Mittwoch, 25. März 2015

Selbstreflexion

Es gibt keine Lilly, nach der ich mich benenne.
Ich war ein kleines Mädchen, als ich meine Mutter fragte, ob ich nicht einen anderen Namen haben könnte. Lilly fand ich damals schön.

Natürlich ging das nicht. Also gab ich der Puppe, die meine Oma für mich gehäkelt hatte, den Namen Lilly. Ich erfand Geschichten von Mädchen, die Lilly hießen. Und mein Kaninchen, das ich zum neunten Geburtstag bekam, taufte ich ebenfalls Lilly. Es war ein wunderschönes weißes Löwenköpfchen mit hellbraunen Ohren, hellbraunen Ringen um die dunklen Augen, hellbraunen Schnurrhaaransätzen und einem hellbraunen Fleck auf der Nase. Mein Kaninchen war meine beste Freundin, in ihrem weichen Fell verschwanden meine Tränen und - es war mir so ähnlich. Vielleicht lag es daran, dass man Kaninchen eigentlich nicht allein hält. Ich schrie meinen Vater an, dass er sie nicht so grob anfassen sollte. Das arme Tier konnte schließlich nichts für seine Wutausbrüche. Vielleicht lag es daran, dass sie mein Kaninchen war. Sie ließ niemanden an sich heran, rannte im Kreis, quiekte und biss jeden, der ihr zu nahe kam. Mein rechtes Handgelenk ziert eine kleine Narbe. Sie biss hinein, ich zog meine Hand zurück und schnitt sie mir an ihrem Käfig auf.
Lilly hatte immer genug zu Fressen. Sie brauchte nur an der Trinkflasche zu nuckeln, um Wasser zu bekommen. Ihr Stall wurde regelmäßig ausgemistet. Trotzdem war sie gefangen. Und eines Tages lag sie starr und kalt und tot in ihrem Sägespänebett. Ich rief meine Mutter auf der Arbeit an und weinte so sehr, dass sie mich kaum verstehen konnte. Und meine Mutter sagte: Wie schön, dann können wir uns jetzt endlich eine Katze anschaffen. Lilly und ich - wir beide waren ihr ganz egal. Und das verbindet mich mit diesem Namen.

Ich habe lange versucht, mich zu verleugnen. Ich wollte immer jemand anders sein. Ich hasse meinen richtigen Namen. Und mich selbst hasse ich auch ziemlich oft. Ich hatte lange keine Stimme. Ich sagte kaum überhaupt ein Wort. Meine Klavierlehrerin bemerkte einmal, wie meine Mutter mir ständig über den Mund fuhr. Wann immer ich etwas sagen wollte, wischte sie es mit einem abfälligen "Ach Kind..." davon. Nicht selten entschuldigte sie sich für mich. Am Esstisch herrschte absolutes Redeverbot. Sprich nur dann, wenn du etwas gefragt wirst. Ich hatte solche Angst davor, auszusprechen, was ich denke, dass ich selten eine Antwort gab. Gleichzeitig schämte ich mich dafür, so schüchtern, scheu und stumm zu sein.

Keinem Menschen fällt es leicht, seine eigene Sprache zu finden. Schon gar nicht in einer Medienwelt wie wir sie erleben, mit so unendlich viel Content. Wir lesen unzählige Bücher, schauen tausende Filme und Serien, hören Metal, Pop und Klassik. So viele Eindrücke, die es zu verarbeiten gilt. Egal, was wir uns ausdenken, wir müssen immer damit rechnen, dass es so etwas schon gibt.

Kennt ihr das, wenn ihr ein gutes Buch gelesen habt und dann eine Zeit lang ständig die Ausdrücke des Autors verwendet? Ein besseres Beispiel sind vielleicht Serien. Kennt ihr das, wenn ihr euch so sehr mit einem Charakter identifiziert, dass ihr dessen Verhaltensweisen in euren Alltag übernehmt? Ich habe mal ein Buch gelesen, ich weiß nicht mehr, wie es heißt, jedenfalls leitete die Autorin fast jeden Dialog mit "flötete sie" aus. Bestimmt ein paar Wochen flöteten sämtliche Stimmen um mich herum und ich wäre fast wahnsinnig geworden. Meistens merkt man irgendwann selbst oder wird darauf hingewiesen, dass man sich irgendwie seltsam verhält. Vielleicht ist das einfach eine Art, das Gelesene zu verarbeiten. Und das dauert eben eine Weile. Für den Urheber mag es das größte Kompliment sein, wenn sich jemand so sehr mit ihm identifiziert. Zumindest mit dem Wissen: Es geht wieder vorbei. Es gibt natürlich auch die Menschen, die sich für Jesus halten, aber... Ich persönlich bevorzuge es, ich selbst zu sein. Mir ist auch dieses ganze Fangirltum, wie es beispielweise auf YouTube aktuell zu spüren ist, völlig fremd. Das mag arrogant klingen, doch ich lege großen Wert darauf, mich mit mir selbst zu identifizieren - was mir nicht selten sehr schwer fällt.

Jeder, wirklich jeder Mensch besitzt eine andere Wahrnehmung seiner Umgebung. Wir alle haben verschiedene Standpunkte, Ausgangspunkte und Fixpunkte. Und diese drücken wir auf irgendeine Weise aus. Ob durch unsere Kleidung, unseren Musikgeschmack, unsere politische Gesinnung oder unsere Worte. Das alles ist Sprache. Und jeder Mensch hat seine eigene.

Wir wollen alle unbedingt individuell sein und trotzdem irgendwie dazugehören.
Wir wissen, was gut ankommt. Weil es schon einmal dagewesen ist.
Wir wissen, was uns selbst gefällt. Und dass andere das auch gut finden.
Definieren wir uns nicht durch Unterschiede. Leben wir Gemeinsamkeiten.
Suchen wir nicht nach Fehlern. Genießen wir das Schöne!


Vielen Dank für euren Input und die konstruktive Kritik, mit der ich besser umzugehen lerne, je mehr davon ihr mir zuteil werden lasst. Vielleicht wirke ich im ersten Moment oft ungehalten, doch ich nehme sie mir gern zu Herzen. Ohne euch würde ich über vieles gar nicht nachdenken. ♥


Kommentare:

  1. Ach Lily, ich mag deine Gedanken so gern.. Ich lese sie so gern und ich bewundere dich wirklich sehr für das, was du erreicht und dir erkämpft hast.
    Ganz ganz liebe Umarmung an dich. :)
    Luisa
    P.S.: Und ich bin schon ganz gespannt, was auf deinem anderen Blog so entsteht! Und pfff, ich finde Werbung machen okay! :) ich denk mir immer.. Naja, man will ja was teilen, und wie sollen die anderen überhaupt davon erfahren, wenn man es ihnen nicht zeigt? Wie sollen sie entscheiden, ob sie es mögen oder nicht? ;)

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  2. Einiges, was du schreibst, kommt mir bekannt vor. Zugegeben, nicht alles.

    Was du z.B. über das Übernehmen von Verhaltensweisen und Wörtern von Büchern schreibst kenne ich persönlich nicht - aber in meinen Augen ist/war das eine Form der Identitätssuche. Und ein Ausdruck von Unzufriedenheit mit sich selbst... Denn wenn man sich selbst gut findet, hat man keinen Grund, das Verhalten anderer nachzuahmen.

    Bleib als Persönlichkeit die, die du bist. Du bist gut so, wie du bist. :)

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  3. Es ist schwer, man selbst zu sein, in dieser Welt, in der so viele Ansprüche von außen an uns heran getragen werden und so viele Medien uns beeinflußen. Niemand hat eine Eigenschaft, die sonst niemand auf der Welt hat. Niemand hat ein Interesse/Hobby, das niemand sonst auf der Welt hat. Aber die Kombination unserer Eigenschaften, unserer Interessen, unserer Hobbys und Erlebnisse... die macht uns einzigartig!
    Aber du bist gut so wie du bist und du solltest du selber bleiben, auch wenn das heißt, dass du dich von deinen Lieblingsbüchern sprachlich beeinflussen lässt. Denn dann entscheidest du, was dir gefällt und somit, was dich beeinflussen darf. Du bist toll! :*
    (Falls das sehr wirr und scheiße ist, ignorier es. Ich bin betrunken ... )

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  4. Danke für deine Antwort. :)

    "Sei du selbst, alle anderen sind schon vergeben." (Oscar Wilde)

    Sich selbst treu zu bleiben bzw. man selbst zu bleiben heißt ja nicht, dass man nicht in manchen Punkten nicht an sich arbeiten kann. :)

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  5. Ein wundervoller Eintrag und ich lese darin noch viel mehr, als du ausführst. Lilly, du findest deine Sprache mit jedem Tag mehr.
    Alles Liebe

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  6. Dieser Text ist so traurig und berührt mich doch so sehr. Wahrscheinlich, weil ich es in Teilen nachvollziehen kann...

    Ist das nicht meine Karte? Ja, das ist meine Karte, oder?! :)
    Fühl dich gedrückt ♥

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  7. Ich bin noch da, ich halte durch.

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  8. Liebste Lilly ❤
    Was du beschreibst kommt mir so bekannt vor und ich bin immer wieder von deinem schreibstil begeistert!

    Ich danke dir für deine lieben Worte und das Kompliment zu meiner neuen Haarfarbe ❤
    Aaaalso :) Ich hatte ja schwarzgefärbtes Haar.
    Ich bin einmal mit blondierung drüber gegangen ( was aber bei deiner haarfarbe glaube ich nicht nötig wäre)
    Dann habe ich mir Directions in der Der Farbe Poppy red gekauft. Die gibt es in allen Farben und sind nicht schädlich für die Haare.
    Erhältlich über Amazon oder in einem frisurhandel :)

    Liebste grüße und ganz feste Umarmung ❤

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  9. Hey liebes.
    Du kommst auf keinen Fall wie ein Fake rüber, das wollte ich nie und nimmer damit behaupten. Belassen wir es bei der Aussage: Ich mag deinen schreibstil :-)
    Bis dann und fühle dich gedrückt!

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