeden Namen einen Artikel setzen, solche, die Moin Moin sagen, Bayern, Franken, Hessen, Schwaben... Und mir wurde langsam klar, warum mich auf dem Internat, das Jugendliche aus ganz Deutschland besuchten, alle hassten, wenn ich ihre Aussprache berichtigte. Denn es gibt kein Richtig. Nur ein Vielfältig.

Den letzten Urlaub mit meinen Eltern und meiner Schwester verbrachte ich in Amsterdam. Es war gerade Fußball-Weltmeisterschaft und die ganze Stadt war von orangefarbenen Flaggen übersät. Als meine Mutter begann, ihre persönlichen Vorurteile gegen die Holländer aufzuzählen, fragte ich sie, warum sie immer alle in eine Schublade stecken musste.
"Weil es nunmal so ist.", antwortete sie. Und ich stellte mir eine riesige Kommode mit ganz vielen Schubladen vor. Dass sich die Schubladen plötzlich aufschoben und ganz viele Menschen heraus kletterten, glücklich, sich endlich einmal zu treffen, umarmten sie sich, lachten, tanzten... Einsam, eng und staubig musste es da drin gewesen sein...


"Aber Lucia, Du musst doch einsehen, dass die Ausländer nur Dreck hierher bringen. Du weißt doch, wie sauber wir Deutschen sind."
~ Ich schaue mich um, in meinem kleinen Chaos-Zimmer...

"Passt auf euch auf! Da gibt es so viele Schwule!" 
~ Bisher wurde ich nur von heterosexuellen Männern belästigt...

"Es ist schlecht für Deine Bildung, wenn Du Dich mit dummen Menschen umgibst!" 
~ Mein Abiturzeugnis habe ich in der Tasche...

Vor einer Weile sagte ein Bekannter zu mir: "Ich habe nichts gegen Schwule. Aber ich finde nicht, dass die unbedingt noch so eine Parade haben müssen. Die werden doch inzwischen voll akzeptiert." Viele Länder auf der Welt sprechen eine andere Sprache. Auch meine persönlichen Erfahrungen sind nicht unbedingt die schönsten. Natürlich gibt es auch noch andere Probleme auf der Welt. Viel mehr Baustellen, als ein paar einzelne Menschen jemals stemmen könnten. In den allermeisten Fällen besitzt der Versuch des Welt Verbesserns eine selbstdarstellerische Komponente. Gewissensruhe. Karma. Anerkennung. Wenn es aber doch jemandem hilft, ist das vielleicht gar nicht mal verwerflich...

Kommentare:

  1. "Ich habe nichts gegen X, ABER"

    Solche Sätze sind immer falsch und haben einzig und allein den Sinn, denjenigen, der es ausspricht, sich ein kleines bisschen besser fühlen zu lassen. Weil diese Person sich einreden kann (nur/vor allem) Personengruppe X sei (negativ auf eine bestimmte Art und Weise) oder man müsste nur bei ihnen (sonstwas) befürchten.

    Das gibt eine Sicherheit, die es in der Realität nicht gibt - weshalb sie so verführerisch ist. Was die Realität nicht zu bieten hat, müssen Menschen sich ausdenken. Häufig auf Kosten anderer.

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  2. Hey, danke für die lieben Worte. Ist ja ein Ding dass es bei deinem Gutachten auch so 'kalt' war. Hatte damals bei dir alles gut geklappt?

    Deine Eltern haben so viel Ähnlichkeit zu meinen, unfassbar.... Und doof zu gleich, dass es den Schlag Menschen so oft gibt.

    Naja, mein Problem ist halt dass viele Jobs für mich flach allen, wegen Gelenkproblemen usw.
    Und zuletzt hatte ich 1,5 Jahre (bis Ende Januar) in einem sozialen Job gearbeitet, der mich selbst eher psychisch Belastet hat, als mir gut getan. Dort waren ständig Menschen mit irgendwelchen Süchten... Und man möchte ihnen ja gerecht werden, doch ich konnte es nicht und kann ja eh nicht so gut mit Menschen und ja, ich würde mir halt nicht dauerhaft zutrauen, weil ich so schnell über fordert bin.

    ... Und meine Sorge ist wenn ich als arbeitsfähig geschrieben werde, ich etwas machen muss (vom Amt aus) wo ich hin MUSS und mich das endgültig in den Abgrund treibt. Das heißt nicht, dass ich nicht will, sondern eher dass ich mich erstmal soweit auf Reihe bekommen muss dass ich in solch ein Leben wieder einsteigen kann. Teamfähigkeit wieder Leben kann und nicht nach kurzer Zeit einen Nervenzusammenbruch habe, aus raste, oder mich krank schreiben lassen muss. Wie gesagt, wenn ich besser mit mir zurecht komme, bin ich auch bereit etwas zu machen. Ich brauche halt Zeit.

    Sorry, jetzt ist das voll lang gewordenn

    Hab einen schönen Abend!

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