Dienstag, 12. Mai 2015

Gedanken-Flüge

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Im Schneidersitz auf dem Drehstuhl, der immer nach links rollen will. Gestern ist mir aufgefallen, dass der Boden meines Zimmers schief ist...
Das Fenster ist weit geöffnet. Das Bett frisch bezogen. Es riecht nach gewaschener Wäsche, Frühling und Vergangenheit. Mein Kopf ist in Frischhaltefolie eingewickelt. Darunter leuchtet es pink. Viel greller, als es am  Ende aussehen wird. Mein orangefarbenes Haar wird einen lachsfarbenen, aprikosensüßen Schimmer erhalten.
Ein zieh-zerr-kneifender Schmerz stört mein Frühlingsbild. Erdbeerwoche. Ich kannte diesen Begriff bis vor kurzem nicht. Er klingt eher nach Rosa-Glitzer-Duschgel...
Neben mir steht ein erdbeerfarbener Smoothie. Ich soll mich doch gesund ernähren. Als zweites Frühstück gesellt er sich zu Vanille-Kaffee und Zitronenjoghurt. Meine Gedanken fallen heute in alle Richtungen. Sie rollen über den schiefen Boden, rappeln sich auf, reiben sich die Augen und laufen wild durcheinander. Sie geben sich die Hand, verbinden sich zu einer Idee und steigen auf in den Höhenflug.
Vorletzte Nacht habe ich geträumt, dass ich laut einer Prophezeihung an genau diesem Tag an genau dieser einen Ursache sterben würde. Ich weiß nicht mehr, was es war, vielleicht ein Autounfall. Mit allen Mitteln versuchte ich, meinem Schicksal zu entgehen, eine andere Reisemöglichkeit zu wählen. Verzweifelt lief ich durch das grünlich-gelbe Licht der U-Bahnschächte, während es später und später wurde. In einer größeren, verwinkelteren Version des Bahnhofs Alexanderplatz suchte ich nach der U6. Ein Mann begleitete mich. Er redete die ganze Zeit davon, wie sinnlos mein Bemühen wäre. Er sah keine Hoffnung mehr für mich. Aber ich starb nicht. Ich wachte auf, in einem neuen, hellen Morgen.
Wisst ihr, es stimmt nicht, dass jeder sich seinem Schicksal fügen muss. Ich hab das lange geglaubt. Wisst ihr, was ich im Sommer 2010 in mein Tagebuch geschrieben habe?
"Es gibt gewollte Menschen. Auf die kommt es an. Die gewollten Menschen nehmen unsere Gesellschaft an die Hand. Einmal ungewollt, immer ungewollt. Die Ungewollten sind ein Versehen. Ein Fehler. Wir sollten ganz ruhig bleiben. Und froh sein, dass wir überhaupt dabei bleiben dürfen. Dass man uns nicht weggeworfen oder umgebracht hat. Noch nicht."
Am liebsten würde ich zu meinem 16-jährigen Ich zurückreisen, es ganz fest in den Arm nehmen und ihm sagen, dass es so etwas niemals denken darf. Kaum zu glauben, dass ich einmal so gefühlt habe. So zweitklassig und unterlegen. Einige Zeilen später schrieb ich:
"Aber eigentlich ist das doch auch nicht fair."
Und das ist es auch nicht. Vor allem ist es nicht richtig. Wir haben unser Schicksal selbst in der Hand. Wir allein machen unser Leben zu dem, was es ist. Wenn wir jemandem die Macht über unser Leben geben, nehmen wir uns selbst gefangen. Von diesen Fesseln dürfen wir uns losreißen. Denn es wird niemand kommen, um uns zu befreien. Auch das wusste ich damals schon. Wir müssen schon selbst den Mund aufmachen und schreien und unsere Füße aus dem Regen bewegen und den Kopf heben, um dem Leben direkt ins Gesicht zu blicken...
Ich werde gleich meinem Spiegelbild in die Augen schauen und mich zurecht machen für das Der-Film-ist-fertig-Essen bei S. Ihr erinnert euch vielleicht an das lange Drehwochenende. Leider ist mein Freund der Masken-Typ heute nicht dabei.
Für euch gibt es eine Runde Glitzer. Öffnet eure Fenster, damit er zu euch herein wehen kann. ♥


Kommentare:

  1. Hey Lilly
    Ich kann dich verstehen, mir geht es heute irgendwie genau so wie dir.
    Gleich - und doch anders...
    Ich bin mal gespannt wie deine Haare aussehen, wenn sie fertig gefärbt sind.
    xoxo
    June

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  2. Diese Träume kenne ich auch ... Mach Dir keine Gedanken, es geht Dir gut, und es wird Dir bald noch besser gehen! Einen wunderschön schwebenden Erdbeerwolkentag wünscht Dir
    Traumtänzer

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  3. Komm, wir legen uns zusammen ins Gras, schauen zu, wie die Wolken über den Himmel ziehen, und atmen. Atmen einfach.

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  4. Deine Posts machen mir immer so viel Mut. Die ganze letzte Woche war ich so abwesend. Ich hoffe dir geht es besser♥

    aurelie:*

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  5. Liebe Lilly,

    es freut mich, dass ich dich mit meinem Frühlingsgedanken erreichen konnte (:
    Dein Post ist schön und klingt, als hättest du viel Mut. Darauf kannst du stolz sein.
    Danke für den Glitzer. Mein Fenster steht offen und ich werde umglitzert (:
    Ich wünsche dir, dass du diesen Mut bei dir behalten kannst und dich frei fühlst.

    Alles Liebe,
    Feli

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