Dienstag, 16. Juni 2015

Arbeit

Es ist kalt in der Regie. Verdammt kalt. Morgen bringe ich mir einen Pullover mit und einen Schal und eine Tasse, weil Kaffee aus Plastikbechern trinken blöd ist. Immerhin haben wir jetzt Kaffee und eine Kaffeemaschine. Dafür sind die Tüten mit den Schokoriegeln leer. Vielleicht weil ich gestern eine Hand voll mitgehen lassen habe. Schließlich saß ich bis nach 21 Uhr in der Uni fest. Vielleicht zum letzten Mal. Diese Woche sitzen wir die ganze Zeit in der kalten Regie oder im scheinwerferwarmen Studio. Über unseren Köpfen läuft ein Lichttechniker über die schmalen Metallgitterbrücken.  
"Das wäre kein Job für mich.", sagt S. und blickt nach oben. Ich stimme ihr zu.
"Dann lieber Ton. Stell Dir vor, Du wärst so ein Tontechniker für Bands und würdest mit denen auf Tour gehen...", sage ich.
"Das ist bestimmt voll cool.", meint S.
"Ich hab darüber mal eine Doku gesehen. Da waren die Tontechniker aber nicht so begeistert von ihrem Job."
"Hm, komisch."
"Ach, es gibt soo viele Möglichkeiten. Wie soll man sich da bloß entscheiden? Allein schon in der Medienwelt. Und dann gibt es noch unendlich viele andere Berufe. So viele Dinge, die wir niemals wissen werden."
"Ich glaube, das ist auch der Grund dafür, dass es so viele Studienabbrecher gibt. Weil sie sich einfach nicht entscheiden können."
"Naja, abbrechen würde ich deswegen jetzt nicht.", sage ich. "Aber ich will noch mehr wissen. Ich hab eine ganz gute Auffassungsgabe und eigne mir schnell etwas an. Aber eben nur oberflächlich. Sobald es in die Tiefe geht, scheitere ich."
"Aber Du bist doch schon technisch versiert." S. runzelt die Stirn.
"Ich weiß, wann ich welchen Knopf drücken muss, aber ich weiß nicht, warum, oder wie die Fachbegriffe heißen und so."
"Ja, das weiß ich aber auch nicht. Ich bin froh, dass wir das nicht alles auswendig lernen mussten."
"Oh ja, ich hasse auswendig lernen. Ich kann mir einfach nichts merken."
S. lacht. "Ich muss dann wieder..."
"Ich auch.", sage ich, ziehe den Reißverschluss meiner Jacke zu und bahne mir einen Weg durch den Kabelsalat am Boden. Mein Platz in der Gefriertruhe befindet sich hinter acht Bildschirmen und einem Tisch voller Knöpfe und Hebel. Aus den kleinen Lautsprechern dringen die Stimmen aller verkabelten Leute. Ich erzähle noch einmal die Geschichte, in der S. verkabelt auf dem Klo war. Wir lachen uns kaputt. Dann fängt die Regisseurin an, den Countdown zu zählen...

Kommentare:

  1. Die große Auswahl an Möglichkeiten ist für Perfektionisten das schlimmste. Es reicht nicht einmal, auf einem Gebiet perfekt zu sein (was schon unrealistisch genug ist) - auf allen Gebieten auch nur gut zu sein ist unmöglich.

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  2. Ich empfehle Gelassenheit. Sagt sich leicht, ich weiß ... Universalgenies kanns nicht mehr geben, aber Fachidioten machen sich und anderen das Leben auch nicht unbedingt leichter. Wenn Du Dich einmal für etwas entschieden hast, quält Dich die riesige Auswahl sicher nicht mehr so. Du hast dann einfach keine Zeit mehr dafür. Es geht ja nicht darum, das Beste zu finden (es gibt immer Besseres), sonderm darum, was man aus einer Aufgabe macht, was man selbst darein investiert. Wenn man gewissermaßen erst anfängt zu leben (oder zu arbeiten), hat man immer das Gefühl, alle Blicke der anderen seien auf einen selbst gerichtet. Aber das ist nicht so, wirklich nicht. Schon, weil ja jeder hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist ...
    Sterntaler

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  3. Hey Lilly
    Ja,ich mache den ganzen technischen Quatsch im Theater: Licht, Ton, Video, teilweise Bühnenbild Auf und Abbau. Ehrlich gesagt bin ich immer Stolz wenn ich davon erzähle :-D als ich deinen Post oben gelesen habe, war ich erst neidisch, dann hab ich gemerkt, das ich ja auch ungefähr das gleiche mache :-D auch, wenn Theater und Film sich noch einmal völlig unterscheiden. Manchmal Sitz ich so vorm Fernseher und wünsche mir bei coolen Kulissen, dabei zu sein beim Dreh. Hab ja jetzt den Werbespot gedreht bzw. beleuchtet und das war gleich nochmal ne andere Nummer als das, was ich Tag ein, Tag aus mache.
    Drauf gekommen , den Job zu machen bin ich eigentlich, weil ich mir les miserable auf ner Freilichtbühne angeschaut habe. Und dann hab ich halt gesucht, was so geht. Weißt du schon, als was bzw. wo du dein Praktikum machen willst? Ich denke, ich werde mich vielleicht mehr auf Licht spezialisieren, weil das einfach eine so große Rolle spielt, du setzt dann irgendwie den Rahmen für die Geschichte, zumindest im Theater. Naja, mal schauen, bin mir auch nicht ganz sicher, was ich mache, wenn ich die Ausbildung fertig habe, erstmal muss das geschafft werden. :-) LG

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  4. Lillyfee <3
    Ich weiß nicht, warum, aber bei deinem Kommentar musste ich gerade heulen. Wahrscheinlich, weil ich dich so vermisst habe.
    Danke ... ja, es MUSS doch einfach besser werden, oder nicht? Es kann ganz einfach nicht immer so sein. Das ist einfach nicht möglich.

    Ich finde, dass sich dein Post alles in allem ganz gut anhört.
    Du wirst ganz sicher deinen Weg gehen. Das hast du immer so gemacht. Und es heißt auch nicht, dass du dich einmal entscheidest und dann dein restliches Leben in die gleiche Richtung gehen musst. Alles wird sich finden. Ganz sicher. Vertrau darauf.

    Ich drücke dich heute ganz besonders fest und ich werde dich einfach nicht mehr loslassen.
    Lovelyfee

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