Sonntag, 24. Mai 2015

Verschobene Zeit

Wenn Du Zeit mit alten Menschen verbringst, verläuft sie ganz langsam. Mit jedem Schritt atmest Du einmal ein.
Mit jedem zweiten aus.
Du spürst den Boden unter Deinen Füßen knirschen.
Kies. Dazwischen einige Halme Gras.
Löwenzahn-Pusteblumen.
Ein Schmetterling flattert ganz nah an Deiner Hand vorbei. Zitronenfalter.
Ihr bleibt stehen, nur um eine Amsel zu beobachten, die sich pfeifend mit einem anderen Vogel unterhält.
Die Zeit fließt so langsam. Zäh.
Du erinnerst Dich an die alten Kinderspiele und beginnst, auf der Mauer am Wegrand zu balancieren. Auf Pflastersteinen spielst Du Nicht-Auf-Die-Linien-Treten. Heute wirkt das irgendwie beruhigend. Du spieltest diese Spiele immer, wenn die Erwachsenen Dir langweilig wurden. Weil ihre Zeit viel langsamer verging als Deine. Du wolltest immer alles jetzt sofort. Du wolltest ganz schnell groß werden, Geburtstag haben und dass Weihnachten ist. Und Du hast nicht verstanden, warum Du immer ins Bett musstest, obwohl Du noch gar nicht müde warst. Das war, bevor die Zeit auch Dich in ihren Rahmen presste.
Alte Menschen haben Zeit. Oder auch nicht. Vielleicht vergehen ihre Minuten nur so langsam, weil jede von ihnen die letzte sein könnte. Wenn wir alt sind, dann leben wir nicht mehr auf der Überholspur. Denn dann ist unsere Zeit schon fast vorbei. Es gibt nichts Großes mehr, das uns erwartet. Nur beim Scrabble spielen werden alte Menschen ungeduldig, wenn Du zu lange überlegst. Schließlich kennen sie viermal so viele Worte wie Du. Wie es wohl wäre, wenn Du schon bevor Dein Leben richtig anfängt, über 80 Jahre Lebenserfahrung verfügtest?

Schlagartig trifft Dich der Schlag, wenn Du wieder in die junge schnelle Welt eintauchst. Verdammt, Du kommst zu spät! Mit riesengroßen Schritten drängelst Du Dich vorbei an der Gruppe Menschen, die Dir den Weg versperrt. Du rempelst aus Versehen eine alte Dame an, entschuldigst Dich im Vorbeigehen, rollst die Augen, weil schon wieder jemand in Dich hinein rennt. Verdammt, Du hast es eilig, denkst Du, als Dich ein Autofahrer anhupt, weil Du bei Rot über die Straße hastest. Hustend rennst Du die vielen Treppen hoch. Irgendwie ist Dir übel. Du spürst, wie das Blut in Deinen Kopf steigt. Du holst Luft nach jedem zweiten Wort, mit dem Du versuchst, die Fragen Deines Gegenübers zu beantworten.
Soziale Kontakte nach Zeit verordnet. Bist Du nicht spontan, bist Du nicht dabei. Du willst die Chance nicht verpassen. Einmal wieder unter Menschen sein. Doch die Stimmen verschwimmen, während Du auf ein Thema wartest, bei dem Du mitreden kannst. Sex and the City, Desperate Housewifes, Gossip Girl, Du hast noch nie mit einer Freundin wegen eines Typen gestritten?! Wo lebst Du, wenn Du nicht alle Disney-Prinzessinen und die Farben ihrer Kleider kennst?! Wenigstens weißt Du, dass Du immer Ariel bist, weil Du rote Haare hast. Aber sonst hast Du einiges verpasst!

Alte und Junge sagen fast das Selbe:
Du verschwendest Deine Jugend, wenn Du keinen Freund hast!
Du lebst nicht, wenn Du nicht so bist wie wir!
Toleranz hat ihre Grenzen.
Du bist schon okay so, nur wenn Du so und so wärst, dann wär das schon krass...
Minderheiten werden eh immer bevorzugt.
Davon merken nur die Minderheiten nichts.
Du kannst sagen, denken, glauben, was Du willst.
Am Ende des Tages ist die Nacht immer schwarz.
Im Mondlicht sind wir alle Silhouetten mit mindestens einem Kopf dran. Und in dem Kopf schläft eine ganze Welt dem Morgen entgegen. Voller Schmetterlings-Pusteblumen-Träume. Morgen dürfen wir wieder sein. So wie wir wollen. Bis ein neuer Morgen kommt.

Grüße aus der Dunkelheit.
Mit Sternenglitzer.

Kommentare:

  1. Irgendwie mag ich diese Worte. Vielleicht, weil sie so wahr sind... Aber sollten wir nicht versuchen Augenblicke zu genießen, in dieser schnelllebigen Welt? Einmal kurz die Zeit anhalten?
    Ich drücke dich <3

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  2. Also immer, wenn du sowas schreibst, frage ich mich wirklich mit was für Menschen du dich umgibst bzw. ob du einfach mega übertreibst. Ich meine das nicht böse, aber das ist so weit entfernt von meinem Freundeskreis. Ich weiß, dass es solche Leute gibt, die genau so reden/denken, aber genau diese Menschen lasse ich erst gar nicht in mein Leben.
    Tut mir ehrlich leid für dich, dass du solche Kontakte pflegst und ich hoffe, dass du irgendwann mal auf andere Menschen triffst.

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    1. Danke. Ich verstehe was du meinst. Natürlich ist das jetzt etwas zugespitzt, denn diese Menschen haben ja auch noch anderes zu sagen. Aber die Gespräche sind schon genauso, wie beschrieben. Mir ist klar, dass es auch andere Menschen gibt, die wunderbar sind, und solche zähle ich auch zu meinen Freunden. Meine Kommilitoninnen mit ihren zuckersüßen Disney-Gesprächen mag ich aber trotzdem irgendwie, weil sie so unbeschwert sind... Manchmal tut das gut, manchmal fühlt man sich eben auch fehl am Platz.
      Alles Liebe :)
      Lilly

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  3. Dankeschön! Das hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Nicht egal zu sein...
    <3

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