Dienstag, 9. Juni 2015

Abenteuer Abgehauen

Eigentlich sollte ich gerade auf dem Weg zu einem Vortrag über die Künstlersozialkasse sein. Irgendwie hatte ich dann doch keine Lust mehr, habe das Thema kurz gegooglet, um kein schlechtes Gewissen zu haben, und trinke nun meinen zweiten Kaffee.

Unter meinem letzten Post haben viele von euch mir geschrieben, dass ich, auch wenn mich alle unterschätzen, alles schaffen kann, weil ich in der doch schon so viel geschafft habe. Danke erstmal dafür. Ihr schreibt auch, dass ich das selber weiß und nur das zählt. So sicher weiß ich das aber gar nicht immer. Ich weiß, ich soll nicht in der Vergangenheit herum wühlen. Trotzdem schaue ich ab und zu in meine Tagebücher, einfach um mich zu vergewissern, dass all das wirklich wahr ist. Selbst das ist keine sichere Quelle. Ich habe gelernt, dass Wahrnehmungen unterschiedlich sind. Kinder haben ein ganz anderes Zeitgefühl als wir. Ich werde die Dinge niemals aus heutiger Sicht sehen können. Denn egal, wie viel ich gewusst hätte, ich wäre immer noch ein schutzlos ausgeliefertes Kind gewesen. Und heute bin ich eine erwachsene Frau, die sich wehren kann.
Oft habe ich mich gefragt, ob ich meinen Eltern nicht unrecht getan habe, ob ich nicht zu krass reagiert habe. Der letzte Vorfall, der dazu führte, dass ich nicht mehr nach Hause kam, - sicher war das ein Unfall. Meine Eltern wollten mir keine offensichtlichen Verletzungen zufügen. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich die anderthalb Jahre bis zu meinem 18. Geburtstag nicht noch ausgehalten hätte. Ich hätte mein Abitur am Internat machen und viel mehr Möglichkeiten haben können. Trotzdem war es wohl die richtige Entscheidung. Was, wenn es noch mehr solcher "Unfälle" gegeben hätte? Schließlich hatten sie die Wohnung einfach so verlassen, ohne sich zu vergewissern, dass es mir gut ging. Früher oder später hätte ich mich umgebracht oder mir zumindest den ein oder anderen Knochen gebrochen. Das war damals mein Gedankengang, der heute vielleicht übertrieben erscheint. Vielleicht weil es heute so weit weg ist.

Die erste Zeit in der Inobhutnahmestelle war so seltsam. Ich war ganz plötzlich aus dem Leben gerissen und fühlte mich gefangen. Zunächst gab es keinen Ausgang, und auch als ich dann welchen bekam, nutzte ich ihn nicht, weil ich jederzeit meinen Eltern hätte begegnen können. Ich traute mich kaum, aus meinem Zimmer zu kommen. Dass einige der anderen Jugendlichen Anzeigen wegen Körperverletzung hatten, erfuhr ich am ersten Tag beim Abendessen und machte mir Angst. Die Griffe der Fenster waren abmontiert. Wollte man lüften, musste man erst einen Betreuer darum bitten. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Die Wände und Möbel waren vollgekritzelt. Eine Weihnachtsmann-Comic-Figur, ein traurig blickendes Mädchen und ein paar Worte habe ich irgendwann dazu gemalt. Ich hatte nur einen Block, einen Bleistift, mein Steinzeit-Handy und die wenigen Klamotten, die ich in meinen Koffer geworfen hatte. Ganz oft stand ich am Fenster und betrachtete die vorbeifahrenden Autos. Ich sah den Schnee schmelzen und die ersten Frühlingsblumen sprießen. Erst war ich die Neue, Unbeholfene, der immer sofort der Stempel "Arrogante Gymnasiastin" aufgedrückt wurde. Dann auch noch eine, die ein Internat mit Begabtenförderung besucht hatte. Ich drückte mich viel zu gewählt aus und hatte viel zu wenige Dummheiten vorzuweisen. Meine Eltern hatten mir stets eingebläut, wie wichtig es sei, besser als die anderen zu sein. Nun schämte ich mich dafür, etwas "Besseres" zu sein. Denn es kommt immer auf den Kontext an. In dieser Welt war ich die Außenseiterin. Eigentlich war ich das überall, aber nirgends so extrem, wie dort. Vorurteile gibt es überall. Und ich fand das scheiße. Denn ich vertrat ja gar nicht die Meinung meiner Eltern. Ich wollte nicht besser sein. Ich wollte all die Welten hinter dem von Tellerrändern begrenzten Horizont meiner Eltern kennenlernen. Mich faszinierten beispielsweise immer schon diese Menschen mit den Piercings, Tattoos, schwarzen Klamotten und bunten Haaren. Naja, jetzt bin ich selbst so eine. Jedenfalls gewöhnte ich mir ein umgangssprachlicheres Vokabular an und sprang von der Überheblichkeits-Stufe auf den Boden der Tatsachen. Bei meiner Zimmernachbarin wurde ich meinen Stempel als erstes los. Wir färbten uns gegenseitig die Ansätze. Haare färben war immer ein großes Thema. Eigentlich brauchte man dazu eine Einverständniserklärung von den Eltern. Also machten wir es heimlich.

Irgenwann war ich die Jugendliche, die am längsten von allen da war. Ich erlebte Zeiten, in denen ich die einzige auf der oberen Etage war und unten noch vier kleinere Kinder. Das war zu Weihnachten. Silvester waren wir zu dritt. Und dann gab es Zeiten, in denen ich im Wohnzimmer schlafen musste, weil alles überbelegt war. Die Zimmerverteilung wechselte ständig, wenn ein Neuzugang kam. Manche Leute kamen immer wieder. Sie begrüßten mich stets mit einem "Na, immer noch hier?".
Im Januar hatten meine Eltern versprochen, den Antrag für eine Heimunterbringung zu unterschreiben. Im Februar ging ich wieder zur Schule, die Schule, die ich schon vor der Internatszeit besucht hatte. Aber ich musste ein Jahr wiederholen, weil die Bildungssysteme der beiden Bundesländer nicht übereinstimmten und mir einige Kurse fehlten. Ich kam also in eine neue Klasse und wurde alles andere als herzlich empfangen. Im Lehrerzimmer hing ein Aushang mit Informationen zu meiner privaten Situation. Die Klassenlehrerin hatte die Schüler vor mir als "psychisch Gestörter" gewarnt. Anfang März überredeten mich Jugendamt und Betreuer dazu, einen Antrag beim Familiengericht zu stellen, weil meine Eltern den Antrag nicht unterschreiben wollten und ich sonst zu ihnen zurückgemusst hätte. Mit Ankunft der ersten Gerichts-Post unterschrieben sie den Antrag dann doch. Einen weiteren Monat wartete ich darauf, dass ein Platz in einer betreuten Wohngruppe oder einem Heim frei wurde. Zu der Zeit waren die meisten Einrichtungen gnadenlos überfüllt.
Gleichzeitig ging das Leben irgendwie weiter. Ich fand Freundinnen mit denen ich in unserer begrenzten Ausgangszeit etwas unternahm - zum Abendbrot um 18 Uhr mussten wir wieder da sein. Wir spielten ziemlich oft Gemeinschaftsspiele, kochten uns gegenseitig Tee, wenn es uns schlecht ging, hatten die üblichen Teenager-Ich-hab-mir-die-Augenbraue-abrasiert-Dramen, ich lernte ein bisschen Akustik-Bass spielen und ganz nebenbei wollte sich immer mal wieder jemand umbringen, haute ab oder schlug ein Loch in die Wand.
Es war eine verrückte, intensive, seltsame und abgefahrende Zeit, die man niemandem wünscht, aber irgendwie war es doch eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich hab das alles geschafft, ja. Und ich weiß manchmal nicht, ob das eine Leistung ist. Aber irgendwie kommt mir mein Leben heute, nachdem so viel passiert ist, manchmal so unspektakulär und langweilig vor. So herausforderungsarm. Wie ich schon sagte: In solchen entspannten Situationen ist mein Stressfaktor viel höher, als in einer so surrealen Situation, wie der oben beschriebenen. Ist das verrückt? Sollte ich nicht froh sein, dass all das vorbei ist? Sollte ich ein normales Leben anstreben? Unaufgeregt und dramafrei? Kann ich das überhaupt? Oder werde ich für immer den Drang haben, mich in Schwierigkeiten zu bringen? ...

Danke, dass ihr bis hierhin durchgehalten habt. Ich könnte noch viel mehr dazu sagen... Aber jetzt muss ich wirklich los, letzte Vorbereitungen für den Dreh morgen treffen. Bis bald. ♥

Kommentare:

  1. Einige deiner Worte erinnern mich an meine Zeit in einer betreuten Jugend Wohngruppe. Ich glaube die Kinder/Jugendlichen haben zwar oft unterschiedliche Vorgeschichten, aber die Situationen und Reaktionen in den WG's und Heimen ähneln sich schon. Es ist immer hart sich dort einzuleben. Zwischen all den anderen ebenfalls 'Querschlägern'.
    Wo ich mich ebenfalls wiederfinde ist, dass du sagst du warst vom Verhalten und der Sprache "zu gehoben". Das ging mir genauso. Einwandfreies Hochdeutsch, fast nie Schimpfwörter, wohl erzogen und (weil man es ja gar nicht anders kennt) viel zu 'brav'.
    Und was hat es gebracht dass die Eltern einen so drillen, nichts?!
    Sich einfach den 'normalen Menschen' annähern, von ihnen lernen. Erlente Vorurteile ablegen und diese fürchterliche Oberflächlichkeit hinter sich lassen.

    Dran bleiben! :D

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  2. Für mich ist es gerade total interessant das zu lesen, da ich zu Zeit in einer ION arbeite.
    Gabs etwas was du dir von den Betreuern dort gewünscht hättest?
    Liebe Grüße,
    Alice ♥

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  3. Liebe Lilly,

    ich habe mal eine Kartze gehabt, da stand drauf:
    Wir glauben, Erfahrungen zu machen. Dabei sind es die Erfahrungen, die uns machen.

    Irgendwie fand ich das gerade passend.

    Alles Liebe
    Anima

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